In Deutschland könnten laut einer Studie pro Jahr eine Billion Insekten durch Windräder sterben. Ein riesiges Problem, denn die winzigen Tiere sichern unsere Lebensgrundlage. Doch die Bundesregierung legt ein merkwürdiges Desinteresse an den Tag.

Insekten, so schreibt das Bundesamt für Naturschutz auf seiner Internetseite, „erhalten einen Großteil der Pflanzenwelt“, was nichts anderes bedeutet, als dass die Tiere „unsere Lebensgrundlage“ sichern. Dieses Wissen sollte der Behörde eigentlich Motivation genug sein, um den Ursachen des Insektensterbens auf den Grund zu gehen.

Doch weit gefehlt: Das Amt interessiert sich nicht für die Ursachen – zumindest nicht für solche, die bisherige Gewissheiten umstoßen könnten. Auch die übergeordnete Fachministerin Svenja Schulze (SPD) legt ein merkwürdiges Desinteresse für die Schicksalsfrage an den Tag.

Eine neue Spur, wie ein Teil der Insekten ums Leben kommt, lieferte unlängst das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die dortigen Wissenschaftler hatten in einer ausführlichen Analyse den Verdacht begründet, dass die rund 30.000 Windkraftanlagen in Deutschland für den Tod von rund fünf Milliarden Fluginsekten pro Tag in der warmen Jahreszeit verantwortlich sind. Pro Jahr wären das rund eine Billion Fluginsekten.

Als der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Meyer im Bundesumweltministerium nachfragte, welche Schlussfolgerungen man aus den DLR-Ergebnissen zieht, fiel die Antwort der Parlamentarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter, denkbar kurz aus: „Die Bundesregierung zieht aktuell keine Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Studie.“

Die Ansage des Ministeriums lässt sich für Meyer nur so interpretieren: „Forschungsergebnisse, die nicht in den politischen Kontext passen, sollen offenbar ignoriert werden.“ Wenn es um die Energiewende und die Windkraft gehe, „schauen viele wie in einem Tunnel nicht mehr nach rechts und nach links.“

Insektologen hatten Windkraft bislang nicht auf dem Schirm

Bei Nachfragen verweist das Ministerium auf ein dreiseitiges Papier des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), das eine Mitschuld der Windkraft am Insektensterben rundheraus in Abrede stellt. Die Argumente ähneln dabei denen eines Papiers des Bundesverbandes Windenergie (BWE), des Lobbyverbands der Windbranche. So verweist die Umweltbehörde darauf, dass eine aktuelle Metastudie der Wissenschaftler Sánches-Bayo und Wyckhuys die Ursachen des Insektensterbens aufliste, Windkraftanlagen dabei aber nicht auftauchten.

Ganz nach dem Motto: Das ist bislang niemandem aufgefallen, also kann es nicht wahr sein. Ginge es nach dieser bizarren Logik, würde jeder Astronom, der einen neuen Jupitermond entdeckt, bei der Bundesregierung als Scharlatan abblitzen: Steht nicht in der Literatur, kann nicht sein.

Die Metastudie beweist zunächst einmal nur, dass Insektologen die Windkraft bislang nicht auf dem Schirm hatten. Das ist verständlich, die Augen der meisten Entomologen waren auf die Landwirtschaft gerichtet, hier gab es nennenswerte Aufträge und Fördermittel. Es bedurfte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, diesen eingeengten Blick zu weiten.

Von ähnlich dürftiger Qualität sind auch die anderen Versuche, die Bedeutung der DLR-Studie zu relativieren. So behauptet das Bundesamt, das Insektensterben gebe es schon seit Jahrzehnten, der massive Ausbau der Windenergie habe aber „erst in den letzten zehn bis 15 Jahren eingesetzt“.

