Mit fünf Millionen Euro soll erforscht werden, welche psychischen Folgen ein Schwangerschaftsabbruch haben kann. „Diese Studien gibt es schon“, sagt jedoch eine Expertin. Wenn Frauen krank würden, liege das nicht an der Abtreibung selbst.

Welche psychischen Folgen kann ein Schwangerschaftsabbruch haben? Diese Frage will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ab dem kommenden Jahr klären lassen. Vom Bundeskabinett bekam sein Ressort dafür fünf Millionen Euro zusätzlich.

Anette Kersting findet die geplante Studie unnötig, wenn es nur darum geht, die psychischen Folgen des Schwangerschaftsabbruchs zu untersuchen. „Dazu gibt es bereits Studien aus den USA“, sagt die Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Leipzig. „Warum sollen wir die gleiche Forschung in Deutschland noch einmal machen?“ Es sei nicht zu erwarten, dass bei einer neuen Studie etwas anderes herauskomme.

„Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer ein kritisches Lebensereignis. Es ist verständlich, dass es vielen Frauen nicht leicht fällt, damit zurecht zu kommen“, erklärt sie. Langfristig würden Frauen psychisch aber nicht häufiger leiden als die, die ein Kind trotz eines gewünschten Schwangerschaftsabbruchs austragen.

„Es ist nicht der Schwangerschaftsabbruch an sich, der manche Frauen krank macht“, so Kersting, die auch das Fachreferat für frauen- und geschlechtsspezifische Fragen in der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde leitet. Vielmehr würden Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, oft in belastenden Situationen leben – mit gewaltbereiten Partnern, mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit, mit wirtschaftlichen Problemen. „Den Frauen ging es auch vor der Schwangerschaft schon schlecht, und das bleibt häufig so.“

Stigmatisierung und Selbstvorwürfe

Darüber hinaus mache ein Klima der Stigmatisierung Frauen in der ohnehin schwierigen Situation das Leben schwer. „Eine Angst vor Verurteilung durch das soziale Umfeld, die Gesellschaft und Medien sowie Entscheidung verbundene Selbstvorwürfe könnten dazu beitragen, dass Frauen psychisch krank werden“, so Kersting. In diesem Bereich sieht sie echten Forschungsbedarf – und bei tiefer gehenden Fragen: „Wenn wir wissen, welchen Frauen es warum schlechter geht, wüssten wir, wie ihnen besser geholfen werden kann.“

Nach der Forschung ist für Anette Kersting aber vor der Debatte: Es geht auch darum, sich mit den Forschungsergebnissen, die wir haben, auseinanderzusetzen.“ Voraussetzung sei jedoch, dass sich Politik und Gesellschaft an Fakten orientieren. Beim Thema Schwangerschaftsabbruch gebe es viele Überzeugungen. Forschung sei jedoch ergebnisoffen – sie belege nicht, was erwünscht ist.

Das sagt die bisherige Studienlage

„Eine Abtreibung erhöht das Risiko einer Frau für Depressionen nicht“, erklärten zuletzt Forscher um Julia R. Steinberg von der University of Maryland School of Public Health im August 2018 im Fachjournal „JAMA Psychiatry“. Die Gruppe hatte die Daten von 400.000 dänischen Frauen untersucht. Im dortigen Nationalregister werden Informationen unter anderem über Abtreibungen, Geburten und die Anwendung von Antidepressiva festgehalten. So geben die Zahlen auch wieder, wie oft im Zeitraum um eine Abtreibung herum die Medikamente zum Einsatz kommen.

In der Studie fanden die Forscher heraus, dass sich der Gebrauch von Antidepressiva im Jahr vor und nach einer Abtreibung nicht veränderte. Und: Im Laufe der Zeit nahm der Einsatz der Medikamente ab.

Zu den Ergebnissen gehört aber auch: Die Frauen, die eine Abtreibung hatten, nahmen insgesamt mehr Antidepressiva als die ohne den Eingriff. Das war sowohl im Jahr vor als auch im Jahr nach der Abtreibung so – für Julia Steinberg, die Erstautorin der Studie, ein Zeichen dafür, dass die Ursache nicht die Abtreibung selbst ist, sondern andere Faktoren wie „schon zuvor bestehende psychische Probleme und negative Erfahrungen“.

Anlass für die Studie waren Pläne, wonach Schwangere in immer mehr Bundesstaaten der USA vor einem Abbruch über mögliche negative psychologische Folgen ihres Tuns aufgeklärt werden müssen.

Aus einer anderen Richtung näherten sich zwei Jahre zuvor Wissenschaftler um M. Antonia Biggs von der University of California dem Thema: Sie untersuchten, über welche psychischen Probleme Frauen berichteten, denen eine Abtreibung verweigert worden war. Die Frauen wurden eine Woche nach ihrer Abtreibungsberatung und dann alle sechs Monate befragt – fünf Jahre lang. Das Ergebnis: Diejenigen, die nicht abtreiben durften, hatten eine Woche nach der Ablehnung mehr Angst, ein geringeres Selbstwertgefühl und eine geringere Lebenszufriedenheit. Im Vergleich zu Frauen, die abtreiben durften, hatten sie ähnlich viele Depressionen. Ein Jahr nach Beginn der Studie hatten sich die Faktoren bei allen Frauen angeglichen.

Die Autoren attestieren ihrer Studie allerdings eine Schwäche: Darin wurde nur der Fakt an sich konstatiert. Ob der nicht erfolgte Schwangerschaftsabbruch wirklich Ursache für die psychischen Probleme war, konnten sie mit ihren Daten nicht belegen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verweigerung einer Abtreibung für das psychische Wohlbefinden von Frauen schädlicher sein kann, als Frauen den Eingriff zu ermöglichen“, schreiben die Forscher als Fazit ihrer Studie.

