Als Kanzlerin Merkel auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise die Parole „Wir schaffen das“ ausgab, begleiteten wir vier Menschen. Es waren Flüchtlinge, Helfer – und der Politiker Boris Palmer. Nun ziehen sie Bilanz. Haben wir das geschafft?

Vier Menschen, die – jeder auf seine Art – massiv mit der Massenmigration ab 2015 zu tun hatten, berichten hier von ihren Erfahrungen der vergangenen drei Jahre. Die Erfahrungen lassen sich vor allem mit einem Begriff umschreiben: durchwachsen.

Hamza Mahfood, Flüchtling aus Syrien

An diesem Herbstabend weiß Hamza Mahfood nicht mehr weiter. Der Syrer, 23 Jahre alt, sitzt am Schreibtisch seines WG-Zimmers in Berlin-Spandau, elf Quadratmeter. Er vergräbt das Gesicht in seinen Händen, schüttelt den Kopf und seufzt. Vor ihm liegt ein weißer Umschlag, ein Bescheid, eine Hiobsbotschaft für ihn. Es ist das Ergebnis seines Sprachtests für das Level C1, fortgeschrittenes Kompetenzniveau. „Nicht bestanden“, murmelt Mahfood.

Er muss den Kurs wiederholen. Es wird ihn wieder um Monate zurückwerfen, wieder in die Ungewissheit und das Gefühl, nutzlos zu sein. Aber gut, was soll er machen. Er, der fließend Deutsch spricht, nahezu fehlerfrei, braucht diesen Schein. An dem Wisch hängt sein Glück, seine Zukunft. Sein Traum vom Lehramtsstudium.

Als Hamza Mahfood im August 2015 am Münchner Hauptbahnhof ankam, kannte der Metal-Fan nur ein paar Brocken Deutsch aus Songtexten von „Rammstein“. Bis Anfang 2017 war der Syrer einer von zehn Protagonisten, darunter Politiker, Ärzte und Helfer, die wir im Rahmen des Digitalprojekts „SchaffenWirDas“ 365 Tage lang journalistisch begleiteten. Eine Langzeitrecherche zur Flüchtlingskrise im Deutschland jener Jahre.

Liebt Deutschland trotz aller Rückschläge: Hamza Mahfood floh 2015 aus seiner vom IS bedrohten syrischen Heimatstadt

Ganz riss der Kontakt zu den zehn nie ab. Drei Jahre nach 2015 haben wir vier von ihnen noch einmal besucht. Wir wollten wissen, was aus ihnen wurde. Was sie, was wir in Deutschland geschafft haben – oder auch nicht.

Hamza Mahfood weiß, dass er mehr erreicht hat als Hunderttausende andere Flüchtlinge. Er lernte Deutsch, absolvierte ein Praktikum bei „Bild“ und fand gesellschaftlich Anschluss. Mittlerweile hat er Freunde aus Berlin und seit ein paar Monaten auch eine deutsche Freundin.

Eine Ehre sei es für ihn, hier leben zu dürfen, sagt er. „Diese Freiheit werde ich in Syrien niemals haben.“ Auch darum hat er vor drei Jahren seine Heimat verlassen, die Eltern, beide Brüder, sein altes Leben. Wegen des Krieges, aber auch weil er schon immer westlich tickte, wie er sagt, weil er frei sein wollte.

Sag nie, dass du Metal liebst oder dass du Atheist bist

Drei Dinge habe ihm seine Mutter zum Abschied geraten: Diskutiere nicht über Politik. Erzähle niemandem, dass du Metal-Musik liebst. Und gib niemals zu, dass du Atheist bist.

Heute wohnt Mahfood in einer WG mit zwei syrischen Muslimen. Wie er stammen sie aus Salamiyya, einer Kleinstadt bei Homs, einst umzingelt von IS-Kämpfern. Mit einem der beiden Mitbewohner gebe es ständig Zoff, einem Anwalt, älter als er, der immer der Boss sein wolle.

Der Streit sei schon öfter kurz davor gewesen, zu eskalieren. Mahfood sucht darum seit Monaten eine Wohnung für sich allein, hat als Flüchtling aber kaum Chancen. Neben der Miete erhält er vom Jobcenter 570 Euro im Monat zum Leben. Mit dem Geld komme er zwar klar, sagt er. Trotzdem würde er viel lieber schon arbeiten.