BUND und Nabu springen Windkraft-Branche zur Seite

Auch dieses Argument will nicht recht verfangen. Denn die DLR-Studie weist nach, dass sich der Grad des Insektenrückgangs in diesen 15 Jahren verdoppelt hat und zwar ziemlich genau seit dem Zeitpunkt, da die vergleichsweise hohen Windräder der 1,5-Megawatt-Klasse eingeführt wurden. Damit taugt der BfN-Hinweis nicht als Gegenbeweis, sondern erhärtet eher den Verdacht, dass die Windkraft einen Einfluss auf das Insektensterben hat.

Zum Teil ist das Abwiegeln des Naturschutzamtes in Bezug auf Windrad-Gefahren von unfreiwilliger Komik. So heißt es in dem BfN-Papier „Fotos von kollidierten Insekten an Rotorblättern“ und ähnliches seien „kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang.“ Dass es der Behörde nicht gelingt, zwischen den Bildern von dicken Krusten zermatschter Insekten auf Rotorblättern und deren Tod einen kausalen Zusammenhang herzustellen, überrascht zumindest.

Schließlich versucht das Bundesamt die Windkraft mit der Behauptung zu exkulpieren, dass es Insektenschwund auch in Regionen gebe, wo keine Windräder stehen. Allerdings bleibt es einen Beleg dafür schuldig. Ohnedies wäre das auch kein Gegenbeweis zur DLR-Studie: Wenn Schwärme während der Migration massenhaft in den Rotoren hängen bleiben, wäre es kein Wunder, wenn auch in windkraftfreien Zielgebieten Insektenschwund festgestellt würde.

Auch Umweltorganisationen wie BUND und Nabu springen der Windkraft-Branche eilfertig zur Seite. Der vom DLR errechnete Verlust von jährlich 1200 Tonnen Insekten durch Windkraft sei zu vernachlässigen, da in den Wäldern allein 400.000 Tonnen Insekten von Vögeln gefressen würden.

Ist die Menge der getöteten Insekten noch größer?

„Der Vergleich von 400.000 Tonnen Vogelfutter mit 1200 Tonnen getöteter Fluginsekten kurz vor der Eiablage ist kein Beweis für Vernachlässigbarkeit, sondern im Gegenteil ein Hinweis auf eine ernstzunehmende Größenordnung“, sagt dazu der Vorstand der Deutschen Wildtierstiftung, Fritz Vahrenholt. 1200 Tonnen migrierende, ausgewachsene Fluginsekten kurz vor der Eiablage hätten Vogelfraß, Glyphosat und alles andere überstanden und stünden kurz davor, bis zu 1000 Eier zu legen. „Sie könnten also bis zu 1,2 Millionen Tonnen Nachkommen hervorbringen“, rechnet Vahrenholt vor. Der Verlust von 1200 Tonnen in Windparks seien somit „Teil der wenigen überlebenden Insekten, die allein die gesamte nächste Generation inklusive der nächsten 400.000 Tonnen Vogelfutter hervorbringen werden.“

Vahrenholt treibt die Sorge um, dass die Menge der getöteten Insekten sogar noch viel größer sein könnte. Denn in der DLR-Studie wurde nur der Insektenschlag am Rotorblatt betrachtet. Viel mehr Tiere könnten sterben, weil ihr Tracheensystem dem Unterdruck hinter dem Windrad nicht gewachsen sei, ähnlich wie bei Fledermäusen.

„Dann wäre ein Vielfaches der oben genannten Schäden zu befürchten und Windkraftanlagen würden sich als Hauptfaktor des allseits zu beklagenden Insektensterbens herausstellen“, heißt es in einem Brief des Tierschützers an die Bundesumweltministerin: Natürlich habe das Insektensterben vielerlei Ursachen, aber „wir müssen sehr sicher sein, dass Insekten und Vogelwelt nicht in einer Zange zwischen Biogas und Windkraft den Kürzeren ziehen und Opfer der Energiewende werden.“

Das Angebot der Wildtierstiftung, weitere Untersuchungen zur Hälfte zu finanzieren, lehnte die Ministerin im Antwortschreiben ihrer Staatssekretärin übrigens dankend ab. Sie sehe „nicht die Priorität für die Vergabe einer vertiefenden Studie“.