Die chinesischen Crispr-Babys haben weltweit für Entsetzen gesorgt. Dabei wird übersehen, dass in den USA bereits Methoden der Gen-Optimierung auf den Markt kommen: zum Beispiel die Selektion von Embryonen nach Intelligenz.

Ich war so frei und habe alle potenziell abträglichen Beschwerden ausgeschaltet, sagt der Arzt und lächelt den werdenden Eltern beruhigend zu. „Vorzeitige Kahlheit, Kurzsichtigkeit, Alkoholismus und Suchtanfälligkeit. Neigung zu Gewalt, Fettleibigkeit …“ Stammelnd unterbricht ihn die junge Frau. Sie und ihr Mann hätten doch eigentlich nur schwere Krankheiten ausschließen wollen. „Sie möchten doch für Ihr Kind den bestmöglichen Start“, redet der Arzt den beiden zu. „Vergessen Sie nicht, dieses Kind ist immer noch von Ihnen. Nur eben das Beste von Ihnen. Sie könnten tausendmal natürlich empfangen und nie ein solches Ergebnis erzielen.“

Die Szene stammt aus dem Film „Gattaca“, der eine „nicht allzu ferne Zukunft“ beschreibt. Zwei Klassen von Menschen – natürlich gezeugte und genoptimierte – konkurrieren um die besten Jobs. Ein unfairer, unmenschlicher Wettbewerb, so wird dem Zuschauer bald klar.

Schneller als gedacht scheint aus Science-Fiction Realität geworden zu sein. Vergangenen Montag behauptete der chinesische Wissenschaftler He Jiangkui, ein menschliches Gen umgeschrieben zu haben. He hatte sieben Elternpaaren versprochen, ihre durch künstliche Befruchtung gezeugten Kinder immun gegenüber HIV zu machen. Nach bislang unbestätigten Angaben sind im November Zwillingsmädchen mit verändertem Erbgut auf die Welt gekommen, eine weitere Frau soll schwanger sein.

Eingesetzt hat der Chinese dafür Crispr, die gerade mal fünf Jahre alte Technik der Geneditierung. Im Gegensatz zu älteren Methoden der Gentechnik kann man damit sehr präzise den Code des Lebens umschreiben. Die gezielten Veränderungen unterscheiden sich im Prinzip nicht von Zufallsmutationen, wie sie natürlicherweise vorkommen. Pflanzenzüchter in der EU fordern daher – bislang vergeblich –, Crispr von dem Verbot der Gentechnik auszunehmen.

Was also Europäer noch nicht einmal bei Tomaten dulden, das hat ein chinesischer Forscher nun mutmaßlich mit menschlichen Embryonen getan. Diese Menschenversuche haben weltweit für Entsetzen gesorgt, eine Fortsetzung der Arbeit wurde vom chinesischen Wissenschaftsministerium jetzt untersagt.

Dabei sind die angeblichen Crispr-Babys in China wahrscheinlich nicht das dringendste Problem. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, entstehen in den USA und China neue Methoden der Embryonenselektion. Erste Firmen, deren Gentests sich nicht länger auf seltene Erbleiden beschränken, drängen auf den Markt. Offiziell geht es dabei um die Vermeidung von Krankheit. Doch es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sogar eine Selektion nach Intelligenz möglich ist.

Vermeidung von Erbkrankheiten war nur der Anfang

Das in North Brunswick, New Jersey, ansässige Unternehmen Genomic Prediction hat im Oktober auf dem jährlichen Treffen der Amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin ein neues Produkt vorgestellt – Gentests für Embryonen, um diese auf eine Veranlagung für Leiden wie Diabetes, Herzerkrankungen oder Brustkrebs untersuchen zu lassen. Darüber hinaus bietet die Firma auch Tests auf Kleinwuchs und „mental disability“ an, ein etwas schwammiger Begriff, den man mit „geistiger Behinderung“ übersetzen kann. Das erst im Mai 2017 gegründete Unternehmen richtet sich mit seinem Angebot an Fertilitätskliniken, die eine Präimplantationsdiagnostik durchführen – mit dieser Methode untersucht man das Genom von Embryonen, bevor diese ihren Müttern eingepflanzt werden. Bislang ging es dabei um die Vermeidung seltener Erbkrankheiten, so wie es unter strengen Auflagen auch seit einigen Jahren in Deutschland gemacht wird.

