In vielen Kosmetika sind Stoffe enthalten, die natürlichen Hormonen sehr ähnlich sind. Ob sie den Stoffwechsel verändern, ist bislang nicht ganz klar. Nun haben Forscher einen Zusammenhang mit der frühen Pubertät von Mädchen gefunden.

Es ist eine Entwicklung, die Experten schon lange Sorgen macht: Kinder in Deutschland kommen immer früher in die Pubertät. Ihre erste Menstruation bekommen Mädchen heute im Durchschnitt mit 12,8 Jahren, zwei bis drei Jahre früher als noch vor etwa einem Jahrhundert. In den vergangenen 150 Jahren habe sich das Eintrittsalter in die Pubertät sogar so drastisch gesenkt, dass bald das „biologische Limit“ erreicht sei, schreiben Forscher im „International Journal of Epidemiology“.

Als Auslöser dieses Trends diskutieren Wissenschaftler Faktoren wie Übergewicht, die frühkindliche Ernährung oder genetische Einflüsse. Eine neue Studie legt jetzt einen weiteren möglichen Grund nahe. In der Fachzeitschrift „Human Reproduction“ schreiben Forscher der University of California in Berkeley: Bestimmte Chemikalien könnten – zumindest bei Mädchen – für ein früheres Einsetzen der Pubertät sorgen. Diese frühere Reifung erhöhe bei den Betroffenen die Anfälligkeit für psychische Probleme sowie das langfristige Risiko für Brust- und Eierstockkrebs.

Die Chemikalien ähneln natürlichen Hormonen

Die Chemikalien auf der Liste der Wissenschaftler finden sich in Alltagsprodukten wie Handseife, Parfüm oder Zahnpasta. Ihren Einfluss auf das Hormonsystem des Kindes könnten sie bereits entfalten, wenn es sich noch im Mutterleib befindet. Bei den sogenannten endokrinen Disruptoren handelt es sich um Substanzen, die in ihrem biochemischen Aufbau und ihrer Wirkungsweise natürlichen Hormonen sehr ähnlich sind. Die Forscher um Epidemiologin Kim Harley schreiben: Schwangere Frauen, die Pflege- und Kosmetikprodukte nutzten, in denen diese Chemikalien enthalten sind, gingen damit womöglich ein Risiko für ihr Kind ein, später unnatürlich früh zu pubertieren.

Harley und ihr Team hatten Urinproben schwangerer Frauen untersucht und darin insbesondere die Konzentration der Chemikalien Diethylphthalat, Parabenen und Triclosan gemessen. Später untersuchten sie alle neun Monate den Urin der insgesamt 338 Kinder der Frauen, als diese zwischen zehn und 14 Jahren alt waren. So wollten sie herausfinden: Besteht ein Zusammenhang zwischen einer hohen Konzentration der Chemikalien und dem Zeitpunkt, an dem bei den Kindern bestimmte „Meilensteine der Pubertät“ einsetzen? Als solche gelten in der Wissenschaft das beginnende Wachstum von Schamhaaren, der Stimmbruch bei den Jungen und Brustentwicklung und Regelblutung bei den Mädchen.

Bei den Jungen fanden die Forscher keinen auffälligen Zusammenhang. Anders bei den Mädchen: Töchter von Müttern, in deren Urin mehr Diethylphthalat und Triclosan festgestellt wurde, kamen vier bis sechs Monate früher in die Pubertät. Bei den neunjährigen Mädchen, in deren eigenem Urin sich viele Parabene befanden, setzte die Pubertät später sogar sechs Monate früher ein.

Alle drei untersuchten Substanzen sind unter Experten umstritten und unterliegen teils strengen Grenzwerten. „Kosmetik- und Pflegeprodukte sind die Hauptquelle dieser Chemikalien“, sagt Studienleiterin Kim Harley, „und es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen, die mehr Make-up und andere Pflegeprodukte benutzen, eine höhere Konzentration der Stoffe in ihrem Urin haben.“

Triclosan gehört zur Gruppe der Phenole. Es steckt wegen seiner antibakteriellen Wirkung vor allem in Zahnpasta und Seife, außerdem in Duschgels, Deodorants, Gesichtspudern und Concealern. Insgesamt finde sich Triclosan in mehr als 2000 Konsumgütern, schreiben Wissenschaftler von der University of Massachusetts im „Science Translational Magazine“. In den USA ist Triclosan in Handseife bereits komplett verboten. Die Europäische Kommission verordnete 2009: In kosmetischen Produkten darf die Konzentration der Substanz 0,3 Prozent nicht überschreiten.

