Wenn Frauen von Asylbewerbern getötet werden, schweigt die politische Linke. Und die politische Mitte? Nach anfänglicher Betroffenheit herrscht über diese „Einzelfälle“ Sprachlosigkeit. Das muss sich ändern.

Wenn man Susanna F. googelt, das 14-jährige jüdische Mädchen, das im Juni letzten Jahres durch einen 21-jährigen abgelehnten Asylbewerber erwürgt, vergewaltigt und verscharrt wurde, findet man sehr viel schockierendes. „Susanna! Alle haben mitgemordet“, behauptet „Politically Incorrect“. „Es war Merkel und ihr feiger Minister de Misere, die Deutschland im Herbst 2015 von den moslemischen Horden fluten ließ“, so „Politically Incorrect“. In Kommentaren zum Fall Susanna geht es auf der Website um die „Blutspur der Merkelregierung“ und „Ficki-Ficki-Asylanten“.

Ein Blog unter dem programmatischen Titel „Islamnixgut“ spricht von einer „Politik des Völkermords gegenüber dem eigenen Volk“, „Der Bundestag spuckt auf die Ermordete“, heißt es auf einer anderen Website. Ich könnte endlos so fortfahren.

Auf der anderen Seite berichtet die Mutter von Susanna, Diana F., die sich jetzt im „Jerusalem Post Magazine“ erstmals zum Mord an ihrer Tochter äußert (auf Deutsch erschienen in der „Jüdischen Rundschau“), von einer Instagram-Seite für den inzwischen geständigen Mörder, Ali B., auf der Karikaturen von Susanna neben einer brennenden israelischen Flagge zu sehen seien. Die Seite sei inzwischen gelöscht worden.

Wenn in Deutschland ein Mord durch einen Flüchtling geschieht, ist es die erste Sorge vieler Kommentatoren, dieser Mord könne politisch instrumentalisiert werden. Daher werden selbst Beileidsbekundungen gerne mit der Mahnung versehen, den Fall jetzt aber bitte nicht „politisch zu missbrauchen“. Das soll wohl „Haltung“ sein. Ich sehe darin vor allem Empathielosigkeit gegenüber der Familie des Opfers und ein absurdes Denkverbot, aus einem dramatischen Geschehen auch politische Konsequenzen zu ziehen.

Aber im Fall Susanna F. habe auch ich den Eindruck: hoch und und runter nur politische Instrumentalisierung. Und zwar von der erbärmlichsten und radikalsten Sorte. Die politische Mitte hingegen schweigt. Auch nach den Mordfällen an Mia aus Kandel, Maria aus Freiburg und Mireille aus Flensburg herrschte nach anfänglicher ehrlicher oder pflichtschuldiger Betroffenheit über diese „Einzelfälle“ weitgehende Sprachlosigkeit.

Ich sehe dort keine vertiefte Beschäftigung mit der kulturellen Herausforderung der Zuwanderung. Natürlich nicht alle, aber viele Muslime vertreten auf der für einen Staat entscheidenden grundsätzlichen Wertebene bezüglich des Verhältnisses zwischen Staat und Religion, Religion und Recht, Männern und Frauen Überzeugungen, die sich nur schwer oder gar nicht in unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung fügen. Damit umzugehen, die einen zu integrieren und zu überzeugen – natürlich geht das! –, die anderen konsequent des Landes zu verweisen, das wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Genau diese kulturelle Herausforderung wurde 2015 unterschätzt. Viele sahen im Zuzug so vieler Menschen vor allem ein operatives Problem: Haben wir genug Betten, bekommen wir alle ärztlich versorgt, können alle Kinder zur Schule gehen? Alles wichtige Fragen, aber die entscheidende lautet: Können wir in Zukunft auf Basis unserer Werte friedlich zusammenleben?

Die Morde an Susanna, Mia und anderen, die Überrepräsentanz von Flüchtlingen in der polizeilichen Kriminalstatistik bei Straftaten gegen das Leben, bei schwerer Körperverletzung und Vergewaltigung zeigen die Größe der Herausforderung. Wir werden sie nur angehen können, wenn die politische Mitte ihre Sprachlosigkeit hierzu überwindet.

Dies gilt aber nicht nur für die Politik. Wo sind sie denn, die 60 Migrationsforscher, die 2006 der couragierten Necla Kelek in einem Aufruf unter dem Titel „Gerechtigkeit für die Muslime“ vorwarfen, „reißerische Pamphlete“ zu verbreiten? Wo ist ihre unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem muslimischen Bild von Ehre und Männlichkeit, das auch mit Gewalt verknüpft ist? Dies liege an patriarchalen Strukturen in den Herkunftsländern, heißt es in diesen Kreisen dann gerne. Aber warum sind diese patriarchalen Strukturen dann in muslimischen Ländern so ungleich stärker ausgeprägt als in nichtmuslimischen?

Häufigere Gewalterfahrungen in der Familie werden auch gerne herangezogen, um eine höhere Gewaltneigung junger muslimischer Männer zu erklären. Diesen Zusammenhang gibt es, keine Frage. Aber warum wird denn in muslimischen Familien häufiger Gewalt angewendet? An dieser Stelle stoppt die Forschung meist. Oder sie verweist auf patriarchale Strukturen, siehe oben.

Wo sind die denn, die Feministinnen, die sich so gerne mit toxischer Männlichkeit beschäftigen? Nach der Kölner Silvesternacht initiierten viele von ihnen unter „#ausnahmslos“ einen hoffnungslos naiven Aufruf, der jeglichen Diskurs über den Zusammenhang zwischen Islam und Gewalt verbieten wollte. Im Kern lautet die Argumentation: Gewalt gegenüber Frauen gebe es überall und angeblich auch immer in einer ähnlich starken Ausprägung, Stichwort Oktoberfest.

Und wenn sich doch die Häufung solcher Vorfälle unter muslimischen Männern auch mit den raffiniertesten statistischen Tricks nicht wegdeuten lässt, dann liege dies eben an den – Sie ahnen es – patriarchalen Strukturen in den Herkunftsländern.

Lediglich Alice Schwarzer ist diese schlichte Sichtweise zu blöd. Sie spricht schon seit Jahren offen über den Zusammenhang von Islam und Gewalt. Dabei vergisst sie die patriarchalen Strukturen natürlich auch nicht, aber sie endet nicht an diesem Punkt, sondern denkt weiter. Und in ihrem Blatt, der unverwüstlichen „Emma“, finden die Morde auch immer wieder breite Beachtung.