Die Chinesen spionieren deutsche Manager unverfroren aus: Hotelsafes werden geknackt, Büros verwanzt, Laptops aufgeschraubt. Gegenwehr ist zwecklos.

Als er schon im Fitnessraum angekommen war, kehrte der Manager noch mal um: Er hatte seine Badehose vergessen. Doch als der Vorstand eines deutschen Dax-Konzerns in dem Schanghaier Hotel zurück in sein Zimmer wollte, funktionierte die Schlüsselkarte nicht. Nach einem Gang zur Rezeption war zehn Minuten später klar, warum: Im Zimmer ruhte der Dienstlaptop auf dem Tisch, mit der Unterseite nach oben und gelockerten Schrauben. Gelagert hatte das Gerät zuvor im verschlossenen Safe.

Deutschlands Manager schlagen Alarm. In China werde es immer schlimmer mit der Spionage, berichten immer öfter Vorstandschefs von Dax-Konzernen, Banker und Anwälte. Im Restaurant belauscht, auf dem Smartphone abgehört, nun sogar in der vermeintlich sicheren Executive-Suite in der Fünf-Sterne-Unterkunft manipuliert: Die Volksrepublik entwickele sich zur „DDR auf Doping“, klagt ein Wirtschaftsführer.

Seinen Namen will freilich niemand in der Zeitung lesen beim Wehklagen über Chinas großen Lauschangriff. Zu wichtig ist der Milliardenmarkt für Deutschlands Industrie, zu schreckhaft sind die Handlungstreibenden gegenüber allem, was die Kommunisten im milliardenschweren Absatzmarkt als Kritik auffassen könnten.

„Jeder wird abgehört“

Der deutsche Verfassungsschutz, verantwortlich für den Schutz vor Wirtschaftsspionage, liefert keine statistische Evidenz darüber, dass die Spionagewelle in Fernost in immer größerem Ausmaß rollt. Unzweifelhaft sei jedoch, dass in jüngster Zeit die Zahl der Schnüffelangriffe drastisch zunehme, sagt Sicherheitsfachmann Thomas Parenty aus Hongkong, der die Topmanager internationaler Konzerne beim Schutz ihrer Geschäftsgeheimnisse in China berät. „Jeder wird abgehört, alles mitgelesen.“

Dass Berater mit der Angst ihrer Kunden vor Chinas großer Schnüffelei ihr Geld verdienen, mindert nicht die Stärke ihrer Argumente. Die Volksrepublik gibt damit an, jeden ihrer Bürger mit ausgefeilter Software per Gesichtserkennung und sogar per Laufstilanalyse immer und überall verfolgen zu können – das nähre die Furcht vor Chinas langfristigen Plänen für den Rest der Welt, sagt etwa Scott Schober, der sich mit seinem Unternehmen Berkeley Varitronics auf Cyberkriminalität spezialisiert hat.

Dass in China an Abhörattacken auf westliche Manager kein Mangel herrscht, ist freilich kein neues Phänomen. Der Vertreter eines Dax-Konzerns erinnert sich: Als er Mitte der neunziger Jahre in der chinesischen Hauptstadt seine Stelle bei einem deutschen Dax-Konzern antrat, hätten die Sicherheitsleute bei der Frage nach Wanzen im Bürozimmer nur abgewinkt: „Wenn wir die aus den Wänden pulen“, habe es geheißen, „stecken die morgen wieder drin.“

Gesunde Paranoia

In der China-Zentrale einen abhörsicheren Konferenzraum einzurichten, diesen Plan haben die meisten deutschen Konzerne schnell wieder zu den Akten gelegt. Für effektiven Schutz müsste chinesischen Mitarbeitern der Zutritt zum Hochsicherheitstrakt verwehrt bleiben, heißt es aus einem Unternehmen mit Sitz in der Hauptstadt – im Büroalltag eine wenig praktikable und zudem „rassistische“ Idee.

