Kritik am Partner: Bei diesem Thema hakt es bei vielen Paaren. Aber geht es gänzlich ohne? Die meisten Paare kritisieren sich deutlich häufiger, als sie Sex miteinander haben.

Nur mal angenommen, Sie waren den ganzen Tag unterwegs, kommen nach Hause und treffen dort auf ihren Partner. Oder Sie waren volle vier Tage zu einer Geschäftsreise unterwegs – und kehren nun endlich wieder in Ihr Heim zurück. Sie schließen die Tür auf, legen Ihre Sachen ab und gehen in die Küche. Dort ist Ihr Partner beziehungsweise Ihre Partnerin. Was machen Sie jetzt? Wenn Sie meine Ansichten kennen, dann wissen Sie, dass ich es für gut und richtig halte, wenn Sie beide sich jetzt umarmen. Wie lange? Vier Tage waren Sie unterwegs. Das ist eine lange Zeit. Sie dürfen sich also gern etwas länger umarmen als sonst. Meine Meinung.

Wenn Sie den Paarforscher und Psychologieprofessor John Gottman fragen, dann wird er Ihnen möglicherweise auch noch zu einem richtigen Kuss raten. Ein richtiger Kuss dauert seiner Meinung nach mindestens sechs Sekunden. Aber sehen Sie selbst:

Eine Lebensweisheit, die man sich einrahmen sollte

Was für ein schönes Foto! Es ist nicht direkt von John Gottmans Internetseite, sondern von dem Blog „staymarried.com“, der oft mit John Gottman kooperiert. Meinetwegen dürfen Sie im Übrigen gern auch beides tun. Erst umarmen Sie sich – und dann gibt es den Kuss. Den Sechs-Sekunden-Kuss. Das ist natürlich noch besser!

Küssen und umarmen – auf diese Weise verbinden sich Paare wieder miteinander, wenn sie eine Weile getrennter Wege gegangen sind, was heutzutage die Regel ist. Die wenigsten Paare verbringen den Tag gemeinsam. Früher war das mal die Regel.

Hallo Schatz!

Die Umarmung und der Kuss sind leider nicht die einzige Möglichkeit der Begrüßung, wenn Sie nach Hause kommen. Sie können auch einfach Ihre Kinder küssen und zu Ihrem Mann ganz beiläufig „Hallo Schatz“ sagen. Und dann verschwinden Sie in Ihrem Homeoffice, um die Mails zu checken. Die sind wichtig!

Oder aber Sie halten sich gar nicht erst mit Nettigkeiten auf, sondern beginnen gleich mit einer Kritik. Womit wir bei unserem heutigen Thema wären – der Kritik und den Folgen, die sie für eine Partnerschaft hat. Den zerstörerischen Folgen. Denn Kritik ist ein Beziehungskiller.

Kritik ist ja so einfach!

Wer von den Feinden der Liebe reden will, der darf von der Kritik nicht schweigen. Paare kritisieren sich oft. Und sie kritisieren sich gern. Manche Paare kritisieren sich sogar deutlich lieber und deutlich öfter, als sie etwas Nettes zueinander sagen. Und die allermeisten Paare kritisieren sich deutlich häufiger, als sie Sex miteinander haben. Kritik geht ihnen ganz leicht von der Hand.

Wie schade, denn es gibt einen engen Zusammenhang zwischen häufiger Kritik und seltenem Sex in der Beziehung. Das verwundert nicht wirklich. Kritik führt zu Distanz. Wir gehen bei Kritik durch den Partner innerlich auf Distanz – um uns zu schützen. Und das ist schlecht für die Erotik. Ganz schlecht sogar.

Als Begrüßung gleich eine Kritik zu äußern – schauen wir mal, wie solche Begegnungen in der Realität ablaufen. Sebastian, 49, kommt nach Hause. Er war für seinen Arbeitgeber in Dresden und in München. Er arbeitet für ein amerikanisches Unternehmen, das Maschinen zur Chipproduktion herstellt und Produkte, die für die Herstellung von Computerchips gebraucht werden. Er ist damit so eine Art Handelsreisender für allermodernste Technologien, die, eingebaut in Smartphones, Menschen miteinander verbinden.

Für Sebastian ist es ein anstrengender Job, diese Maschinen zu verkaufen. Die Konkurrenz ist groß auf dem Markt und das Tempo der Veränderungen auch. Eine Innovation jagt die nächste. Eine falsche Entscheidung eines Unternehmens – und schon rutscht es gnadenlos in die roten Zahlen.

