Verhüllung ist Ausdruck eines religiösen Prinzips, nicht von Freiheit oder Selbstbestimmung, schreibt der Islamismus-Experte Mansour. Das Kopftuch unterdrücke Lebenslust – und bei Kindern bleibe es eine Form des Missbrauchs.

Das aus religiösen Gründen getragene Kopftuch ist nicht irgendein Stück Stoff. So viel ist inzwischen allen klar, die darüber sprechen. Denn dieses Kopftuch ist kein Kleidungsstück, das heute angelegt und morgen abgelegt werden kann. Das Tragen basiert auf einer weltanschaulichen Einstellung, auf einer fixierten Vorstellung vom Körper der Frau und dem Begehren des Mannes. Allerdings sind diese Zusammenhänge in ihrer vollen Tragweite eher wenig bekannt, schaut man auf die öffentliche Debatte in Deutschland und Europa.

Das Kopftuch ist Ausdruck eines religiösen Prinzips. Nie war es etwas anderes. Entstanden ist die Forderung, dass Frauen es tragen, durch die Annahme, Allah habe dem Propheten befohlen, den Frauen aufzutragen, sich zu bedecken. Wenn sie der Forderung nicht Folge leisteten, so heißt es, würden sie von Allah bestraft, müsste etwa ihr Haar nach dem Tod in der Hölle brennen – ein angsterregender Gedanke.

Leider wird die Frage, ob schon Mädchen im Grundschulalter zum Tragen des Kopftuchs gebracht, also gezwungen werden, in den meisten Demokratien mit wenig Hintergrundwissen und Reflexion behandelt. Gern wird das Thema aufgeladen mit Begriffen wie Elternrecht oder sogar Freiheit. Wie so oft beim Thema „Islam“ und Migration wird aus einer westlichen und aufgeklärten Perspektive auf ein Phänomen der Voraufklärung geblickt, was, wie so oft, die sachliche und menschenrechtliche Debatte blockiert.

Da liegt der Hase im Pfeffer. Denn die islamisch oder islamistisch geprägten Regionen der Welt, etwa die Theologie des Nahen Ostens, fußen auf völlig anderen Voraussetzungen als die westliche Welt. Wer aber den Mond mit dem Mikroskop betrachtet, wird nichts erkennen können. Wer mit den Augen der Demokratie die Gepflogenheiten in Nichtdemokratien betrachtet, produziert kognitive Verzerrungen, die Wahrnehmung und unsere Urteilskraft massiv beeinträchtigen.

Beim Thema Kopftuch scheiden sich schon lange die Geister. Zu emotional und zu gespalten ist unsere Gesellschaft, um eine ernsthafte Debattenkultur zu schaffen, vor allem eine, die dem Kindeswohl gerecht wird. Die einen, die aufgebrachten Westler, sehen in jedem Kopftuch ein flammendes Symbol des politischen Islam, eine sichtbare Flagge, um das islamistische Revier zu markieren, einen Beleg für Unterdrückung und patriarchalische Strukturen.

Die anderen, die aufgebrachten Muslime, nutzen die Debatte übers Kopftuch für ihre Zwecke, und propagieren Toleranz und Religionsfreiheit in Deutschland. Sie testen die Grenzen aus. Manche der westlichen Kopftuchadvokaten, wie etwa die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, gehen sogar so weit, im Tragen des Kopftuchs das Zeichen für einen neuen Feminismus zu erkennen, eine neue Art weiblicher Befreiung vom männlichen Blick.

Mit all diesen Perspektiven kommt man nicht zum Kern des Problems – und schon gar nicht zu Empathie mit jenen kleinen Mädchen, denen unter anderem erzählt wird, sie seien unrein „wie ein angelutschtes Bonbon“, wenn ihr Haar nicht bedeckt ist.

Zum Verstehen des Kopftuchs als Symbol und Symptom sollte man das Entstehen der Bedeckungsvorschrift in den Blick nehmen, von der bis heute Millionen Frauen in muslimisch geprägten Staaten und Regionen mehr oder minder hart betroffen sind. Nicht nur im Iran mit seinen streng verfolgten Zwangsvorschriften müssen Frauen massiv um ihre Freiheit kämpfen. Auch in Saudi-Arabien, in Afghanistan und anderen Ländern wird per Gesetz oder durch sozialen Druck dafür gesorgt, dass sich weibliche Mitglieder der Gesellschaft, oft unfreiwillig, durch Kopftücher markieren.

