Die große Bitcoin-Überraschung hat die fast schon in Vergessenheit geratene Krypto-Szene mit einem Schlag wieder in die Schlagzeilen katapultiert.

Die Digitalwährung schoss binnen kürzester Zeit spektakulär nach oben: Mit einem Plus von 23 Prozent am Dienstag durchstieß der Kurs die 5000-Dollar-Marke. Der Sprung kam unerwartet, besonders da es nach dem Absturz Ende 2017 eher eine Phase der Stagnation gab – und dann raste der Kurs am Dienstag in nur 50 Minuten um fast tausend Dollar nach oben.

Ein wenig verrückt mutete die Branche des Cybergeldes – geschürft durch komplexe Rechenaufgaben von Riesencomputern – schon immer an: Krasse Kursschwankungen im oft doppelstelligen Prozent-Bereich kommen bei der Währung schon mal vor. Es gab daher zunächst eher wilde Theorien als solide Erklärungen für das „Bitcoin-Wunder“.

Der Commodity-Analyst Torsten Maus erkennt beim Bitcoin die Entladung eines sich seit längerem aufgebauten Preisdrucks nach oben. „Wir haben eine lange Phase der preislichen Konsolidierung bei geringer Volatilität hinter uns, also eine Bodenbildungsphase“, sagt er. Während der Zeit einer eher negativen Betrachtung der Krypto-Szene mit sinkendem Medieninteresse hätten sich institutionellere Marktteilnehmer eingedeckt. Den jähen Kurssprung könnte dann ein Einzelkäufer, etwa ein Hedgefonds, ausgelöst haben.

Tatsächlich gibt es dafür Indizien: Laut Oliver von Landsberg-Sadie vom Londoner Kryptowährungsspezialisten BCB Group hätte ein einziger Käufer 100 Millionen Dollar in den Markt gepumpt. Maus vermutet zudem, dass wegen der wachsenden Unsicherheit an den Finanzmärkten Anleger in alternative Märkte diversifizieren: „Einige kaufen Gold, anderer eben Kryptowährungen wie Bitcoin.“

Alexander Kravets, CEO der Plattform XTRD, macht die Eigenheiten des Kryptohandels für die Bitcoin-Zacke verantwortlich: Wegen technischer Spezifikationen, einem hohen Grad an spekulativem Potenzial und dezentralisierten Handelsplattformen komme es bei ausgeprägteren Handelstrends oft zu einer Art „Kettenreaktion“ und dramatischen Kursbewegungen. Auch sagte der Experte: „In den letzten Wochen hat sich wieder eine positivere Sichtweise über die Zukunft der einst als revolutionär gehypten Branche durchgesetzt.“ Viele institutionelle Anleger wetten wieder auf einen Aufschwung.

Blüht ein neuer Krypto-Frühling?

All diese positive Energie hätte sich an diesem Dienstagmorgen auf einmal entladen. Aber sehen die Experten deshalb gleich einen neuen „Krypto-Frühling“ kommen?

Kravets: „Es ist leicht möglich, dass die Welle an Medienberichten wieder neue Käufer in den Markt lockt.“ Das könne einen Kursanstieg von bis zu 7000 Dollar bringen. Die „Krypto ist tot“-Unkenrufe nach dem Crash des Vorjahres waren für Kravets sowieso immer genauso kurzsichtig wie die Zocker-Exzesse davor.

Am langfristigen Trend, dass die Märkte „erwachsener“ würden, hätte sich nichts geändert.

Durch den Influx institutioneller Anleger, verlässlicherer Regeln und Regulierungen bei den Handelsplattformen wäre die Zeit des „Wilden Westens“ aus Hackern und Nerds vorbei.

Auch wenn die Marktkapitalisierung derzeit mit 160 Milliarden Dollar fernab der 600 Milliarden während des Bitcoin-Hypes vor eineinhalb Jahren liegt, bleibt das Potenzial der Digitalfinanz- und Blockchain-Technologie gigantisch. „Für alles, was einen Wert hat, können elektronische Token aufgelegt werden – wir reden hier von Billionen“, sagt Kravets.

Ähnlich positiv sieht Stelian Balta, Gründer der Finanzfirma HyperChain.Capital, die Entwicklungen. „Der „Krypto-Winter“ ist vorbei“, sagt er. Seine These: „Wir sind mitten in der Akkumulation und intelligente Investoren haben in den letzten Monaten mit dem Kauf begonnen.“ Er glaubt, dass der Anstieg von 25 Prozent beim Bitcoin-Preis im vergangenen Monat und der Ruck nach oben zum Wochenbeginn nur der Anfang sein dürfte.

Nicht ganz so optimistisch sieht es Experte Maus: Zuletzt hätte hauptsächlich nur die bekannteste Kryptowährung, also der Bitcoin, die totale Marktkapitalisierung der Branche vergrößert. Der Wert der bereits mehr als 2100 weiteren Digitalwährungen sei mehrheitlich gefallen. Maus: „Bei all diesen Alt-Coins ist bisher kein Comeback zu erwarten!“