Das Jahr 2019 gehört definitiv der Künstlichen Intelligenz und den Quantencomputern. Doch welche Zukunft ist für uns erstrebenswert?

Black Friday, „Cyber-Monday” und „Singles-Day” haben wir erfolgreich hinter uns gebracht – puh, das war anstrengend! Jetzt steht nur noch das Weihnachts-Shopping bevor, dann haben wir es wieder mal geschafft. Kaufrausch pur – und das längst nicht mehr nur in den westlichen Gesellschaften.

Dank der rapiden technologischen Entwicklung und des wachsenden Wohlstandes auch in Asien gelang es beispielsweise dem chinesischen Unternehmen Alibaba, eine Milliarde Euro in nur zwei Minuten umzusetzen! Eine phantastische Leistung, oder nicht? Bestimmt lässt sich das nächstes Jahr noch toppen. Der Hyper-Konsumismus lebt, auch wenn die Wirtschaft stagniert. Wie soll das weitergehen?

Womöglich mit einem wirtschaftlichen Armageddon. „Die nächste Krise steht vor der Tür”, orakeln immer mehr Experten. Und ja, eine Krise wird immer wahrscheinlicher. Die rapide wachsende Überschuldung auch in scheinbar stabilen Märkten, gepaart mit der rasanten technologischen Entwicklung und der damit verbundenen Interdependenz, könnte dafür sorgen, dass die nächste Wirtschaftskrise extremer ausfällt als alle zuvor.

Auch wenn die neuen Technologien unzählige spannende Möglichkeiten eröffnen, dürfen wir uns nicht dem Irrglauben ergeben, dass alles vordefiniert sei und wir sowieso nichts daran ändern könnten. Tatsächlich haben wir selbst es (noch) in der Hand, unsere Zukunft zu gestalten.

Schon mehrfach wurde er angekündigt, doch 2019 werden wir tatsächlich einen ersten Durchbruch bei den Quantencomputern sehen. Die Folge wird eine radikale Entwicklung sein, die alles in den Schatten stellt, was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Komplexität und Tempo werden explosionsartig zunehmen – vor allem aber wird der Druck, zu automatisieren und die Algorithmen zu optimieren, durch die ökonomische Stagnation drastisch steigen.

Die wichtigste Spielregel in unserem aktuellen Wirtschaftsmodell ist jedoch nach wie vor „The Winner Takes it all”. Wenn nun im „Battle of the Algorithms” die nächste Runde eingeläutet wird, was bedeutet das für uns als Menschen?

So betörend auch die Prognosen zu Millionen neuer Arbeitsplätze klingen mögen und so vielversprechend Künstliche Intelligenz und Blockchain in vielerlei Hinsicht tatsächlich sind: Wenn wir unser ökonomisches „Betriebssystem” nicht baldmöglichst anpassen, könnten wir selbst bei diesem Kampf der Algorithmen auf der Strecke bleiben.

Eine Wissensgesellschaft, in der alles durch Maschinen validiert wird, ist etwas ganz anderes als eine Gesellschaft des Verstandes. Wir brauchen eine Renaissance der Denker und des interdisziplinären Arbeitens. Wir müssen jetzt umdenken und umsteuern, damit wir nicht zu bloßen Reaktionswesen werden, von einer maschinellen Superintelligenz wie Marionetten manipuliert.

Wir stehen vor der letzten narzisstische Kränkung

Die Menschheit steht vor ihrer letzten narzisstischen Kränkung – der massiven Verletzung unseres Selbstwertgefühls durch eine posthumane Hypertechnologie, die alles besser kann als wir. Wir glauben, wir könnten eine digitale Superintelligenz kreieren und dabei die Kontrolle bewahren. Aber können wir das wirklich? Durch Verlagerung aller Autoritäten in Algorithmen würden wir in einer posthumanen Welt komplett die Kontrolle verlieren.

Die Diskussion zwischen Atheisten und Gläubigen, ob es einen Gott gibt oder nicht, können wir uns sparen. Tatsächlich lautet die Frage heute: Wollen wir einen Gott haben? Wenn ja, können wir mit der technologischen Gestaltung eben dieser Gottheit beginnen (und eigentlich sind wir schon dabei).

Maschinell erzeugte Glückseligkeit, Unsterblichkeit und Göttlichkeit sind die Realität, mit der wir uns heute auseinandersetzen müssen. Im Lauf der nächsten 30 Jahre werden wir imstande sein, alles, was in der Historie der Menschheit jemals kreiert wurden, in Algorithmen zu packen.

Nach der kosmologischen Kränkung (Kopernikus), der biologischen Kränkung (Darwin) und der psychologischen Kränkung (Freud) stehen wir jetzt also vor der finalen Kränkung, die zugleich die Erfüllung der ältesten Menschheitsträume wäre – jedoch um den Preis unserer Unterwerfung.

