Ägypten ist eines der trockensten Länder der Erde, Äthiopien eines der ärmsten. Beide brauchen das Wasser des Nils, um ihre rasant wachsenden Bevölkerungen zu versorgen. Ein riesiges Staudammprojekt schürt jetzt einen Konflikt, der die gesamte Region erfassen könnte. Denn auch die Golfstaaten mischen mit.

Aus der Luft sieht das Nildelta in Ägypten aus wie eine Lotosblüte. Mitten in der Wüste wächst diese Blume und hebt sich grün vom Gelb des Sandes um sie herum ab. Wo sie steht, können Menschen leben. Um sie herum, wo es auf dem Satellitenbild gelb ist, nicht. Also drängen sich 100 Millionen Ägypterinnen und Ägypter auf dem schmalen Stängel, der den Lauf des Nils anzeigt. Ein feiner Streifen Zivilisation in den schier unendlichen Weiten der Sahara. Aus dem Nil bezieht die gesamte Bevölkerung ihr Wasser zum Leben, in einem der trockensten Länder der Erde. Wenn das Wasser wegbliebe, wäre das eine Katastrophe für Ägypten.

Folgt man dem Flusslauf vom Mittelmeer nach Oberägypten, durch den Sudan und weiter den Blauen Nil entlang, dann gelangt man dorthin, wo das Wasser herkommt: zu der Quelle im Hochgebirge Äthiopiens. Mehr als 85 Prozent des ägyptischen Nilwassers stammen von hier. Und die sollen auch weiterhin ungehindert nach Ägypten fließen, fordert die Regierung in Kairo. Denn die ägyptische Bevölkerung wächst schnell. Und hat Angst, dass Äthiopien ihr bald das Wasser abgräbt.

Staudamm gegen Armut

Denn auch im Land an der Quelle braucht man das Wasser dringend, um die Gesellschaft zu versorgen, die genauso groß ist wie die ägyptische und genauso schnell wächst. Deshalb baut die äthiopische Regierung den größten Staudamm in Afrika, gegen den massiven Widerstand des Nilnachbarn weiter unten am Strom. Der Grand Ethiopian Renaissance Dam oder kurz GERD wird Energie erzeugen und billigen Strom in die ganze Region exportieren.

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt: 83 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu Elektrizität, 94 Prozent kochen und heizen daher noch mit Holz, aber 97 Prozent der Flächen des Landes sind inzwischen entwaldet. Der Staudamm soll das ändern. Er ist fast fertig und wird bald mit Flusswasser aufgefüllt. Das wird sehr lange dauern, denn sein Fassungsvermögen ist riesig: Anderthalb Jahre lang müsste der gesamte Blaue Nil hineinfließen, um das Becken mit 74 Milliarden Kubikmetern vollzubekommen. Je schneller er vollläuft, umso weniger Wasser bleibt Ägypten. Äthiopien aber braucht schnelle Erfolge und würde den Damm daher lieber in fünf als in zehn Jahren vollhaben. Deshalb ist jetzt gerade der kritischste Punkt im Spannungsverhältnis zwischen Äthiopien und Ägypten erreicht, das die vergangenen Jahre überdauerte, ohne zu zerreißen.

„Frage auf Leben und Tod“

Wird Ägypten einen Krieg anfangen um das Wasser? Den Staudamm bombardieren, der aus diesem Grund militärisch gesichert ist, weil die Äthiopier genau das befürchten? Und so den gesamten Nordosten Afrikas in die Krise stürzen? Oder werden sich die Kontrahenten einigen und das tun, was für die ganze Region am vernünftigsten wäre?

Simegnew Bekele, Projektleiter des
Grand Ethiopian Renaissance Dam, am Bauwerk

Wie wichtig Wasser für die Länder rund um die Sahara ist, lässt sich schon daran erkennen, dass es dort ein Wasserministerium gibt. Auch das Konfliktpotenzial lässt sich damit erahnen. Als der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan im Jahr 2001 mahnte, dass die großen Kriege der Zukunft um Wasser geführt werden würden, hatte er dabei vielleicht schon Ägypten und Äthiopien im Sinn. Denn ein Konflikt um Wasser zeichnete sich bereits damals zwischen beiden Ländern ab.

Spätestens seit Beginn des GERD-­Staudammprojekts jedoch steht die Wasserkrise im Raum, gehen Verhandlungen hin und her. Äthiopien nutzte den Frühling 2011, um mit dem Bau zu beginnen – als Ägypten mit der Revolution beschäftigt war und das Projekt nicht verhindern konnte. Voriges Jahr noch zeigte sich der ägyptische Präsident Abdel Fattah al Sisi kompromisslos und machte deutlich: Was für Äthiopien Entwicklung bedeute, sei für Ägypten eine „Frage auf Leben und Tod“. Dann gab es im Sommer plötzlich Annäherungen. Einen Monat später wieder Distanzierungen. Bisher ließ sich die Krise aussitzen, doch das ist nun vorbei. Die alten Verträge, auf die Ägypten sich so lange verlassen konnte, gelten nicht mehr.