Vier Tage lang war Sebastian den ganzen Tag über freundlich und angespannt zugleich. Er muss Abschlüsse machen, das weiß er. Er darf nicht genervt sein von den Wünschen seiner Kunden. Er muss verständnisvoll sein und die Sicht der Unternehmen verstehen, die er besucht. Kritik an seinen Kunden ist dabei ein Tabu. „Sonst macht man keine Abschlüsse“, sagt Sebastian. Das hat er in einer Verkaufsschulung so gelernt.

Im Prinzip weiß Sebastian also sehr genau, wie Positivität geht und was es mit der Kritik auf sich hat. Sie ist schlecht für den Kontakt zum Kunden. Sie macht ihn schwierig, weil er innerlich auf Distanz geht. Jeder Verkaufstrainer kennt die Abläufe und die Regeln von Verkaufsgesprächen und weiß um die Befindlichkeit von Kunden. Und wie man ihr Herz gewinnt.

Sie alle wissen das von einem Mann, der sich sein ganzes Berufsleben lang mit diesen Fragen beschäftigt hat – Dale Carnegie. Seine Antwort auf die Frage, wie man die Herzen von Kunden gewinnt, war ganz einfach. Sie lautete: mit Anerkennung, Wertschätzung, Respekt und Lob. Mit einem Wort: durch Positivität.

Die häuslichen Abläufe verbessern

Sebastian schließt die Haustür auf, stellt seinen Koffer ins Arbeitszimmer und geht in die Küche. Cloe kommt ihm freudig entgegen. Seit zwei Jahren haben sie den Cockerspaniel – damit Rebecca nicht so viel allein ist, wenn er unterwegs ist. Cloe freut sich sichtlich. Sie will gestreichelt werden, läuft um ihn herum und springt an ihm hoch. Hunde können aber auch anhänglich sein!

Rebecca steht am Herd. Sie hat gerade das Brot in den Ofen geschoben, das Sebastian so gern isst. Die beiden schauen sich kurz an, dann fällt Sebastians Blick auf den Temperaturregler für den Backofen. Und dann sagt er jenen verhängnisvollen Satz, der Rebecca die Tränen in die Augen treiben wird: „Stimmt die Backofentemperatur?“

Seit zwei Jahren schon backt sie ihm dieses Brot. Er soll sich darauf freuen, wenn er nach Hause kommt. Rebecca ist nicht gern Hausfrau – und das gibt sie auch ganz umstandslos zu: „Es gibt spannenderes als Abwasch, Kochen oder Putzen.“ Trotzdem hat sie sich auch heute hingestellt und sich die Arbeit mit dem frischen Brot gemacht.

Er wollte sie ja gar nicht so traurig machen

Sebastian steht noch immer in der Küche, Cloe will weiterhin von ihm beachtet und gestreichelt werden. Rebecca hingegen weint. Ihre Tränen fallen auf den Fußboden mit seinen schwarzen Fliesen und bilden dort große, glänzende Flecken. Noch könnte Sebastian einen Schritt auf sie zutun. Er könnte sie in den Arm nehmen und sagen, dass er den Satz bedauert. Oder dass er bedauert, dass er Rebecca mit diesem Satz so traurig gemacht hat. „Tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ Das würde die Situation möglicherweise retten. Er wollte das ja wirklich nicht – sie so traurig machen.

Sebastian fühlt sich unwohl angesichts von Rebeccas Tränen. Er steht hilflos da. Ihm fällt nichts ein, um sie zu trösten. Vielleicht sieht er aber auch gar nicht ein, dass sein Satz ein Fehler war. Er ist doch im Recht – sie hat die Temperatur zu hoch eingestellt. Er hat sie kritisiert. Na und! Das sie aber auch immer so empfindlich ist!

Er kommt nach Hause, geschafft, aber voller Freude auf die ruhigen Tage, die jetzt vor ihm liegen – und schon macht sie ihm wieder eine Szene. Innerlich seufzt Sebastian und bedauert, so eine schwierige Frau geheiratet zu haben. Sebastian bedauert nicht Rebecca und dass sie so traurig geworden ist angesichts seiner Kritik über die zu hohe Backofentemperatur. Er bedauert stattdessen – sich selbst.

