Olli Rehn gilt als aussichtsreicher Nachfolgekandidat für EZB-Präsident Draghi. Der Finne zeigt sich im Interview als leidenschaftlicher EU-Anhänger. Langfristig bewährte Grundprinzipien der Geldpolitik würde er dafür aber nicht opfern.

Olli Rehn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Und so lässt es sich der frühere EU-Kommissar und Präsident der finnischen Notenbank nicht nehmen, in seinem Büro im 38. Stock des EZB-Hochhauses ausführlich über Europa und die Europäische Zentralbank (EZB) zu sprechen. Auch die Leidenschaft Rehns für Twitter und Fußball kommt zur Sprache. Im Grunde, so erzählt er, habe er vor allem dank des damaligen Stürmerstars Gerd Müller in der Schule Deutsch gelernt. Selbst als sich der 56-Jährige schließlich wirklich sputen muss, um noch den Flieger zurück nach Helsinki zu erwischen, bleibt der Währungshüter aus dem hohen Norden ausnehmend gelassen – und nimmt sich die Zeit, seine Gäste noch höchstpersönlich durch das weitläufige Gebäude bis zum Ausgang zu begleiten.

TPN: Sie sind das einzige Mitglied im EZB-Rat, das aktiv twittert. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Olli Rehn: Ich habe bereits getwittert, bevor ich zum Währungshüter geworden bin. Aber tatsächlich finde ich es wichtig, dass wir dank Twitter oder Facebook als Zentralbank auch solche Zielgruppen ansprechen können, die wir sonst vielleicht gar nicht erreichen würden. Ich animiere daher auch mein Team in der finnischen Zentralbank dazu, aktiv zu twittern.

Olli Rehn, 56, setzte sich ab 2004 als Mitglied der EU-Kommission für die EU-Erweiterung ein. Als EU-Kommissar für Wirtschaft begleitete Rehn zudem die Finanzkrise mit. Seit 2018 ist er Präsident der finnischen Notenbank.

TPN: Aber fürchten Sie nicht die negativen Seiten der sozialen Medien?

Rehn: Natürlich muss man sich der Gefahren bewusst sein und wissen, wie man mit Trollen und Bots umgeht. Aber bisher hatten wir damit noch überhaupt keine Probleme. Es gibt allerdings auch eine klare Regel: Wir diskutieren nicht über Politik. Das wäre für eine unabhängige Zentralbank nicht angemessen. Private Tweets hingegen sind durchaus erlaubt. Ich selbst twittere zum Beispiel gern mal über Fußball. Und ich versuche, möglichst Menschen aus ganz verschiedenen Lebensbereichen auf Twitter zu folgen. Man gerät sonst schnell in Gefahr, in seiner eigenen Filterblase zu landen. Soziale Medien sind anfällig dafür, dass man sich mit Gleichgesinnten verbindet und dabei dann andere Stimmen und Meinungen überhört.

TPN: Wäre es denn angemessen, wenn der nächste EZB-Präsident twittern würde?

Rehn: (lacht) Lassen Sie es mich mal so sagen: Es wäre zumindest kein Hindernis, wenn er oder sie twittern würde.

TPN: Tatsächlich gelten Sie als einer der heißen Kandidaten auf die Nachfolge von Mario Draghis, wenn dieser im Oktober turnusgemäß die EZB verlässt. Würden Sie sich das Amt zutrauen?

Rehn: Ich konzentriere mich im Moment voll und ganz auf meine Aufgaben als Präsident der finnischen Notenbank und als aktives und konstruktives Mitglied im EZB-Rat. Das Amt ermöglicht es mir, nationale und europäische Zuständigkeiten zu verbinden, was ich sehr erfüllend finde.

TPN: Wie wichtig ist es denn, dass der nächste EZB-Präsident nach einem Franzosen und einem Italiener an der Spitze aus dem Norden Europas kommt?

Rehn: Sie wissen schon, dass Deutschland ebenfalls kein nordeuropäisches Land ist, oder? (lacht) Aber im Ernst: Der oder die nächste EZB-Präsident bzw. Präsidentin sollte ausschließlich danach ausgewählt werden, wie gut er oder sie für diese europäische Aufgabe geeignet ist, und nicht danach, welchen Pass er oder sie hat.

TPN: Das würde allerdings allen bisherigen Erfahrungen mit dem europäischen Postengeschacher widersprechen.

Rehn: Ich vertraue darauf, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs jemanden auswählen werden, der die nötige Kompetenz für dieses Amt mitbringt und das Vertrauen der Öffentlichkeit genießt.

