Die Noten der Abiturienten werden immer besser – doch die Leistungen stagnieren. Gleichzeitig sinkt das Image von Handwerk und Ausbildung. Experten fordern strengere Zensuren und mehr Berufsvorbereitung. Das Problem liege auch bei den Eltern.

In ziemlich genau einem Monat wird sich in deutschen Städten ein alljährlich wiederkehrendes Ritual beobachten lassen. Junge Erwachsene werden die Innenstädte überströmen, bekleidet mit T-Shirts, deren Aufdrucke „KohlrABI – Wir machen uns vom Acker“ oder ähnliches verkünden. Wenig später folgt der Gang zum Abiball: Manch 17-Jähriger wird sich in den ersten Anzug zwängen, stolze Eltern Tränen vergießen und Schulleiter Reden auf die glorreiche Zukunft ihrer Schüler halten.

Beim Ablauf des „Rituals Abitur“ hat sich in den vergangenen Jahren nur wenig geändert. Abi-Streiche spielte immerhin schon die 68er-Generation. Eines jedoch ist anders: Erlangte damals nur rund ein Viertel aller Schüler in Deutschland die Allgemeine Hochschulreife, ist es heute mehr als jeder zweite.

So hatten im Jahr 2017 53 Prozent der 20- bis 24-Jährigen die Fachhochschul- oder Hochschulreife, wie das Statistische Bundesamt vergangene Woche mitteilte. Bei den Männern war es rund die Hälfte, bei den Frauen sogar 58 Prozent. In der Generation der 60- bis 65-Jährigen hingegen, hatten 2017 nur knapp 26 Prozent Abitur, darunter mehr Männer (30 Prozent) als Frauen (23 Prozent). Doch nicht nur die Zahl der Abiturienten steigt seit Jahren.

Auch die Notenschnitte werden im Vergleich immer besser – einzige Ausnahme ist Baden-Württemberg. Lag der Abiturschnitt beispielsweise in Brandenburg 2007 noch bei 2,47, so betrug er zehn Jahre später 2,27. Auch die Bestnote 1,0 wird heute in fast allen Bundesländern häufiger erzielt als noch vor zehn Jahren – in Thüringen etwa verdoppelte sich die Anzahl der Einsnuller-Abiturienten von 1,3 auf 2,6 Prozent.

Wirklich überraschend sind die Zahlen nicht. Seit Jahren spricht manch einer von „Noteninflation“, andere schimpfen über den „Abi-Wahnsinn“. Gleichzeitig wird sich branchenübergreifend über den Fachkräftemangel beschwert, Tausende Lehrstellen bleiben Jahr für Jahr unbesetzt. Die künftigen Karrierewege der in wenigen Wochen frischgebackenen Abiturienten scheinen schon klar: Erst einmal ein Studium, BWL etwa oder Informatik. Eine Ausbildung – auch nach dem Abitur – scheint eher abwegig. Wer möchte heute schließlich noch Handwerker werden?

„Die Hälfte müsste man schon wissen“

Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Philologenverbands, setzt sich daher für strengere Noten ein. „Jeder sollte den für ihn höchstmöglichen Bildungsstand erreichen können“, sagt die Marburger Professorin. An die Schüler richte sich ihre Kritik deshalb nicht, wohl aber an die Kultusministerkonferenz, „die in ihrer Bewertungsverordnung das Niveau gesenkt hat“. Die Noten müssten wieder stärker im Verhältnis zur Leistung stehen, fordert sie.

Zwei Beispiele: Heute gilt laut Bewertungsraster in den meisten Bundesländern eine Klausur in der Oberstufe mit 45 Prozent als bestanden. Lin-Klitzing fordert eine Rückkehr zu 50 Prozent. „Die Hälfte müsste man schon wissen, um zu bestehen.“ Auch das Bewertungsverhältnis sei in Schieflage geraten, sagt sie. In Klausuren könnten maximal nur zwei Punkte für Rechtschreibung abgezogen werden. „Wenn aber die ganze Seite voller Fehler ist, wird dadurch das falsche Signal gesendet.“

Von Begriffen wie „Akademikerschwemme“ hält Lin-Klitzing zwar nichts. Trotzdem ist ihrer Meinung nach bereits die Übergangsquote auf das Gymnasium zu hoch. Alleine zwischen 2006 und 2016 ist diese von 30 auf 41 Prozent gestiegen. Die Philologin hält es daher für sinnvoll, dass „bereits frühzeitig von der Bildungspolitik leistungsorientiert und verantwortungsbewusst gesteuert wird“. Konkret meint sie damit etwa, dass die Empfehlung für die weiterführende Schule wieder verbindlich sein müsse. Denn in den meisten Bundesländern können sich Eltern über diese hinwegsetzen.

Zudem bräuchte es ihrer Ansicht nach ein besseres Informationsangebot über Berufsmöglichkeiten – und das schon ab der dritten Klasse. Der Ruf der beruflichen Ausbildung sei in den vergangenen Jahren stark abgefallen, so Lin-Klitzing.

Experte sieht bei Eltern Drang zum Abitur

Dass klassische Handwerksberufe wie zum Beispiel Fleischer oder Klempner heute ein krasses Imageproblem haben, verwundert wohl niemanden mehr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), sieht das Problem aber nicht darin, dass zu viele Schüler Abitur machen, sondern eher in deren Elternhäusern.