Stattdessen leben die deutschen Manager in China seit jeher mit gesunder Paranoia: Am Telefon, im Auto, in der vermeintlich abgeschiedenen Ecke im Restaurant bleibt Sensibles aus Geschäft und Familie tabu. „Dort reden wir nur Klartext, wenn wir unseren Freunden am Ende der Leitung eine Botschaft senden wollen“, heißt es in Industriekreisen. Wer hingegen mit den Vorstandskollegen berät, mit welcher Strategie die Konkurrenz aus dem chinesischen Staatssektor aus dem Feld zu schlagen ist, tritt dafür zum Gespräch ins Freie – und stellt sich „ganz dicht zusammen“, wie die Manager vergnügt im Stil eines Geheimagententhrillers zum Besten geben.

China ist kein Einzeltäter

Reisen deutsche Wirtschaftsführer mit der Bundeskanzlerin im Regierungsflieger nach Peking, lautet seit Jahren die Ansage: Smartphones zu Hause lassen. Selbst einfache Beamte aus Wirtschaftsministerium und Auswärtigem Amt zeigen bei ihren China-Stippvisiten im Delegationshotel stolz Billighandys vor, die nach der Rückkehr im Sondermüll landen.

Die Dimension und Härte der Angriffe in China sei jedoch neu, verlautet es aus Deutschland. Nicht nur, dass sich die Konzerne um China neues Cybersicherheitsgesetz sorgen, das Firmen wie Apple zwingt, die Kundendaten auf chinesischen Servern zu speichern, die von der Regierung gewartet werden. Nun klebten die Manager wie im Fernsehkrimi sogar Haare an die Hoteltür, um zu überprüfen, ob es ungebetenen Besuch gegeben hat, während sie auf Tagung oder Fabrikrundgang weilten.

Auf rund 100 Milliarden Euro schätzt die Bundesregierung den jährlichen Schaden, der deutschen Unternehmen durch „Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung“ entsteht. Ausgerechnet hat die Zahl das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Jedes zweite Unternehmen werde angegriffen, hat der Digitalverband Bitkom bereits 2017 mitgeteilt – Tendenz steigend. Knapp 200.000 Mitarbeiter aus Ministerium für Staatssicherheit und der Volksarmee horchten ausländische Unternehmen aus, hat der Verfassungsschutz gezählt. Bei Reisen nach China empfehle es sich, auf „Daten, Skizzen oder Prototypen“ zu verzichten, rät die Industrie- und Handelskammer Pfalz.

Spioniert werde dabei nicht nur in China, sondern überall auf der Welt, sagt Schnüffelexperte Parenty. Als ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Nachrichtendienstes NSA muss er es wissen. Erst sechs Jahre ist es her, dass sein ehemaliger Kollege Edward Snowden enthüllte, wie amerikanische und britische Geheimdienste Microsoft, Google, Facebook und Apple dafür einspannten, Menschen in den Vereinigten Staaten und im Rest der Welt im Internet zu durchleuchten. Die Aussage des deutschen Verfassungsschutzes, es gebe „keine konkreten Anhaltspunkte, dass Nachrichtendienste verbündeter Staaten systematische Wirtschaftsspionage gegen die Bundesrepublik Deutschland“ betrieben, hält Parenty für Geschwätz. So sei etwa Frankreichs Geheimdienst dafür berüchtigt, alles dafür zu tun, dass sich die Geschäftsaussichten französischer Unternehmen auf dem Weltmarkt verbessern. „In China ist die Spionage nur sehr viel offensichtlicher.“

Dass es dort eine Order der Führung gäbe, Ausländer und ihre Gerätschaften stärker zu durchleuchten, glaubt der Sicherheitsexperte nicht. Stattdessen habe sich die Atmosphäre im Land verändert. Seit Staatspräsident und Parteichef Xi Jinping Ende 2012 die Macht übernommen habe, schlage in China der zuvor von Kapitalismus und Korruption ausgezehrte Staat zurück. „Interesse an Spionage hatten die Behörden schon immer“, sagt Parenty. „Der Unterschied zu früheren Zeiten ist, dass sie das heute durchsetzen.“

So habe in der Zeit vor Xi Jinping ein westlicher Maschinenbauer in Peking Besuch von der Polizei erhalten – mit der Aufforderung, den Livestream der Sicherheitskameras in der Fabrik an die Wache weiterzuleiten. Doch das Unternehmen habe sich schlicht verweigert. „Die Sicherheitsleute haben die Polizisten einfach fortgeschickt.“ Derlei Ungehorsam gegenüber der Obrigkeit sei im heutigen China nicht mehr möglich.

