Am Sonntag stimmen die Schweizer über die Übernahme des verschärften EU-Waffenrechts ab. Die EU will so den Terrorismus bekämpfen. Für viele Schweizer ist das Gesetz aus Brüssel ein Anschlag auf die bürgerliche Freiheit.

Eigentlich hat Werner Stauffer dieses Wetter nicht verdient. Seit 20 Jahren organisiert er als „Feldchef“ Jahr für Jahr das eidgenössische Feldschießen im Kanton Aargau. Die Veranstaltung gilt als größtes Schützenfest der Welt.

Überall in der Schweiz werden am letzten Maiwochenende Menschen zur Waffe greifen. Allein im Aargau waren es im Vorjahr mehr als 13.000. Stauffer wird das letzte Mal verantwortlich sein, deshalb findet der „Kick-off“ heute in seiner Heimatgemeinde Dürrenäsch statt.

Die lokale Prominenz ist anwesend und der Kommandant der „Territorialdivision 2“. Die Musikgesellschaft Dürrenäsch intoniert den Marsch „Feurig Blut“. Aber es gießt an diesem Maiabend in Dürrenäsch wie aus Alpkuhweidetrögen. Man flüchtet zum Nachtessen ins benachbarte Schützenhaus. Das ist durchaus symbolträchtig. Denn über den Schweizer Schützen brauen sich dunkle Brüsseler Wolken zusammen.

Die Jahrhunderte alte Tradition des bewaffneten Bürgers

Am 19. Mai stimmen die Schweizer über die Übernahme der verschärften EU-Waffenrechtlinie ab. Und der Bundesrat, der das Gesetz in Brüssel mit ausgehandelt hat, empfiehlt die Annahme. Ansonsten drohe der Schweiz der Ausschluss aus dem Schengen-Raum. Das gefährde die Arbeit der Sicherheitsorgane, bedrohe die Reisefreiheit und belaste die Wirtschaft.

Dass die EU-Richtlinie eine Reaktion auf die Anschläge von Paris ist und dem Kampf gegen den Terrorismus dienen soll, erwähnen die Befürworter kaum, denn das Argument ist in der Schweiz von mäßiger Überzeugungskraft. Der bewaffnete Bürger hat hier eine jahrhundertealte Tradition, ohne dass er als Terrorist auffällig geworden wäre.

Für die Gegner ist das Gesetz deshalb ein Anschlag auf ihre bürgerlichen Freiheitsrechte. „Stopp dem Entwaffnungsdiktat der EU“ steht auf ihren Plakaten. Die Übernahme der EU-Waffenrechtlinie halten sie für „unrecht“, „freiheitsfeindlich“, „nutzlos“, „gefährlich“ und nicht zuletzt für „anti-schweizerisch“.

Stauffer seufzt beim Nachtessen im Schützenhaus von Dürrenäsch, wo selbstverständlich Schützenbraten serviert wird. Wenn das Gesetz durchkomme, würden die Sturmgewehre der Schweizer Armee, das „57er“ und das „90er“, mit denen bis heute die meisten Schweizer Schützen schießen, zu verbotenen Waffen, für die man eine besondere Genehmigung benötige. Diese muss dann alle fünf Jahre erneuert werden. Zudem müssen sämtliche Einzelteile der Waffe registriert werden. Das 57er und das 90er sind jene Gewehre, welche die Angehörigen der Schweizer Armee früher auch nach Ende der Dienstpflicht mit nach Hause nahmen und dort verwahrten.

Die Idee dahinter: Die Schweiz verstand sich spätestens seit der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1874 als Milizarmee, die binnen kürzester Zeit mobilisiert werden konnte. Deshalb hortete jeder Rekrut die Büchse mit 24 Schuss zu Hause.

Seit den 90er-Jahren geht die Zahl der Soldaten, die die Waffe daheim lagern, zwar kontinuierlich zurück: Waren es 2004 noch 43 Prozent und damit fast 20.000 Sturmgewehre, waren es 2017 nur noch 1523. 90 Prozent der Soldaten geben die Waffe inzwischen nach Ende der Dienstpflicht wieder ab. Zudem darf die Munition nicht mehr zuhause gelagert werden. Aber die Tradition wirkt nach.