TPN: Welches Amt ist denn wichtiger: das des EZB-Präsidenten oder des EU-Kommissionspräsidenten?

Rehn: Ich weiß, dass das hier in Deutschland sehr intensiv diskutiert wird. Aber ich maße mir kein Urteil darüber an. Beide Ämter sind wichtig für Europa.

TPN: Sie selbst sind ein Veteran für die europäische Sache, unter anderem waren Sie zehn Jahre lang EU-Kommissar für Erweiterungsfragen sowie für Wirtschaft und Währung. Frustriert es Sie nicht, dass die EU bei vielen Menschen so schlecht beleumundet ist?

Rehn: Ich bin vermutlich ein unverbesserlicher Optimist, denn ich erinnere mich immer nur an die guten Seiten meiner Jobs und verdränge die frustrierenden Erfahrungen. Sicher habe ich als EU-Kommissar intensivere Erlebnisse gehabt als jetzt als Notenbanker. Aber was die Probleme in Europa angeht: Ehrlich gesagt, Europa hatte es doch immer schwer und musste schon viele Krisen meistern. Das Wichtige ist, dass die europäischen Partner trotzdem weiterhin zusammenstehen, um sich im Zeitalter der Globalisierung zu behaupten. Wir sind klein im Vergleich zu den großen Blöcken, selbst das starke Deutschland macht gerade einmal ein Prozent der Weltbevölkerung aus.

TPN: Trotzdem hat die EU bisher nicht unbedingt die Herzen der Menschen gewonnen. Wie würden Sie unseren Kindern erklären, dass die Union und der Euro wichtig sind?

Rehn: Europa erleichtert es den Bürgern, grenzüberschreitende Transaktionen zu tätigen, grenzüberschreitend zu arbeiten und zu bezahlen.

TPN: Für unsere Kinder ist diese Erklärung noch ziemlich abstrakt.

Rehn: Wir leben hier in Europa im Großen und Ganzen seit 70 Jahren in Frieden miteinander. Uns verbindet eine ähnliche Herangehensweise, nämlich die wichtigen wirtschaftlichen und politischen Fragen auf demokratische Weise zu entscheiden. Es ist wichtig, dass wir uns genau diese liberale Grundordnung bewahren.

TPN: War es ein Fehler, so viele Länder in die EU zu lassen?

Rehn: Da könnten wir stundenlang darüber philosophieren. Ich will es mal so sagen: Alle Länder haben von der Erweiterung profitiert. Weder die Beitrittsländer noch die angestammte EU wären heute besser dran, wenn wir die EU nicht vergrößert hätten.

TPN: Sie sind erst seit kurzem Währungshüter, haben aber bereits eine kleine Revolution angezettelt: Immerhin wollen Sie die EZB-Strategie auf den Prüfstand stellen. Das hat es seit mehr als 15 Jahren nicht mehr gegeben. Was haben Sie konkret vor?

Rehn: Definitiv keine Revolution, sondern eher eine Evolution. Die EZB hat 2014 die Deflationsgefahren erfolgreich bekämpft. Gleichzeitig verändert sich die Welt rasant: Die alternde Bevölkerung und die fortschreitende Digitalisierung der Welt sind zum Beispiel zwei Effekte, die sich tendenziell dämpfend auf die Teuerung auswirken und auch die Inflationserwartungen der Märkte maßgeblich drücken. Mein Anliegen ist es, dass wir uns damit auseinandersetzen und die Strategie der EZB darauf abklopfen, ob sie womöglich daran angepasst werden muss. Seit den 1980er-Jahren spielen die Inflationserwartungen eine wichtige Rolle in der Geldpolitik. Und wenn diese zu weit vom selbstgesteckten Zwei-Prozent-Ziel abweichen, dann kratzt das an der Effektivität und letztlich auch an der Glaubwürdigkeit der EZB.

TPN: Also sind Sie dafür, das bisherige Zwei-Prozent-Ziel abzusenken?

Rehn: Verstehen Sie mich nicht falsch. Preisstabilität bleibt das oberste Ziel, davon dürfen wir nicht abrücken. Das Ziel der EZB, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von nahe bei, aber unter zwei Prozent zuzulassen, ist weiterhin gültig. Wir sollten das Mandat der EZB nicht in Frage stellen. Die Effekte, die Demografie und Digitalisierung auf die Inflation haben, lassen sich nicht genau beziffern, wir müssen uns nur mit dem Phänomen auseinandersetzen und daraus unsere Schlüsse ziehen.

TPN: Aber was heißt das?