Doch auch in diesen Ländern war das Tragen des Kopftuchs nicht immer üblich. Erst mit dem Aufstieg des politisch-radikalen Islam nimmt das Tragen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit erkennbar zu. Auf Fotografien von Studentinnen etwa in Teheran, Kairo oder Kabul wird man in den 60er- und 70er-Jahren wenige tuchbedeckte Köpfe finden. Danach ändert sich das von Jahr zu Jahr – mehr Tuch und weniger Haar ist zu sehen.

Wenn sich Sexualität mit Ängsten verbindet

Ob Ehemänner und andere Verwandte, religiöse Würdenträger oder Staatsbeamte den Frauen befehlen oder von ihnen erwarten, sich zu bedecken, immer geht es im religiösen Kontext um das Verstecken von Kopfhaar oder anderen Teilen des weiblichen Leibes – Gesicht, Arme, Hände, Beine, Füße. Das Argument lautet, Männer sollten nicht verführt und verlockt werden, ihre Triebe nicht gereizt. Mithin müssen Frauen sich als sexuell bedrohlich, gefährlich, unrein betrachten, ihr Körper, hoch sexualisiert, gefährdet den keuschen Umgang zwischen den Geschlechtern.

Männer wiederum müssen sich ebenso als bedrohlich empfinden: Sie sind ihrer selbst nicht mächtig, ihnen fehlt Ich-Stärke, um die Triebe im Griff zu haben. Das verhüllende Tuch wird so zur Unterdrückung nicht allein der Frau, sondern der Sinnlichkeit und Lebenslust überhaupt. Indem es Sexualität tabuisiert, verbindet es sie mit Ängsten und Befürchtungen und lässt kaum Aufklärung zu, keinen gleichberechtigten Umgang zwischen den Geschlechtern.

Sehr schön dargestellt wird die Problematik in dem Film „Nur eine Frau“, der dieser Tage in den Kinos angelaufen ist, ein Film, bei dem Sherry Hormann Regie führte und den Sandra Maischberger produziert hat. Anschaulich rekonstruiert der Film die Geschichte einer Frau aus einer muslimischen und patriarchalisch strukturierten Familie in Deutschland.

Vorbild für die Protagonistin ist die 2005 von ihren Brüdern zur Rettung der „Ehre“ der Familie ermordete Hatun „Aynur“ Sürücü, eine junge Frau, die über ihr Leben selbst bestimmen wollte. Da das Kopftuch für ihre Verwandten ein Zeichen der Reinheit und Zugehörigkeit repräsentiert, begibt sich die junge Frau durch das freiwillige Ablegen in Lebensgefahr, nicht in Afghanistan, nicht im Iran, sondern in Berlin.

Oft begegnen mir in den vergangenen Jahren junge, muslimische Frauen, deren Familien seit Jahren in Deutschland leben und die mir berichten, dass in ihrem Herkunftsland das Kopftuch kein dramatisches Thema war. Seit sie jedoch in Deutschland leben, bestehe die Familie darauf, dass sie sich bedecken, zur Not wird das mit Gewalt erwirkt.

In der Fremde steigt die Angst, Töchter und Söhne könnten sich zu sehr an die westliche Welt anpassen, die Familie einen Identitätsverlust durch Integration erleiden. Wird man uns im Herkunftsland noch achten? Wird unsere Community uns ausschließen, wenn wir uns oder unsere Kinder sich hier zu sehr anpassen? Solche Ängste zirkulieren, und die Religion ist oft nur das Vehikel, um Wohlverhalten, also Konformität, zu erzwingen.

Die Konsequenz kann nicht heißen, dass den Frauen die Kopftücher vom Kopf gezogen werden oder sie stigmatisiert werden, wenn sie ein Tuch anlegen. Wichtigste Konsequenz aus der näheren Kenntnis der Sachverhalte ist es, sie einzubeziehen in das Denken und Entscheiden der Politik, etwa im Fall der sehr jungen Schulmädchen. Hier müssen schützende Grenzen gezogen werden, um einengenden Selbstbildern vorzubeugen, der Wahrnehmung des eigenen, kindlichen Körpers als „unrein“ und sexualisiert. Demokratische Gesellschaften müssen bewusst einstufen, welche Ursachen das vermeintlich fromme Stück Stoff hat, um sachlich, menschlich und differenziert zu debattieren.

