Vielleicht ist die Debatte um Heimat und Zuwanderung so hitzig, weil wir sie falsch führen. Es ist Zeit, den Biodeutschen die Hand zu reichen und zu sagen: Wir wollen euch helfen, euch hier daheim zu fühlen.

Zu den Accessoires, die man/frau heute haben muss, um an gesellschaftlich relevanten Diskussionen teilnehmen zu können, gehört neben einem Smartphone, einem Tablet und einem Netflix-Abo auch ein solider Migrationshintergrund. Dunya Hayali hat einen, ebenso Seyran Ates, Necla Kelek, Helene Fischer, Verona Pooth, Sibel Kekilli, Herta Müller und Jasmin Tabatabai, nur um die bekanntesten Frauen zu nennen, die entweder zugewandert sind oder aus Zuwandererfamilien stammen. Bei den Männern sind es Bushido, Elyas M’Barek, Hamed Abdel-Samad, Peter Maffay, Marcel Reif, Lukas Podolski, Miroslav Klose, Sami Khedira, Navid Kermani, Erol Sander, Fatih Akin, Ahmad Mansour. Und auch der Verfasser dieser Zeilen.

Zugewanderte haben Deutschland aufgebaut

Menschen mit einem Migrationshintergrund gehören inzwischen zu Deutschland wie die Banane zum Obstsalat. Einen Migrationshintergrund zu haben ist längst kein Makel mehr, im Gegenteil, es ist eine Art Privileg, in manchen Situationen ein finales Argument, mit dem man jede Debatte beenden kann. Zum Beispiel so: „Ich glaube nicht, dass Sie mitreden können, Sie haben keinen Migrationshintergrund.“

Zu Recht verweisen die Migrantenorganisationen darauf, dass Deutschland von Zugewanderten aufgebaut wurde, dass Integration keine Einbahnstraße ist und dass sich auch der indigene Teil der Bevölkerung integrieren muss. Deutschland ist nicht auf dem Wege zu einem Einwanderungsland, das ist es bereits – spätestens seit Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg Ende des 17. Jahrhunderts Tausenden von Hugenotten, die aus Frankreich fliehen mussten, Zuflucht gewährte. Insofern ist es vollkommen richtig, dass der Beitrag der Migranten zur deutschen Geschichte angemessen gewürdigt wird.

Wohl deswegen hat die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, die Schirmherrschaft über eine Wanderausstellung übernommen, die #Meinwanderungsland heißt. Das Projekt des im Aufbau befindlichen Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (DOMiD e.V.) wird in 18 deutschen Städten zu sehen sein.

Das Ziel ist, „Geschichten der Migrationsgesellschaft zu sammeln und zu präsentieren“, damit „alle Menschen in Deutschland … sich dadurch als Teil der Migrationsgesellschaft entdecken können“. Ferner sollen „Stereotype, Mythen und Vorurteile über Migration“ abgebaut werden. So weit, so nachvollziehbar.

Inklusion für Türken wie für Schwaben

Stutzig machen muss allerdings der folgende Satz: „Mit einem multiperspektivischen Ansatz soll an einem neuen pluralen gesellschaftlichen Narrativ und einer inklusiven Erinnerungskultur gearbeitet werden.“ Wer in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der Türkisch, Russisch, Polnisch, Rumänisch, Arabisch, Farsi oder Schwäbisch gesprochen wurde, wird sofort verstehen, was gemeint ist.

#Meinwanderungsland: Jeder und jede darf jetzt auf Twitter seine Migrationsgeschichte erzählen

Wir, Menschen mit Migrationshintergrund oder deren Kinder, sind mit multiperspektivischen Ansätzen groß geworden, wir wissen, wie viel Mühe es macht, sich ein neues plurales, gesellschaftliches Narrativ zu erarbeiten, und wie lang und steinig der Weg zu einer inklusiven Erinnerungskultur ist. Wie aber verhält es sich mit all den Einwohnern dieses Landes, die keinen Migrationshintergrund haben, die in der Eifel, im Spreewald oder im Hunsrück geboren wurden und nicht darunter leiden? Die ihren „Pfälzer Saumagen“ nicht zugunsten eines neuen pluralen gesellschaftlichen Narrativs aufgeben wollen? Die sich nicht als Alt-, Bio- oder Ur-Deutsche organisiert haben oder allenfalls in der „Deutschen Schäferhund Nothilfe e.V.“?

Es ist Zeit, ihnen die Hand zu reichen und zu sagen: „Macht euch keine Sorgen. Ihr seid genauso deutsch wie wir. Deutschland ist auch euer Land. Wir wollen euch helfen, euch hier daheim zu fühlen.“ Das wäre doch mal ein Ansatz, um Stereotype, Mythen und Vorurteile zu überwinden, Inklusion im Dienst der Integration, das Narrativ der kommenden Tage.