Nach 18 Jahren an der Spitze tritt Angela Merkel als CDU-Vorsitzende ab. Anmerken lässt sie sich das während des Parteitags in Hamburg nicht. Nur eine winzige Extravaganz gönnt sich die Kanzlerin an diesem Tag.

Es ist dann tatsächlich wieder Hamburg geworden. Die Stadt, in der Angela Merkel 1954 geboren wurde. Die Stadt, in der sie 1990, auf dem Wiedervereinigungsparteitag der deutschen Christdemokraten, ihre erste politische Rede gehalten hat. Jetzt, 28 Jahre später, nach zehn Jahren als unterschätztes „Mädchen“, nach weiteren 18 Jahren als irgendwann dann doch nicht mehr unterschätzte CDU-Chefin, hält sie auf dem Messegelände, direkt am Fuße des Funkturms der Hansestadt, ihre letzte Rede als Parteichefin. Abschiedsstimmung. Jedenfalls bei den Delegierten.

Die haben ja auch immer wieder mal gehadert in den vergangenen Jahren mit ihrer Vorsitzenden, gerade in der Schlusskurve dieser Ära. Heute, an diesem grau-nebligen Dezembermorgen auf dem Hamburger Messegelände, erheben sie sich schon Beifall zollend von ihren Sitzen, als Merkel zur Eröffnung des Parteitags erstmals an das Rednerpult tritt. Die ersten Exemplare der von der Frauen-Union vorbereiteten „Danke, Chefin“-Winkschilder werden hochgehalten. Der „würdevolle“ Abschied, den Angela Merkel sich gewünscht hat, soll nicht dem Zufall überlassen bleiben.

Gerade einmal fünf Wochen ist es jetzt her, dass die 64-jährige Bundeskanzlerin ihr „Wagnis“ angekündigt hat, am Tag nach der Hessenwahl und zur Überraschung ihrer Partei. Gemeint war damit die, zumindest vorübergehende, Trennung von Kanzlerschaft und CDU-Vorsitz; ihr eigener Rückzug als Chefin der Christdemokraten also bei gleichzeitigem Verbleib im Amt der Regierungschefin. Der Versuch, die Macht in Staat und Partei zu teilen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Das hat bisher gar nicht so schlecht funktioniert aus Sicht der Union, auch aus Sicht der Kanzlerin. Die Umfragedaten haben jedenfalls angezogen für die Union. Der Wettbewerb zwischen den drei Kandidaten für die Merkel-Nachfolge hat nicht nur die Partei, sondern das ganze Land politisch positiv beschäftigt. Und auch bei diesem Hamburger Parteitag funktioniert erst einmal alles wie geplant.

Ein wenig mehr Eigenlob als gewohnt

Merkel, so will es die Parteitagsregie, hält zu Beginn dieses historischen Tages eine Abschiedsrede, die nicht heraussticht. Die sich eher ganz gut einreiht unter alle bisherigen Merkel-Reden. Ein bisschen Rückblick, ein wenig Ausblick, kein rhetorisches Feuerwerk, eher nüchterne Bilanz als euphorisches Vermächtnis. Nur, diese winzige Extravaganz gönnt die Kanzlerin sich an diesem Tag dann doch, ein wenig mehr Eigenlob als gewohnt. Merkel blickt in der überfüllten Hamburger Messehalle zurück auf ihre Anfänge als CDU-Chefin, auf das Jahr 2000. Damals, so die Parteivorsitzende, nach dem Spendenskandal, habe sie die Partei in einer wahren „Schicksalsstunde“ übernommen. „Die CDU“, sagt die Kanzlerin, stand damals „politisch, moralisch, finanziell vor dem Aus“.

Von einer solchen Warte aus betrachtet, keine Frage, wird Merkels Ära, werden ihre auf den Spendenskandal folgenden 18 Jahre an der Spitze der Christdemokraten ganz zwangsläufig und unabhängig von jeder Einzelentscheidung zur großen Erfolgsgeschichte. Den September 2015, ihre Flüchtlingspolitik, auch für viele der in Hamburg versammelten Christdemokraten ein einschneidendes Datum ihrer Amtszeit, erwähnt sie nur am Rande.

Merkels Bilanz nach 18 Jahren: „Wir haben einen kühlen Kopf bewahrt. Wir haben es allen gezeigt.“ Sie jedenfalls trenne sich an diesem Tag „mit Fröhlichkeit im Herzen“ vom Parteivorsitz der Christdemokraten.

Es ist Klaus Schüler, Bundesgeschäftsführer und ewiger Drahtzieher hinter den Kulissen der CDU, dem als Ersten die Tränen kommen. Als Merkel ihn und den Fleiß der Mitarbeiter des Konrad-Adenauer-Hauses, der Zentrale der Christdemokraten, lobt, füllen sich die Augen des sonst so coolen Parteimanagers und die ziemlich kühle Sachlichkeit, in der Merkel auch ihre Abschiedsrede hält, weicht für einen Moment.