Die letzte narzisstische Kränkung wäre das aus einem so einleuchtenden wie traurigen Grund: weil es uns dann nicht mehr gäbe. Entweder buchstäblich nicht mehr, da unsere Nachfolger uns ausrotten würden, oder zumindest nicht mehr als Spezies, die ihr Schicksal noch selbst gestalten könnte. Im griechischen Mythos starrt der eitle Jüngling Narziss gebannt in die Quelle, die sein Spiegelbild zeigt. Bei der finalen narzisstischen Kränkung wäre der Spiegel noch vorhanden – aber niemand mehr, der sich darin spiegeln könnte.

2018 fühlt sich verdammt nach 1984 an

Wahrheit ist Lüge, oder doch nicht? In 1984, der so düsteren wie hellsichtigen Dystopie von George Orwell, überwacht der allmächtige Staat seine Bürger rund um die Uhr. In China ist das längst Realität, und in einigen Folgen der Netflix-Serie Black Mirror lässt sich besichtigen, dass der westlichen Welt durch zunehmende „Digitalisierung” ein ganz ähnliches Schicksal blühen kann.

Dazu passt eine Meldung, die diese Woche durch die Medien ging: Australien erlebte infolge der Klimaveränderungen Rekord-Niederschläge mit Regenmengen wie zuletzt im November 1984 (!). 2018 fühlt sich eben verdammt wie 1984 an, und zwar keineswegs nur in Shenzhen oder Sydney: Letzte Woche konnten wir gleichfalls lesen, dass in Schweden viertausend Mitarbeiter eines Unternehmens mit Chips in der Hand ausgestattet wurden, um ihnen die Steuerung der smarten Maschinen zu erleichtern – oder vielleicht doch eher, um ihre Steuerung und Kontrolle durch die lokale Version von Big Brother zu optimieren? Die Zeichen mehren sich, dass wir Orwells Welt immer näher kommen.
Um die Gesellschaft zu verstehen, müssen wir die Wirtschaft neu denken

Die Unternehmer und Leader in der Wirtschaft müssen die Reise weiter und neu gestalten. Dazu gehören zirkuläre Ansätze angesichts endlicher Ressourcen und die grundlegende Änderung unseres Konsumverhaltens. Das heißt aber nicht, dass wir uns einfach limitieren müssten, und genauso wenig, dass wir nun alle spirituell Erleuchtete werden und unser Leben auf Bergspitzem verbringen sollten.

Diese aktuelle Trends greifen zu kurz. Wir müssen das kapitalistische System weiterentwickeln, auf einer neuen Basis, die zugleich das Fundament unseres künftigen Zusammenlebens sein kann. Wie können wir eine neue ökonomische Motivation finden? Wie können wir “Wert” neu definieren und weiterhin ökonomischen Profit erzielen? Mit anderen Worten: Wie können wir die Wirtschaft für die Menschheit ganzheitlich betrachten und weiterentwickeln?

Es geht darum, ein neues Betriebssystem für unsere Gesellschaft zu entwickeln. Dafür werden wir alle gebraucht. Wir müssen“ zukünften”, denn die Zukunft ist kein vordefiniertes Ziel, sondern eine Reise, die wir gemeinsam unternehmen und deren Richtung wir bestimmen können.

Wir können als Spezies obsolet werden – Homo obsoletus, der überflüssig gewordene Mensch. Oder wir können eine neue Utopie kreieren und uns daran machen, sie zu verwirklichen. Dafür müssen wir uns bewusst entscheiden, anstatt uns bewusstlos treiben zu lassen. Die Welt der Zukunft ist chaotisch und unvorhersehbar, merkwürdig und spannend, also im Grunde so wie immer, nur sehr viel schneller und in vielerlei Hinsicht extremer als je zuvor. Deshalb können wir es uns schlicht nicht mehr leisten, auf Ereignisse nur zu reagieren und nachträglich versuchen, zu erklären, was passiert ist.

Die überfällige Veränderung unserer Gesellschaft kann nur gelingen, wenn wir eine ökonomische Motivation für den Wandel finden. Wir brauchen neue Fragen und einen Fokus auf Dialog, Zusammenarbeit und Co-Kreation. Vielleicht kannst du In der Vorweihnachtszeit ein paar Meetings absagen und stattdessen einige Seiten Platon oder Hegel lesen? Oder vielleicht möchtest du Zeit für Reflexion einplanen und am besten ab sofort eine “Denkstunde” wöchentlich in deinem Kalender blockieren?

Womöglich findest du bei der Budgetplanung noch Raum für ein oder zwei Retreats im nächsten Jahr? Philosophische Kontemplation ist der Weg zur möglichen Lösung. Wir müssen 2019 damit anfangen, die Grundzüge einer neuen Wirtschaft zu entwerfen, die zugleich die Basis unseres künftigen Zusammenlebens sein kann. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dir an dieser Gesellschaft des Verstandes zu arbeiten. Bis Neujahr hast du noch vier Wochen Zeit, darüber nachzudenken, was du dazu beitragen willst.