Rehn: Vielleicht hilft ein Blick in die Notenbankgeschichte, um mein Anliegen klar zu machen. In den 1970er-Jahren wurden die Notenbanken von den Ölpreiskrisen überrascht. Eine Dekade später wurde die Geldpolitik erfolgreich an derartige Schocks angepasst, das Konzept der rationalen Inflationserwartungen, die über kurzfristige Entwicklungen hinwegsahen, wurde geboren. In den 1990er-Jahren wurde das Inflationsziel von zwei Prozent geboren. Nun muss es darum gehen, dass sich die Erwartungen nicht vom Inflationsziel abkoppeln. Aufgrund dieser Möglichkeit wäre eine Überprüfung der Strategie willkommen.

TPN: Wie legen Sie eigentlich selbst Ihr Geld an?

Rehn: Ich bin ein sehr konservativer Anleger.

TPN: Dann gehen Sie als Sparer bei der aktuellen Zinssituation also leer aus?

Rehn: Besonders viel gibt es derzeit nicht für konservative Sparer. Aber als Notenbanker muss ich sowieso strenge Anlageregeln befolgen. Übrigens, als EU-Kommissar waren die noch rigider.

TPN: Die wirtschaftliche Situation innerhalb der Euro-Zone hat sich dramatisch verschlechtert. Stürzen wir jetzt in eine neue Rezession?

Rehn: Tatsächlich hat sich das Wachstum deutlich abgeschwächt, und wir müssen uns Sorgen um die Konjunktur machen. Das liegt an den zahlreichen Unsicherheiten außerhalb und innerhalb der Euro-Zone. Allen voran sind da die Handelsstreitigkeiten zwischen Washington und Peking. In China hat sich wegen der Unsicherheit die Konjunktur schon kräftig abgekühlt. Unsere Berechnungen zeigen, dass die offiziellen Wachstumszahlen der Kommunistischen Partei geschönt sind. China ist zu einem wichtigen globalen Wirtschaftsspieler geworden. Was dort konjunkturell passiert, betrifft auch Europa. Dennoch rechne ich nicht mit einer Rezession in der Euro-Zone. Denn die EU hat in ihren eigenen Handelskonflikten ihre Karten bisher gut gespielt und größere Verwerfungen mit China und den USA verhindert und mit Japan sogar ein neues Abkommen geschlossen.

TPN: Und was ist mit dem Brexit?

Rehn: Kurzfristig ist sicherlich der Brexit die größte Gefahr. Die Finanzmärkte scheinen da zu gelassen zu sein und das Risiko zu unterschätzen.

TPN: Welche Vorkehrungen haben Sie als Notenbank geschaffen?

Rehn: Als EZB müssen wir sicherstellen, dass es beim Brexit nicht zu größeren Turbulenzen kommt, selbst wenn Großbritannien die EU ohne Vertrag verlässt, was ich nicht hoffe. Wir haben vorsorglich mit der Bank of England Liquiditätsvereinbarungen geschlossen. Die sogenannten Swap Line Agreements sollen sicherstellen, dass die Finanzinstitute mit ausreichend Euro und Pfund versorgt werden, auch wenn die Geldmärkte kollabieren sollten. Denken Sie an die Finanzkrise von 2008. Damals sind die Geldmärkte auf einen Schlag eingefroren. Eine Katastrophe ist vor allem deshalb ausgeblieben, weil wir damals eine solche Vereinbarung mit der US-Notenbank hatten, und die Banken ausreichend Dollar abrufen konnten, als an den Märkten plötzlich kein Geld mehr zu bekommen war.

TPN: Im vergangenen Jahrzehnt haben die Notenbanken Billionen an Geld in die Märkte gepumpt, und trotzdem blieb die Inflation niedrig. Das hat Begehrlichkeiten geweckt. In den USA wollen Anhänger der sogenannten Modernen Geldtheorie groß angelegte Konjunkturprogramme mit Notenbank-Milliarden finanzieren.

Rehn: Ich halte nicht viel von solchen Theorien. Das widerspricht jeglicher Philosophie von Geldpolitik und würde wohl ins Desaster führen.

TPN: In Europa hat EZB-Chef Mario Draghi das Helikoptergeld, also Geld, das die Notenbank über einer Ökonomie abwirft, eine „interessante Idee“ genannt.

Rehn: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Mario Draghi das gesagt haben soll. Durch Gelddrucken allein wird kein Wohlstand geschaffen. Als Sohn eines Kleinunternehmers habe ich schon früh eine wichtige Lektion gelernt: Nur harte Arbeit führt zum wirtschaftlichen Erfolg.