Ob ein Schwangerschaftsabbruch zu einem Rückfall führen kann, wenn eine Frau in ihrem Leben vor der Schwangerschaft schon einmal wegen einer psychischen Erkrankung behandelt wurde, hatten dänische Wissenschaftler untersucht. Eine Abtreibung im ersten Trimester führte in der Studie nicht dazu, dass Frauen häufiger in psychiatrische Kliniken aufgenommen werden mussten. Das Risiko war bei den Studienteilnehmerinnen, die ihr Kind bekamen, sogar höher.

„Es gibt unterschiedliche Befunde darüber, ob Abtreibungen die psychische Gesundheit negativ beeinflussen, und es gibt nur wenige fundierte Studien zu diesem Thema“, schrieben die Autoren im Februar 2012. Oft würden psychische Probleme nach einer Abtreibung vorausgesagt. Die meisten Abtreibungen aber seien das Ergebnis unerwünschter Schwangerschaften. Die Auswirkungen der Abtreibung würden oft mit den Folgen einer unerwünschten Schwangerschaft verwechselt.

Zahl der Abtreibungen in Deutschland rückläufig

In den vergangenen Jahrzehnten ging die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche kontinuierlich zurück. Im Jahr 2017 verzeichnete das Statistische Bundesamt aber erstmals einen Anstieg von 2,5 Prozent. Demnach waren in dem Jahr rund 101.200 Eingriffe vorgenommen worden. Die meisten der Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen ließen, waren laut der Statistik zwischen 18 und 34 Jahre alt. Der Anteil der unter 18-Jährigen lag bei drei Prozent, rund acht Prozent waren 40 Jahre und älter. Im Jahr 2016 hatte es gut 98.700 Schwangerschaftsabbrüche gegeben.

In vier Prozent der Fälle gaben die Frauen medizinische Gründe oder eine Vergewaltigung als Begründung für den Schwangerschaftsabbruch an.

Die Eingriffe wurden fast immer ambulant vorgenommen, 79 Prozent der Frauen gingen dazu in die Praxis eines niedergelassenen Frauenarztes, 18 Prozent in ein Krankenhaus. Drei Prozent machten keine Angaben.

Einzelheiten zur geplanten Studie stehen noch nicht fest

Die nun geplante Studie zur Situation in Deutschland ist Teil des kürzlich vereinbarten Kompromisses der großen Koalition zur Veränderung des Paragrafen 219a. „Um die gesundheitlichen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen in ihrer Breite in den Blick zu nehmen, sind vertiefte Erkenntnisse auch von möglichen psychischen Folgen von Relevanz“, ließ Justizministerin Katarina Barley (SPD) im Anschreiben zum Beschluss wissen.

Dennoch kommt scharfe Kritik auch von den Sozialdemokraten. Die Berichterstatterin der SPD-Bundestagsfraktion für Frauengesundheit, Hilde Mattheis, erklärte, hier sollten „fünf Millionen Euro für eine wissenschaftlich unsinnige und ideologisch motivierte Studie vergeudet werden“. Der Bundestag dürfe das Geld dafür nicht zur Verfügung stellen. Die Situation von Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen sei durch eine sehr umfangreiche Studienlage untersucht, argumentierte Mattheis.

Alle seriösen Arbeiten dazu hätten belegt, dass ein sogenanntes Post-Abortion-Syndrom, also eine schwere Belastungsstörung bei Frauen, die abgetrieben haben, nicht existiere. Frauengesundheit würde aber in der Gesundheitsforschung systematisch vernachlässigt. „Wenn das Gesundheitsministerium etwas für Frauen tun will, wären zusätzliche Gelder für Forschung in diesem Bereich richtig angelegt.“

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hatte in der Talkshow „Anne Will“ erklärt: „Ich halte von dieser Studie nichts.“ Es sei oft festgestellt worden, dass psychische Probleme nicht von der Abtreibung allein kämen, sondern von der Stigmatisierung der Frauen.

Die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Bauer, bezeichnete das Forschungsvorhaben als „Zugeständnis an radikale Lebensschützer“. Ein Erkenntnisgewinn sei nicht zu erwarten, denn die psychischen Auswirkungen von Abtreibungen seien seit Jahren ausführlich und umfassend untersucht. „Dass der Steuerzahler für diesen Unsinn auch noch fünf Millionen Euro bezahlen darf, setzt dem Ganzen die Krone auf“, urteilte Bauer.

Angebracht sei stattdessen ein „enttabuisierter und aufgeklärter Umgang mit dem sensiblen Thema“ Abtreibungen. Studien legten nahe, dass „mitunter die Stigmatisierung zu psychischen Problemen“ bei den Betroffenen führen könne, erklärte Bauer.

Auch die Grünen kritisierten das Vorhaben Spahns. Seine Forderung nach dieser Studie „trieft vor Misstrauen gegenüber Frauen“ und belege, wie sehr die Union Frauen die Eigenmächtigkeit und Selbstbestimmung abspreche, erklärte die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Ulle Schauws. Etliche qualifizierte Studien widerlegten die These von erhöhten psychischen Problemen nach einem Schwangerschaftsabbruch. Wäre Spahn am gesundheitlichen Wohl von Frauen gelegen, müsste er sich für einen konsequenten und ausreichend finanzierten Schutz von Frauen vor Gewalt einsetzen.