Billige Energie dank Wasserkraftwerk

Als spätes Vermächtnis aus der britischen Kolonialzeit trafen Sudan und Ägypten 1959 ein Abkommen, mit welchem die beiden ehemaligen Kolonien das gesamte Nilwasser unter sich aufteilten. Ägypten bekam einen überproportional großen Anteil. Die Länder weiter oben am Strom gingen leer aus und mussten das Wasser weiterfließen lassen. Äthiopien hatte sich lange dem ungerechten Deal gefügt. Bis der politisch bedeutungslose Staat eines Tages beschloss, sich das nicht länger gefallen zu lassen. Woher kam in Äthiopien nach mehr als 50 Jahren plötzlich der Sinneswandel, gegen den Widerstand seiner Nachbarn?

Der Sudan stand zunächst auf der Seite Ägyptens und war gegen den Staudamm an seiner Grenze. Im Verlauf der Bauarbeiten ließ er sich aber von dessen Vorzügen überzeugen. Das Land wird billige Energie aus Äthiopien beziehen, sobald das Wasserkraftwerk den Betrieb aufgenommen hat. Die Infrastruktur zwischen beiden Ländern soll ausgebaut werden. Mit der Talsperre hätte der Sudan außerdem einen wirksamen Schutz gegen die alljährliche, oft verheerende Überschwemmung des Blauen Nils. Dadurch würden drei Erntezyklen pro Jahr mit zuverlässiger Bewässerung möglich. So wäre das Land endlich in der Lage, einen viel größeren Teil seiner sehr fruchtbaren Ackerflächen zu bebauen. In einer Region, die immer noch von chronischem Hunger geplagt wird, wäre das eine entscheidende Entwicklung. Sie hätte Bedeutung weit über die Grenzen des Sudans hinaus. Der Staat könnte sogar zur Kornkammer der Arabischen Welt aufsteigen – eine Idee, die seit den sechziger Jahren diskutiert wird.

Überfluss in den Golfstaaten

Diese Möglichkeiten, die im sudanesischen Boden stecken, machen die Situation vertrackt. Denn der Wasserstreit betrifft dadurch nicht mehr nur Ägypten, Sudan und Äthiopien oder vielleicht noch ihre südlichen Nachbarn am Weißen Nil – Südsudan, Uganda, Tansania, Ruanda und Burundi. Durch den Klimawandel mit seinen Dürren ist die Wasserfrage längst zu einer Angelegenheit von globaler Bedeutung weit über Afrika hinaus geworden. Sie hat die rivalisierenden Großmächte der Region auf den Plan gerufen. Die Golfstaaten, die selbst zu den trockensten Gegenden der Welt zählen, haben ein Auge auf die Kornkammer geworfen. Ihre Einflussnahme erklärt viele der jüngeren Entwicklungen im Nordosten Afrikas: Äthiopiens Vorpreschen, Ägyptens Zögern, Sudans Umschwenken.

Auf der Arabischen Halbinsel gibt es vieles im Überfluss: Öl, Gas, Geld. Aber fruchtbare Böden gibt es dort nicht. Deshalb liefern sich Saudi-Arabien, die Emirate und Katar einen Wettlauf um Ackerflächen in Ostafrika. Ein Unternehmen aus den Emiraten versucht zum Beispiel gerade, riesige Areale Farmland im Sudan aufzukaufen. Einige Hunderttausend Hektar besitzen die Emiratis dort schon. Sie sollen erbringen, was auf dem heimischen Boden nicht gedeiht: Getreide. Und damit die wachsenden Gesellschaften auf der anderen Seite des Golfes von Aden ernähren.

Die Militarisierung am Horn von Afrika

Seit die globalen Getreidepreise vor gut zehn Jahren klimabedingt sprunghaft angestiegen sind, suchen die Golfstaaten nach Alternativen für den Weltmarkt. Als Ölnationen sind sie fast vollständig von Lebensmittelimporten und internationalen Börsen abhängig. Seit zehn Jahren schon überbieten sich Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien deshalb gegenseitig mit Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent.

Doch es geht dabei nicht nur um Nahrungsmittelsicherheit, sondern genauso um geostrategische Dominanz. Es gibt einen Wettstreit darum, wer wie viel Macht ausüben kann, welche Allianzen sich durchsetzen, wessen Militär und Weltanschauungen am meisten Verbreitung finden. Zwei Hauptachsen stehen sich in Ostafrika gegenüber: Katar und die Türkei zusammen mit den Muslimbrüdern auf der einen Seite – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten auf der anderen.