Die Verbesserung der häuslichen Abläufe

„Ich wollte doch nur zur Verbesserung der häuslichen Abläufe beitragen“, sagt Sebastian. Und dann sagt er jenen Satz, den ich nun schon von Hunderten von Paaren gehört habe: „Man muss den anderen doch auch mal kritisieren dürfen, konstruktiv kritisieren.“

Die meisten Ratsuchenden begründen die Kritik gegenüber dem Partner damit, dass sie doch auch bei der Arbeit Kritik gewohnt sind. Die Ärztin findet, ihr Partner solle sich wegen ihrer heftigen Kritik nicht so haben, im Beruf gäbe es das doch auch. Der Jurist verhält sich seiner Frau gegenüber wie bei einem Kreuzverhör im Gerichtssaal. Auf ihre Gefühle nimmt er dabei keine Rücksicht. Und der Ingenieur – das wissen wir schon – will unbedingt die betrieblichen Abläufe verbessern, statt seine Frau einfach in den Arm zu nehmen und sich auf das frische Brot zu freuen.

Sie sehen, der Übergang von der beruflichen Sphäre, in der manchmal auch Härte zählt und Ellenbogenmentalität, in den privaten Bereich, in dem es um die Gefühle der Beteiligten gehen sollte, fällt manch einem heute schwer. Das verschafft der Kritik in den Augen vieler, vor allem gebildeter Menschen eine hohe Berechtigung. Sie denken und handeln nach der Devise „Man muss den anderen doch auch mal kritisieren dürfen, konstruktiv kritisieren“.

Erkenntnis Nummer zehn: „Konstruktive Kritik“ statt emotionaler Zuwendung – auf diese Weise verletzen sich gerade gebildete Paare gern. Sie gehen nicht aufeinander ein. Sie nehmen die Wünsche und Bedürfnisse des anderen nicht ernst. Das schadet ihrer Beziehung.

Kritik schafft Distanz

Ich kann Sebastian nicht raten, nach einer Dienstreise seine Frau nicht zu küssen und nicht in den Arm zu nehmen. Zwei Fehler mit Folgen. Ganz besonders aber kann ich ihm nicht raten, die „häuslichen Abläufe zu verbessern“, wenn er nach Hause kommt.

Oder genauer: Ich kann ihm nicht raten, seine Frau zu kritisieren, wenn er nach Hause kommt. Sebastian ist Ingenieur. Sein Beruf ist die Verbesserung von betrieblichen Abläufen in der Halbleiterindustrie. Zu Hause ist das nicht sein Job. Hier geht es um Gefühle. Um das Gefühl der Freude, Rebecca wiederzusehen. Um das Gefühl der Dankbarkeit, dass sie sich um ihn kümmert. Um das Gefühl der Erleichterung, dass nun ein paar ruhige Tage vor ihm liegen. Zusammen mit Rebecca. Und Cloe.

Dankbarkeit würde helfen

Rebecca backt ihm seit zwei Jahren frisches Brot. Wie oft schon hat er sich in dieser Zeit bei ihr bedankt? Wie oft hat er ihr gesagt, dass er dankbar dafür ist, dass sie das tut? Das sind die Fragen, die mich als Berater beschäftigen. Der Schlüssel zu einer guten Partnerschaft ist Positivität. In Beziehungen geht es um Dankbarkeit, Lob, Anerkennung, Wertschätzung und Respekt. Und Verständnis. Aber nicht um Kritik. Und nicht um die Verbesserung der häuslichen Abläufe.

„Was macht das Glas hier?“

Sebastian ist nicht der einzige Mann, der sich bemüht, die häuslichen Abläufe zu verbessern, wenn er nach Hause kommt. Viele Rat suchende Männer haben mir diese Geschichte schon in irgendeiner Form erzählt. Auch Ralf.

Wenn Ralf nach Hause kommt, dann wirft er als Erstes seinen Schlüsselbund in eine Schale auf dem Schuhschrank. Neulich stand da ein Wasserglas. Was hat ein Wasserglas auf dem Schuhschrank zu suchen? Gute Frage. Ralf und Ingrid haben keinen Hund, der Ralf herzlich begrüßt, wenn er nach Hause kommt. Die beiden haben eine Tochter, 15 Jahre alt. Kommt Ralf nach Hause, dann sucht er erst gar nicht nach seiner Frau. Wozu bitte soll das gut sein? Also gibt es keinen Kuss. Und auch keine Umarmung.

