Très français: Emmanuel Macron zeigte den Franzosen in seiner Rede an die Gelbwesten, wie das große Wir geht. Very british hingegen Theresa May: Sie zeigte den Engländern, wie Haltung Fairness fördert. Zwei große Reden, zwei Analysen.

Wer je unter den üblichen Bedingungen auf einer englischen Gartenparty war, hat ins Herz der Britishness gesehen. Es schlägt, solange man die Würde wahrt. Der geliehene Smoking ist kniehoch verschlammt, die neuen Schuhe sind nicht zu retten, doch die innere – nicht die äußere – Frisur sitzt. Britishnesss heißt Haltung zeigen – bei Regen und Wind, einem verbrannten Toast mit Marmite, vor einem schalen, schaumlosen Bier oder auf den grünen Bänken des britischen Unterhauses, die aus einer Zeit stammen, als die Menschen noch kleiner waren, aber bestimmt nicht besser rochen.

Theresa May

Der Sinn für Fairness und Toleranz – weitere unveränderliche Kennzeichen der Britishness – werden auf diesen Bänken aufs Äußerste gefordert: Im Londoner Unterhaus ist es anders als im weitläufigen Bundesstag schon aus räumlichen Gründen verführerisch leicht, dem politischen Gegner an die Gurgel zu gehen oder ihn doch wenigstens niederzubrüllen; stattdessen aber nennt man ihn „my honourable friend“. Der Premier tritt in dieser Arena mit bemerkenswert wenig Rückendeckung ans Pult. Ein falscher Schritt zurück, denkt man jedes Mal, wenn sich Theresa May erhebt, und sie stolpert über die verknoteten Knie ihres Schatzkanzlers Philip Hammond.

Doch Theresa May hat, als sie in einem denkwürdigen Auftritt das Brexit-Votum verschob, um die Abstimmung nicht schon in dieser Woche zu verlieren, keinen falschen Schritt getan. Sie war zur schlimmsten Gartenparty der Welt geladen – im schlammigen Dartmoor sozusagen, mit dem Hund von Baskerville – und hat eine Rede gehalten, die vor eben jener Britishness strotzte, die die Brexiteers im Zuge der Globalisierung verschwinden sehen.

Im Büro eines Londoner Börsenhändlers läuft Theresa Mays Rede vor dem Unterhaus

Mit britischem Understatement räumte May ihre fehlende Überzeugungskraft ein (es blieben, sagte sie, weitverbreitete und große „Sorgen“). Mit britischem Sportsgeist erklärte sie ihre Niederlage im Abstimmungsfall (mit, gab sie zu, „erheblichem Stimmenvorsprung“), und mit unnachahmlich britischer Höflichkeit gestand sie sogar jenen Gegnern, die bereit sind, das Wohlergehen der Nation auf dem Altar der eigenen Karriere zu opfern, ein „Gewissen“ zu. (Tatsächlich ist es ein Spezifikum britischer Höflichkeit, dann und wann Sarkasmus und Satire zu streifen.)

Und während Mays französischer Gegenpart Emmanuel Macron wenige Stunden später, den Rücken an einer anderen Wand, im Pathos badete, beließ es Theresa May beim angelsächsischen Pragmatismus auch der Syntax – die meisten ihrer kurzen Sätze fanden sogar auf den schmalen Bänken des Unterhauses Platz: „If we will the ends“, formulierte sie in einem von ihnen, der vor Sprachgeschichte nur so troff, „we must also will the means.“ Der Traditionalistendarsteller Jacob Rees-Mogg musste in diesem Augenblick vor Neid erblassen: Um will als transitives Verb zu gebrauchen, muss man besonders britisch sein. With permission, Mr Speaker?

In der Sache kämpft Theresa May einen wohl aussichtslosen Kampf, in der Form jedoch ging sie im Moment der dräuenden Niederlage als Siegerin vom Platz – auch weil zu jeder Rede ein Publikum gehört. Dafür, dass es im Unterhaus hoch hergeht, ist es gebaut, diesmal jedoch waren Mays Gegner – ganz gleich, ob rechts oder links – so unartikuliert wie Bushwackers des FC Millwall im Südosten Londons. Mehr als dumpfes Gebrüll konnte selbst die BBC nicht aus den Zwischenrufen machen – und das entsprach auf seltsame Weise jenem unartikulierten F***-you-vote, mit dem die unzufriedenen Briten die Leave-Kampagne vor zwei Jahren bedienten.

Angetreten sind die Brexiteers damals mit dem Slogan „Take back control“ – die Kontrolle über sich selbst aber haben sie während Mays Rede verloren; Mr Speaker musste sie immer wieder zur Ruhe rufen und damit an jene britischen Tugenden von Fairness und Toleranz erinnern, die Theresa May in diesem Augenblick verkörpert hat. Für die Abstimmung über den Brexit-Deal will das nichts heißen. Die widrigste Gartenparty Englands aber verlässt Theresa May, dann ohne Amt, in Würden.

