Häufiger Sex macht glücklich, doch immer mehr Paare zwischen 25 und 40 haben fast keinen mehr – zumindest nicht mit dem Partner. Wenn die Liebe halten soll, muss man sich Zeit füreinander nehmen – insbesondere für Sex.

Sex macht Menschen Spaß. Doch dafür alleine ist er ganz offensichtlich nicht da. Er macht Paare auch glücklich und zufrieden miteinander. Der Spaß, den sie beim Sex haben, dient also möglicherweise in erster Linie ihrer Bindung aneinander.

Das hat Folgen, Folgen vor allem für die Zufriedenheit von Paaren, wenn der Sex selten wird. Oder wenn er gar ganz verschwindet. Schauen wir mal, wie sich häufiger oder seltener Sex auf die Zufriedenheit mit der Partnerschaft auswirken.

The Good, the Bad and the Ugly

The Good. Paare die drei bis vier Mal in der Woche Sex haben, sind in der Regel sehr zufrieden miteinander.

The Bad. Sinkt die Häufigkeit auf drei bis vier Mal im Monat – dann sinkt damit auch die Zufriedenheit von Paaren. Sie sind nur noch unterdurchschnittlich zufrieden mit ihrer Beziehung. Das ist schlecht für ihre Bindung aneinander.

Geht es noch seltener als drei bis vier mal im Monat? Die Antwort auf diese Frage heißt leider – ja!

The Ugly. Manche Paare suchen nur noch drei bis vier Mal im Quartal die körperliche Begegnung. Eine so seltene Sexualität geht in der Regel mit sehr niedrigen Werten der Zufriedenheit mit der Partnerschaft einher. Wir sind jetzt bereits an der Schmerzgrenze. Es tut weh, so selten gewollt und gemocht zu werden.

Viele Paare, die zu mir in die Beratung kommen, befinden sich bereits an diesem Punkt. Sie empfinden sowohl die Beziehung als schlecht als auch die gemeinsame Sexualität. Das Gefühl, in der falschen Beziehung zu sein, geht bei den allermeisten Paaren mit einer seltenen oder sehr seltenen Sexualität einher. Die seltene körperliche Zuwendung alleine vermag viele Menschen schon unglücklich zu machen.

Erkenntnis Nummer dreizehn: Häufiger Sex macht Paare glücklich miteinander und stimmt sie weicher. Das ist wichtig bei Konflikten. Kein Wunder – bei den vielen Hormonen, die mit der Sexualität einhergehen.

Leider kann der Sex eines Paares noch seltener werden als drei bis vier Mal im Quartal. Ein Mal im Quartal. Manchmal versiegt die sexuelle Zuwendung auch völlig, was das Ausmaß der Unzufriedenheit weiter vergrößert. Warum ist das so?

Warum haben Menschen so wenig Sex?

Zum einen führt die Sexualität beim Menschen zur Ausschüttung von Bindungshormonen. Sexualität geht bei uns in der Regel mit Gefühlen einher. Angenehmen Gefühlen. Bindungsgefühlen. Wir fühlen uns aufgehoben und geborgen. Und genau das fehlt den allermeisten Paaren, die nur noch ein Mal im Quartal Sex haben. Ihnen fehlt es, sich aufgehoben zu fühlen. Ihnen fehlt Geborgenheit.

Das ist nach Auffassung des Sexualtherapeuten Christoph Ahlers von der Berliner Charité eine der wichtigsten Funktionen der menschlichen Sexualität. „Wir fühlen uns angenommen. Wir wissen: Hier gehöre ich hin.“ Deshalb spricht Ahlers auch gerne davon, dass Sexualität für uns so etwas wie Heimat bedeutet.

Heimat – das ist ein starkes Wort, aber in einer Zeit, in der Menschen mal in Hamburg wohnen, dann für drei Monate in Singapur und schließlich für einige Jahre in München ist das Wort „Heimat“ für die Sexualität in der Partnerschaft in meinen Augen sehr passend.