Besonders Umarmungen können Nähe und eine positive Grundstimmung schaffen

Ralf geht vielmehr in die große Wohnküche. Dort sitzt Marie und löffelt an ihrem Eis. Mit einer Begrüßung hält sich Ralf nicht auf. Seine ersten Worte lauten: „Was macht das Glas da im Flur?“ Seine Tochter verschwindet daraufhin in ihrem Zimmer. Sie kennt diese Auftritte ihres Vaters schon. Auch Ingrid hat den Satz gehört – und geht ihrem Mann weiterhin aus dem Weg. Irgendwann später, wenn sie sich im Haus über den Weg laufen, werden sie „Hallo“ zueinander sagen.

Hallo Schatz!

Ingrid und Ralf sind schon seit Jahren in der „Hallo Schatz“-Phase ihrer Beziehung. Lange vor der lieblosen Begrüßung hat Ralf – genau wie Sebastian – zunächst einmal eine Kritik geäußert. „Aber das war doch keine Kritik“, sagt Ralf und wirkt ernsthaft erstaunt. Er hat doch nur darauf hingewiesen, dass das Glas da nicht hingehört. Und er wollte auf diese Weise die häuslichen Abläufe verbessern.

Die Alternative zur Kritik – der Wunsch

Dankbarkeit und Lob sind die positiven Gegenstücke zur Kritik. Dankbarkeit und Lob stärken die Plussäule einer Partnerschaft. Wie aber können Sie Kritik und Vorwürfe meiden, wenn Sie den anderen zu einer Verhaltensänderung bewegen wollen?

Sie können es mit einem Wunsch versuchen. Sie können eine Bitte äußern. Sie können eine Feststellung treffen. „Wenn du nach Hause kommst und mich nicht umarmst, dann fühle ich mich nicht mit dir verbunden. Das ist sehr unangenehm für mich. Ich habe dann später in der Regel auch keine Lust auf Sex.“

Erkenntnis Nummer elf: Es gibt Alternativen zur Kritik. Alternativen, die funktionieren: wünschen, bitten, feststellen. Vorwürfe in Wünsche verwandeln – diese Formulierung ist sehr bekannt. Viele Paarberaterinnen und -berater verwenden sie.

Wie wirkt Kritik?

Was Kritik mit menschlichen Beziehungen macht, das hat niemand so gekonnt auf den Punkt gebracht wie Dale Carnegie in seinem Bestseller „Wie man Freunde gewinnt“. Sein wichtigster Rat lautet: Lassen Sie es lieber. Sie werden ein erfolgreicheres Leben führen.

Carnegie selbst ging es in seinen Kursen in der Hauptsache um den beruflichen Erfolg seiner (männlichen) Kursteilnehmer. Doch immer wieder kamen bei Vorträgen auch Ehefrauen auf ihn zu und bedankten sich bei ihm – ihre Ehe lief einfach besser, seit ihr Mann bei Carnegie gelernt hatte, ohne Kritik auszukommen.

Keine Begrüßung, keine Umarmung, kein Kuss – und als Allererstes eine Kritik. Ralf und Sebastian kritisieren zu Hause leidenschaftlich gern. Ihre Frauen reagieren darauf sehr unterschiedlich – begeistert sind sie beide nicht. Rebecca weint oft – und wird später dann sehr wütend. Dann kritisiert sie Sebastian für sein ungehobeltes Benehmen, seine Rücksichtslosigkeit. In der Beziehung der beiden ist die Kritik deshalb allgegenwärtig. Beide Partner kritisieren sich leidenschaftlich gern. Sex dagegen gibt es nur selten.

Ingrid macht es anders als Rebecca. Sie schweigt viel, schluckt das meiste herunter. Auch das hat seinen Preis. Der häufigste Preis von keine Umarmung, kein Kuss und viel Kritik ist – neben der damit einhergehenden gedrückten oder schlechten Stimmung allerdings auch bei ihr und Ralf – eine seltene Sexualität.

Keinen Sex zu haben, selten Sex zu haben oder aber eine lieblose Sexualität zu haben – das ist für eine Partnerschaft in der Regel eine große Belastung. Es macht sie instabil. Stellt sich die Frage: Lässt sich das ändern? Gibt es also einen Weg aus der verkehrsberuhigten Zone?