Mark Zuckerberg fusioniert die Messengerdienste von Facebook, WhatsApp und Instagram. Er bricht damit ein Versprechen, das er gegeben hat. Aber was bedeutet das für die 2,7 Milliarden Nutzer – für uns?

Eigentlich ist es eine alte Idee. Schon 1962 konnten die Besitzer des ersten kommerziellen Pagers, des Bellboys, sich unterwegs durch einen Summton von einem entgangenen Anruf unterrichten lassen. Eine Telefonzentrale las ihnen die hinterlassene Nachricht vor. Der Anrufende brauchte dafür nicht selbst einen Pager zu besitzen – die Kommunikation verlief quer über die Plattformen. Der Bellboy war, wie man heute sagt, interoperabel.

Ganz anders die heutigen Messengerdienste: Schon mal versucht, von WhatsApp aus einen Instagram-Account anzufunken? Ein anachronistisches Chaos, mit dem es nun bald vorbei sein dürfte. Am 25. Januar berichtete die „New York Times“ erstmals über die geplante Zusammenlegung der Messengerdienste von Facebook, WhatsApp und Instagram. Alle drei Plattformen gehören zu Facebook Inc., zusammen kommen sie auf 2,7 Milliarden regelmäßige Nutzer. Immerhin ein Drittel der Weltbevölkerung, Tendenz wachsend.

Facebook hat die Meldung mittlerweile bestätigt. Für Mark Zuckerberg ist die Verschmelzung der Messengerdienste ein „langfristiges Projekt, das meiner Meinung nach eine Sache für 2020 oder später wird“. Aber es ist auch ein wichtiges: „Messaging“, sagte der Facebook-CEO gegenüber Analysten am Mittwoch, „ist der am schnellsten wachsende Bereich, und in diesem Jahr werden die Menschen spüren, dass diese Apps auf mehr Arten zum Mittelpunkt ihrer sozialen Erfahrungen werden.“

Viele fragen sich jetzt: „Hä, Nachrichten auf Instagram? Das ist doch für Angebereien und das Bewerben von Epiliergeräten durch Halbprominente erfunden worden.“ Ist es auch, aber man kann über Instagram auch Nachrichten verschicken. Alle diese über eine gemeinsame technische Plattform versandten Nachrichten sollen bald automatisch verschlüsselt werden, nicht nur wie bisher die auf WhatsApp. Aber warum das alles?

WhatsApp ist für Teenies und Erziehungsberechtigte

Vielleicht soll die Maßnahme ja die einzelnen Marken stärken. „The Medium is the Message“, sagte Marshall McLuhan 1964. Wenn ein und dieselbe Nachricht über Facebook, Instagram und WhatsApp gleichzeitig empfangen werden kann, dann wird man den jeweiligen Eigengeschmack der Medien nur um so stärker empfinden. Bei Instagram kommuniziert man immer als Wannabe-Influencer, bei Facebook als „Freund“. WhatsApp ist einerseits was für Teenies und andererseits ein Werkzeug für Erziehungsberechtigte, die sich um die minutengenaue Koordination innerhalb einer Kita-Gruppe kümmern müssen.

Das Medium ist die Botschaft! Die Telefonnummer, die man für die Nutzung von WhatsApp zwingend angeben muss, fühlt sich in anderen medialen Kontexten wie eine Geheiminformation an. Kaum jemand macht seine Nummer im Netz öffentlich, es sei denn, man will von Verrückten und Extremisten angerufen werden. Will man als Kommunikationsendverbraucher denn überhaupt, dass alle sozialen Sphären, in denen man sich bewegt, in einem einzigen Kanal zusammenfließen? Eher Nein. Hat man eine Wahl? Eher Nein. Facebook Inc. ist, was soziale Netze und mobiles Messaging angeht, absolut marktbeherrschend. Wer aus dem Zuckerberg-Kosmos aussteigen will, muss sich nun gleich von drei der beliebtesten Apps überhaupt verabschieden.

Die Börse liebt Facebook dafür: Die Firma hat gerade exzellente Quartalsergebnisse bekannt gegeben und noch mehr Geld verdient als erwartet. Der Verkauf von Nutzerdaten an Cambridge Analytica und die neue strenge europäische Datenschutzverordnung haben dem Netzwerk in 2018 zwar nicht gerade geholfen, vor allem nicht in Europa. Auch scheint der Dienst Facebook bei der Jugend zunehmend out zu sein: Während 2015 noch 71 Prozent aller amerikanischen Teenager zwischen 13 und 17 Facebook nutzten, waren es 2018 nur 51 Prozent. Doch Mark Zuckerberg hat es frühzeitig unternommen, die Grenzen seines alternden Imperiums zu erweitern, indem er 2012 Instagram kaufte und zwei Jahre später WhatsApp. Diese Messenger-App verschlüsselt zwar die Nachrichten ihrer Nutzer (nett), saugt dafür aber die Daten aus deren Adressbüchern ab und schickt sie an Facebook – inklusive der Kontakte, die nicht bei WhatsApp sind und davon nichts mitbekommen (gar nicht so nett).

