Wer sich kritisch zu Greta äußert, gerät schnell in den Verdacht, ein „Klimaleugner“ oder noch schlimmeres zu sein. Warum glauben so viele Menschen dem Untergangsszenario einer 16-jährigen Schülerin?

Es geht nicht um Inhalte. Greta Thunberg aus Schweden ist zu einem Phänomen geworden. Zu einer Art überirdische Erscheinung, die sehr viele Menschen in ihren Bann zieht. Nicht nur junge Leute. Ihre einfache Botschaft: Wir müssen jetzt sofort das Klima retten, sonst geht die Welt unter. Punkt. Aus.

Gretas Glaubensbekenntnis

„Ich will, dass ihr Panik empfindet. Ich möchte, dass ihr die Angst so spürt, wie ich sie jeden Tag spüre. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“

Greta Thunberg redet dem Publikum bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin ins Gewissen: Stars würden sich nicht für Umwelt- und Klimaschutz engagieren, weil sie „dann nicht mehr um die Welt fliegen könnten, um ihre Lieblingsrestaurants, Strände und Yogaseminare zu besuchen“. Die Stars applaudierten im Stehen.

Klar. Einfach. Radikal. In unseren komplizierten Zeiten tut das gut. Es gibt nur richtig und falsch. Nichts dazwischen. Keine halbgaren Kompromisse. Kaum jemand kann einer intelligenten jungen Frau mit so einer klaren Botschaft zur Rettung der Welt widerstehen. Sogar für den Friedensnobelpreis ist sie vorgeschlagen, die Goldene Kamera hat sie bereits erhalten.

Gretas Propheten

In der ARD-Talkshow „Maybrit Illner“ setzte sich der Mediziner, Zauberkünstler und Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen an die Spitze der Bewegung. Als eine Art Super-Klimaschützer. Er sagte Sätze wie: „Wir sind der Krebs dieser Erde geworden.“ Mit „wir“ meint er wohl die Menschheit.

Wenn man der Argumentation des TV-Moderators folgt, müsste die Menschheit vom Antlitz der Erde verschwinden, damit es besser wird. So wie die Krebszellen aus dem Körper eines erkrankten Menschen. Bestrahlen. Chemo. Weg damit! Dann wäre der Planet endlich von der Krankheit Mensch geheilt.

Auch zur Weltwirtschaft hatte Hirschhausen etwas zu sagen: „Die Idee von Wachstum, Wachstum, Wachstum ist krank!“ Fliegen, Autofahren, Fleischessen sei einfach zu viel. Das sagt sich leicht für einen Mann, der keinerlei Not leidet. Dass Milliarden Menschen auf unserem Planeten ein schönes Leben wie Dr. Hirschhausen führen wollen und auf Wachstum angewiesen sind, wird für den schnellen Talkshow-Applaus einfach mal vergessen.

Zwei TV-Wissenschaftler sind zu Gretas Propheten geworden: Eckart von Hirschhausen (51) …

Erfolgreiche Propheten verkünden immer möglichst einfache Botschaften.

Zu den Super-Klimaschützern und Verbreitern von Endzeitstimmung gehört auch ZDF-Erklärbär und Astrophysiker Harald Lesch, der uns in seinen Sendungen Gravitationswellen oder die Gefahren der Mikrowelle näherbringt.

Lesch hat einen besonderen Tipp: Er baue „radikale Brüche“ in seinen Alltag ein. Er bewege sich manchmal überhaupt nicht. Auf verblüffte Nachfrage hin schlug Lesch einen „Energiesabbat“ für alle vor: „Wenn die Republik sich für eine Stunde am Tag gar nicht bewegen würde, dann würde sehr viel Unheil verhindert.“

… und Harald Lesch (58)

Als Wissenschaftler wären Hirschhausen und Lesch dazu angehalten, sich Emotionen und Unsinn zu verkneifen. Wir sind auf kühle, berechnende Forscher und ihre Ideen angewiesen, wenn wir Klimaprobleme lösen wollen.