Stauffer datiert ihre Ursprünge sogar auf das 16. Jahrhundert: „Das basierte auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat. Das wird durch das neue Gesetz zerstört. Und das kreiden wir dem Bundesrat an. Die haben einfach nur Angst, dass wir aus Schengen rausgeworfen werden.“

Dass das Gesetz Terroristen davon abhalten könnte, an automatische Waffen zu gelangen, glaubt Stauffer nicht. „Nach den Anschlägen mussten die Politiker halt irgendetwas machen. Und jetzt haben sie ein Gesetz gemacht, das unbescholtene Bürger trifft. Aber diejenigen, die solche Taten begehen wollen, die kommen immer irgendwo an Waffen.“

Auf den Bierbänken des Schützenhauses liegt der Menüplan des Abends. Dekoriert ist er mit einem Zitat aus dem Jahre 1946. Es stammt vom General Henri Guisan, dem Oberkommandierenden der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg, der das Alpenfestungssystem „Réduit“ anlegte: „Ein grauenhafter, eben beendeter Krieg hat unser geliebtes Schweizerland wiederum wie durch ein Wunder verschont, nicht zuletzt darum, weil wir im Jahr 1939 auf gut ausgebildete und gut schweizerisch gesinnte Schützen zählen konnten. Daran wollen wir immer denken, denn es werden wieder Zeiten kommen, da man unsere Schützen mit der umgehängten Waffe scheel belächelt oder gar anpöbelt.“

„Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee“

Der Mythos der wehrhaften Schweiz lebt. Auch Jürg Weber, der im Aargauer Schießsportverband „Abteilungsleiter Gewehr“ ist, glaubt, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg ohne eigene starke Armee wohl besetzt worden und nicht unabhängig geblieben wäre. Auch wenn das sicher nicht der einzige Grund gewesen sei, der die deutsche Wehrmacht von einer Invasion abgehalten habe. Die Wehrhaftigkeit sei in der Schweiz stets sehr ausgeprägt gewesen.

„‚Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee‘, hieß es lange Zeit“, sagt Weber. Die Schützenvereine hätten lange die Aufgabe gehabt, für die „Erhaltung der Schießfertigkeit im Sinne der Landesverteidigung zu sorgen“. Doch auch für Weber ist es nicht in erster Linie die stolze Armeetradition, die ihn zu einem Gegner des Gesetzes macht.

Für den 48-Jährigen ist es eine Prinzipienfrage: „Es geht um den Wechsel von einem Recht auf ein Verbot. Bislang hatte man ein Anrecht darauf, eine Waffe zu besitzen, wenn nichts gegen einen vorlag. Künftig wird das verboten, und man braucht eine Ausnahmeregelung. Da bin ich prinzipiell dagegen.“

Zudem fürchtet er, dass eine Bestimmung, die alle fünf Jahre überprüft werden soll, eine Art „Salamitaktik“ sei, die einen Automatismus von immer strengeren Verboten nach sich ziehen könnte. Dass das Gesetz Menschenleben retten könnte, glaubt Weber nicht. „Für die hohe Waffendichte in der Schweiz gibt es extrem wenige Vorfälle“, findet der Sportschütze Weber, den es jedes Mal schmerzt, wenn nach einem Attentat in den Nachrichten von „Schütze“ gesprochen wird, statt von „Täter“.

Wie viele Waffen in der Schweiz in Umlauf sind, weiß niemand genau, je nach Schätzung sollen es zwischen 2,5 und 3,5 Millionen sein. Dann hätte jeder dritte Bürger eine. Wie gefährlich das ist, ist eine Frage der Interpretation der Statistiken. Stimmt die höhere Schätzung, die von der Genfer NGO Small Arms Survey aus dem Jahr 2011 stammt, hätten nur die USA und der Jemen eine höhere Waffendichte.

Tatsächlich ist die Zahl aufsehenerregender Vorfälle gering: Im September 2001 tötete ein Attentäter im Kantonsrat von Zug 14 Menschen und anschließend sich selbst. Er benutzte dabei auch ein 90er Sturmgewehr. Das Zuger Attentat war – zwei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September – ein Schock für die Schweiz, blieb aber die Ausnahme. Auch die Zahl der Morde mit Schusswaffen ist im europäischen Durchschnitt. Bedenklich sind indes die Suizidzahlen. Etwas mehr als 200 Menschen töten sich pro Jahr mit Schusswaffen in der Schweiz. Nur in den USA ist die Quote pro Einwohner noch höher.

