Reformen oder Systemwechsel? Wofür will „Fridays for Future“ stehen? Unter den Mitgliedern gibt es Uneinigkeit. Auch über intransparente Finanzen beschwert sich ein Aktivist in einem offenen Brief.

Als SPD-Chefin Andrea Nahles Anfang Juni unerwartet ihren Rücktritt ankündigte, musste ARD-Moderatorin Anne Will ihr Sendungskonzept umschmeißen. Aus einem Klimatalk wurde kurzerhand eine Sendung über die Zukunft der großen Koalition. Auch die Gästeliste wurde angepasst. Eine Diskussionsteilnehmerin aber blieb: „Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer.

An diesem 2. Juni zeigte sich gut, was auch an anderer Stelle längst deutlich wird: „‘Fridays for Future‘“ ist nicht länger bloß ein Schülerprotest. Die Klimabewegung ist zu einem relevanten politischen Akteur geworden. Einem Akteur, der auf der einen Seite auf Augenhöhe mit der Politik diskutieren will und auf der anderen Seite betont, eine heterogene Bewegung zu sein, basisdemokratisch, nicht viel mehr als ein Freizeitprojekt Tausender engagierter Jugendlicher.

Innerhalb der Bewegung wirft dieser Spagat inzwischen schwierige Fragen auf. In den Dutzenden WhatsApp- und Telegram-Chatgruppen, in denen sich „Fridays for Future“ koordiniert, herrscht Uneinigkeit über die zukünftige Ausrichtung und Organisation der bislang nur locker strukturierten Bewegung. Besonders Personalfragen werden hier kritisch diskutiert – dazu rückt die Finanzierung in den Fokus. „Fridays for Future“ steht an einem Scheideweg, an dem schon viele andere politische Gruppierungen zuvor standen – und sich teilweise verrannten.

„Bekannte Gesichter sollen nicht mehr für die Bewegung sprechen“

Schon seit mehreren Monaten gibt es interne Diskussionen um das öffentliche Bild von „Fridays for Future“. Es geht um den mutmaßlichen Personenkult um einzelne Mitglieder; allen voran Luisa Neubauer, bekanntestes deutsches Gesicht der Bewegung. Ein aktueller offener Brief aus der Kölner Fridays-for-Future-Ortsgruppe formuliert die Kritik noch umfassender. In der Telegram-Gruppe „Fridays for Future“ Germany wurde das Schreiben am 29. Mai geteilt und wurde in verschiedenen Gruppen der Bewegung debattiert. Online gestellt hat den Brief die 21-jährige Tara Cicchetti, der eigentliche Autor aber, wolle anonym bleiben.

In dem Brief heißt es, die „paar wenige ungewählte Sprecher*innen“, die in den Medien zu sehen seien, würden „die Diversität der Bewegung“ nicht widerspiegeln und seien „nicht demokratisch legitimiert“. Dazu gibt es Kritik an der öffentlich suggerierten Nähe zu den Grünen. Auch Neubauer ist Mitglied der Partei. Die Grünen seien „eine Partei der Umweltzerstörung“, heißt es in dem Brief ohne nähere Begründung. Es müsse „erkenntlich sein, dass wir kein Anhängsel der Grünen sind“.

Luisa Neubauer in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am 2. Juni

Vor einigen Monaten hat „Fridays for Future“ ein Pressekonzept schriftlich festgehalten. Maßgabe ist demnach, verschiedene Aktivisten ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken – aber auch „taktisch klug“ eine „ausreichende Präsenz“ sicherzustellen. Einigen geht das nicht weit genug. Mitglieder der Kölner Ortsgruppe haben schon vor mehreren Wochen Änderungswünsche mitgeteilt. „Die bekannten Gesichter von FFF sollen von jetzt an nicht mehr im Namen der Bewegung sprechen und sich stattdessen auf die interne Arbeit konzentrieren“, fordern die Aktivisten in einem weiteren Dokument.

Einzelne Aktivisten sympathisieren mit den Gelbwesten

Doch es scheint nicht allein die Präsenz prominenter Figuren wie Neubauer zu sein, die einzelnen Mitgliedern missfällt. Ideologisch lassen sich bei „Fridays for Future“ verschiedene Strömungen erkennen. Neubauer, die die Bewegung in einem Gastbeitrag zuletzt als „konservativ“ bezeichnete, repräsentiert einen gemäßigteren Flügel. Sie sucht die Debatte mit Entscheidern aus Politik und Wirtschaft, engagiert sich bei der Grünen Jugend, will den „Boden der parlamentarischen Demokratie“ nutzen, um Veränderungen zu erreichen.

Dagegen gründete sich bereits im März eine „Antikapitalistische Plattform“, eine Art linker Flügel, unter dem Dach der Bewegung mit dem Namen „Change for Future“. Die Kölnerin Cicchetti sagt: „Die Forderungen, die offiziell von FFF gestellt werden, waren den AntikapitalistInnen zu reformistisch. Denn viele vertreten die Auffassung, dass ein Systemwechsel unbedingt notwendig ist, um die Klimakrise und die fortschreitende Ausbeutung von Mensch und Umwelt zu beenden.“

In der Vergangenheit habe das mehrfach zu Meinungsverschiedenheiten geführt. „Es gab Vorfälle, in denen AntikapitalistInnen Delegiertenposten verweigert oder sie aus Ortsgruppen ausgeschlossen wurden“, berichtet die 21-Jährige. Zudem habe es bei einigen Demonstrationen Anweisungen gegeben, Banner mit antikapitalistischen Sprüchen für Fotos zu verstecken.