Sex als Kommunikation

Sexualität ist für Ahlers weit mehr als eine körperliche Betätigung, die Menschen Spaß macht. Dazu reicht sie viel zu tief ins menschliche Gefühlsleben hinein. „Sexualität ist die intimste Form menschlicher Kommunikation“, sagt der Sexualtherapeut. Das ist ein Aspekt, der beim Sex gerne übersehen wird. Hier geht es um Geben und Nehmen. Wir können einfühlsam auf die Signale des anderen eingehen – und er ist glücklich. Gelingt das beiden Partnern, dann sind beide glücklich – und genießen den Sex.

Sex ist also kommunikativ. Er ist zudem eine Form der Kommunikation, die weitaus älter ist als die menschliche Sprache. Wenn wir sprechen, dann nutzen wir dafür Teile des Gehirns, die relativ jung sind in der Geschichte des Menschen. Sie sind im Großhirn angesiedelt. Beim Sex aber geht es tief hinein ins limbische System, das unterhalb des Großhirns liegt. Dort werden unsere Gefühle gesteuert.

Noch nie hat mir ein Single von Gefühlen wie Heimat oder Geborgenheit beim Gelegenheitssex berichtet. Sex mit irgendeinem Sexualpartner ist also ganz offensichtlich nicht dasselbe wie Sex mit dem Partner, mit dem wir Tisch und Bett teilen, den wir kennen, dem wir vertrauen und auf den wir uns verlassen können. Hier gibt es Geborgenheit. Und Heimat. Beim Gelegenheitssex nicht.

Die Folgen von seltenem Sex für eine Partnerschaft

Sex tut uns also gut, stärkt die Partnerschaft (das Immunsystem übrigens auch) und gibt uns Geborgenheit. Umso bedauerlicher ist es, dass Sex bei vielen Paaren seltener wird. Die Wissenschaft sieht eine abnehmende Tendenz für die Häufigkeit von partnerschaftlicher Sexualität. Warum ist das so?

Abendliches Zusammentreffen – auf dem Sofa

Noch ein wenig auf dem Sofa gemütlich aneinanderkuscheln und dann ab ins Bett – und dort weitermachen? Von wegen! Bei vielen Paaren kann davon keine Rede sein. So kam die Forschung vor einigen Jahren einem ganz spannenden Phänomen auf die Spur. Immer mehr junge Paare zwischen 25 und 40 haben gar keinen Sex mehr. Oder fast keinen Sex.

Ungalant, wie sie sind, haben sich die Soziologen auch gleich ein passendes Kürzel für diese Paare ausgedacht: Dinos. Das steht für „double income – no sex“.

Der Alltag von Dinos ist hektisch: Morgens hetzen sie aus dem Haus, nachdem sie sich vorher flüchtig geküsst haben. Wenn überhaupt. Dann verbringen sie den Tag bis spätabends bei ihren – sehr, sehr wichtigen! – Tätigkeiten. Er arbeitet heute nur bis 21 Uhr, ihr letzter Termin dagegen geht dann noch eine Stunde.

Das Sofa ist die tägliche Konstante der Beziehung von Dinos. Dort finden sich beide völlig erschöpft von ihrem Tag ein. Gibt es bei der Arbeit ein „sehr wichtiges Projekt“ (und das ist oft der Fall), dann schreiben die beiden dort spätabends noch ihre letzten Mails. Und dann geht es ab ins Bett. Und dort passiert – gar nichts. Klar. Nach so einem Tag!

Sex is a choice

Dinos haben aus einem ganz einfach Grund keinen Sex mehr: Sie haben schlicht keine Zeit für die Liebe. Weil alles andere wichtiger ist. Sex zu haben oder ihn nicht zu haben, das ist auch eine Frage der Entscheidungen, die wir treffen – „sex is a choice“. Wir können uns die Zeit für ihn nehmen – wenn wir das wollen. Und wenn wir das nicht wollen, dann fällt er eben aus. Was nicht heißt, dass es für Dinos gar keinen Sex mehr gibt. Solosex haben sie durchaus – nur der partnerschaftliche Sex, der ist ihnen zu viel.

