Von der Steuererklärung bis zum Besuch der öffentlichen Toilette: ohne Internet geht in Schweden oft gar nichts mehr. Das Land gilt als Vorbild einer digitalisierten Gesellschaft. Aber nicht für alle ist das eine Bereicherung. Ältere fühlen sich zunehmend ausgeschlossen.

Die 77-jährige Kerstin Alin und ihr 85-jähriger Mann Bengt suchen einen Parkplatz. Das Paar aus Nossebro, einem kleinen Ort in Südschweden, ist in den Nachbarort gefahren, um der Beerdigung eines Freundes beizuwohnen. Sie finden eine letzte Lücke und parken das Auto. Am Parkautomaten bemerken sie jedoch, dass sie nicht bezahlen können. Geld dafür hat das Paar, einen Parkschein bekommen sie dennoch nicht. Wer parken will, soll mit einer SMS bezahlen. „Wir mussten dann weit fahren, um einen anderen Parkplatz zu finden“, erzählt Kerstin Alin am Telefon.

Schweden ist ein Vorreiter der Digitalisierung. Entsprechend einer Untersuchung vom Vodafone-Institut für Gesellschaft und Kommunikation aus dem Jahre 2018 betrachten 80 Prozent der Bevölkerung das Land als digital fortschrittlich. Einen bedeutenden Unterschied zum entsprechenden Anteil in Deutschland, wo nur 47 Prozent dieser Aussage zustimmen. So weit, so gut.

Schweden könnte ein absolutes Vorzeigeland sein, wären da nicht eine halbe Million Einwohner, die das Internet aus verschiedenen Gründen nicht benutzen. Manche können nicht, andere wollen nicht. Die Mehrheit dieser Menschen ist älter als 75 Jahre. Kritiker sprechen nun von einem Demokratieproblem.

In Schweden sind mehrere Bereiche der Gesellschaft derart digitalisiert, dass man ohne Internet-Zugang aufgeschmissen ist. Kommunikation und Infrastruktur sind ebenso betroffen wie Gesundheit. Wer mit dem öffentlichen Verkehr in Schweden fahren will, braucht in mehreren Städten entweder eine App, eine Bankkarte oder eine besondere Fahrkarte, die mit Geld aufgeladen wird. Läden, Restaurants und Cafés akzeptieren immer häufiger nur Kartenzahlungen.

Besuche öffentlicher Toiletten und die Nutzung von Parkplätzen sind oft nur mit Karte oder einer App bezahlbar. Auch das größte Kinounternehmen in Schweden ist schon seit drei Jahren komplett bargeldfrei. Der Eintritt kann ausschließlich online oder mit Karte vor Ort gezahlt werden. Immer häufiger finden diese Transaktionen an Automaten statt. Es gibt Supermärkte, an denen es nur eine Kasse mit Personal gibt – und zehn Selbstbezahlungsstationen, die nur Kartenzahlungen akzeptieren.

Der 85-jährige Bengt Alin aus Nossebro sagt, es ist für viele ältere Menschen nicht einfach, sich in dem neuen Zeitalter zurechtzufinden. „Unsere Gesellschaft hat sich radikal verändert“, sagt er. „Viele Menschen wurden aber in diesen Veränderungsprozess nicht einbezogen.“ Kerstin Alin stimmt zu. Sie berichtet von ihrer besten Freundin, die nicht mehr mit dem Bus fährt. „Sie findet es einfach zu kompliziert und weiß nicht, wie sie bezahlen soll.“

Bengt und Kerstin Alin haben immer wieder Probleme im Alltag wegen der Digitalisierung

Christina Tallberg von der schwedischen Rentnerorganisation Pensionärernas Riksorganisation weiß, dass sich viele Ältere von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Im Januar sprach sie vor dem Reichstag, um die Bedeutung des Bargelds hervorzuheben.

Vielen älteren Menschen falle es schwer, sich an ihre Geheimzahl zu erinnern, und sie hätten Angst, die Karte zu verlieren. „Solange Bargeld als Zahlungsmittel gilt, sollte es überall möglich sein, damit zu zahlen“, fordert Tallberg. In Schweden wurden aber schon 2017 mehr als 80 Prozent der Einzelhandelstransaktionen mit Karte gemacht. In Deutschland wurden im selben Jahr noch knapp 80 Prozent der Bezahlungen per Bargeld gemacht.

Es geht aber nicht nur um Münzen und Scheine. „Es ist eine Frage der Demokratie“, betont Tallberg. Wenn die Mehrheit der Informationen über die EU-Wahl nirgendwo anders als im Internet zu lesen sind, können all diejenigen ohne Internet nicht gleichberechtigt am Wahlprozess teilhaben. Der gewohnheitsmäßige Hinweis schwedischer Radio-, und Fernsehjournalisten, für weitere Information online zu gehen, ist für etliche ältere Menschen nur eine weitere Erinnerung daran, dass sie an vielem nicht teilhaben können.