Immer wieder sorgt die Frage, ob und wie Umweltschutz und Kapitalismus zu vereinen seien, auch in den Chatgruppen für Streit. In einem Aufruf zur gemeinsamen Demonstration mit dem in Teilen linksextremen Bündnis „Ende Gelände“ in Aachen solidarisieren sich einige „Fridays for Future“-Aktivisten auch mit den französischen Gelbwesten. Diese hätten „eine passende Antwort auf die neoliberale Agenda der Macron-Regierung gefunden, an ihnen müssen wir uns orientieren“. Neubauer dagegen habe Macron für seine nur vermeintlich „klimaschützenden Maßnahmen“ auch noch gerühmt, als die Hamburgerin den französischen Präsidenten beim EU-Gipfel in Sibiu (Rumänien) traf. „Brecht die Macht der Banken und Konzerne!“, heißt es am Ende des Aufrufes.

Teilnehmer einer Protestaktion für Klimagerechtigkeit von „Fridays for Future“ liegen im Plenarsaal des Bundestages auf dem Boden

Derartige Umsturzfantasien stoßen bei anderen Aktivisten auf Unverständnis. „Ich habe eure Kommunismusscheißerei jetzt echt satt. Hier geht es um Klimaschutz. Und Klimaschutz lässt sich sowohl kapitalistisch als auch kommunistisch als auch anarchistisch leben“, schrieb ein Mitglied namens Christian im März im Telegram-Chat. Neubauer scheint auch diese Debatte pragmatisch anzugehen. Als sie in einem Interview einmal vervollständigen sollte, was Kommunismus für sie sei, antwortete sie deskriptiv: „Gramscis unerfüllter Traum.“

Schon mehr als 80.000 Euro per Crowdfunding

Auch die Finanzen der Bewegung bergen Konfliktpotenzial. Im aktuellen offenen Brief ist von einem „fragwürdigen Umgang“ mit Geldern die Rede. Im Finanzkonzept von „Fridays for Future“ ist aufgeführt, dass jede Ortsgruppe einen Anspruch auf 300 Euro im Monat hat. Die wenigsten, „vielleicht sogar keine“ dieser Ortsgruppen habe das Geld bis jetzt allerdings erhalten. Stattdessen käme es vor, dass „unser aller Geld für einzelne Menschen ausgegeben wird“. Wen der Autor meint, lässt er offen. Weiter kritisiert er, es gebe keine Transparenz über Finanzvorgänge. Die bundesweite Arbeitsgruppe Finanzen halte „es anscheinend nicht für nötig, offen über Einnahmen und Ausgaben zu kommunizieren, sodass fast niemand einen Überblick“ habe.

Den Überblick zu behalten ist auch für Außenstehende schwierig: „Fridays for Future“ setzt sich aus über einhundert Ortsgruppen in Deutschland zusammen, die Proteste organisieren. Diese Ortsgruppen entsenden Delegierte, die an der bundesweiten Koordination mitwirken. Abschließend geklärt ist ihre Rolle allerdings nicht. Zudem gibt es auf Bundesebene Arbeitsgruppen (AGs) – etwa für Pressearbeit oder Finanzen. Bekannt über die finanzielle Situation ist so viel: „Fridays for Future“ hat ein Spendenkonto, das von der Plant-for-the-Planet Foundation betreut wird, einer NGO, von der die Schülerbewegung laut Aussagen von Mitgliedern ansonsten unabhängig ist. Selbstkritisch heißt es auf der Website der Bewegung: „Wir haben bisher Bastelmaterialien, Lautsprechermieten, Flyer oder diese Website eher chaotisch finanziert. Dabei haben einige auch ihr Taschengeld benutzt.“

Wir haben schriftlich bei 20 Ortsgruppen angefragt, welche Erfahrungen sie mit der Spendendistribution gemacht haben. Drei haben geantwortet. Sie schildern kleinere Probleme, aber zeigen sich grundsätzlich zufrieden. Florian Fischer (19) aus Erlangen hat das Finanzkonzept mitentwickelt. Er sagt, die finanzielle Organisation sei bürokratisch sehr aufwendig, am Anfang sei es deshalb auch zu Verzögerungen gekommen. Nun laufe jedoch alles weitgehend nach Plan.

Ohnehin würden bislang nur die wenigsten Ortsgruppen Bedarf an Auszahlungen vom Spendenkonto anmelden. Viele Gruppen, so auch die in Erlangen, würden vor Ort kleinere Zuschüsse von Unterstützern bekommen, um Materialien anzuschaffen oder technisches Equipment auszuleihen – häufig in bar oder per Überweisung an ein Mitglied.

Auch die Ortsgruppe in Offenburg teilt per E-Mail mit, dass die Finanzierung trotz kleiner Schwierigkeiten gut laufe: „Klar, es dauert manchmal etwas länger und man muss öfters nachfragen, aber das ist bei solchen Bewegungen einfach immer so.“ Ohnehin geht es in den meisten Städten um kleine Beträge. Aktivist Lorenz Buß aus Würzburg bestätigt schriftlich, seit Januar seien hier nur 150 Euro ausgegeben worden. Streikmaterialien würden die Demonstranten meist selbst basteln.

Trotz dieser Bescheidenheit verwaltet „Fridays for Future“ mittlerweile beträchtliche Summen: Seit Anfang März gibt es eine Crowdfunding-Kampagne im Namen der Bewegung. Stand jetzt: Mehr als 80.000 Euro. Das Geld fließt laut Aktivist Florian Fischer ebenfalls auf das Konto von Plant-for-the-Planet. Ausgezahlt wird nur auf Antrag, auch – so heißt es aus Würzburg – „wegen der Gefahr der Veruntreuung der Gelder“.