30 Bewerbungen hat er zuletzt losgeschickt, etwa an Aldi und Netto. Viele Firmen antworteten gar nicht. Meist aber hörte Mahfood, sein Profil entspreche den Anforderungen nicht. Ihn frustriert das. „Was mich am meisten verrückt macht in Deutschland, ist das lange Warten. Das System ist so kompliziert, all die Dokumente, die Scheine, die ich brauche. Macht es doch ein bisschen einfacher für uns!“

Er beobachte, sagt er, dass einige Flüchtlinge in der Not schwarzarbeiteten. Davon habe doch am Ende niemand etwas. Da er keine Arbeit findet, bringt sich Mahfood mit Lernvideos Word, Excel und PowerPoint am Computer bei. All das habe er in Syrien nie gelernt.

Der junge Syrer sagt, es mache ihn wütend, wenn er am Berliner Hermannplatz oder in den Stadtparks Flüchtlinge sehe, die nur rumsäßen und Shisha rauchten. „Die sollen bitte sofort Deutschland verlassen. Sie helfen niemandem, weder den Menschen und Flüchtlingen hier noch ihren Familien in Syrien, Libanon oder wo auch immer.“

Es gebe Tage, gerade jetzt im dunkel-kalten Berliner Winter, an denen ihn die Gedanken an seine Familie verrückt machten. Auch im August 2017 plagte ihn das schlechte Gewissen, als Kämpfer des IS seine Heimatstadt mit Raketen beschossen. Erst nach einer schlaflosen Nacht erfuhr Mahfood, dass seine Familie wohlauf war. Seit drei Jahren habe er sie alle nicht mehr gesehen, vor allem seine Mutter vermisse er sehr.

Vor einigen Monaten versuchte der Syrer, sie zu Besuch nach Deutschland zu holen. Sie reiste für ein Visum extra in den Sudan, doch dort ließ man sie in der Botschaft abblitzen. Danach, sagt Mahfood, habe seine Mutter zwei Tage lang nur geweint.

Trotz der Rückschläge, trotz des Heimwehs hat er sich entschieden: „Ich bleibe in Deutschland, bis ich sterbe.“ Sein Ziel sei der deutsche Pass.

„Für Assads Staat bin ich doch ein Verräter“

Vor einer Rückkehr nach Syrien habe er Angst, er fürchte die Rache des Assad-Regimes. „Die bringen mich noch an der Grenze um. Für den Staat bin ich doch ein Verräter, weil ich gegangen bin.“ Anders als seine Brüder, die zum Militär eingezogen wurden.

Und noch eine Sache beschäftigt Mahfood: die politische Entwicklung in Deutschland. Er habe das Gefühl, der Ton gegenüber Flüchtlingen sei rauer geworden, Menschen wechselten häufiger die Straßenseite, wenn sie ihn sähen. Derzeit sorge er sich nicht um seine Bleibechance. „Aber wer weiß? Wenn der Seehofer 70 wird, vielleicht trifft es dann ja auch mich.“

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Vier Worte brachten Boris Palmer (Grüne) im Oktober 2015 bundesweit in die Schlagzeilen: „Wir schaffen das nicht.“ Zu einer Zeit, als Flüchtlinge noch mit Applaus und Plüschtieren an deutschen Bahnhöfen empfangen wurden, widersprach Tübingens grüner Oberbürgermeister dem Willkommensoptimismus von Angela Merkel so offen und massiv wie kaum ein anderer Politiker.

Das sei damals ein Hilferuf gewesen, sagt Palmer heute, weil er vor Ort erlebt habe, wie sehr das Tempo des Zustroms die Kommunen überlastete. Und weil er das Gefühl nicht loswurde, dass in Berlin vor allem Planlosigkeit regierte.

Der 44-Jährige erzählt das auf der sonnengefluteten Terrasse des „Mauganeschtle“, eines seiner Lieblingsrestaurants über den Dächern der Uni-Stadt, nippt an einer Apfelschorle und lässt den Blick über Gassen und Felder schweifen. Anfang 2019, sagt Palmer, würden in Tübingen alle 1400 Flüchtlinge in neuen oder angemieteten Unterkünften untergebracht sein. Diesen „Riesenkraftakt“ habe man geschafft, das schon.

