Als Brexiteer gehört man in Cambridge einer akademischen Minderheit an. Bitter wird auch dort über die EU gestritten. Eine Begegnung mit einem so unbeugsamen wie historisch gebildeten Außenseiter.

Wie in Oxbridge üblich, gibt es an der Mittagstafel der Fellows von St. John’s College, Cambridge, keine Sitzordnung. Man nimmt an dem Tisch, der sich über den Großteil des 45 Meter langen Saales aus der elisabethanischen Zeit erstreckt, einfach den nächsten freien Platz. In diesem Fall neben dem renommierten Paläontologen Simon Conway Morris. Kaum, dass die gegenseitigen Vorstellungen vorüber sind, bekennt der Fellow noch beim Hinsetzen Farbe und weist den Gast darauf hin, dass er und der rechte Tischnachbar, der Historiker Robert Tombs, in dieser Runde in der Minderheit seien. Es ist ein Zeichen der tiefen Kluft, den der Brexit geschlagen hat, dass ein Akademiker diese Klarstellung für nötig befindet.

In der Tat ist die zunehmend bittere Europa-Debatte zu einer Art von Glaubenskampf geworden zwischen den zwei Konfessionen für und wider die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Im Hochschulwesen, in der die sogenannte liberale Elite der Remainers das Wort führt, dürften sich Brexit-Anhänger mitunter vorkommen wie Rekusanten, die nach der Reformation unter dem Verdacht des Landesverrates standen und ihren Glauben lange verheimlichen mussten.

Brainy Brits for Brexit

Um der im Remain-Lager verbreiteten Wahrnehmung entgegenzuwirken, dass nur ungebildete, dumme Menschen für den EU-Austritt gestimmt hätten, während alle vernünftigen, informierten Köpfe sich dem widersetzten, haben Robert Tombs, der Ökonom Graham Gudgin und ein junger Dozent Anfang des Jahres die durch Spenden finanzierte Online-Plattform „Briefings for Brexit“ ins Leben gerufen. Die drei kannten sich bis dahin nicht. „Wir hatten alle das Gefühl, dass die andere Seite, einschließlich des Finanzamtes, so viel irreführende Propaganda in Umlauf bringt, dass dies nicht unwidersprochen bleiben dürfe“, erinnert sich Tombs. In ihrer Missionserklärung kündigten sie an, konkrete Beweise und begründete Argumente informierter Analytiker von verschiedenen Seiten des politischen Spektrums vorlegen zu wollen, die geeint seien durch die Überzeugung, dass der Brexit, wie von der Mehrheit gewünscht, vollzogen und die Herrschaft des Volkes über den Entscheidungsprozess wiederhergestellt werde. „Brainy Brits come out for Brexit“, meldete die „Times“. In der Diskussion etwa um die innerirische Grenze haben die Beiträge bereits Wirkung gezeigt.

Professor Simon Conway Morris

Nach dem Essen gesteht Tombs in dem mit Büchern gefüllten Turmzimmer aus der Tudor-Zeit, das ihm sein College vor dreißig Jahren zugewiesen hat, dass es tatsächlich Spannungen gibt zwischen Kollegen. Vor allem jüngere Akademiker seien davon betroffen. Einige von ihnen schreiben anonym für seine Plattform, weil sie fürchten, es könnte ihrer Karriere schaden, mit dem Brexit identifiziert zu werden. Tombs findet das „ziemlich schockierend“, glaubt aber, dass die Ängste nicht unbegründet sind. Im Impressum von „Briefings for Brexit“ wird der Redakteur des regelmäßigen Rundbriefes an die Subskribenten denn auch als „Oxbridge-Doktorand“ aufgeführt, der es vorziehe, seinen Namen nicht preiszugeben.

Achtbar, aber weitgehend unbemerkt

Ob auch Tombs diese Affekte zu spüren bekommen habe? Der vor zwei Jahren emeritierte Professor für französische Geschichte meint, er sei zu alt, um sich darüber Sorgen machen zu müssen. „Manchmal sagt man mir, dass ich wahnsinnig mutig sei, aber in Wirklichkeit habe ich weder den geringsten Druck noch die geringste Unannehmlichkeit erfahren.“ Das mag nicht zuletzt auf sein bescheidenes Auftreten und die sanfte Verbindlichkeit zurückzuführen sein, die ihn weder als Historiker noch in seiner neuen Rolle als politischer Aktivist daran hindern, den Konsens in aller Schärfe in Frage zu stellen.