Sich Zeit nehmen für Sex, Dinos wollen das ganz offensichtlich nicht. Die Arbeit steht bei ihnen an allererster Stelle. Sie geht immer und in jedem Fall vor. Aber auch am Wochenende klappt es nicht mit dem Sex – denn nun wollen sie alles nachholen, wozu sie unter der Woche nicht gekommen sind. Die Freunde beschweren sich schon. Der Körper auch – er jammert nach Bewegung. Und wie die Wohnung erst aussieht!

Am Wochenende wird also die Wohnung geputzt, eingekauft und Sport gemacht. Es werden Freunde getroffen, und abends wird ein Rockkonzert besucht. So ein Wochenende ist schnell vorbei, zumal beide noch ein paar Stündchen brauchen, um für die Woche vorzuarbeiten.

So ein Beziehungsmodell rächt sich nach einigen Jahren. Kein Sex lässt die Beziehung für eine Weile auf Sparflamme weiterlaufen. Auf Dauer aber ist kein Sex keine Lösung. Einer der beiden verliebt sich in jemand anderen. Die Leidenschaft, das Gefühl, gewollt und geborgen zu sein – das alles fehlte eben doch.

Und wie sieht es bei Paaren mit Kindern aus?

Nicht viel besser. Wieso auch? Hier ist ja noch mehr los als bei den Dinos. Ein Paar mit kleinen Kindern hat unentwegt Stress. Mal ist ein Kind krank, und einer – zumeist die Frau – muss zu Hause bleiben. Mal fordern die Berufe alle Kräfte, mal werden die eigenen Eltern krank und brauchen Hilfe. Und dann gibt es stets eine unendlich lange To-do-Liste.

Forscher haben solche Paare in der amerikanischen Metropole Los Angeles für eine Weile begleitet. Dabei kamen sie zu einem ernüchternden Ergebnis: Viele dieser Paare sprechen in einer Woche gerade einmal fünf Minuten lang über persönliche Dinge miteinander. Natürlich reden diese Paare miteinander. Sie klären, wer den Einkauf macht und wer Lucia zum Flötenunterricht fährt. Aber darüber, wie es ihnen geht und was sie gerade beschäftigt, darüber sprechen sie nur sehr selten. Wenn es schlimm kommt, sind es nur fünf Minuten in der Woche.

Fünf Minuten!

Sie sehen, nicht nur „sex is a choice“, auch die tägliche Zuwendung zum anderen im Gespräch ist das Ergebnis einer Wahl. Einer Wahl mit Folgen. Das Gespräch ist die Grundlage für die Intimität eines Paares. Ohne das Gespräch geht die Intimität, die Vertrautheit mit dem anderen mit der Zeit verloren.

Erkenntnis Nummer vierzehn: Glückliche Paare nehmen sich Zeit. Zeit füreinander. Zeit für die Sexualität. Sie machen die partnerschaftliche Sexualität zu einer Priorität. Lust auf Sex ist keine Selbstverständlichkeit, wenn wir stets unter beruflicher Anspannung stehen oder wenn Eltern mit kleinen Kindern dauerhaft an Übermüdung leiden. Wir müssen etwas dafür tun.

Nur fünf Minuten Zeit für das Gespräch in einer Woche – gut möglich, dass Sie sich das gar nicht vorstellen können. Man kann doch kein Paar sein, wenn man sich nur fünf Minuten Zeit nimmt füreinander! Ich sehe das genauso. Unglückliche Paare, wie ich sie in der Beratung zu sehen bekomme, leben oft so. Ihr Unglück wundert mich nicht. Sie nehmen sich schlicht keine Zeit mehr für die Liebe. Sie denken, dass es ohne persönliche Gespräche mit dem Partner gehen muss. Sie gehen zudem oft davon aus, dass es auch ohne Sex gehen muss – für eine Weile. Zwei Irrtümer mit Folgen. Beide führen auf dem direkten Weg ins Unglück.