Immer mehr Eltern sind unzufrieden mit dem Bildungssystem. Zu groß ist der Druck, zu schlecht die Versorgung mit Lehrern. Statt ihr Kind auf die öffentlichen Schulen zu schicken, gründen sie lieber ihre eigenen. Das geht – ist aber riskant.

Die Idee, eine Schule zu gründen, kam Dunja Tepel in Indonesien. Sie war mit ihrer Familie auf Weltreise, die Elternzeit nutzen, um Pläne für die Zukunft zu schmieden. Ein Trip führte sie nach Bali zu einer alternativen Schule. In der „Green School“ werden die Kinder im Wald unterrichtet, „Farming“ steht auf dem Stundenplan, ebenso „Wasserstudien“. Schulen sollten „Orte der Freude“ sein, heißt es auf der Homepage. „Es war fantastisch“, sagt Tepel. „Wir wussten: Für unsere Kinder wollen wir das auch.“

Zurück im heimischen Sauerland begann Tepel zu recherchieren: Was braucht es, um eine Schule zu gründen? Inzwischen gibt es ein Team, das an einem Schulkonzept arbeitet. Wenn die Behörden mitspielen, eröffnet die alternative Schule als Ergänzung zu den staatlichen Schulen in wenigen Jahren. Spätestens dann, wenn Tepels Sohn aus dem Kindergarten kommt.

Mit ihrem Vorhaben ist die 36-Jährige nicht allein, die Zahl der von Eltern gegründeten Schulen wächst. Schon heute sind 106 „freie Alternativschulen“ im „Bundesverband der Freien Alternativschulen“ (BFAS) zusammengeschlossen, von denen viele auf Elterninitiativen zurückgehen. Jährlich kommen fünf bis sechs hinzu. „Wir erleben einen Boom“, sagt Klaus Amann, Vorstandsmitglied im BFAS. „Immer mehr Eltern suchen nach Alternativen zu den Regelschulen.“

Warum das so ist, lässt sich in Facebookgruppen nachlesen, in denen sich die Gründungswilligen vernetzen: Viele Eltern glauben, dass etwas falsch läuft im Bildungssystem – und dass sie ihren Kindern ein besseres Lern- und Schulkonzept bieten können als der Staat. Manche sind auch frustriert, weil staatliche Schulen in ihrer Umgebung geschlossen haben. Dass mit einer Schulgründung auch Risiken verbunden sind, spielt für die meisten eine Nebenrolle. Zu groß ist der Wunsch, etwas zu verändern.

Bei Tepel reifte die Erkenntnis schon früh. Sie arbeitet seit Jahren als „Lerncoach“, begleitet also Kinder, die Probleme haben in der Schule. Viele hätten Konzentrationsschwierigkeiten oder Bauchschmerzen vor Klassenarbeiten. „Die ganze Schule steht unter Druck. Die Vorstellung, dass Kinder dort fürs Leben lernen, funktioniert nicht mehr.“

Ähnliches beobachtet Klaus Amann. „Es gibt vermehrt Eltern, die sagen: ‚So wie wir Schule heute erleben, haben wir Angst um unsere Kinder und deren Zukunft.‘“ Schon nach dem Pisa-Schock habe es mehrere Initiativen zu privaten Schulgründungen gegeben. Aktuell verstärkten Lehrermangel und die schlechte Ausstattung der Schulen die Zweifel.

Schule auf dem Bauernhof

Die rechtlichen Hürden für eine Schulgründung sind überschaubar. Es heißt in Artikel 7, Absatz 4 des Grundgesetzes, dass jeder eine Privatschule gründen kann, wenn der Staat dies genehmigt. Dafür müssen die Schulgründer nachweisen, dass sie in „Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte“ nicht hinter staatlichen Schulen zurückstehen.

Auch muss ein besonderes pädagogisches Konzept eingereicht werden, das die Gründung einer eigenen Schule rechtfertigt. Sichergestellt werden muss zudem, dass „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. Kinder dürfen also nicht ausgeschlossen werden, wenn ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können.

In der Gestaltung des Unterrichts sind die Gründer hingegen frei: Sie können festlegen, ob es Noten geben soll oder ob Klassenarbeiten geschrieben werden. Klassenübergreifender Unterricht ist ebenso erlaubt wie Unterricht in der Natur. So finden sich Eltern, die eine Schule auf dem Bauernhof gründen wollen, andere werben vor allem mit ihrem speziellen Erziehungskonzept. „Demokratische Schulen“ etwa sind derzeit sehr beliebt. Hier sollen die Kinder vor allem lernen, ihre eigenen Interessen zu artikulieren und die der anderen zu respektieren. Es gibt regelmäßig Schulversammlungen – anstelle von strengem Fachunterricht. Doch wo führt das hin?