Bis vor vier Jahren war Tombs in der akademischen Welt bekannt als Autorität auf dem Gebiet der französischen Geschichte, insbesondere der Pariser Kommune, „achtbar, aber weitgehend unbemerkt, außer in professionellen Kreisen (als internationaler Experte für 73 Tage französischer Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts)“, wie er es mit charakteristischem Understatement in einer Rede vor Stiftern seines College formulierte. Das hat sich schlagartig geändert, als er sich aus seinem Fachgebiet herauswagte mit dem Tausend-Seiten-Wälzer, „The English and their History“. Sein origineller Ansatz, eine panoramische Betrachtung von rund 1400 Jahren englischer – nicht britischer – Geschichte zu verflechten mit der historiographischen Wahrnehmung von Ereignissen und deren Niederschlag in der kollektiven Erinnerung, hat einen Nerv getroffen, und zwar in einer Zeit, in der Fragen der nationalen Identität durch das schottische Unabhängigkeitsbegehren und die Europa-Debatte in den Vordergrund gerückt sind. Tombs war überrascht von der öffentlichen Wirkung. Er hat auch nicht geahnt, welchen Effekt das Buch auf sein Leben haben würde. Seitdem ist er als Kommentator der englischen Eigenwilligkeiten, zumal im Zusammenhang mit dem Brexit, in die Rolle des öffentlichen Intellektuellen hineingeschliddert, in einem Land, das diesen Begriff eher scheut.

Nicht bloß eine Frage der persönlichen Annehmlichkeit

Tombs war immer an Politik interessiert, aber stets als Beobachter. Er gehörte nie einer Partei an, neige jedoch natürlich dazu, eher erhalten als zerstören zu wollen, weshalb er sich der EU als „destruktiver Institution“ widersetze. Es war keineswegs seine Absicht, politisch aktiv zu werden, obwohl er der Auffassung ist, dass Akademiker aufgrund ihrer Fachkenntnisse in der Pflicht stehen, sich an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen, weil ohne das Wie und Warum nichts sinnvoll erörtert werden könne, vor allem in einem Land, in dem der Geschichtsunterricht derart mangelhaft sei wie in Großbritannien. „Um nicht unbewusst gelenkt zu werden, müssen wir uns des Einflusses der Geschichte bewusst werden“, hat er in Bezug auf die Feststellung des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin bemerkt, dass wir die Geschichte in uns trügen und sie uns unbewusst lenke.

Historiker Robert Tombs

Auf dem gleichen Pflichtbewusstsein beruht Tombs’ Opposition zur britischen Mitgliedschaft in der EU. „Es klingt schrecklich prätentiös“, sagt er, „aber Politik sollte nicht bloß eine Frage der persönlichen Annehmlichkeit sein, sondern auch der Verantwortung gegenüber der ganzen Bevölkerung.“ Damit richtet er sich vor allem gegen Kollegen, die nach seiner Beschreibung nicht über den Tellerrand blicken, deren Loyalitäten und Verbindungen bei ihrer Institution und einer internationalen Gemeinschaft mittelständischer Intellektueller liegen, die es wunderbar finden, dass sie Forschungsgelder aus Brüssel beziehen können, die aber kaum einen Gedanken verschwenden auf die Menschen im Norden von England oder in Griechenland, deren Löhne gedrückt werden durch die Politik der EU.