Ausgerechnet ein Grüner widersprach der Kanzlerin: “Wir schaffen das nicht”, sagte der Tübinger OB Boris Palmer

Dennoch fange für die Kommunen die Arbeit erst jetzt richtig an, da Zehntausende aus den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder endgültig in ihre Verantwortung übergeben worden seien. Palmers Zwischenfazit klingt ernüchternd: viele Flüchtlinge kämen aus Kulturen, denen „unsere Vorstellung von Autonomie und Freiheit“ fremd sei.

„Und wenn du eben ein Leben lang nur Dinge tust, wenn sie dir glasklar gesagt werden, und das plötzlich wegfällt, gibt es halt Probleme.“ Tübingen sei in den vergangenen drei Jahren unsicherer geworden, das sei so ein Problem, meint der Oberbürgermeister und verweist auf den überdurchschnittlich hohen Anteil von Asylbewerbern an Vergewaltigungen und Tötungsdelikten.

Objektiv betrachtet, möge es in Berlin gefährlicher sein als in seiner schwäbischen Heimat. Trotzdem hätten die Menschen hier eher das Gefühl, sich nicht mehr so frei wie zuvor bewegen zu können. Palmer, der dazu in seiner Stadt eine Umfrage durchführen ließ, hat eine These zu diesem Unsicherheitsgefühl.

Spreche man inmitten von Stille mittellaut, falle das sofort auf. Tue man das inmitten von Lärm, etwa auf Berlins Straßen, merke es niemand.

Anders gesagt: „In der Idylle Tübingens fällt die Ansammlung junger Menschen aus arabischen Ländern stärker auf als anderswo.“ Hierin scheint sich Tübingen, vom „Spiegel“ einst „grüne Hölle“ genannt, kaum von ostdeutschen Städten wie Bautzen oder Freiberg zu unterscheiden.

Anders als das Sicherheitsgefühl mancher Bürger habe sich die Stimmung vieler Flüchtlinge entspannt, sagt Palmer. Groß sei der Unmut in den Aufnahmeeinrichtungen gewesen, oft zu Unrecht, findet er.

„Ich habe mich schon gewundert, was ich da zum Teil erlebt habe. Das war ein sehr aggressives Auftreten. Es gab bei vielen Flüchtlingen offensichtlich die Erwartung, dass sie in Deutschland sofort in einer schönen Wohnung untergebracht werden.“

Bis heute sei es der Wohnungsmarkt, der in seiner Stadt zu Sozialneid führe, vor allem bei Deutschen. Menschen, die seit Jahren in der Stadt lebten, müssten teilweise ihre Unterkünfte aufgeben und sähen gleichzeitig, dass Flüchtlingen Apartments gestellt würden. Das errege ihren Unmut. „Dies mit Ausländerfeindlichkeit abzutun, ist sinnlos und unfair“, sagt Palmer.

Schulschwänzende Asylbewerber ärgern Palmer

Es sei schon richtig, Flüchtlinge unterzubringen. Es sei nur fatal, dass die Politik zu lange das Problem der anderen ignoriert habe. Der OB fordert, die Wohnraumfrage für alle Menschen zu klären. Dafür brauche es Bauverpflichtungen, mehr sozialen Wohnungsbau und Neubau.

Die gesellschaftlichen Spannungen führt Palmer auch darauf zurück, dass in der gesamten Flüchtlingsdebatte zu viele Illusionen geschaffen worden seien. Auf dem Arbeitsmarkt, aber auch beim Thema Bildung. Die meisten Flüchtlinge seien derzeit in internationalen Vorbereitungsklassen. In Tübingen stelle man fest, dass viele zu weit weg seien, um am normalen Unterricht teilzunehmen.

Besonders eines ärgert Palmer: „Wir haben eine ziemlich hohe Quote an Asylbewerbern, die nicht auftauchen in der Schule. Da haben wir mit den Schulen nun vereinbart, dass wir da rigide drauf achten müssen.“

Es sei möglich, dass das Ordnungsamt bei wiederholtem Fernbleiben auch Strafen verhänge, in Höhe von 700 Euro. Die Politik müsse klarer machen, dass Verstöße Konsequenzen haben.