Die neuen Tests zielen nun aber nicht nur auf seltene Krankheiten ab, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbrechen werden. Sie analysieren Veranlagungen, die auf Hunderten oder Tausenden von Genvarianten beruhen. Jede dieser Genvarianten nimmt – zusammen mit der Lebensweise und Umwelteinflüssen – zu einem winzigen Anteil Einfluss darauf, ob ein Mensch im Laufe seines Lebens an Diabetes erkranken oder einen Herzinfarkt erleiden wird. Und sie beeinflussen auch Eigenschaften, die nicht unbedingt etwas mit Krankheit zu tun haben – dazu gehören zum Beispiel Körpergröße und Intelligenz.

„Wir hatten seit Oktober viele Anfragen, sowohl von IVF-Klinken und Laboren als auch von Privatpersonen mit Kinderwunsch“, sagte Stephen Hsu, einer der drei Gründer von Genomic Prediction. Mit den Gentests von Genomic Predicition könnten Eltern „Ausreißer“ unter ihren Embryonen aussortieren und damit bei komplexen Eigenschaften das Risiko einer besonders ungünstigen Ausprägung um das Fünf- bis Zehnfache reduzieren.

Man könnte solche Aussagen als Eigenwerbung eines Geschäftsmanns abtun, der windige Gentests verkaufen will. Doch Stephen Hsu ist nicht irgendwer. Der Physiker hat nicht nur eine Professur an der Michigan State University, er gehört auch zum Kernteam des Cognitive Genomics Lab am B.G.I. in Shenzhen, dem weltweit größten Genforschungszentrum. Das Projekt wurde 2011 ins Leben gerufen, um den Zusammenhang zwischen Genen und Intelligenz zu erforschen. Geleitet wird es von dem dänischen Bioinformatiker Laurent Tellier, der ebenfalls zu den drei Gründern von Genomic Prediction gehört. Das erklärte Ziel: die genetischen Grundlagen der Intelligenz zu erforschen.

Eine Prognose zum Schulerfolg ist durchaus möglich

Dass die menschliche Intelligenz etwa zur Hälfte vom Erbgut bestimmt wird, ist heute unbestritten. Sie beruht allerdings nicht auf einem Gen, sondern auf Tausenden von Genvarianten. Weltweit sind derzeit mehrere Arbeitsgruppen damit beschäftigt, diese Varianten aufzuspüren. Sie sequenzieren dafür die Genome vieler Menschen und vergleichen sie mithilfe enormer Rechenpower. Den bisher größten Erfolg bei dieser Suche hatte in diesem Jahr ein internationales Forschungskonsortium, das anhand von 1,1 Millionen untersuchten Europäern 1271 genetische Veränderungen im Erbgut fand, die die Intelligenz mitbestimmen. Fasst man die Beteiligung all dieser Gene zusammen, dann kann man einen sogenannten polygenen Score errechnen und daraus den IQ vorhersagen. Und die Psychologen müssen sich noch nicht einmal einigen, wie wichtig der Intelligenzquotient für den Schulerfolg ist und welche Eigenschaften dafür außerdem von Bedeutung sind: Anhand der bislang gefundenen genetischen Unterschiede können die Wissenschaftler sogar rund zehn Prozent eines erreichten Bildungsstands erklären.

Kommt also bald der Intelligenztest per DNA-Analyse? In den USA bieten bereits mehrere Firmen genau das an, eine Speichelprobe per Post genügt. Besonders sinnvoll scheint das allerdings nicht, denn ein viel genaueres Ergebnis erhält man ja, wenn ein Mensch einen direkten IQ-Test macht.

Ganz anders aber sieht es beim ungeborenen Leben aus. Schon wenige Tage nach der Verschmelzung von Eizelle und Spermium könnte man dem Zellhäufchen DNA entnehmen und eine zumindest vage Prognose über den künftigen Schulerfolg des potenziellen Kindes abgeben. Genomic Prediction beschränkt sich bislang ausdrücklich auf definierte krankhafte Zustände. So können Eltern mit dem Test untersuchen lassen, ob einer ihrer Embryonen womöglich einen Extremfall darstellt, bei dem das Kind mit einiger Wahrscheinlichkeit einen weit unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten haben wird.

Doch eine weitergehende Anwendung liegt auf der Hand, denn mit dem gleichen Test, der einen Embryo mit möglicherweise extrem niedrigem IQ aussortiert, ließe sich auch einer mit einer besonders günstigen Veranlagung finden. Ein junges, gesundes Paar kann bei einer künstlichen Befruchtung oft unter zehn Embryonen auswählen, die unter dieser Maßgabe miteinander verglichen werden könnten. Die Zahl ließe sich noch steigern, wenn es routinemäßig gelingt, menschliche Eizellen auch aus körpereigenen Stammzellen zu gewinnen. Den Frauen bliebe dann sogar die belastende hormonelle Stimulation erspart. Anhand von Genuntersuchungen könnte man diese Embryonen im Prinzip nach ihren potenziellen Eigenschaften sortieren.

