Die größte Moschee, die größte Shoppingmall und die größte Gated Community – die Saudis investieren Hunderte Millionen Dollar in Bosnien-Herzegowina. Und bringen dem Land mit seinem gemäßigten Islam ihren Fundamentalismus mit.

Freitagsgebet in der größten Moschee des Balkans. Das prächtige Gotteshaus in Sarajevo steht inmitten von heruntergekommenen Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten. An deren Wänden sind noch die Einschusslöcher von Granaten und Gewehrsalven des Bosnienkrieges zu sehen. Vor der Moschee haben Männer mit langen Bärten ihre Stände aufgestellt. Die Salafisten verkaufen Obst, Gemüse, Schleier und Parfüm.

In dieser Moschee betet Elvedin Pezic, der bekannteste YouTube-Prediger des Landes. Ein Salafist für die Generation Y – der bosnische Pierre Vogel, der als einflussreichster Imam der deutschen Salafistenszene gilt. Nach Meinung von Pezic ist so ziemlich alles haram, nach islamischem Glauben verboten. Dazu gehört selbst Fußball, trotzdem trägt sein kleiner Sohn ein Trikot von Borussia Dortmund.

Als Pezic aus der König-Fahd-Moschee kommt, reagiert er wütend auf eine Interviewanfrage: „Ich spreche nicht mit Journalisten. Sie verbreiten Lügen und stellen mich als radikal dar.“ Den Islam, wie ihn die meisten Menschen in Bosnien leben, westlich, weltoffen, tolerant, lehnt er ab. Für ihn ist es eine Abkehr vom wahren Islam.

Einem Islam, wie er 3500 Kilometer von Sarajevo entfernt gelebt wird. In Riad. Pezic’ Kameramann Tarik Agic, der den Imam erfolgreich in Szene setzt, sagt das offen: „Früher sind die bosnischen Frauen voll verschleiert auf die Straße gegangen, und alle Männer hatten lange Bärte. Wir möchten zurück zu dieser Zeit.“

Es ist kein Zufall, dass Pezic ausgerechnet in der König-Fahd-Moschee betet. Persönlich eröffnet wurde sie im Jahr 2000 von Prinz Salman Bin Abd al-Aziz, heute selbst König und Vater des umstrittenen Kronprinzen Mohammed Bin Salman. Im Kulturzentrum neben der Moschee predigen die bekanntesten Salafisten des Landes, im Fitnesszentrum des Gebäudes wurden mehrere Personen für die Terrormiliz Islamischer Staat rekrutiert.

Orte wie diese gab es hier vor den Jugoslawienkriegen nicht, aber sie sind nur ein Beispiel für Investitionen aus Saudi-Arabien. Denn neben der größten Moschee des Landes haben sie auch die größte Shoppingmall und die größte Gated Community finanziert, einen luxuriösen, bewachten Wohnkomplex.

Die Saudis bringen also nicht nur eine fundamentalistische Auslegung des Islams mit, sondern auch reichlich Geld, um die Wirtschaft anzukurbeln. Trotzdem freuen sich bei Weitem nicht alle Bosnier darüber.

Das Sarajevo City Center ist ein 74 Meter hoher Glaspalast. In den oberen Etagen befindet sich ein Luxushotel, im Erdgeschoss dekorieren Boutiquen ihre Auslagen mit teuren Schmuckstücken. Eigentlich eine ganz normale Mall.

Im ganzen Komplex gibt es jedoch weder Schweinefleisch noch Alkohol zu kaufen. Noch nicht mal das bei Kindern beliebte Spielzeugschweinchen Peppa Wutz. Die Kunden kommen aus aller Welt, doch die voll verschleierten Frauen mit den teuren Schuhen und Handtaschen sind besonders sichtbar.

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Finanziert wird diese Mall von der saudischen Al-Shiddi-Group, die zu den größten Direktinvestoren in Bosnien-Herzegowina zählt. Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen seit 2006 mehr als 400 Millionen Dollar in Bosnien-Herzegowina investiert. Derzeit gründet die Gruppe eine eigene Airline namens Air Bosnia, um Touristen direkt aus Riad nach Sarajevo fliegen zu können.