Seit Facebook 2014 WhatsApp kaufte, hat sich die Zahl der Nutzer mehr als verdreifacht, sie liegt jetzt bei eineinhalb Milliarden Menschen. Noch verdient WhatsApp kein Geld, doch damit soll nun Schluss sein. Am Freitag lief eine Vereinbarung mit den WhatsApp-Gründern Brian Acton und Jan Koum aus, die Werbung im Messenger verbot. Ab dem 1. Februar ist sie möglich – zugeschnitten auf den Nutzer, wie bei Facebook. Es wäre naiv, wenn man glauben würde, dass Zuckerberg sein geniales Geschäftsmodell einfach so aufgegeben hätte: personalisierte Daten einsammeln und an Werbekunden verkaufen. Jetzt kann er das noch besser: Von der Kita-Gruppe auf WhatsApp über die hashtaggenden Insta-Kids bis zu den diskutierenden Rentnern auf Facebook erstreckt sich der Zugriff seines Konzerns. Der Imperator hat nicht nur ein paar Provinzen mehr, er ist eine andere Art Kaiser: Legt man alle von den Nutzern kreuz und quer über die drei Plattformen gewonnenen Metadaten zusammen, gewinnt man exponentiell mehr Wissen, nicht linear.

Facebook wappnet sich gegen Zerschlagungsversuche

„Es lässt sich nun nicht mehr leugnen“, schreibt Jannis Brühl treffend in der „Süddeutschen Zeitung“: „Hier entsteht ein Monopolist.“ Und zwar unter den Augen der Wettbewerbsbehörden, die damals die Übernahmen von Instagram und WhatsApp genehmigt haben. Das wäre heute wohl nicht mehr so geschehen, aber wie sagt Lothar Matthäus: „Wäre, wäre, Fahrradkette“. Gegen einen Zerschlagungsversuch durch Kartellbehörden wappnet sich Facebook mit der Zusammenlegung der Messenger erst recht: Wenn sie erst einmal technisch integriert sind, kann man Instagram, Facebook und WhatsApp nicht mehr voneinander trennen, sie sind dann an der Hüfte zusammengewachsen. Der Kreis, um den dystopischen Social-Media-Roman „The Circle“ von Dave Eggers zu zitieren, schließt sich.

Die Politik, die sonst gern jeden Lebensbereich bis ins Detail reguliert, erweist sich als völlig hilflos. Bundesjustizministerin Katarina Barley von der SPD hatte sich letztes Jahr für mehr Interoperabilität eingesetzt, damit Nutzer verschiedener Messengerdienste miteinander kommunizieren können. Jetzt hat sie sie bekommen – als Schreckgespenst. „Was Facebook plant, führt die Idee der Interoperabilität ad absurdum“, sagte sie dem „Tagesspiegel“.

Détournement

Aber es wäre so oder so nur eine schöne Idee – und in etwa so wirkungsvoll wie in einer von einem einzigen Verlagshaus beherrschten Presselandschaft sicherzustellen, dass neben jedem Monopolistenkiosk auch die lokale Schülerzeitung aus dem Handwagen heraus verkauft werden darf. Es ändert nichts daran, dass die täglich genutzte Kommunikationsinfrastruktur von 2,7 Milliarden Menschen in der Hand eines einzigen Konzerns liegt. Laut einer Umfrage von Ende 2017 nutzen 95 Prozent der Deutschen WhatsApp, 51 den Facebook-Messenger, 18 Prozent das etwas anders gelagerte, eher für Telefonie genutzte Skype. Nur 7 Prozent verwenden die WhatsApp-Alternative Telegram. Alles andere bewegt sich weit unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde.

Was also tun? Man kann versuchen, die bestehende Infrastruktur in einer Art situationistischem détournement für sich zurechtzuhämmern, also Twitter so benutzen, wie es eigentlich für Instagram vorgesehen ist und umgekehrt. Für manche von uns ist Instagram ja eigentlich LinkedIn, für andere Tinder, und für wieder andere sind Datingplattformen eine kostenlose Ferntherapie.

Aber geben wir die Hoffnung auf Interoperabilität nicht ganz auf. Es gibt ein Leben jenseits von Facebook Inc.! Vielleicht kann man sich in einer von der Politik besser regulierten Zukunft alternativ ein Telegramm auf den Pager funken lassen oder ein handgeschriebenes Fax an den Snapchat-Account. Und verschlüsseln kann man es auch: mit Morsezeichen.