Sir Martin Rees ist Experte für die Bedrohungen unserer Zivilisation. Er erklärt, warum der Klimawandel nicht die größte Gefahr ist, welche Risiken die vernetzte Welt birgt und wie wir überleben können.

Der britische Astronom Sir Martin Rees publizierte vor 15 Jahren ein Buch mit dem Titel: „Unsere letzte Stunde“. Darin erklärt er, warum die moderne Naturwissenschaft das Überleben der gesamten Menschheit bedroht. Wie schätzt Rees (76) die Lage heute ein? Im Interview erklärt er, wo die größten Gefahren lauern und wie wir die Welt noch retten können.

TPN: Sind Sie heute optimistischer als noch vor 15 Jahren?

Martin Rees: Nein, das bin ich nicht. Zum einen verfügen wir heute über noch mächtigere Technologien, deren Missbrauch dramatische Folgen haben kann. Ich denke da etwa an die moderne Gentechnik oder die digitale Vernetzung. Zum anderen sind wir nach wie vor weit davon entfernt, den globalen Klimawandel zu stoppen. Tatsächlich beobachten wir in der Atmosphäre eine beschleunigte Zunahme der Kohlendioxidkonzentration. Und man kann nicht wissen, wo genau sich die sogenannten Tipping-Punkte des Klimasystems befinden, deren Überschreiten katastrophale Folgen für die gesamte Menschheit haben würde. Der Weltklimarat betont deshalb, dass wir den globalen Temperaturanstieg unbedingt auf maximal 1,5 Grad begrenzen sollten. Ich bin jedoch sehr pessimistisch, dass die dazu notwendigen, wirklich großen Schritte von den Staaten umgesetzt werden. Politiker, die wiedergewählt werden wollen, können keine unpopulären Maßnahmen beschließen.

TPN: Daraus folgt, dass eine Rettung der Welt entweder nicht mehr möglich ist oder nur noch von einer Öko-Diktatur geleistet werden könnte?

Rees: Nein. Es gibt eine andere Lösung. Und die heißt Wissenschaft. Wenn wir die Erforschung und Entwicklung von sauberen Energien intensivieren und dafür ähnlich viel Geld wie beispielsweise für das Militär ausgeben würden, dann könnten wir schon bald über CO2-neutrale Technologien verfügen, die elektrischen Strom sogar preiswerter als heutige Kohle- oder Gaskraftwerke produzieren. Und wenn sie preiswerter sind, dann werden sie sich gleichsam von alleine durchsetzen. Länder wie Indien könnten unmittelbar aus dem Zeitalter der Kohlenutzung zu sauberen Energien übergehen.

TPN: Was genau verstehen Sie unter sauberen Energien, also „clean energy“?

Rees: Alle Energieformen, bei deren Produktion kein CO2 entsteht. Dazu zähle ich ausdrücklich auch die Atomenergie.

TPN: In Deutschland wurde 2011 die Energiewende eingeleitet. Dazu gehört ein Ausstieg aus der Atomenergie. Die Emissionen von Kohlendioxid haben sich bislang noch nicht verringert.

Rees: Ja, weil in Deutschland immer noch sehr viel Kohle verbrannt wird. Kernkraftwerke stoßen hingegen kein Kohlendioxid aus. Was wir brauchen, ist eine intensive Forschung bei allen Technologien, die zu einer CO2-neutralen Energieversorgung beitragen können. Dazu gehört die Weiterentwicklung von Solar- und Windenergieanlagen, die Entwicklung von effizienteren Batterien und intelligenten Netzen zur Stromversorgung. Und eben auch die Entwicklung von besseren Kernkraftwerken. Das Design der heutigen Atomkraftwerke stammt aus den 1960er-Jahren. Da ist seitdem nichts Wesentliches verbessert worden. Doch es gibt viele spannende Ideen für Kernreaktoren der sogenannten vierten Generation: Kugelhaufen- und Thoriumreaktoren sowie Miniaturatomkraftwerke, die auf einem Lastkraftwagen Platz finden. Das alles sollte man intensiv vorantreiben. Es geht billiger und besser.

TPN: Geht Deutschland mit dem Verzicht auf Kernenergie den falschen Weg?

Rees: Es steht mir nicht an, Deutschland Ratschläge zu geben. Für mich war es jedenfalls eine große Überraschung, dass Deutschland nach dem Unglück von Fukushima auf diese Weise reagiert hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir das Ziel der Null-Emission von Kohlendioxid ohne Atomenergie nicht erreichen können. Wir sollten auch die Entwicklung von Fusionsreaktoren vorantreiben. Ob diese Technologie jemals funktionieren wird, ist noch nicht klar, doch wir müssen es unbedingt probieren.