Für Weber sind die Sicherheitsargumente jedoch vorgeschoben. Selbst die Schweizer Justizministerin Karin Keller-Sutter habe in einer Debatte eingeräumt, das Waffenrecht in der Schweiz sei eigentlich kein Problem. Aber der EU-Verordnung stimme man trotzdem zu, um den Rauswurf aus Schengen nicht zu riskieren.

In der Tat ist auffällig, dass in den Flugblättern der Befürworter der Initiative nie argumentiert wird, das Waffenrecht müsse unbedingt verschärft werden. Stattdessen geht es allein um den Zugang zum Schengen-Informationssystem, um den reibungslosen Grenzverkehr und den finanziellen Nutzen der Mitgliedschaft im Schengen-Raum. „Ja zum Waffenrecht“ sagen bis auf die rechtskonservative SVP von der freisinnigen FDP über die konservative CVP bis zu den Grünen und den Jusos sämtlicher Schweizer Parteien und die Wirtschaftsverbände.

„Schießen ist mein Yoga“

Die Debatte ist geprägt von einem deutlichen Stadt-Land-Gegensatz. Den wenig waffenaffinen liberalen Stadtbewohnern ist das Thema nicht wichtig genug. In den ländlichen Kantonen gehört Schießen dagegen zur Schweizer Tradition wie das Schwingen. Gerade dass die urbanen Vertreter der etablierten Parteien und des Establishments sich dem Druck aus Brüssel beugen, um etwas scheinbar Urschweizerisches aufzugeben, bringt die Gegner auf. „Ich denke nicht, dass wir so schnell aus Schengen rausfliegen, wenn wir Nein sagen“, sagt Weber.

Sein Schützenkamerad Christoph Riner sieht das ähnlich. Er ist Großrat, also Abgeordneter für die SVP im Kanton Aargau, und beim Schützenverein Helvetia Oberzeihen aktiv. Auf seiner Internetseite wirbt der 42-Jährige mit dem Slogan „ächt bodenständig“ für sich. „Die Politiker haben Angst, anstatt zu gucken, was für das Schweizer Volk gut ist“, findet Riner, der durch seinen Vater zum Schießsport kam. Etwa einmal die Woche ist er auf dem Schießstand seines Vereins in Effingen im Kanton Aargau.

An diesem Dienstag hat er mit dem 90er Sturmgewehr 88 Punkte auf 300 Meter geschossen, für einen vorderen Platz im Tagesranking reicht das nicht, wie sich bei der Siegerehrung in der Schützenstube herausstellt. Riner trägt’s mit Fassung, für ihn ist Schießen vor allem eine Konzentrations- und Entspannungsübung. „Schießen ist mein Yoga“, sagt Riner. Aber eben auch eine Herzensangelegenheit. „Es gab wahrscheinlich noch nie eine Abstimmung, die mir so nahging“, räumt er ein.

Christoph Riner, Schütze und SVP-Abgeordneter im Kantonsrat Aargau

Die Umfragen sind für die Schützen nicht günstig, die Zeichen stehen auf Niederlage. „Es wird sicher komisch, wenn wir dann eine Woche nach der Abstimmung beim Feldschießen auf einmal mit einer künftig verbotenen Waffe schießen“, sagt Riner. „Aber als guter Demokrat musst du dann damit leben.“ Trotzdem glaubt er, dass dieses Referendum nachhallen und die Skepsis gegenüber der EU in der Schweiz verstärken wird. Es sei eben ein Stück Schweizer Geschichte, das da verhandelt werde.

„Der Tell-Mythos, das haben die Leute schon im Herzen“, sagt Riner in Erinnerung an den Schweizer Freiheitshelden. „Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt“, lässt Schiller Tell sagen. „Vielleicht bin ich etwas zu traditionsbewusst“, sagt Riner, „aber um in die Zukunft gehen zu können, muss man wissen, wo man herkommt.“

Martin Eerhard ist aus Argentinien in die Schweiz gekommen, um sich hier eine Zukunft aufzubauen. In Schinznach-Dorf betreibt der ehemalige Polizist die „Swiss Shooting Range“, einen unterirdischen Schießkeller in einem Industriegebiet. Während die Schützenvereine die Tradition verkörpern, tummelt sich in Eerhards Keller eine etwas andere Szene. Hier wird mit allem geschossen, was erlaubt ist.

