Die Nachgeborenen der Naziverbrechen eint das Gefühl einer nationalen Schuld – was einer funktionierenden Heimat im Wege steht. Also suchen sie woanders Erlösung, indem sie sich etwa hingebungsvoll um heimatlose Flüchtlinge kümmern.

Was suchen die bald zwei Millionen Zuwanderer, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind? Nicht einmal juristisch lässt sich die Frage eindeutig beantworten. Das Asylrecht spricht vielen Schutz zu, andere werden „geduldet“, obwohl die rechtlichen Kriterien für Aufenthalt nicht gegeben sind.

Kinder der Ankömmlinge werden inzwischen geboren, aber nicht einmal für die Asylberechtigten ergibt sich eine zwingende Perspektive. Die meisten wollen wahrscheinlich bleiben. Andere möchten, wenn der Krieg in Syrien oder die Unsicherheit im Irak womöglich geschwunden sind, wieder zurück in die Heimat.

Und damit wären wir beim Wort, das semantisch schwer und juristisch schon gar nicht einzuhegen ist und dennoch in den kommenden Jahren die endlose Debatte um Migration und Demografie bestimmen wird: Heimat.

Was das ist, fühlt eigentlich jeder spontan. Doch kaum jemand kann den Begriff definieren. Bedeuten Weißwurst und Lederhosen und Alpenpanorama Heimat für viele Bayern, so sieht das bei plattdeutsch sprechenden Landsleuten vom Wattenmeer ganz anders aus. Was ist der gemeinsame Nenner? Die Sprache? Die Flagge? Die Hymne? Die Fußballnationalmannschaft?

Sicher erscheint immerhin, dass die Zuwanderer aus fernen, oft von Krieg und Armut gepeinigten Ländern ihre Heimat aufgegeben haben. „Heimatvertriebene“ nannte man vor zwei Generationen die Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges – aber nur, wenn sie aus Schlesien, Pommern, dem Sudetenland, Ostpreußen oder Bessarabien kamen. Andere Zuwanderer waren bestenfalls „Displaced Persons“ oder „Gastarbeiter“. Deutsche Heimat war keineswegs für alle da.

Als viel zu spät das ganze Ausmaß der deutschen Kriegsverbrechen allgemein bekannt wurde, da wirkte das amputierte Deutschland längst nicht mehr so heimelig, wie das die nationale Propaganda seit Kaisers Zeiten, vor allem aber die braunen Volksgemeinschaftler so hochmütig behauptet hatten.

Sich auf nationale Großtaten zu berufen, auf Schlachtensiege, eroberte Länder, wirkt selbst bei ungebrocheneren Nationen wie den Briten oder den Franzosen kompliziert. Kollaborateure mit dem bösen Feind, seefahrende Eroberer, Erfinder von Waffen – solche Leistungen in verdächtiger Nähe zu Genozid und Gewalt werden heute weltweit gerne unter den nationalen Teppich gekehrt. Für Deutschlands jüngere Geschichte wurde schnell klar, dass sich ein so großer Teppich gar nicht finden lässt.

Die Schauspielerin Marina Frenk, die als Kind mit ihren russisch-jüdischen Eltern aus Moldawien nach Deutschland kam, hat in ihren Erinnerungen die Malaise des neuen Deutschland hellsichtig auf den Punkt gebracht. Ihr wurde bald klar: Nicht nur sie, die erst die Sprache erlernen, sich an andere Gebräuche, anderes Wetter, andere Gesten gewöhnen musste, hatte ihre Heimat verloren.

Nein, auch Millionen Deutsche, gerade die schuldlosen Nachgeborenen, standen ebenso ohne funktionierende Heimat da – wenn man denn darunter eine Form von fragloser Geborgenheit im Nationalen versteht. So ist es bis heute in Deutschland geblieben: Heimatlose treffen auf Heimatverstörte – eine komplizierte Mischung.