Dass Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen werden, entspricht nicht dem Kindeswohl, auch wenn das Deutsche Institut für Menschenrechte diese Praxis gutheißt. Die Einschätzung des Instituts zeugt von erschreckender Unkenntnis und Empathiearmut gegenüber den Kindern.

Wo Eltern ihre Töchter schon im Kindesalter zum Kopftuchtragen zwingen, signalisieren sie, dass sie die Werte einer freien Gesellschaft fürchten, ablehnen oder sogar verachten. Sie zeigen, dass ihnen an der freien Entfaltung des Kindes weniger liegt als am Paradoxon der Tradition: dem Sexualisieren des kindlichen Körpers und dem parallelen Tabuisieren von Sexualität.

Hetzern geht es sicher nicht ums Kindeswohl

Während des Europawahlkampfs wurde in Deutschland die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz diskutiert, für die es höchste Zeit ist. Zugleich steigt laut Verfassungsschutz die Anzahl islamistisch ausgerichteter Menschen im Land an. Islamisten missachten nicht nur Frauenrechte, sondern auch die Rechte des Kindes, wie etwa die „Islamische Kinderrechtskonvention“ deutlich zeigt. Demokratische Staaten dürfen nicht zulassen, dass Kinderrechte mit Füßen getreten werden. Hier muss die Politik handeln und Minderjährige konsequent schützen.

Das Tragen eines Kopftuchs bei Kindern ist und bleibt eine Form des Missbrauchs. Verhindert wird der normale, gesunde Umgang zwischen den beiden Geschlechtern, beeinträchtigt wird ein wichtiger Teil der Entwicklung, nämlich das Erleben und Selbstregulieren der eigenen Sexualität. So kann sich ein Kind nicht frei, nicht angstfrei entfalten.

Hetzern, so viel ist deutlich, liegt wenig am emotionalen Wohlergehen der Mädchen und Jungen aus muslimischen Familien. Ihre Rufe wider das Tuch wollen Stimmung machen, nicht das Kindeswohl fördern. Doch um das Kindeswohl geht es, und Demokraten müssen wagen, in diesen Fragen ihre Augen zu öffnen.

Kinder lernen durch Exploration, Beobachtung, durch Fragen. Sie testen Umgangsweisen und Grenzen aus, und sie haben ein Recht darauf, ihren Weg in der Gesellschaft zu finden, ein Recht auf Erfahrungen ohne beängstigende, irregeleitete Einschränkungen.

Das Kopftuch, bei Kindern niemals freiwillig ausgesucht, schränkt die weibliche Persönlichkeitsentwicklung ein und behindert die spätere Identitätsfindung. Es sendet aber ebenso Signale an die Jungen, die ihre Schwestern oder Schulkameradinnen als „unrein“ dargestellt bekommen, wenn sie kein Tuch tragen. Somit erhöht das Kopftuch das Risiko emotionaler und sozialer Entwicklungsverzögerung und Anpassungsstörung. Kopftücher sind alles andere als dekorative Textilien.

Entsprechend muss auch bei Berufen, die im staatlichen Rahmen stehen und Vorbildfunktion haben, in Positionen, die der Sicherheit und dem Recht dienen, durchweg auf Kopftücher verzichtet werden. Weder Lehrerinnen noch Polizistinnen, Richterinnen oder Staatsanwältinnen sollten in einer freiheitlichen Demokratie Kopftuch tragen.

Neutralität ist das oberste Gebot, wo der säkulare Staat glaubwürdig repräsentiert sein, wo unparteiische Berufsausübung gewährleistet sein soll. Insbesondere Kindergärten und Schulen sind ein gesetzlicher Schutzraum, in dem alle Kinder die Freiheit des säkularen Gesellschaftsmodells erleben sollten. Mit dem Grundgesetz sind religiöse Symbole in diesen Räumen nicht vereinbar.

Ich befürworte die Auseinandersetzung mit den Hintergründen und Folgen des Tragens des Kopftuchs und vertrete in aller Klarheit ein Kopftuchverbot für Kinder. Dabei geht es weder um Diskriminierung noch um Stigmatisierung muslimischer Kinder und Communitys. Sondern es geht um die vernünftige, also demokratische Antwort auf die Problematik. Es geht darum, Kindheit jenseits von sexualisiertem und ideologisiertem Missbrauch durch Kleriker und Eltern möglich zu machen.