Jacqueline Straub ist jung, katholisch und will als Priesterin die Kirche aus dem Koma kicken. Dafür hat sie ein internationales Netzwerk aus Priestern und Ordensleuten aufgebaut – und kämpft jeden Tag für ihr Ziel.

Wenn Jacqueline Straub von sich sagt, dass sie keine Vorzeigekatholikin sei, dann meint sie, dass sie nicht jeden Donnerstag den Rosenkranz bete. Doch der Glaube ist so fest in ihr verwurzelt, dass sie ihm ihr ganzes Leben widmen will. Sie hat einen Traum: Priesterin werden in der katholischen Kirche. Jacqueline Straub ist 28 Jahre alt, spürte aber schon als Jugendliche das, was sie „das Brennen” nennt. Die Berufung zur Priesterin. Den Wunsch, zu taufen, zu predigen, Gottesdienste abzuhalten und die Beichte abzunehmen. Dieses Amt aber ist katholischen Frauen verwehrt.

Der Katholizismus ist eigentlich eine emanzipierte Religion. Eigentlich. Durch die Taufe sind Frauen und Männer gleichwertig, es gibt die heilige Hildegard wie den heiligen Sebastian, Maria wird als Muttergottes verehrt. Trotzdem lehrt die Kirche, dass Gott nur Männer berufen hat, in der Nachfolge Jesu das Priestertum auszuüben. Jacqueline Straub hält das für Quatsch. „Für mich ist Jesus der Mittelpunkt“, sagt sie. Als unumstößlich betrachtet sie den Glauben an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu sowie die Dreieinigkeit Gottes. Aber: Vor gut 50 Jahren hielten die meisten Pfarrer den Gottesdienst noch auf Latein und verwahrten sich gegen Ökumene. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil änderte sich das. Für Straub ist das ein Beweis dafür, dass viele Regeln menschengemacht sind und eine Interpretationssache.

Jacqueline Straub lebt im Schweizer Kanton Aargau, stammt aber aus der katholisch geprägten Heidegger-Stadt Meßkirch. Ihr Pfarrer und Religionslehrer ermutigte sie, katholische Theologie zu studieren. Das tat sie unter anderem in Freiburg im Breisgau und Luzern. „Ich war naiv“, sagt sie in einem Café in Basel, in dem wir uns treffen, und nimmt einen Schluck Früchtetee. Sie habe gedacht, dass sie an den Papst schreiben, ihre Beweggründe erklären würde, dann wäre das mit der Ordination geregelt. Sie schrieb wirklich zwei Briefe in den Vatikan. Die Antwort auf den ersten war freundlich, die zweite machte klar, dass man Jacqueline Straub nicht vor dem Altar sah.

Frauen können in der katholischen Kirche Ordensschwestern, Pastoral- und Gemeindereferentinnen werden. Sie sind seelsorgerisch tätig, dürfen aber keine Sakramente spenden. Für Straub ist das keine Option. Die Hobby-Boxerin fordert: Frauen zum Priesteramt zulassen, Zölibat abschaffen, Homosexualität akzeptieren, Missbrauch aufdecken. „Wenn ich mir vorstelle, was da immer noch für Leute auf ihren Ämtern sitzen!“, schnaubt sie und wirft die Hände in die Luft. Sie stammt aus keiner sehr gläubigen Familie. Als Jugendliche begleitete sie eine Klassenkameradin in ein christliches Ferienlager. Sie spürte die Anziehung des Glaubens, und als sie das erste Mal vor der Gruppe ein Gebet sprach, sagte ihr der Leiter danach: „Wow, du könntest Pfarrerin werden.“ Das war die Initialzündung. Im Firmunterricht fiel sie mit Fragen zur Rolle der Frau auf. Mit 17 Jahren wurde sie noch Ministrantin und vergaß beim ersten Gottesdienst vor Aufregung die Handwaschung. Ihr Pfarrer unterstützte sie. „Das Brennen wurde immer größer.“

Die Basis ist liberal, die Mächtigen sind konservativ

Früh äußerte sie im Studium den Wunsch, Priesterin zu sein. Ein Professor sagte ihr daraufhin, sie solle sich nach anderen Berufsperspektiven umschauen. Nachdem sie dieses Thema angeschnitten habe, könne sie nicht erwarten, irgendeinen Job in der Kirche zu kriegen. Mittlerweile arbeitet sie als Redakteurin für die Sendung „Fenster zum Sonntag“ im Schweizer Fernsehen, schreibt Bücher wie „Kickt die Kirche aus dem Koma“ und spricht sonntags in verschiedenen Gemeinden als Gast. Sie findet es ganz gut, keinem Bischof unterstellt zu sein – denn der könnte ihr schnell verbieten, ihre Ansichten zu äußern. Ihre ganze Freizeit geht für den Kampf drauf. Wann und ob sie ihr Ziel erreicht, weiß sie nicht. „Ich werd alles gebe, bis ich sterb“, sagt sie in ihrem schwäbischen Singsang.

Warum will sie alles ändern und sucht sich nicht einfach eine christliche Konfession, in der sie Priesterin werden könnte? Jacqueline Straub liebt die Kirche und glaubt an sie. Sie empört sich über Missbrauchsfälle, Homophobie oder den Papst, der Abtreibung mit Auftragsmord vergleicht -, aber sie fühlt sich trotzdem als Teil der Gemeinschaft. „Ich lasse der Kirche Zeit, ich will nicht, dass es noch mal zum Bruch kommt.“ Klein beigeben wird sie aber nicht. Laut bleiben, zur Not die Bischöfe nerven, das ist ihr Plan. Heimlich haben ihr schon viele Frauen gesagt, dass sie auch gern Priesterin werden würden.

Dass die Kirche in Europa schrumpft, ist für sie ein Symptom. Es brauche Reformen, um junge Leute wieder zu begeistern. „Ich will ja am Ende auch Schäfchen haben, um die ich mich kümmern kann“, sagt sie und lacht. Die meisten Gemeindemitglieder seien liberal. In den vergangenen Jahren hat sie ein internationales Netzwerk aufgebaut: Tausende Priester, Ordensleute, Katholiken und Protestanten, aber auch Atheisten unterstützen sie. Die BBC hat sie gerade als einzige Deutsche zu einer der einflussreichsten Frauen der Welt gewählt. Doch die wenigen, die mächtig sind, scheuen Veränderung. Jacqueline Straub lässt sich davon nicht einschüchtern. „Ich vertraue auf Gott, er zeigt mir den Weg.“