„Viele Eltern haben sich mittlerweile sehr weit vom Handwerk entfernt“, sagt er. Es gebe kaum noch Kenntnisse über mögliche Ausbildungen. „Für viele scheinen nur Abitur und Universität beruflichen Erfolg zu versprechen.“ Doch die Annahme, dass man nur mit einem Studium finanzielle Sicherheit erreiche, sei falsch. „In bestimmten Studienfächern hat man auch als Akademiker alles andere als rosige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.“

Zwar zeigen Gehaltsauswertungen, dass sich ein akademischer Abschluss in der Regel tatsächlich auszahlt – doch nicht in jedem Fall. Wer nach dem Studium etwa als Sporttherapeut oder Kulturmanager arbeitet, kann mit einem Jahresgehalt um die 32.000 Euro rechnen. Der Ausbildungsberuf des Binnenschiffers bringt mit dem zusätzlichen Patent als Steuermann nach der Lehre schon an die 45.000 Euro im Jahr ein.

Das „dramatische Imageproblem“ mancher Ausbildungen macht Esser am Beispiel des Anlagenmechanikers fest: Ein schmutziger und schwerer Job, wie die meisten denken würden. Dabei habe sich gerade dieser Beruf stark gewandelt. „Heute ist das ein absoluter Technologie- und Umweltberuf. Es geht nicht mehr nur darum Heizungen einzubauen, sondern um Themen wie Gebäudetechnik und Smart Home.“ Dazu seien gute Fähigkeiten in den Naturwissenschaften gefragt, aber auch Programmierkenntnisse.

Genau das lernen Schüler jedoch zum großen Teil in der Oberstufe. Essers Plädoyer: Mehr Abiturienten in die Ausbildungsberufe. „Die Auftragsbücher vieler Betriebe sind voll und die Aufstiegsmöglichkeiten sind dank verbesserter Fortbildungen heute wesentlich größer, als noch vor 20, 30 Jahren“, sagt er.

Leistungen der Schüler stagnieren

Während in Deutschland die kritischen Stimmen zum Wandel des Abiturs lauter werden, freut man sich in Paris über die abermals gestiegene Quote. Dort sitzt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, der Chef der PISA-Vergleichsstudie. „Es kann nie genug gute Bildung geben“, findet der Statistiker. „Aber die Arbeitgeber müssen sich auch weiterhin auf die Aussagekraft der Noten verlassen können. Gute Noten sollten eine starke Leistung widerspiegeln“, räumt er ein.

Dass die Abiturschnitte immer besser werden, bereitet Schleicher deshalb Sorge. „Die PISA-Ergebnisse zeigen nämlich, dass die Leistungen der Schüler in Deutschland trotz besseren Schnitten nur stagnieren – und das seit mehreren Jahren“, sagt er. Ein Vorwurf an Deutschlands Schüler sei das aber nicht.

Vielmehr sei es so, dass die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt für die jüngere Generation viel höher seien als noch vor 20 Jahren. „Heutzutage wird oft nicht mehr zwischen Blue Collar und White Collar Jobs unterschieden. Durch die Digitalisierung sind ganz neue Fähigkeiten gefragt“, sagt Schleicher. „Deshalb trifft die junge Generation rationale Entscheidungen.“ Und das sei eben meistens der Schritt zum Abitur und Studium.

Schulen sollten auch Alternativen zum Abi aufzeigen

Genau das weiß kaum jemand besser als Dieter Brückner. Er ist Vorsitzender der Bundes-Direktoren-Konferenz und leitet ein Gymnasium im fränkischen Würzburg. Beinahe täglich hört er von den Sorgen vieler Schüler, aber auch deren Eltern. Einige hätten Ängste, dass sich die Kinder ohne Abitur Chancen verbauen: „Niedriger Status, weniger Einkünfte und kaum Aufstiegschancen“, so beschreibt er die Angst.

Den Trend hin zu besseren Notenschnitten sieht Brückner kritisch. „Das Abitur muss weiterhin ein Qualitätsmarkmal bleiben“, fordert er. Selbstverständlich sei es das Ziel eines Gymnasiums, möglichst alle Schüler auch durch das Abitur zu bringen. Trotzdem sei es wichtig, auch alternative Wege aufzuzeigen, und das nicht erst in der 11. Klasse.

Den Vorwurf, dass das Abitur immer leichter wird, sieht der Schulleiter nicht bestätigt. „Viele tun sich heute schwerer mit der Arbeit an längeren Schriften, das Textverständnis leidet deutlich.“ Andererseits könnten Schüler heute aber viel mehr, was Umgang mit Medien, die Recherche, oder Präsentationen angeht. „Gerade das wird doch im Beruf und Studium immer wichtiger.“

Deshalb kann er auch die Klagen mancher Universitäten, viele Abiturienten seien nicht ausreichend für ein Studium vorbereitet, so nicht unterschreiben. „Diese Aussage ist so alt, wie der Übergang auf die Hochschulen selbst.“ Das etwas wehleidige „Früher war alles besser“ stimme zum Glück nicht immer.

In einem Punkt sind sich die Bildungsexperten einig: Die Zahl der Abiturienten wird weiter steigen. Ob der Trend irgendwann in Richtung Ausbildung statt Studium geht, wird vom Image, vor allem aber den Gehältern der Berufe abhängen. Wer weiß – vielleicht konkurrieren die Abiturienten von Überübermorgen nicht mehr um die Zulassung zum BWL-Studium, sondern um die Ausbildungsplätze zum Anlagenmechaniker.