Tiefes Misstrauen

Tatsächlich agierten unter der Herrschaft des allmächtigen Parteichefs Xi Jinping viele Kader, aber auch normale Arbeitnehmer mit vorauseilendem Gehorsam – und beschafften Behörden und Staatsunternehmen Wissen der Konkurrenz in rauhen Mengen, heißt es von einem westlichen Manager in Peking. „So glaubt jeder, bei der Führung Pluspunkte sammeln zu können“ – was in Zeiten der Antikorruptionskampagne mit Millionen Verhaftungen nicht unwichtig ist.

Und so warnt sogar die Duke Kunshan University, eine staatliche Hochschule in der Provinz Jiangsu eine Autostunde von Schanghai entfernt, Besucher aus dem Ausland davor, vor dem China-Besuch das Sicherheitsupdate nicht zu vergessen. Im Zweifelsfall stelle die Universität ein „Leihgerät“ mit sauber geschrubbter Festplatte zur Verfügung.

Dass sich sogar die Chinesen untereinander ausspionieren, wie vor ein paar Jahren bekanntwurde, als drei Kader verurteilt wurden, weil sie einen Parteisekretär mit einer auf einen Wasserspender geklebten Wanze belauscht hatten: Das macht die Sorge der Ausländer vor dem Verlust von Geschäftsgeheimnissen in China nicht kleiner. Das weiß man nicht zuletzt beim Technologiekonzern Huawei nur zu gut. Amerika wirft dem Netzwerkausrüster Spionage im Auftrag Pekings vor und drängt die Bundesregierung, die Chinesen vom Bau des neuen 5G-Netzes auszuschließen. Seine Unternehmen zur Schnüffelei anzuhalten sei nicht Pekings Stil, musste sich vergangene Woche sogar Ministerpräsident Li Keqiang gegen den Verdacht wehren.

Das Misstrauen gegen China sitzt tief. Schreiten ausländische Besucher in der Huawei-Zentrale in Shenzhen die Produktionskette für Huaweis Smartphone P20 ab, müssen sie zuvor nicht nur Kittel und Haube über Haare, Körper und Schuhe streifen, sondern auch das Handy abgeben. Damit ja nicht der Verdacht aufkommt, die Chinesen würden bei dieser Gelegenheit im Hinterzimmer aus den Geräten die Daten absaugen oder darin Wanzen einbauen, trägt eine Mitarbeiterin der Besuchergruppe die Smartphones im Metallkoffer hinterher – das vermittelt zumindest ein wohliges Gefühl von Sicherheit.

Die größte Gefahr liegt an der Bar

Ein gutes Gefühl sollen wohl auch die Schließfächer mit Aufladekabel bereiten, die vor vielen Sitzungsräumen westlicher Unternehmen in China den Smartphones der Vorstände Asyl bieten. Unsinn sei das, wettert Sicherheitsberater Parenty: „Die recht sicher geschützten Handys sind draußen, und drinnen steht vor jedem Manager ein Laptop mit Mikrofon und Kamera – für Cyberspione das perfekte Werkzeug.“ Davon, das Smartphone zu Hause zu lassen und von unterwegs mit eigens angelegter G-Mail-Adresse zu mailen, hält der Experte nichts: „Ihrem Geschäft können Sie so kaum nachgehen, und sicherer kommunizieren Sie auch nicht.“

Wer die E-Mail eines kommerziellen Anbieters nutze, mache sich schon dann ausspionierbar, wenn der Empfänger der Nachricht eine Adresse bei einem anderen Dienst habe. Stattdessen rät der Experte zu Apples Mobilgeräten wie iPhone und iPad, deren Verschlüsselungssoftware ohne Quantencomputer kaum zu knacken sei. Der Laptop indes solle zu Hause bleiben – ein Rat, den auch immer mehr Dax-Manager befolgen. Die größte Gefahr, ausspioniert zu werden, sei ohnehin an anderer Stelle zu finden, heißt es unisono bei den Abwehrkämpfern von Staat und Privatwirtschaft: zu später Stunde, analog und alkoholisiert an der Hotelbar.