Geringe Berührung mit anderen Kreisen

Tombs beschreibt Cambridge als „absolutes Zentrum“ dieser Einstellung. Er führt die Anhänglichkeit der Akademiker an die EU auf Idealismus und Eigennutz zurück. „Ich höre Kollegen ein ums andere Mal die Vorzüge des grenzfreien Reisens preisen und die Idee, dass man ein Haus kaufen oder eine Stelle finden kann.“ Das sei eine emotionale Bindung insbesondere der metropolitanen Linksliberalen, die oft nichts von Wirtschaft verstünden, obwohl sie manchmal sehr dogmatisch darüber redeten. Sie sähen den Brexit als ausländerfeindlich und somit repräsentativ für die repressiven Kräfte der Geschichte im Unterschied zu dem, wie Tombs es sieht, utopischeren Bild der EU. Er vermutet, dass viele Remainers, die den Brexit-Anhängern Nostalgie, Insularität oder Rassismus vorwerfen, keine sehr breiten sozialen Verbindungen haben. Als Beispiel führt er eine Dame aus seiner Bekanntschaft an, die bei einem gesellschaftlichen Anlass geäußert habe, wie unbegreiflich ihr der hohe Anteil der Pro-Brexit-Wähler gewesen sei, doch dann habe sie mit ihrer Putzfrau und ihrem Gärtner gesprochen. Diese seien nicht besonders klug, aber sie hätten ihr die Gründe erklärt. Tombs lacht über die Herablassung und sagt, er glaube, es gebe viele Menschen, die wegen der geringen Berührung mit anderen Kreisen dazu neigten, ein negatives Bild von Andersdenkenden zu haben.

Ihn hat seine Herkunft aus einem „soliden, anständigen Arbeitermilieu“ im industriellen Mittelengland davor bewahrt. Tombs ist der Erste aus der erweiterten Familie, der studiert hat und, soweit er sich erinnert, der Einzige aus seinem katholischen Gymnasium, der in seinem Schuljahr nach Cambridge gegangen ist. Der Vater war Angestellter eines kleinen Nahrungsherstellers, der den Sohn in den Schulferien oft auf Dienstreisen mitnahm. Während des Studiums hat Tombs in einer Fabrik gearbeitet, eine prägende Erfahrung, der er ein breites Spektrum gesellschaftlicher Kontakte verdankt. Auf die Frage, ob er sich als Engländer, Brite oder Europäer definieren würde, antwortet Tombs, der mit einer Französin verheiratet ist und auch einen französischen Pass hat, dass er wohl vornehmlich Historiker sei, sich jedoch mit allen drei Zugehörigkeiten identifizieren könne. Allerdings würde er sich jetzt als englischer bezeichnen als früher. Meinungsumfragen zeigten, dass dies ein Trend sei, den Tombs auf den schottischen Nationalismus zurückführt.

Nachdenken über ein Post-Europa

Bei der Volksabstimmung von 1975 hat Tombs für den Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gestimmt. Im Nachhinein sieht er den halbherzigen britischen Beitritt als Fehler, der aus einem übertriebenen Gefühl der Schwäche erfolgt sei. In seinem Buch über die englische Geschichte steuert er immer wieder gegen den Deklinismus an, „der über mehrere Generationen unser nationales Narrativ war, ein lautes Jammergeschrei in einen glücklichen Land, in dem das Leben sicherer, länger und bequemer ist als zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte“. Dem setzt er die Frage entgegen, wie es sich auf das Bild von Vergangenheit und Gegenwart auswirken würde, „wenn wir diesen historischen Hysterieanfall aufgäben“. Tombs gibt sich überzeugt, dass dies „eine ruhigere, rationalere Analyse unserer Lage und unserer Bedürfnisse ermöglichen“ würde. Er beanstandet, dass sich die Vertreter der Remain-Kampagne beim Referendum von 2016 immer noch weitgehend auf dieses deklinistische Argument berufen haben.

Pro-Brexit-Demonstrantenvor dem House of Parliament in London

Tombs bekennt, nie ein begeisterter Anhänger der EU gewesen zu sein, „nicht, weil ich im kulturellen Sinne antieuropäisch wäre, obwohl mir die etwas triumphalistische Sprache über die europäische Zivilisation missfällt“. Dennoch war er zunächst unsicher, ob er mit ja oder nein stimmen solle, weil er meinte, es sei vielleicht besser, abzuwarten und zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Doch dann habe ihn ein Kollege davon überzeugt, dass dies womöglich die einzige Chance sei zu agieren. Für ihn ist unbestreitbar, dass das Eurosystem gravierende politische und gesellschaftliche Schäden in Südeuropa verursacht habe und die EU nach der Devise des österreichischen Staatsmannes Graf Taaffe in der Zeit der Doppelmonarchie, alle Nationalitäten in gleichmäßiger, wohltemperierter Unzufriedenheit zu erhalten, handele. Tombs sieht da keinen Ausweg. „Idealerweise sollten wir über ein Post-Europa nachdenken, aber das scheint unwahrscheinlich zu sein.“