Selektion auf Intelligenz steht kurz vor der Marktreife

Im Gespräch verneint Stephen Hsu die Frage, ob Genomic Prediction derartige Anwendungen plant. Auf seinem Blog äußert er sich freier: „Stellen Sie sich vor, was ein Paar zahlen würde, um unter zehn oder fünfzig möglichen Nachkommen den Besten auswählen zu können“, schrieb er 2012. „Vergleichen Sie das mit den Kosten einer Harvard-Ausbildung oder einer Privatschule… Ich hoffe, dass progressive Regierungen die Prozedur allen Menschen kostenlos zur Verfügung stellen werden. Der Nutzen, den man durch eine erhöhte Wirtschaftsleistung und verringerte Sozialkosten erzielen könnte, würde die Kosten bei Weitem überwiegen.“ Angesichts solcher Aussagen mag man kaum glauben, dass Genomic Prediction gegründet wurde, um wohlhabende Amerikaner vor dem Risiko zu schützen, „geistig behinderte“ Kinder auf die Welt zu bringen. Zudem ist Genomic Predicition kein Einzelfall. Laut dem „Economist“ wird 2019 auch eine weitere Firma, das im kalifornischen Menlo Park ansässige Unternehmen MyOme, mit einem ganz ähnlichen Ansatz an den Start gehen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich, wie im Fall der Crispr-Babys, eine erste Firma über bisherige ethische Normen hinwegsetzt.

Falls es He Jiankui tatsächlich gelungen ist, Babys mit Crispr immun gegen HIV zu machen, musste er dafür nur ein Gen zerstören. Ähnlich könnte man bei den monogenetischen Krankheiten vorgehen – doch die kann man bereits vermeiden, indem man einen Embryo ohne Erbfehler auswählt. Die allermeisten Krankheiten oder Eigenschaften beruhen auf sehr vielen Genen – für Intelligenz könnten es zehntausend sein. Sie mittels Crispr zu verändern, davon sind die Molekularbiologen noch weit entfernt. Ein echtes „Designerbaby“ liegt rein technisch noch weit außerhalb des Machbaren. Zudem müsste man bei einem solch tief greifenden Eingriff verstehen, was die einzelnen Gene eigentlich bewirken und wie sich die Veränderungen auf alle sonstigen Eigenschaften auswirken. Die vergleichsweise simple Selektion auf Intelligenz dagegen steht kurz vor der Marktreife. Eine Gesellschaft wie in „Gattaca“, in der wohlhabende Eltern ihre Kinder genetisch optimieren, ist keine theoretische Möglichkeit mehr.

Kleines Lexikon der Genetik

In-vitro-Fertilisation: Bei der IVF werden Eizellen mit Spermien außerhalb des Körpers befruchtet. Paaren, die nicht auf natürlichem Weg Kinder bekommen können, wird so Nachwuchs ermöglicht. Mit Louise Brown wurde 1978 das erste IVF-Baby der Welt geboren.

Präimplantationsdiagnostik: Bei der PID wird nach der künstlichen Befruchtung das Erbgut des Embryos auf bestimmte genetische Eigenschaften hin untersucht. Dabei können einzelne Genvarianten aufgespürt werden, von denen bekannt ist, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Krankheit verursachen. Embryonen, die solche Gene haben, werden dann meistens nicht in die Gebärmutter der Frau eingesetzt.

Monogenetische Krankheiten: Huntington, zystische Fibrose oder auch Morbus Krabbe können auf ein einzelnes Gen zurückgeführt werden. Trägt ein Elternteil diese Erbanlage, so liegt das Risiko für das Kind bei mindestens 50 Prozent, manchmal sogar bei 100 Prozent.

Polygenetische Veranlagungen: Krankheiten wie Diabetes, koronare Herzerkrankungen oder Alzheimer lassen sich nicht auf einzelne Gene zurückführen. Das Erbgut gibt zwar ein bestimmtes Risiko vor, Umwelteinflüsse können dieses Risiko aber so stark reduzieren, dass die Krankheit nicht immer ausbricht.

Crispr: Mithilfe der Genschere Crispr kann das Erbgut umgeschrieben werden. Kritiker betonen aber, dass diese Methode bisher bei Weitem nicht so genau und gut funktioniert wie erhofft. Die Spätfolgen eines Crispr-Eingriffs sind zudem noch nicht erprobt.