Die Anschläge von Sri Lanka zeigen: Hohe Kirchenvertreter praktizieren wenig Solidarität mit verfolgten Christen. Zu groß ist die Sorge, Muslime zu provozieren. Stattdessen werden die eigene Identität und Tradition verleugnet.

Man reibt sich die Augen. Seit den mörderischen Anschlägen auf Sri Lanka entdecken alle ihr Herz für verfolgte Christen. Nun ist die Christenverfolgung kein neues Phänomen, und von totalitären Staaten wie Nordkorea oder Eritrea abgesehen, ist es vor allem die islamische Welt, die Christen jene Rechte verweigert, die Muslime in Europa selbstbewusst in Anspruch nehmen.

Bislang störte das kaum jemanden. In der Debatte über Religionsfreiheit und Menschenrechte entstand zumeist der Eindruck, Muslime seien die Opfer, während Christen ein schweres historisches Erbe mit sich herumtragen, das es irgendwie verständlich erscheinen lässt, wenn sich Opfer wehren.

Die Kreuzzüge, der Kolonialismus, der Rassismus, was bleibt einem Europäer anders übrig, als schamhaft den Blick zu senken? Sind letztlich nicht „wir“ schuld daran, dass es IS und al-Qaida gibt? Diese Haltung wird von zahlreichen Meinungsführern wie Jürgen Todenhöfer, Eugen Drewermann und Hans Küng sowie anderen seit Jahrzehnten vertreten.

Nur ein Beispiel: „Ist es wirklich erstaunlich, … dass einige Menschen irgendwann zurückschlagen, wenn ihre Familien wieder und wieder von unseren Vernichtungsmaschinen niedergewalzt werden? … Wie soll die muslimische Welt an unsere Werte Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat glauben, wenn sie von uns nur Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung erlebt?“, schreibt Todenhöfer. Und man fragt sich, was Millionen Menschen aus dem islamischen Kulturkreis bewegt, bei ihren „Unterdrückern“ in Europa Zuflucht zu suchen, statt bei ihren Glaubensbrüdern in Saudi-Arabien, Katar, Kuwait oder anderen reichen arabischen Staaten.

Wer „unsere Vernichtungsmaschinen“ differenzierter betrachtet, macht erstaunliche Entdeckungen. Selbst die brutalen Kreuzzüge hatten ihre Vorgeschichte. Die radikal-islamischen Seldschuken, eine Art mittelalterliche Taliban, hatten nach ihrer Eroberung Palästinas 1073 den Christen verboten, ihre heiligen Stätten zu besuchen. Man stelle sich vor, eine fremde Großmacht unterwirft Saudi-Arabien und verbietet den Muslimen, Mekka und Medina zu besuchen!

Offenbar war auch die Kolonialzeit nur in der islamischen Welt so brutal, dass sie zur Radikalisierung geführt hat. Weder unter den indigenen Völkern Amerikas noch unter den Hindus oder den Buddhisten in Asien gibt es Tendenzen, die christliche Welt wegen ihrer Vergangenheit mit Terror zu überziehen.

Merkels Kabinett glänzt durch Abwesenheit

Doch die Sorge, Muslime zu provozieren, war bislang weitaus wichtiger als die Solidarität mit verfolgten Christen. Wie war das noch, als im Bundestag eine Resolution zum Völkermord an den Armeniern und Assyrern/Aramäern verabschiedet wurde? Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett glänzten durch Abwesenheit. Offen die Solidarität mit den ermordeten Christen zu verweigern erschien ihr mit Blick auf ihr Wahlvolk nicht opportun; Haltung zu zeigen gegenüber dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan allerdings ebenso wenig.

Und als der Autokrat vom Bosporus kürzlich ankündigte, die Hagia Sophia – mehr als 1000 Jahre das Zentrum der christlichen Welt – in eine Moschee umzuwandeln, hat sich kaum jemand in der christlichen Welt darüber empört. Erdogan betrachtet Religionsfreiheit ohnehin als Einbahnstraße nur für Muslime, und niemand nimmt Anstoß daran.

Noch weniger Rückgrat zeigen führende Kirchenvertreter. Kardinal Reinhard Marx, Chef der Deutschen Bischofskonferenz, und Bischof Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, fanden es opportun, vor der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem ihr Kreuz zu verstecken. Wollten sie womöglich radikal die Nachfolge Petri antreten, der nach biblischer Überlieferung dort dreimal seinen Herrn verraten hat? Kardinal Marx geht noch weiter. Kürzlich lehnte er in einem Interview mit dem Dom-Radio den Begriff „christliches Abendland“ ab. Der sei ausgrenzend.

Wer soll eine Institution ernst nehmen, wenn sich nicht einmal deren oberster deutscher Repräsentant zu ihrer Tradition und Identität bekennt? Man sollte den Kardinal daran erinnern, dass das Abendland mit seiner christlichen Tradition nicht nur eine Geschichte von Verbrechen, Glaubenskriegen und Intoleranz ist, sondern auch Renaissance, Aufklärung, Frauen- und Arbeiterbewegung hervorgebracht hat; sowie die Idee von einem mit unveräußerlichen Rechten ausgestatteten Individuum, die sich nicht durch die Barmherzigkeit eines Gottes oder die Großzügigkeit eines Souveräns legitimieren, sondern allein durch seine Existenz.