Die Legitimität einer demokratischen Wahl

Man hätte den Standpunkt vertreten können, dass die EU sich zum Überleben stärker auf die Eurozone konzentrieren und zentralistischer werden müsse, wie es Macron vorschwebe; doch in dem Fall würde Großbritannien als Nicht-Euro-Land ohnedies weiter marginalisiert werden. Deswegen sei es besser, dies anzuerkennen und eine neue Beziehung auszuhandeln. Niemals hätte er geglaubt, dass dieser Prozess sich derart schwierig gestalten würde. Die Vorstellung der Regierung, zu verhandeln, ohne eine klare Position zu beziehen und einfach abzuwarten, was die andere Seite anbiete, findet Tombs verheerend; das jetzige Abkommen bezeichnet er als Monstrosität; den Ruf nach einem zweiten Referendum tut er als schamlosen Populismus ab, als „die frivolste und unverantwortlichste politische Kampagne“ in diesem Land seit mehr als hundert Jahren. Dem Historiker, dessen Bild von Vergangenheit und Gegenwart sich durch eine abgeklärte, langfristige Sicht auszeichnet, findet, zumindest in der demokratischen Welt, keine Parallele für die „verblüffende“ Bereitschaft, ein beträchtliches Segment der Wirtschaft und der Legislative auf unabsehbare Zeit nicht nur einer Fremdmacht zu übergeben, sondern auch einem ungewählten Gremium. Es sei auch einmalig in der neueren britischen Geschichte, dass ein Großteil der politischen Klasse und der gebildeten Elite derart unverfroren und hochmütig versuche, die Legitimität einer demokratischen Wahl zu bestreiten.

In der Debatte über den Brexit hat Tombs oftmals auf den kulturellen Grundunterschied hingewiesen zwischen der kontinentaleuropäischen Vorstellung von einer aufgeklärten Führungselite, die den Weg in die Zukunft weise und die Massen dazu ausbilde, ihr zu folgen, und der britischen Einstellung, die er mit dem Begriff „Magna-Carta-Mythos“ kennzeichnet. Dieser beruhe auf dem Prinzip, dass das Volk entscheide und die Elite gehorche. Nun versuche ein Teil der Elite daran zu rütteln. Tombs sieht das als Affront gegen die Demokratie.

Trotz der zunehmend schneidenden Beurteilung der „Turbulenzen“ will er nicht zu alarmistisch klingen. Er bestreitet, dass der Brexit das einschneidendste politische Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg sei. Noch sei die Krise auf das politische System begrenzt. „Keine Gewalt, keine Streiks, keine Festnahmen, keine Bomben, kein Einmarsch in andere Länder. Insofern ist die Krise weniger ernst als viele der letzten fünfzig oder sechzig Jahre.“ Die Entschlossenheit der Remainers, den Willen des Volkes zu unterhöhlen, setze jedoch die Verfassung, die Parteien und das Grundverständnis des demokratischen Prozesses im Vereinigten Königreich unter Druck. „Wenn das Unterhaus den Volksentscheid rückgängig machen sollte, begeben wir uns auf unbekanntes Terrain.“ Tombs warnt vor den enormen Schäden für das öffentliche Vertrauen in das politische System. Um das Ganze wieder zu relativieren, fügt er mit leiser Ironie hinzu: „In dem Fall würden wir uns dem Rest der demokratischen Welt anschließen – Vereinigte Staaten, Frankreich, Deutschland, Italien Griechenland…“ Als Nächstes will Tombs eine Geschichte des Monotheismus schreiben, eine Aufgabe, von der er sagt, sie sei, wie das England-Buch, nur mit der Unbefangenheit des Nicht-Spezialisten denkbar. Aber vorerst hat der Kampf um den Brexit für ihn Vorrang.