Vor sieben Monaten wurde Daniel H. in Chemnitz erstochen. Zwei weitere Männer kam in der Tatnacht mit Verletzungen davon. Was wissen die beiden? Wie geht es ihnen?

Daniel H. ist tot, so viel steht fest – sonst allerdings steht nicht viel fest, immer noch nicht, fast sieben Monate nach der Tat. Daniel H. starb in der Nacht auf den 26. August in Chemnitz, zusammengebrochen auf einem Bürgersteig in der im Stadtzentrum gelegenen Brückenstraße. Wie es dazu kam, wird der Prozess klären müssen, der nun am kommenden Montag beginnt. Und zwar in Dresden, nicht in Chemnitz – wie es heißt, aus Sicherheitsgründen.

Angeklagt ist eine einzige Person, der 23-jährige Syrer Alaa S. Ein zweiter Tatverdächtiger, der Iraker Farhad Ramazan Ahmad, ist seit Monaten auf der Flucht. Er soll sich kurz nach der Tat zusammen mit seinem Bruder aus Chemnitz abgesetzt haben und wird im Ausland vermutet. Vieles am Tathergang ist bis jetzt unklar.

Nicht nur Daniel H. wurde in jener Nacht angegriffen, sondern auch zwei seiner Bekannten. Die beiden Deutschrussen wurden verletzt, einer musste stationär behandelt werden.

Was die Männer während der Tat gesehen hatten, dazu schwieg die Staatsanwaltschaft – das ist ein übliches, oft sinnvolles Verfahren, um laufende Ermittlungen nicht zu behindern. Dennoch hat die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag kürzlich gefordert, den bekannten Tathergang offen zu kommunizieren.

Auf ihrer Internetseite schrieb die Fraktion: „Auffallend ist, dass die beiden schwerverletzten Bekannten von Daniel H. seit der Tat nicht mehr erwähnt werden und auch die Presse dazu schweigt und scheinbar wenig Interesse zeigt.“

Es wird ein Verdacht formuliert: „Sind diese beiden Beteiligten etwa nie von der Staatsanwaltschaft befragt worden?“ Und der innenpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Sebastian Wippel, fragte sogar – ohne allerdings Anhaltspunkte für seine Mutmaßung zu nennen –, ob vielleicht beim „Messermord an Daniel H.“ etwas „vertuscht“ werden solle.

Wer sind die beiden Verletzten – und was wissen sie?

Richtig ist nur dies: Die Behörden haben sich in den vergangenen Monaten nicht dazu geäußert, was die zwei in jener Augustnacht Verletzten ausgesagt haben. Befragt wurden sie aber durchaus, und zwar sehr zügig. Die beiden Männer, von denen sich manche fragen, warum man so wenig von ihnen gehört hat, wurden laut Staatsanwaltschaft schon am 26. August 2018 das erste Mal von der Polizei vernommen – am Tag der Tat also. Dimitri M. blieb bis zum 29. August im Krankenhaus. Im anstehenden Prozess sollen beide als Zeugen aussagen.

Dass man seit der Tat gar nichts von diesen beiden gehört hätte, wie die AfD-Fraktion in ihrem Statement insinuiert, ist auch falsch. So berichtete die in Chemnitz ansässige „Freie Presse“ am 14. September 2018 unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft, dass die Verletzten Angaben zum Tathergang gemacht hätten – auch wenn konkrete Inhalte der Vernehmungen nicht bekannt gegeben würden.

Wer sind die zwei Männer? Es handelt sich um Dimitri M. und seinen Bruder, dessen Name bekannt ist. Am frühen Morgen des 26. August halten sie sich mit weiteren Personen in der Brückenstraße auf und treffen dort Daniel H. Sie unterhalten sich, Daniel H. und Dimitri M.‘s Bruder verschwinden zwischenzeitlich in einem nahe gelegenen Dönerimbiss, um Zigaretten zu kaufen.

Als sie wieder draußen sind, stößt Farhad Ramazan Ahmad auf die Gruppe. Es kommt zum Streit, der zweite mutmaßliche Täter Alaa S. eilt hinzu. So stellt es die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift dar.

Messerstich drei bis vier Zentimeter tief

Dimitri M. und sein Bruder sind dabei, als Daniel H. erstochen wird. Aber können sie auch dazu beitragen, den Fall aufzuklären? Nach Informationen sind die Aussagen der Brüder wenig hilfreich. Dimitri M. soll zwar aus sechs bis sieben Meter Entfernung gesehen haben, wie zwei Personen auf den schon am Boden liegenden Daniel H. eingestochen haben. Ganz sicher identifizieren konnte er jedoch keinen der mutmaßlichen Täter.

Er selbst bekam einen Stich in den linken Rückenbereich versetzt, drei bis vier Zentimeter tief. Lebensgefährlich war diese Verletzung wohl nicht – die Staatsanwaltschaft geht jedoch von einer „potenziellen“ Lebensgefahr aus. Denn der Angreifer, so heißt es, habe die Stichrichtung und -tiefe nicht kontrollieren können. Will sagen: Es hätte auch anders ausgehen können.

An der Stelle unweit des Karl-Marx-Monuments in Chemnitz, an der Daniel H. im August erstochen wurde, erinnert mittlerweile eine Gedenkplakette an ihn

Ganz sicher sind die Ermittler sich nicht, aber sie vermuten, dass es der flüchtige Farhad Ramazan Ahmad war, der das Messer in Dimitri M.s Rücken stieß. Dennoch wird sich Alaa S., der mutmaßliche Mittäter, vor Gericht auch hierfür verantworten müssen – denn der Stich in den Rücken sei mit seiner Billigung erfolgt, so die Darstellung der Staatsanwaltschaft.

Dimitri M.‘s Bruder wurde nach bisherigen Erkenntnissen in jener Nacht von einer Bierflasche am Kopf getroffen, er zog sich dabei eine Platzwunde zu. Er erklärte, dass er den Angreifer nicht gesehen habe und verwies ansonsten auf die Ermittlungen: „Die Polizei hat unsere Aussagen.“ Seinem Bruder Dimitri gehe es gut.

Die Ermittler glauben, dass es Farhad Ramazan Ahmad war, der mit der Bierflasche zuschlug – und aus Sicht der Ankläger ist nicht sicher nachzuweisen, ob Alaa S. diesen Angriff billigte, ob die Männer an diesem Punkt also gemeinschaftlich handelten. Das heißt konkret: Der mutmaßliche Schlag mit der Bierflasche wird nicht Teil des anstehenden Prozesses sein, und Dimitri M.‘s Bruder gilt in diesem Verfahren daher auch nicht als Geschädigter.

Dimitri M. selbst hingegen wird als Nebenkläger auftreten. Sein Anwalt wollte die Recherchen nicht kommentieren und verwies auf den anstehenden Prozess: „Nach meiner Kenntnis ist angedacht, die Geschädigten frühzeitig im Lauf der Verhandlung zu vernehmen.“