Emmanuel Macron

Das berühmte Chateaubriand-Zitat fiel dann doch nicht. Dabei hätte es gut gepasst. Aber Macron sagte nicht: „Mon dernier rêve sera pour vous“ (Mein letzter Traum wird für Sie sein). Er begnügte sich am Schluss mit der Feststellung: „Mon seul souci, c’est vous“ (Meine einzige Sorge, das sind Sie). Aber sonst hat der Präsident der französischen Republik in seiner Rede an die Nation vom 10. Dezember wirklich alle rhetorischen Register gezogen, einschließlich des hohen romantischen Pathostons. Und den wie immer mit besonderer Wonne.

Er begann streng. Verurteilte hart und barsch die „violences inadmissibles“, die unerlaubten Gewaltakte der Gelbwesten. Aber ach, wie kleinlaut kommt das deutsche „unerlaubt“ daher, neben diesem schwertschneidenscharfen „iiiiinadmissiiible“. Dazu noch der Gesichtsausdruck. Die auf bleich geschminkte Gesichtsfarbe des sonst so frisch Wirkenden, die angedeuteten Augenringe: Das sprach vom schweren Herzen, mit dem das Staatsoberhaupt die Eskalationen der letzten Wochenenden verurteilte.

Denn eigentlich wollte er ja sagen und tat es im Folgenden auch immer wieder, in wechselnden Abwandlungen des bekannten Ausspruchs des General de Gaulle: „Ich habe euch verstanden“. Habe eure Nöte und eure Wut, eure Enttäuschung und euer Unverständnis zur Kenntnis genommen, begriffen und akzeptiert. Und ich habe Sofortmaßnahmen angeordnet, damit jetzt alles anders wird.

Gelbwesten im Örtchen Hendaye verfolgen die im Fernsehen übertragene Rede von Emmanuel Macron

Denn jawohl: Macrons mit vielen Stilfiguren glänzende große Rede, die kurz nach acht vom Fernsehen in den Hauptnachrichten ausgestrahlt wurde, sie lief zu auf diese eine Losung, für die nun wiederum wir Deutschen, Ludwig Uhland sei Dank, die definitive Formulierung in unserem nationalen Zitatenschatz besitzen: „Nun muss sich alles, alles wenden.“

Man kann jetzt natürlich lang und breit darüber diskutieren, ob die Anhebung der Mindestlöhne, die ohne Steuerabzug zu entgeltenden Überstunden, die von den Arbeitgebern zu zahlenden Jahresendprämien sowie die vielen anderen Maßnahmen, die Macron versprochen hat und die sich auf ca. 15 Milliarden Euro belaufen werden – man kann sich darüber streiten, ob sie genügen. Und wer gestern Abend auf TV5 Monde die anschließende Debatte verfolgte, kann berechtigte Zweifel daran haben, dass die Gelbwesten sich damit zufrieden geben.

Aber es müsste schon mit dem Teufel zugehen, Frankreich müsste sich schon von sich selbst verabschiedet haben, wenn es nicht nach dieser markigen Ansprache ganz überwiegend zu der Überzeugung gelänge: Ja, wir haben da an der Spitze einen Mann, der es jetzt anpackt. Wir hatten in den letzten Monaten kein besonders gutes Bild von ihm, wir fanden ihn abgehoben, arrogant, voller selbstherrlicher Allüren, und eine Marionette der Wirtschaft ist er wohl ohnedies. Aber jetzt wird er das Ruder noch einmal rumreißen, wer, wenn nicht er, schließlich hängt auch sein politisches Überleben davon ab.
Rhetorischer Sex mit den Landsleuten

Denn dieses nationale Wir, das da beschworen wurde, ein nationales Wir, zu dem es in Deutschland einfach kein Pendant gibt (Viele werden sagen: geben kann), dieses nationale Wir hat einen so ungeheuren Schwung, eine so ungeheure Wucht, dass man auch als konstitutiver Skeptiker sagen wird: Die Botschaft hör ich wohl, und mir fehlt nun auch der Glaube nicht (mehr).

„Mon seul souci, c’est vous; mon seul combat, c’est pour vous; notre seule bataille, c’est pour la France“ (Meine einzige Sorge, das seid ihr; meinen einzigen Kampf, den kämpfe ich für euch; unsere einzige Schlacht, die gilt Frankreich): diese Klimax in der Form eines Trikolon, die sich vom Gedanken zur Tat, vom Ich zum Wir emporschwingt: Sie packt uns bei den Eingeweiden. Sie ist rhetorischer Sex mit den eigenen Landsleuten. Wir Deutschen kennen das nicht. Aber wie immer wir zu Macron, wie immer wir zu den Gelbwesten stehen (und das Herz dessen, der hier schreibt, schlägt für die Gelbwesten, nicht für Macron), wir ertappen uns bei dem Wunsch: Möge, was der Präsident gesagt hat, wahr werden. So kann die Macht der Rede wirken, wenn einer reden kann.