TPN: Die Versorgung der Menschheit mit Energie ist nur eine der Herausforderungen. Eine wachsende Weltbevölkerung muss auch mit Nahrung und Wasser versorgt werden. Ist das Kernproblem nicht die Überbevölkerung?

Rees: Langfristig muss man diesen Aspekt natürlich im Blick behalten. Vorerst sehe ich hier aber nicht das drängendste Problem. Die Zahl der Geburten nimmt ja bereits ab. Dass die Weltbevölkerung dennoch wächst, ist eine Folge der gestiegenen Lebenserwartung. Die Probleme gehen letztlich nur von den zwei Milliarden reichsten Erdbewohnern aus, deren Lebensstil sich eben nicht auf neun Milliarden Menschen übertragen lässt. Doch auch hier können uns wieder Wissenschaft und Forschung helfen. Es ist mittlerweile möglich, künstliches Fleisch im Bioreaktor, ausgehend von nur einer Zelle, zu produzieren. Dafür wird deutlich weniger Energie und Wasser benötigt als bei der klassischen Produktion von Fleisch.

TPN: Aber wir dürfen künftig nicht mehr so viel reisen wie bisher?

Rees: Autos kann man elektrisch antreiben und wenn der Strom dafür aus sauberen Energiequellen stammt, ist das ja klimaneutral. Flugzeuge wird man allerdings auf absehbare Zeit nur mit Kohlenwasserstoffen betreiben können. Die Dekarbonisierung des Luftverkehrs ist schwierig. Wenn alle Menschen so viel fliegen würden wie wir in der westlichen Welt, wäre das für das Weltklima fatal. Ich wundere mich sehr darüber, dass noch immer so viele Geschäftsleute rund um den Globus jetten. Die könnten ihre Termine doch auch problemlos per Telekonferenz abwickeln.

TPN: Vielleicht reisen sie ja einfach gerne.

Rees: Das kann natürlich sein.

TPN: Das Klima ist Ihre größte Sorge?

Rees: In meinem neuen Buch „On the Future“ unterscheide ich zwei Kategorien von Katastrophen. Für den Klimawandel und seine schrecklichen Folgen ist ein kollektives Verhalten der Menschen verantwortlich. Aber auch ein einzelnes Individuum könnte eine Menschheitskatastrophe auslösen – etwa durch den Missbrauch von Biotechnologie. Durch moderne Technologien sind Chancen und Risiken gleichermaßen gewachsen. Wir haben da ein ganz neues Niveau erreicht. Im 19. Jahrhundert konnte im schlimmsten Fall ein Dampfkessel explodieren. Das war für die Betroffenen auch ein tödliches Ereignis, aber es war lokal begrenzt. Heute kann ein einzelnes Ereignis die gesamte Menschheit in Mitleidenschaft ziehen.

TPN: Ein Einzelner könnte also die gesamte Zivilisation zerstören?

Rees: Das liegt im Bereich des Möglichen. Auch eine natürliche Pandemie hat das Potenzial dazu. Im Mittelalter hat die Pest ganze Regionen entvölkert. Heute wären die Folgen einer ähnlichen Pandemie noch dramatischer, denn wir sind verwundbarer geworden. In einer solchen Situation käme es recht schnell zu übervollen Krankenhäusern und einem Zusammenbruch der Gesellschaft und der Infrastruktur. Durch die globale Vernetzung hätte der betreffende Erreger überdies die Chance, sich schnell weltweit zu verbreiten. Dieses düstere Szenario ist grundsätzlich auch mit einem Virus möglich, der von einem Bioterroristen im Heimlabor mit den Methoden der modernen Gentechnologie hergestellt worden ist. Im globalen Dorf können Idioten eine globale Reichweite erzielen. Und die Politiker machen sich zu wenig Gedanken über diese Risiken. Sie sollten da dringend auf ihre wissenschaftlichen Berater hören.

Er beschäftigt sich mit dem Ende der Welt: Der Astronom Sir Martin Rees, hier bei der Gedenkveranstaltung für den verstorbenen Astrophysiker Stephen Hawking

TPN: Entschuldigen Sie diese vielleicht etwas zynisch klingende Frage: Wenn durch eine Pandemie ein großer Teil der Menschheit dahingerafft würde, wäre damit nicht auf der anderen Seite das Weltklimaproblem gelöst?