Parabene finden sich in Kosmetika wie Make-up, auch sie wirken als Bakterienschutz und Konservierungsmittel. In der Studie fanden Kim Harley und ihr Team vor allem zwei Parabene im Urin der Probanden: Methyl- und Propylparaben. Laut Europäischer Kommission gilt Ersteres bis zu einer Konzentration von 0,4 Prozent als sicher. Propylparaben darf seit 2015 nicht mehr in Kinderpflegeprodukten wie Wundschutzcreme für den Babypo verwendet werden. Einige andere Parabene hat die Europäische Kommission schon 2014 ganz verboten. Diethylphthalat, der dritte untersuchte Stoff, wird hauptsächlich zum Fixieren von Duftstoffen genutzt. Es ist in vielen Parfüms enthalten.

„Wir haben den Urin auf genau diese Substanzen untersucht, weil es sich bei ihnen sehr wahrscheinlich um sogenannte endokrine Disruptoren handelt“, erklärt Harley. Bedeutet: „Alle drei verhalten sich in ihrem biochemischen Aufbau und der Wirkungsweise ähnlich wie schwache Östrogene.“

Östrogen ist beim Beginn der Pubertät ausschlaggebend

Wie sie wirken, weiß Kinderendokrinologe Paul Martin Holterhus von der Kieler Christian-Albrechts-Universität. „Alle menschlichen Organe haben spezielle Rezeptoren, an die natürliche Hormone nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip andocken“, sagt der Mediziner. „Bindet ein Geschlechtshormon an den speziell dafür vorgesehenen Rezeptor, dann löst es damit eine bestimmte Wirkung in den Körperzellen des Menschen aus. Chemikalien, die sich ähnlich verhalten wie zum Beispiel Östrogene, also weibliche Sexualhormone, können sich an einen entsprechenden Rezeptor binden und damit ähnliche Wirkungen entfalten wie die natürlichen Östrogene.“

Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen ist beim Pubertätsbeginn ausschlaggebend: Es ist zuständig für die Entwicklung der Gebärmutter, der Brust und der typisch weiblichen Körperform.

Wie aber ist es zu erklären, dass die Chemikalien schon in die spätere Hormonentwicklung eines Kindes eingreifen, wenn dieses sich noch im Mutterleib befindet? „Der erhöhte Nachweis von endokrinen Disruptoren im Urin schwangerer Frauen, deren Töchter dann tendenziell früher in die Pubertät kommen, könnte ein Hinweis sein“, meint Paul Martin Holterhus. „Er könnte bedeuten, dass diese Substanzen die empfindlichen Vorgänge der sexuellen Entwicklung und der späteren sexuellen Reifung beeinflussen – und das bereits vorgeburtlich, im Embryo.“

Dass die erhöhte Konzentration der Stoffe im Urin von Mutter oder Tochter wirklich die Ursache für eine frühere sexuelle Reife sei, könne man nicht sagen. „Es gibt aber zahlreiche Studien, die nahelegen, dass endokrine Disruptoren einen Einfluss auf den Zeitpunkt der Pubertät haben könnten.“

Studienautorin Kim Harley gibt Holterhus recht. Es handle sich bei ihrer Untersuchung um die allererste Studie an Menschen, die diesen speziellen Zusammenhang untersucht habe. „Wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen könnten: Mädchen, die schon früh diesen Chemikalien ausgesetzt sind, kommen früher in die Pubertät“, sagt Harley. Um nachzuweisen, dass der Zusammenhang zwischen den Chemikalien und einer früheren Pubertät kein Zufall sei, brauche es noch mehr solcher Studien.

Die Ergebnisse passten aber zu dem, was man bisher über die Eigenschaften endokriner Disruptoren wisse. „Und es gibt genug wissenschaftliche Belege, die zumindest Anlass zur Besorgnis geben“, sagt Kim Harley. Es sei bereits nachgewiesen, dass die Substanzen in bestimmten Lebensphasen einen besonders großen Einfluss hätten. „Eine davon ist die Zeit vor der Geburt.“ Verschiedene Laborstudien hätten das belegt: Setzte man etwa schwangere Ratten Phthalaten, Parabenen oder Triclosan aus, dann hatte das Langzeiteffekte auf die Entwicklung ihrer Nachkommen.

Das Bundesamt für Risikobewertung prüft die Studie

Skeptischer ist man in Berlin, beim Bundesamt für Risikobewertung (BfR). Es gebe bislang keine Studien, die den Zusammenhang von der Verwendung kosmetischer Mittel mit bestimmten Inhaltsstoffen wie Phthalaten, Phenolen und Parabenen und einem früheren Einsetzen der Pubertät bei Mädchen untersucht hätten. Das erklärt ein Sprecher der Behörde. Mitarbeiter prüfen die Studie zurzeit. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, will sich das BfR dazu nicht äußern.

Was aber soll für werdende Mütter aus den Ergebnissen der Studie folgen? „Die gute Nachricht ist: Wenn man darauf achtet, ist es nicht schwierig, sich vor Produkten mit Parabenen oder Triclosan zu schützen“, sagt Kim Harley. Ein Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe reiche. Der Verzicht auf solche Kosmetika zeige sehr schnell Wirkung: Nach nur wenigen Tagen sinke die Konzentration der Chemikalien im Körper deutlich.