Besorgniserregend ist dabei besonders die Militarisierung am Horn von Afrika. Die Emirate und Saudi-Arabien haben seit dem Beginn des Jemenkriegs 2015 militärische Stützpunkte an der Küste Eritreas aufgebaut. Die Türkei und Katar halten dagegen und schlossen im vergangenen Jahr einen Deal mit Eritreas Nachbarn Sudan. Mehrere Milliarden Euro flossen dort in Infrastrukturprojekte, unter anderem in die einst osmanische Halbinsel Suakin am Roten Meer, wo die Türkei den alten Hafen für militärische und zivile Zwecke ausbauen darf. Diese Aufgabenteilung hat sich in Afrika bewährt: Katar gibt das Geld, die Türkei das Know-how. Auch in Somalia hat die Türkei bereits einen militärischen Stützpunkt aufgebaut. Und selbst in Eri­trea versucht Ankara, den Emiraten direkt mit einem eigenen Militärhafen in Dschibuti Konkurrenz zu machen.

Die Golfstaaten wollen politische Druckmittel erkaufen

Die Militarisierung des Roten Meeres ist unter anderem deshalb so heikel, weil sich hier ein wichtiges Nadelöhr für den Welthandel befindet, vor allem für Europa. Täglich fließen fast fünf Millionen Barrel Öl durch das Bab al Mandab, welches das Rote Meer mit dem Golf von Aden und so mit dem Indischen Ozean verbindet. Ein großer Teil der europäischen Exporte und Importe geht über diese Straße. Gibt es hier eine Blockade, müssen die Frachtschiffe den Umweg um die Südspitze von Afrika herum nehmen. Wie geopolitisches Gerangel die gesamte Weltwirtschaft durcheinanderbringen kann, führte schon vor mehr als 60 Jahren die Blockade des Suezkanals der Welt vor Augen.

Die Golfstaaten versuchen, sich mit ihrem Geld politische Druckmittel zu erkaufen. Die Emirate ließen kürzlich einige Milliarden Euro in die äthiopische Nationalbank fließen. Spekuliert wird, dass die Ölmonarchie auf diese Weise sicherstellen will, dass Äthiopien seinen Staudamm möglichst langsam auffüllt. Dann braucht der emiratische Verbündete Ägypten keine Wasserengpässe zu befürchten, die sich in der Militärdiktatur direkt auf die Stabilität des Regimes auswirken würden.

Der Sudan profitiert vom Konflikt

Selbst hinter dem plötzlichen Friedensschluss zwischen Eritrea und Äthiopien nach Jahrzehnten der Feindschaft werden die Emirate und Saudi-Arabien vermutet. Experten sprechen davon, dass die Golfstaaten dabei keinerlei langfristige Strategie verfolgen würden, sondern das Horn von Afrika vielmehr als einzige große Experimentierfläche begreifen. Die Konsequenzen, wenn das Experiment schiefgeht, tragen sie natürlich nicht. Weit genug weg von zu Hause ist die Gegend ja.

Auf längerfristige Strategien verstehen sich hingegen die ostafrikanischen Staaten inzwischen recht gut. Sie wollen nicht mehr passiver Spielball der Großmächte sein, sondern die Reichtümer ihrer Böden aktiv zu ihrem Vorteil nutzen. Der Sudan etwa hat gezeigt, wie sich von der Rivalität zwischen einzelnen Golfstaaten profitieren lässt. Ideologisch und politisch steht die sudanesische Gesellschaft Katar näher, gleichzeitig aber zeigt sich Khartum offen gegenüber Saudi-Arabien und den Emiraten, wenn es um die Idee der Kornkammer geht. Für diese Idee müssen sich die Golfmonarchien gegen ihren politischen Verbündeten Ägypten stellen. Denn für die Entwicklung der Landwirtschaft braucht der Sudan viel Nilwasser. Gleichzeitig ist schwer vorstellbar, wie die Regierung in Khartum ihrer vom Hunger bedrohten Bevölkerung in einer getreidereicheren Zukunft beibringen will, dass das Korn für den Export auf die Arabische Halbinsel angebaut wird.

Ökonomische Probleme gemeinsam in den Griff bekommen

Auch in Äthiopien gibt es die Idee, äußere Einflussmächte in Schach zu halten, indem man einfach Verträge mit allen eingeht und so am Ende die eigene Unabhängigkeit bewahrt. Langfristig allerdings können die nordostafrikanischen Staaten den Global Playern wohl nur etwas entgegensetzen, wenn sie sich zusammentun. Die Beziehungen zwischen Ägypten und Äthiopien stehen damit heute an einem Scheideweg, der bedeutsam ist für alle Länder in der Region. Wird Ägypten einlenken und mit Äthiopien zusammenarbeiten? Oder einen Wasserkrieg provozieren? In einer Gegend, die gefährlich fragil ist durch Bürgerkriege im Sudan, Jemen und in Somalia, könnte sich eine solche Krise schnell in einen Stellvertreterkonflikt ausweiten, wenn die konkurrierenden Golfstaaten mitmischen. Vor neu eskalierender Gewalt würden Millionen von Menschen fliehen.

Oder Ägypten lenkt ein und arbeitet mit seinen südlichen Nachbarn zusammen. Wenn sie gemeinsam den Nil bewirtschaften und die Profite daraus teilen, könnten die Nilstaaten ihre ökonomischen und demografischen Probleme vielleicht in den Griff bekommen. Aber dafür braucht es politischen Willen und Weitsicht.