Für deren Unterkunft sorgt die Al-Shiddi-Group auch. Über den Bergen Sarajevos entsteht mit „Poljine Hills“ eine Art geschütztes Beverly Hills für Besucher aus den Golfstaaten. Über 400 Villen und Apartments bilden eine Nachbarschaft, in die nur Zutritt erhält, wer eingeladen ist.

Die Objekte kosten zwischen knapp 200.000 und einer halben Million Euro – für Bosnien-Herzegowina ist das sehr viel Geld. Das neue Viertel befindet sich in direkter Nachbarschaft zu den Wohnhäusern der mächtigsten Politiker und Wirtschaftsbosse des Landes. Die Elite vom Golf zieht in die Nachbarschaft der Elite Bosnien-Herzegowinas.

Diese Investments verändern das Land. Vor dem Krieg gab es keine salafistische Szene in Bosnien-Herzegowina, heute muss man nicht lange suchen, um sie zu finden. Saudi-Arabien hat dafür das Geld und die Infrastruktur gestellt.

Stiftungen aus Saudi-Arabien spendeten nach dem Krieg viel Geld, finanzierten Halal-Schlachthäuser, Reisen nach Mekka und verteilten nicht nur Korane, sondern auch salafistische Literatur in bosnischer Sprache.

In Sarajevo, wo sich in der Innenstadt eine Kneipe an die nächste reiht und die örtliche Brauerei eines der größten Privatunternehmen ist, empfindet eine der Verkäuferinnen im Sarajevo City Center dies als Bevormundung: „Wir sind seit 500 Jahren Muslime, und jetzt wollen uns irgendwelche Saudis erzählen, dass wir keine guten Muslime sind? Zum Teufel mit ihnen!“

Doch es gibt auch Profiteure. In der Altstadt Sarajevos steht die 28-jährige Amra in ihrem zehn Quadratmeter großen Laden mit Vorhang vor der Tür und dunkelroten Wänden. In den Regalen türmen sich Dildos – ein ganz normaler Sexshop. „Rund 80 Prozent unserer Kunden sind Araber – sowohl Männer als auch Frauen“, erklärt Amra. Sie erläutert deren Vorlieben mit großem Ernst, ohne auch nur einmal zu schmunzeln.

Neben dem Sexshop ist ein Massagestudio. Hier arbeitet Selma, etwa 1,80 Meter groß, lange dunkle Haare, schlank, tiefes Dekolleté. Sie lacht laut, wenn sie von den Heiratsanträgen der Männer berichtet, die sie als Zweitfrau haben wollen oder ihr anbieten, sie gleich nach Saudi-Arabien mitzunehmen.

„Jeden zweiten Tag bekomme ich so ein Angebot“, sagt die 24-Jährige. Auch sie sagt, 80 Prozent der Kunden seien Araber, hierher kämen aber nur die Männer: „Viele von denen sind es nicht gewohnt, unverschleierte Frauen zu sehen, und glauben, man könne hier Frauen einfach kaufen. Sie sind richtig schockiert, wenn wir ihnen sagen, dass das nicht geht.“ Selma freut sich trotzdem über die Touristen vom Golf und sieht es wie viele in Bosnien-Herzegowina: Das Geld zählt.

Bei den Saudis und anderen Golfstaaten um Investitionen gebeten hat Mustafa Cerić, bis 2012 Großmufti von Bosnien-Herzegowina. Er reagiert abweisend auf Nachfragen zu den Spenden: „Saudi-Arabien und Katar sind mir sehr willkommen mit jeder Spende, die sie uns geben können. Würden Sie uns lieber hier sterben sehen, als dass wir die Spenden annehmen?“ Es ist keine große Überraschung, dass er das sagt: Sein Büro befindet sich in einem von Katar gespendeten Prachtbau in der Altstadt von Sarajevo.