Von Flüchtlingen, sagt Palmer, erhoffe er sich mehr Dankbarkeit. Da gebe es viele, und das berichteten ihm auch Mitarbeiter der Sozialverwaltung, bei denen er das gar nicht spüre. „Zudem erwarte ich, und das ist kein Wunsch, dass einer, der aus der Not zu uns kommt, für uns nicht zur Bedrohung wird.“

Sven Gempper, Arbeitgeber aus Sachsen-Anhalt

Eine tiefe innere Überzeugung brachte Sven Gempper dazu, Flüchtlinge in seinem Industriebetrieb in Sachsen-Anhalt auszubilden: „Der Mensch definiert sich durch Arbeit.“ Integration könne nur gelingen, sagt der 55-Jährige, wenn wir es schafften, Flüchtlinge in Betriebe einzugliedern. „Damit sie dem Staat nicht länger auf der Tasche liegen und eine sinnvolle Beschäftigung erhalten.“

Gempper war gewarnt. Frankreich, wo er jahrelang als Geschäftsführer arbeitete, erlebte er als tief gespaltenes Land: „Dort sah ich die Banlieues mit den Abgehängten, mit den Menschen, die es nicht packten oder packen wollten, und sich ständig zum Opfer machten.“

Als Chef wollte er dazu beitragen, dass es in Deutschland nicht so weit kommt. Groß sei die Gefahr damals gewesen, 2015. Heute sei es kein bisschen anders: „Ich spüre, dass bei einigen Migranten die Bereitschaft einfach nicht da ist, sich zu integrieren. Das macht mir Sorge.“

Firmenchef Sven Gempper wollte etwas tun: Er bildete junge Flüchtlinge aus – manche mit Erfolg, aber viele wollten gar nicht

Bis Mitte 2017 bot Gempper in dem Unternehmen, das er mittlerweile verlassen hat, Integrationspraktika für Flüchtlinge an. Drei Runden über mehrere Monate, mit jeweils acht Praktikanten – Syrer, Afghanen, Äthiopier, Guineer. Ziel sei es gewesen, die jungen Männer auf ein Niveau zu bringen, um als Produktionshelfer in deutschen Industriefirmen zu arbeiten.

Dafür wurde extra eine Werkstatthalle neu eingerichtet. Anfangs sei das Ganze gut gelaufen: „Die ersten Flüchtlinge waren echt die Motiviertesten.“ Bis auf einen, der schon am ersten Tag hinschmiss, weil ihm das frühe Aufstehen nicht passte, hätten sich die meisten engagiert gezeigt und das Praktikum durchgezogen.

Was Gempper überraschte: Trotz des Machogehabes, das er teils beobachtete, hätten es arabische und afrikanische Flüchtlinge akzeptiert, von einer Frau beim Schweißen eingelernt zu werden. „Die hatte die Jungs voll im Griff“, erinnert er sich. Solche Dinge hätten dann geklappt, wenn die Erwartungen an die Praktikanten klar definiert wurden.

„7 Uhr Start, umgezogen“ – klare Regeln helfen der Integration

Was er erwartete, schrieb Gempper in großen Buchstaben auf eine Tafel in der Werkstatthalle: „7 Uhr Start, umgezogen.“ Er nannte es intern, bewusst überspitzt, „preußische Tugenden“: Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, Zuverlässigkeit. Das alles habe in der ersten Gruppe mit der Zeit immer besser geklappt.

Noch etwas Positives sah Gempper: In der Belegschaft seien Distanz und Angst während des Praktikums immer kleiner geworden. Groß seien die Bedenken anfangs gewesen: „Da wurde auch gefragt, ob Flüchtlinge Krankheiten mitbringen würden.

Als die Migranten dann aber im Alltag gemeinsam mit den regulären Mitarbeitern arbeiteten, war keine Distanz mehr da.“ Langjährigen Mitarbeitern habe es mitunter richtig Spaß gemacht, Flüchtlingen etwas beizubringen. Nur leider habe deren Niveau und Interesse ab der zweiten Gruppe sukzessive abgenommen.