Gretas Jünger

Angefangen hat Gretas Protestbewegung mit ihrem dreiwöchigen Schulstreik. Inzwischen gehen Hunderttausende Schüler jeden Freitag auf die Straße. Sie haben das Klima zum Thema ihrer Generation gemacht.

Viele der Schüler haben das eigene Verhalten und das ihrer Familien verändert. Man kaufe keine Waren in Plastikverpackungen, heißt es am Rand der Demos, verzichte auf Auto und Flugreisen.

Auch Erwachsene, oft die Eltern oder Großeltern der Schüler, kommen zu den Veranstaltungen.

Gegner der Schüler und ihrer Forderungen sind dagegen schwer auszumachen. Sogar die Kanzlerin lobt die Demos und Parolen. Wer wird sich ernsthaft gegen die Rettung des Weltklimas stellen? Die Zeiten, in denen gegen Politik und Erwachsene demonstriert wurde, sind vorbei. Gegen die Klimaerwärmung marschiert man gemeinsam Hand in Hand.

Gretas Verkündung

„Ich bin realistisch, ich weiß, was getan werden muss. Und dann tue ich es einfach. Ich habe keine Zweifel. Und ich muss es nicht überdenken.“
(Greta Thunberg im Interview mit Anne Will)

Das ist völlig okay für eine Jugendliche. Für Erwachsene bedeutet es allerdings nicht, dass sie ihr alles glauben müssen. Im Gegenteil: Es ist die Aufgabe von Eltern, Lehrern, Journalisten und Wissenschaftlern, scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen, zu zweifeln.

So fing alles an: Greta protestierte drei Wochen vor ihrer Schule in Schweden

„Ich sehe Dinge sehr schwarz-weiß.“
(Greta Thunberg im Interview mit Anne Will)

Für die Verkünder von radikalen Botschaften ist es von Vorteil, wenn sie die Dinge trennscharf schwarz-weiß oder gut-böse darstellen können. Die Realität ist nur selten so simpel.

„Unsere Zivilisation wird geopfert, damit eine kleine Gruppe von Menschen große Mengen Geld verdienen kann.“ (Greta in Kattowitz)

Ein leider sehr erfolgreiches Erzähl-Motiv, dass wir aus sehr dunklen Zeiten der deutschen Geschichte kennen. Schuldig ist eine Minderheit, die voller Verachtung für das Gemeinwohl, auf eigene Profite schielt.

Gretas Irrtum

Greta hat eigentlich nur eine einzige konkrete Forderung: CO2-Emissionen sofort abstellen. Doch das würde das Ende unserer Zivilisation bedeuten. Das Ende der Hoffnungen von Milliarden Menschen, die sich nach einem besseren Leben sehnen.

Lebensstandard, Gesundheitszustand, Bildung und Lebenserwartung nehmen weltweit zu. Hunger und Armut nehmen ab. Unser Wirtschaftssystem ist nicht völlig irre, sondern für sehr viele Menschen irre erfolgreich.

Man kann Greta und den vielen Demonstranten auf den Straßen nicht vorwerfen, dass sie keine Antworten auf die komplizierten Fragen haben. Man kann ihnen auch nicht vorwerfen, dass sie die Möglichkeiten von Politik überschätzen.

Aber man kann den zahlreichen Erwachsenen, Politikern und Wissenschaftlern vorwerfen, dass sie sich mit Tränen der Rührung Gretas zutiefst naiver Weltsicht anschließen, statt den Mut aufzubringen, die harte Realität zu erklären, um dann zu gemeinsamen Ergebnissen zu kommen. Die Komplexität unserer Weltwirtschaft. Die Auswirkungen der Bevölkerungszunahme. Den Energiebedarf der Menschen, weil alle ein zufriedenes Leben leben wollen.

Auch wenn es um ein inzwischen ideologisch aufgeladenes Thema geht: Wer hat endlich den Mut, Greta Thunberg ohne jede Panik zu erklären, dass es keine einfachen, radikalen Lösungen in einer menschlichen Welt geben kann?