„Wir beobachten eine neue Elterngeneration, die zunehmend darum bemüht ist, den Lebensweg ihrer Kinder sehr bewusst zu begleiten“, sagt Andreas Lischewski von der Alanus Hochschule in Bonn: „Das zeugt von einer hoher Verantwortung, birgt aber auch die Gefahr, dass Kinder zum Objekt strategischer Planungen werden.“ Diesen Eltern gehe es nicht darum, das Kind auf irgendeine staatliche oder eine private Schule zu schicken – sondern auf eine Schule, „die genau den eigenen Vorstellungen entspricht“.

Die pädagogischen Konzepte, die daraus resultieren, sind mitunter fraglich. Für ein Forschungsprojekt hat Lischewski die Konzepte von 58 freien Alternativschulen ausgewertet, sein Fazit ist nüchtern: „Es gibt Schulen, die ein pädagogisch fundiertes Konzept ausgearbeitet haben und zweifelsfrei eine gute Arbeit leisten. Andere vertreten aber sehr obskure Thesen.“

Wer Kinder als „lernoptimierte Gehirnwesen“ beschreibe, überlagere mit „schönklingenden Subjektkonstruktionen häufig nur sehr naive biologistische und neurophysiologische Theoreme“, die aus pädagogischer Sicht „mehr als fragwürdig“ seien. „Als Wissenschaftler kann ich da nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“

Regelschulen drohen zu „Restschulen“ zu werden

Auch die Privatschulen stehen unter Aufsicht des Staates. „Regelmäßig sowie anlassbezogen“ würden die Schulen durch den zuständigen Schulrat besucht, heißt es etwa aus dem Brandenburger Bildungsministerium. Hier werde überprüft, ob die Voraussetzungen, die zur Genehmigung der Schule führten, noch vorliegen.

Lischewski plädiert aber für eine „nachhaltigere Evaluierung“ – auch hinsichtlich der Frage, welchen Beitrag die dort erprobten Konzeptionen tatsächlich für die Weiterentwicklung des öffentlichen Schulwesens leisten können. Dieser Beitrag werde vom Grundgesetz „nicht unerheblich eingefordert“.

Das betreffe auch das Versprechen der sozialen Durchmischung. „Viele Schulen werben damit, alle Kinder aufzunehmen – unabhängig vom Status der Eltern.“ Es sei aber fragwürdig, ob dies in der Praxis so geschehe. Dabei spiele die Finanzkraft der Eltern eine zunehmend geringere Rolle. „Viele Privatschulen haben inzwischen ein so spezifisches Profil, dass sie vor allen Dingen den Bedürfnissen eines bestimmten Milieus entgegenkommen: denjenigen des neuen Bildungsbürgertums.“ Wer dort nicht dazugehört, bleibt auf den Regelschulen. Im schlimmsten Fall drohen diese zu „Restschulen“ zu werden.

Auch Kai Maaz beobachtet den Hype um die Privatschulen nüchtern. Der Bildungsforscher am „DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation“ hat jüngst die Leistungen von Kindern an Privatschulen mit denen von Kindern an Regelschulen verglichen. Dabei ging es nicht nur um Alternativschulen, sondern um alle Schulen in freier Trägerschaft, wozu etwa auch konfessionelle gehören. Eine Erkenntnis: „Die These, dass Schüler an Privatschulen besser lernen, lässt sich wissenschaftlich nicht bestätigen.“

Zwar schnitten Kinder an privaten Grundschulen in internationalen Vergleichstests etwas besser ab als diejenigen an Regelschulen. Die Effekte seien aber marginal, wenn man den bildungsbürgerlichen Hintergrund von Eltern an Privatschulen herausrechne.

Hinzu kommt, dass die untersuchten Privatschulen nicht repräsentativ waren. „Schulen in freier Trägerschaft können an Vergleichstests teilnehmen“, sagt Maaz. „Sie müssen es aber nicht.“ Viele konnten in seiner Untersuchung deswegen gar nicht berücksichtigt werden.

Eine unabhängige Untersuchung gibt es nicht

Viele gründungswillige Eltern schreckt das nicht ab. Sie wollen sich gerade nicht den Vergleichstests unterziehen. „Ich schenke meinem Kind Vertrauen“, sagt Dunja Tepel. „Es wird an unserer Schule das lernen, was es für das Leben braucht.“ Sie verweist darauf, dass Kinder nach dem Besuch einer Alternativschule regelmäßig Schulabschlüsse an einer Regelschule machten. Eine unabhängige Untersuchung dazu gibt es aber keine.

Die Vorstellung, dass es an der eigenen Privatschule für das Kind besser laufe: Sie beruht vor allem auf einem Gefühl.