Rees: Das glaube ich nicht. Die Pandemie würde zu einem verheerenden Zusammenbruch der Infrastruktur führen, sodass die für die Lösung des Klimaproblems notwendige Forschung auf absehbare Zeit nicht mehr möglich wäre. Es wäre nichts gewonnen.

TPN: Nicht nur die Biotechnologie lässt sich missbrauchen. Wie gefährlich können etwa Cyberattacken sein?

Rees: Sehr gefährlich. Die globale Vernetzung der Welt macht uns sehr verwundbar. Nehmen wir an, dass das Stromnetz der USA nach einem Cyberangriff zusammenbricht. Die Folgen wären extrem dramatisch, man könnte den Angriff als Kriegserklärung sehen. Es wäre durchaus denkbar, dass die Reaktion ein Angriff mit nuklearen Waffen wäre – selbst wenn sich nur vermuten ließe, wer für die Cyberattacke verantwortlich war.

TPN: Was könnte man tun, um ein solches Szenario zu verhindern? Sollte kritische Infrastruktur vom Netz gehen?

Rees: Ich weiß nicht, ob das in allen Fällen möglich ist. Man sollte jedoch kritische Systeme mit Firewalls und ähnlichen Technologien bestmöglich absichern. Auch Firmen tragen hier eine große Verantwortung. Helfen könnte hier in Zukunft auch die künstliche Intelligenz.

TPN: Doch die künstliche Intelligenz könnte auf der anderen Seite auch die Angreifer unterstützen?

Rees: Ja, an dieser Stelle müssen wir wohl mit einer Rüstungsspirale rechnen. Immer intelligentere Angreifer stoßen auf eine immer intelligentere Verteidigung. Dabei werden die Einsätze immer höher und das Risiko nicht kleiner. Wir sind dazu verdammt, immer mehr Geld für Sicherheit ausgeben zu müssen. Und das Leben wird dadurch immer weniger angenehm. Denken Sie nur an die lästigen, aber leider notwendigen Sicherheitskontrollen an Flughäfen. Wenn wir in einer Welt leben würden, in der jeder jedem trauen könnte, dann würden wir unglaubliche Mengen an Geld sparen.

TPN: In einer vernetzten Welt ohne Privatheit können Menschen doch lückenlos kontrolliert und gefährliche Idioten rechtzeitig erkannt werden?

Rees: Tatsächlich ist es so, dass für die junge Generation Privatheit kein Wert mehr ist. Sie geben praktisch alles von sich preis und beobachten sich quasi gegenseitig. Diese Form der sozialen Kontrolle ist vielleicht gar nicht schlecht. Doch natürlich gibt es Risiken, insbesondere, wenn eine Überwachung von einzelnen Firmen oder Staaten ausgeht.

TPN: Angenommen, Sie wären für einen Tag der Chefredakteur einer großen Tageszeitung. Welches Thema würden Sie auf der Seite eins bringen?

Rees: Ich würde versuchen, den Menschen zu erklären, dass Glück nicht unmittelbar mit Wohlstand zusammenhängt. Die materiellen Lebensumstände werden oft stark überbewertet. Besser wäre es, mit einem Teil des verfügbaren Geldes zur Verbesserung der Welt beizutragen.

TPN: Zum Beispiel?

Rees: Es gibt viele Möglichkeiten: Beispielsweise Bäume pflanzen, etwas gegen die Armut in Afrika tun, bessere Kernkraftwerke konstruieren, die Entwicklung von künstlichem Fleisch und die Wissenschaft insgesamt unterstützen. Wissenschaft und Technik sind unverzichtbar, wenn wir die Probleme der Welt lösen und die Risiken begrenzen wollen.

Martin John Rees, Baron Rees of Ludlow, wurde 1942 in York geboren. Er studierte Mathematik am Trinity College in Cambridge, promovierte 1967 und wandte sich dann der Astrophysik zu. Seine Karriere führte Rees an zahlreiche Universitäten: Sussex University, University of Cambridge, Gresham College und Imperial College in London, University of Leicester, Darwin College, King’s College, Clare Hall und Jesus College in Cambridge. Von 2005 bis 2010 war er Präsident der Royal Society. Er ist seit 1995 Königlicher Astronom. Rees veröffentlichte mehr als 500 wissenschaftliche Arbeiten. Er befasst sich überdies mit den großen Herausforderungen der Menschheit. Nun hat er das Buch „On the future“ veröffentlicht.