Hinter den Vitrinen bietet der lizenzierte Waffenhändler Pistolen von Glock, Smith & Wesson, Sig Sauer, halb automatische Heckler & Koch-Gewehre oder die bei Attentätern beliebte AK 47 an. Zu seinen Kunden gehörten Behörden und Grenzwächter, erzählt Eerhard, weil es zu wenige Schießstände gäbe. Aber auch Hobbyschützen und Leute, die Spaß am „Tactical Shooting“ haben. Darunter versteht man Schießsportübungen, die realen Gefechtsübungen relativ nahekommen.

Martin Eerhard, Besitzer der “Swiss Shooting Range“

In Eerhards Shooting Range gibt es bewegliche Zugscheibenanlagen, „dynamische Landschaften“ und einen halben VW Golf, aus dem man schießen kann, wenn man mal Personenschützer spielen will. „Sicherheit steht aber an erster Stelle“, betont Eerhard. Wer zu viele Rap-Videos geguckt habe und es mit „Motherfucker Style“ versucht, fliegt raus. Seine Kunden hat Eerhard durch drei Zentimeter dicke Panzerglasscheiben im Blick.

Und wer geht zum Schießen im idyllischen Aargau in den Keller? „Ganz normale Leute“, versichert Eerhard, in dessen Büro ein Bild mit mit dem lateinischen Motto „Willst du den Frieden, dann bereite dich auf den Krieg vor“ hängt. „Für viele ist das ein Ausgleich zum Bürojob.“ In der Abstimmungsfrage möchte er „politisch neutral“ bleiben, da er als Deutsch-Argentinier nicht mitstimmt.

Das Schießgeschäft läuft gut, ein Ausbau der Anlage ist in Planung. In der Shooting Range kann man alle möglichen Waffen ausprobieren, bevor man sich eine eigene zulegt. „Wir unterstützen dabei aber nicht den Gedanken, dass die Leute sich selbst verteidigen müssen. Dafür sind die Behörden zuständig“, findet Eerhard. Doch den verantwortungsvollen Umgang mit Waffen zu erlernen, sich dabei konzentrieren zu müssen, das habe einen positiven Effekt: „Wir nehmen den Leuten die Ego-Shooter-Fantasien weg“, glaubt er.

Eine Art Hintertür, die Schweiz zu europäisieren

In der malerischen Baseler Altstadt führt Hanspeter Beierer seit mehr als 30 Jahren das Waffengeschäft gleichen Namens. Dass er schon berufsbedingt kein Fan des Gesetzes ist, sieht man am großen „Nein“-Plakat in seinem Schaufenster. Aber auch Beierer geht es ums Prinzip. Er findet es „grundsätzlich schlecht, wenn etwas zentralistisch entschieden wird, das man regional besser entscheiden kann“. Man schleuse ein Gesetz durch, und es sei völlig unklar, wie die Bestimmungen in der Praxis dann aussähen, klagt er.

Wichtiger ist ihm aber noch ein anderer Aspekt. Es gebe halt viele Leute, die grundsätzlich nicht wollten, dass andere bewaffnet sind. Die beharrten auf dem Gewaltmonopol des Staates. „Aber hier in der Schweiz ist nun mal das Volk die letzte Instanz“, findet Beierer. Und das sei für ihn „das einzig Vernünftige“. Das Waffengesetz ist für Beierer eine Art Hintertür, um die Schweiz zu europäisieren – und so die direkte Demokratie auszuhebeln. Und das will er nicht.

Einer von Beierers Kunden ist Peter Balzer. Der 53-jährige Manager in der Luftfahrtindustrie hat selbst für Schützen ein ausgefallenes Hobby: Er schießt „long range“, mit einem Gewehr auf 1000 Meter Entfernung auf eine DIN-A4-große Stahlscheibe. Das Hobby betreibt er in einem diskreten Klub, in den man nur auf Fürsprache eines Paten gelangt. Aber, so versichert Balzer, „dort laufe niemand im Tarnanzug herum“. Das seien „vom Postboten bis zum Metzger“ alles Leute, die ordentlich ihre Steuern zahlten.

Für Balzer, der mit acht Jahren mit dem Schießen begann, ist das geplante Gesetz ein Anschlag auf das Prinzip des Liberalismus, das Grundvertrauen in den Bürger. Dies habe die Züricher Philosophieprofessorin Josette Baer Hill neulich treffend dargelegt. „Und nun wird in einem Hinterzimmer in Brüssel entschieden, was mein Hobby sein darf und was nicht.“ Wenn das so weitergehe, fürchtet Balzer, „werden irgendwann wieder Bücher verbrannt.“