Sich nicht die Finger schmutzig machen wollen, geht nicht

„Das gesamte Projekt ist 2017 eingeschlafen, weil vonseiten der Migranten einfach kein Interesse mehr da war.“ Mit Ach und Krach sei die dritte Runde noch zustande gekommen. „Danach hat sich einfach kein Flüchtling mehr angemeldet.“

Das Ende des Flüchtlingsprojekts beschäftigt Gempper bis heute , er ist enttäuscht und verärgert: „Nur eine dicke Lippe zu haben und nicht bereit zu sein, sich die Finger schmutzig zu machen, das funktioniert bei uns einfach nicht. Das Selbstanpacken ist in einigen afrikanischen und islamischen Ländern kulturell einfach nicht so ausgeprägt.“

Für die Firma sei das abrupte Ende besonders „blöd“ gewesen: „Das ist dann schon schade, wenn so ein Engagement und damit auch das Geld verpufft.“ Denn profitabel sei das Projekt nie gewesen. Man habe helfen wollen, nicht mehr.

In der Wirtschaft, sagt Gempper, habe man früh realistisch gesehen, wie weit Flüchtlinge wirklich weiterhelfen könnten. „Es war klar, dass da nur punktuell Fachkräfte gewonnen werden können. Frau Nahles war die Einzige, die an Illusionen glaubte.“

Von der Schulbildung und vom Intellekt her hätten nur wenige das Zeug mitgebracht, um nach dem Praktikum eine dreijährige Ausbildung in der Firma zu machen. Boris Palmer, Tübingens OB, formuliert es drastischer: „Grundsätzlich muss man konstatieren, dass die allermeisten von denen, die zu uns gekommen sind, für unseren Arbeitsmarkt unqualifiziert sind.“

Für Gempper liegt dieser Rückstand vor allem daran, dass in Ländern wie dem Irak oder Afghanistan bis zu 70 Prozent Analphabeten seien. Die Praktika in seinem Ex-Betrieb hätten dennoch gezeigt, dass viele dieser Menschen als Produktionshelfer oder Schweißer eine Hilfe sein könnten.

Zwei Männer aus Guinea-Bissau, die an den Kursen teilnahmen, arbeiteten bis heute als Produktionshelfer dort. „Ich habe sie als fleißig, zuverlässig und engagiert kennengelernt.“ Jeder im Betrieb habe gern mit ihnen gearbeitet.

Eine Anekdote macht in Gemppers Ex-Betrieb die Runde, zu der er nichts sagen möchte: Zwei junge Afghanen, die im Integrationspraktikum als Schweißer arbeiteten, hätten sich eines Tages erkundigt, wie man in Deutschland an Waffen komme. Mitarbeiter, die dabei waren, berichten, ihnen habe das Angst gemacht. Der Betrieb schaltete die Polizei ein und trennte sich von den Afghanen.

Gempper hält die Integration in den Arbeitsmarkt nach wie vor für die wichtigste Aufgabe. Er nennt sich einen „optimistischen Realisten“: „Ich denke weiterhin, dass die Flüchtlinge, die sich wirklich integrieren wollen, es mit ein bisschen Hilfe von uns auch wirklich schaffen können.“

Anneline Kleeberg, Flüchtlingshelferin aus Nordstrand

An Anneline Kleebergs Küchentür prangt seit drei Jahren ein handbeschriebener Zettel: „Es geht nicht darum, ob wir es schaffen können. Es geht darum, ob wir es schaffen wollen.“ Es ist nicht bloß ein läppischer Gute-Laune-Zettel, es so etwas wie das Lebensmotto der 82-Jährigen.

Die ehemalige Sonderschullehrerin lebt auf der nordfriesischen Halbinsel Nordstrand und hat sich schon immer um andere gekümmert, die Hilfe brauchten – ganz früher um Tschernobyl-Opfer, in den 90er-Jahren dann um geflohene Araber und Kurden, später um Kinder aus Weißrussland. Dort, sagen Bekannte, sei sie mancherorts berühmter als Angela Merkel.