Merkel selbst dagegen lässt sich über die 35 Minuten ihrer Ansprache, auch über das kleine Abschiedsfilmchen, das gezeigt wird, nichts anmerken. Sie berichtet stattdessen, wie schwer es ihr immer gefallen sei, sich für das richtige Parteitagsmotto zu entscheiden, vom wegweisenden „Zur Sache“ des Jahres 2000 bis zum „Zusammenführen. Und zusammen führen“ des Jahres 2018. Vier Worte, die natürlich eine Botschaft beinhalten für ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger. Vor allem für den.

Es ist Joseph Daul, der französische Chef der konservativen Europäischen Volkspartei, der klarmacht, was dieser Appell, was „zusammen führen“ für Merkels zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewählte Nachfolge bedeuten soll. Europa, sagt Daul in seinem Parteitagsgrußwort, sei auf Merkel angewiesen für die wichtige Zeit nach der Europawahl im Mai. Er bitte die künftige Parteiführung deshalb, Merkels Kanzlerschaft zu unterstützen. Nicht zu sabotieren. „Wir brauchen sie.“ Merkel, das zeigt sich auch auf diesem Parteitag wieder, genießt im Ausland inzwischen mehr Anerkennung als in Teilen ihrer eigenen Partei.

Denn eines fällt auch noch auf, bevor Merkels letzter Parteitag zum ersten Parteitag der neuen Führungsspitze wird. Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, auch ihr Vorgänger als Parteichef, ist der Einzige auf dem Podium, der sich über weite Strecken nicht an dem lang anhaltenden Applaus beteiligt, mit dem die Delegierten ihre Vorsitzende in den Teilruhestand entlassen. „Kanzlerin bin ich ja auch noch“, hat Merkel dazu in ihrer Rede gesagt. Aber wie eine Drohung, wie etwas, was zum Beispiel Schäuble noch beeindrucken könnte, klang das schon nicht mehr. Dann beginnt Merkels eigentliches Wagnis.

Sie habe sich, hatte die Bundeskanzlerin mit Blick auf den Höhepunkt dieses Tages, mit Blick auf die Vorsitzendenwahl gesagt, „absolute Neutralität auferlegt bezüglich dieser Personalentscheidung“. Auch das gelingt ihr ganz gut an diesem Abschiedstag. Beim langen Schlussapplaus nach 18 Jahren CDU-Chefin gestattet sie sich kurz feuchte Augen der Rührung. Pünktlich zu Beginn der Vorstellungsreden wechselt sie dann vom Platz der Vorsitzenden in die Podiumsreihe der Fraktions- und Regierungsmitglieder. Flankiert von Bundestagsfraktionschef Ralph Brinkhaus und Kanzleramtschef Helge Braun, verfolgt sie die Bewerbungsreden von Annegret Kramp-Karrenbauer, von Friedrich Merz und Jens Spahn.

Eher abwesend als brennend interessiert

Jedem dieser drei spendiert sie verhalten, sparsam Beifall. Zumeist dann, wenn alle anderen auch klatschen. Nie als Erste, nie als Letzte. Zwischendrin, ganz selten, wechselt sie mal ein paar Worte mit ihren Sitznachbarn. Meist hört sie eher etwas abwesend als brennend interessiert ihren potenziellen Nachfolgern zu, die sich ja alle drei mindestens achtbar schlagen in der mittlerweile sehr stickigen Hamburger Messehalle. Vielleicht hat sie ja auch gar nichts mehr zu befürchten. Vielleicht kommt es ja genau so, wie sie, die Physikerin, es angelegt hat.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Merkel gerade rechtzeitig in die Poleposition für ihre Nachfolge manövriert hatte, lässt in ihrer Vorstellungsrede erwartungsgemäß keinen Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen. Daran, dass sie die „liebe Angela“ weiterhin als Chefin „einer guten Regierung, die sich kümmert“ unterstützen werde als neue Parteichefin. Dass sie das von der Kanzlerin ausgewählte Parteitagsmotto – „Zusammenführen. Und zusammen führen“ – natürlich beherzigen werde. Aber das beteuert auch Friedrich Merz, obwohl er ja bekanntermaßen viel lieber der Vorgänger als der Nachfolger Merkels geworden wäre.

Insofern darf man vermuten, dass Merkel sich gefreut hat, als das Ergebnis der Stichwahl zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer verkündet wird. Ihr Wagnis ist, jedenfalls bis zu diesem Punkt, aufgegangen. Anmerken lässt sie sich diese Freude aber nicht.