Keine Nation hat einen derart nachhaltigen Traditions- und Identitätsbruch erlebt wie Deutschland, zumal sich die Öffentlichkeit nach Jahren der Vertuschung und Verdrängung heute ernsthaft den unerhörten Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer stellt.

Dass diese vorbildliche Eigenanalyse vielen Nachgeborenen auch eine starke nationale Skepsis bescheren musste, hat nicht nur eine kluge Zuwanderin wie Marina Frenk bemerkt. Unsere nicht mehr schuldhafte, aber moralisch rückwirkend bemühte Fixierung auf die Nazizeit ist beinahe zum Ritual erstarrt; das kann wohl gar nicht anders sein.

Doch wir sollten unsere Läuterung durch Selbstanklage nicht überschätzen. Dadurch wird kein Opfer der Nazis wieder lebendig – im Gegenteil, ihre Leiden werden durch den falschen Vergleich an jeder unpassenden Stelle nur verharmlost. Und die Deutschen werden durch den Verweis auf ihre historische Schuld nicht automatisch zu besseren Menschen.

Weil für sie der Bezug auf den eigenen Patriotismus kompliziert bis unmöglich geworden ist, projizieren viele Deutsche ihre fehlende Heimatkultur deshalb lieber auf die Zugewanderten. Dahinter mag die Hoffnung stehen, sich wenigstens so von der eigenen, vergifteten Tradition frei zu machen.

Demnach sind die Zuwanderer in eine amputierte und verstörte Kultur geraten, die sich bei Fremden wie besessen nach Intaktheit sehnt. Stehen bei uns fanatische Frömmigkeit, Patriarchat, soziale Aggression zu Recht unter Generalverdacht, in unsere eigene unheilige Tradition zurückzuweisen, so werden religiös bedingte Verhüllung, Antisemitismus, Strafe für Gotteslästerer, brutales Vaterrecht in der Familie, ja sogar Vielweiberei milder gesehen oder durchaus akzeptiert, wenn es sich bloß um Gäste aus einer anderen Heimat handelt.

Denn die ist schließlich frei vom Nazischatten. Wenn aber dadurch für Ankömmlinge, die als Drittfrau im Kindesalter zwangsverheiratet oder unter den Nikab gezwungen wurden, unsere laizistische Ordnung nicht mehr gilt, haben wir für unsere Neubürger aus rein romantischen Gründen die einzig juristisch definierbare Heimat aufgegeben, die uns geblieben ist: den Rechtsstaat.

Vielen Migranten wird man indes schwer erklären können, warum es in deutschen Behörden und Gerichten einen Bonus für inhumane Sitten gibt, vor denen Hunderttausende aus ihren Ländern in eine vermeintlich unparteiische Moderne geflohen sind.

„Deutschland, aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden“, schrieb voller Sarkasmus schon Friedrich Schiller. Damals konnte er sich noch nicht die neudeutsche Rosskur vorstellen, das verstörte Land durch Zugabe von Exotik von sich selbst zu erlösen.

Kaum ein gemeinsamer Nenner

Es sind gewiss nicht wenige Migranten, die darüber staunen, wie tief das Unbehagen der im Ausland oft bewunderten Deutschen an ihrer kaputten Heimat immer noch sitzt. Es ist kaum ein gemeinsamer Nenner vorhanden, an dem wir uns ausrichten können – außer der rituellen Kollektivanklage.

Und schlimmer noch – indem viele Deutsche die Zuwanderer als Erlöser von unserer nationalen Schuld verklären, missbrauchen sie sie. Als „gute Wilde“, vermeintlich frei von den Sünden unserer Zivilisation, schreiben sie heute koloniale Traditionen fort.

Die eigenen Wünsche vieler Migranten spielen in diesem über sie hinweg geführten Diskurs kaum eine Rolle. Die Utopie, die dem Outsourcen unserer Traditionen zugrunde liegt, ist einfach zu verlockend: Die Zuwanderer sollen uns unsere Heimat ersetzen.