Anneline Kleeberg ist ledig, kinderlos, lebt alleine in ihrem Haus am Meer – und kennt keine Einsamkeit. Seit Jahren betreut und unterrichtete sie ehrenamtlich die Flüchtlinge in ihrer Heimat; in der Hochphase waren es knapp 50 Menschen.

Anneline Kleeberg aus Nordstrand packte einfach an, weil sie Menschen in Not schon immer geholfen hatte

Sie gab Deutschkurse, besuchte die meist jungen Araber und Afrikaner in WGs, half beim Ausfüllen von Dokumenten, fuhr mit ihnen zum Arzt, watete mit ihnen durchs Watt. Für manche junge Männer wurde sie zur Ersatzmutter.

„Mama Dschan“ tauften sie die Afghanen in ihrer Sprache – die liebe Mutter. Und sie, die so gern fünf Kinder gehabt hätte, fand in ihnen Ersatzkinder. Und heute? Anneline Kleeberg winkt ab. „Wir haben hier doch kaum noch Flüchtlinge. Es wohnen nur noch rund 25 auf der Insel.“

Die anderen ziehe es in die Stadt, nach Husum oder Hamburg, da sei eben mehr los. Die Landflucht vieler Flüchtlinge ist ein Phänomen in kleinen Kommunen deutschlandweit.

Es enttäuscht, nichts mehr von denen zu hören, denen man half

Von manchen ihrer Schützlinge, die sie früher mehrmals pro Woche sah, hat sie seit Monaten nichts mehr gehört. Eine Frau wie sie, die sehr viel gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, enttäuscht so etwas schon, auch wenn sie es so deutlich nie sagen würde.

Nicht zu allen ist jedoch der Kontakt abgebrochen. Es platzt nur so aus der 82-Jährigen heraus, wenn man sie fragt, was aus ihren Flüchtlingsschülern geworden sei. Abdulkerim, einer der Eritreer in Nordstrand, habe vor einiger Zeit eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen.

Und Bashir, auch er ein Eritreer, der mehrmals durch Kleebergs Deutsch-Anfängerkurs gefallen war, sei jetzt als Spüler in einem Restaurant angestellt worden. Um Mardi macht sie sich Sorgen. Weil er Afghane sei, zahle ihm die Behörde keinen Kurs mehr.

Das Netzwerk der Flüchtlingshelfer in ihrem Heimatort ist mittlerweile kleiner geworden, trotzdem treffen sich noch immer 15 Menschen regelmäßig in Kleebergs Gruppe.

Manche spotteten über ihre Hilfsbereitschaft

Mitunter gab es Spannungen im Helfernetzwerk. Manche sahen ihre Arbeit für Flüchtlinge nicht genug gewürdigt. Andere entwickelten Sympathien zu einzelnen Flüchtlingen und überhäuften diese mit materiellen Gaben.

Das widerstrebte Anneline Kleeberg – Integration funktioniere nicht mit Geschenken, sagt sie. Ihr gehe es vor allen Dingen darum, mit den Flüchtlingen zu reden, ihnen zuzuhören und Zeit zu schenken.

Es gab Wochen, in denen sie sich übernahm, die körperlichen Warnsignale übersah und krank wurde, weil sie noch nie gut Nein sagen konnte. „Ich wundere mich ja selbst, dass ich das alles überhaupt noch kann mit meinen 82 Jahren.“

Doch sie gebe nicht nur, sagt sie, sie bekomme auch viel zurück. Die Afghanen und Eritreer halfen ihr immer mal wieder im Garten oder luden sie zu sich ein, zu Reis mit Fleischbergen, die sie gekocht hatten.

Ihr Ehrenamt, das zeigte sich schon bei unserer Langzeitbeobachtung damals, kam nicht bei allen gut an. Nicht nur auf Nordstrand, sondern auch im Internet gab es Menschen, die Kleebergs Einsatz für Flüchtlinge kritisierten, sie gar verspotteten oder beschimpften. Manche Videos, die im Flüchtlingsprojekt entstanden, wurden in rechten Gruppen geteilt. In den Kommentarspalten auf YouTube sammelte sich reichlich Hass.

Anneline Kleeberg, die wenig Zeit im Internet verbringt, versuchte diese Angriffe zu ignorieren. Sie half einfach weiter, bis heute hält sie das so.