Das Gesundheitswesen in Schweden ist hoch digitalisiert. Wer seinen Arzt anruft, wird am Telefon von einer Computerstimme beraten, den Kontakt im Internet herzustellen. Hier kann der Patient seine Medikamentenrezepte sehen, Termine buchen und oft in kurzer Zeit eine Antwort auf seine Fragen vom Arzt bekommen.

Vorteile gibt es auch für alle, die ihre Steuererklärung online machen. Digitale Steuerbezahler erhalten Rückzahlungen mindestens zwei Monate früher als andere.

Kerstin Alin sagt, sie habe am liebsten ihre wichtigsten Dokumente in der Hand. „Wenn ich etwas auf dem Rechner habe, kann es passieren, dass es plötzlich gelöscht wird. Doch wenn ich beim Amt um einen Postversand bitte, muss ich oftmals extra dafür zahlen.“

Das Gefühl, bestraft zu werden, weil man die digitale Welt nicht beherrscht – die Sozialwissenschaftlerin und Pädagogin Linda Reneland-Forsman von der Linné-Universität in Kalmar hat dieses Phänomen wissenschaftlich nachgewiesen. Sie hat im Rahmen ihrer Forschung verschiedene Interviews mit Rentnern zum Thema Digitalisierung gemacht.

Viele ihrer Gesprächspartner berichten von Aussichtslosigkeit und Selbstzweifel. „Nicht selten wird die Schuld am gesellschaftlichen Ausschluss bei sich selber gesucht. Sie schämen sich, die neue Technik nicht zu verstehen“, analysiert Reneland-Forsman.

Ihre Interviewpartner kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Sie haben unterschiedliche Bildungsabschlüsse und Erfahrungen. Gemeinsam ist ihnen aber das Gefühl, etwas verpasst zu haben. „Einige fahren nicht mit Zügen, weil sie nicht wissen, wie die Fahrkarten bezahlt werden können. Andere haben das neu gekaufte Handy in einer Schublade versteckt, weil sie nicht zugeben möchten, dass sie es nicht benutzen können. Auch einen neuen Fernseher zu installieren ist heute in Schweden mit den verschiedenen Systemen so kompliziert geworden, dass viele Menschen einfach keinen haben“, sagt Reneland-Forsman.

Die schwedische Rentnerorganisation PRO versucht, ihre Mitglieder in das digitale Alter mitzunehmen. 1400 Lokalgruppen arbeiten damit, ältere Menschen auszubilden, wie sie mit Rechnern, iPads und Smartphones umgehen können.

Linda Reneland-Forsman glaubt, dass Weiterbildung nicht die einzige Lösung sein kann. „Es ist naiv, davon auszugehen, ältere Menschen sollten nochmal die Schulbank drücken, um sich in der Gesellschaft zurechtfinden zu können. Schließlich sei auch der Wille, an der digitalen Entwicklung teilhaben zu wollen, stark individuell ausgeprägt. Die Wissenschaftlerin ist der Überzeugung, dass hier der Staat viel mehr in der Pflicht sei.

Die Unternehmen hätten verschiedene Bedürfnisse geschaffen, zum Beispiel mit einer App einen Parkplatz bezahlen zu können, und der Staat hat die Verantwortung abgegeben sicherzustellen, dass alle Menschen Zugang zu diesem Bezahlungsmodell haben. Es bedürfe konkreter staatlicher Aktionen.

Die digitale Entwicklung fordere neue Jobs und Institutionen, so Reneland-Forsman. „In jedem Haus gibt es einen Hausmeister, der sich darum kümmert, wenn etwas mit der Heizung nicht funktioniert“, sagt sie. „Auf der anderen Seite sollen Menschen eine Ausbildung in einer Bibliothek machen, wenn technische Geräte, welche ihnen den Zugang zur Gesellschaft ermöglichen, nicht funktionieren. Wie kann das sein?“

Das Resultat der Forschung zum digitalen Ausschluss hat viel Aufmerksamkeit sowohl in den schwedischen Medien als auch in der Politik bekommen. Am vergangenen Mittwoch hat der Reichstag beschlossen, lokale Servicebüros zu öffnen, in denen die Bürger Information von der Rentenbehörde, dem Steueramt und dem Versicherungsamt bekommen können.

Anfang des Monats wurde zudem angekündigt, das Netzwerk Digidel mit 155.000 Euro zu fördern. Digidel bildet Ältere und Menschen mit Behinderungen für die Anwendung digitaler Werkzeuge aus. Der Vorschlag, den Internetzugang in Altenheimen und Seniorentreffpunkten zu garantieren, wurde jedoch vom Reichstag verworfen.

In Nossebro bereitet sich das Ehepaar Alin für eine Reise zu ihrem Sommerhaus vor. Hier hat der Schwiegersohn vor kurzer Zeit einen neuen Fernseher installiert. „Wir sind nicht sicher, ob und wie wir diesen bedienen können“, erzählt Kerstin Alin mit einem verlegenen Lachen. Ihr Mann überlegt ein paar Sekunden. „Wenn du den Deutschen in dem Artikel etwas mitgeben willst, kannst du es vielleicht so schreiben: ,Lasst euch Zeit!´“