Kann man auf das Schreiben mit der Hand nicht längst verzichten und alles in Computer tippen? Bloß nicht, warnen Hirnforscher und Psychologen. Wer Gedanken auf Papier festhält, profitiert davon auf vielfältige Weise.

Wenn Markus Kiefer im Kollegenkreis über sein Forschungsfeld redet, kann es passieren, dass ein sachliches Gespräch in eine hitzige Debatte ausartet. Seine Thematik, heißt es dann, sei altmodisch, irrelevant und gehöre abgeschafft. Kiefer ist Psychologe und Hirnforscher am Universitätsklinikum Ulm, er befasst sich dort unter anderem mit der Chirografie, das ist das Schreiben von Hand mit einem Schreibgerät: Füller, Bleistift, Kugelschreiber. Eigentlich eine ganz alltägliche Sache – auf die manche Wissenschaftler aber sehr emotional reagierten, sagt Kiefer: „Manche jubeln fast, wenn sie den Tod der Handschrift proklamieren.“

Seit Jahren wird diskutiert, ob das handschriftliche Schreiben im Zeitalter von Handys, Tablets und Computern nicht längst verzichtbar ist. Schon 2013 befanden 71 Prozent der Deutschen, dass handverfasste Briefe keine Zukunft hätten; ein Jahr später offenbarte eine Umfrage, dass Jugendliche zwar eifrig chatten, mailen, Textnachrichten senden – aber kaum noch analog schreiben. Ähnlich ist es bei vielen Erwachsenen.

Und wenn schon, sagen manche von Kiefers Kollegen. Wir schreiben heutzutage eben einfach mit einem anderen Medium. Welche Rolle spielt das schon? Genau das hat Markus Kiefer untersucht.

Sein Fachgebiet ist die verkörperte Kognition. Er erforscht, wie Sinnes- und Handlungserfahrungen Sprache und Denken beeinflussen. Das Schreiben von Hand, sagt Kiefer, habe sehr viel mit solchen konkreten Erfahrungen zu tun. Etwa die Bewegungen, mit denen Menschen den Stift steuern und einen Buchstaben formen, oder die Reibung der Mine auf dem Blatt, die sie dabei spüren. Beim Tippen dagegen fehlen diese motorischen und haptischen Eindrücke. Kiefer glaubt deshalb: Ob man per Finger auf dem Display oder mit dem Kuli auf Papier schreibt, macht für das Gehirn einen bedeutenden Unterschied.

Kiefer ist nicht der einzige Forscher, der sich mit diesem Unterschied beschäftigt. Für die Bedeutung des manuellen Schreibens interessieren sich Wissenschaftler weltweit. Manche von ihnen konzentrieren sich darauf, wie die Chirografie die geistige Leistung beeinflusst; also zum Beispiel, wie Menschen lernen und sich erinnern. Andere erforschen, wie sich das handschriftliche Schreiben auf die Verarbeitung von Emotionen oder auf soziale Situationen auswirkt. Die meisten dieser Forscher teilen Kiefers Einschätzung, dass es erhebliche Unterschiede zwischen analogem und digitalem Schreiben gibt – und auch sie glauben, dass die Handschrift dem Tippen in vielen Dingen überlegen ist.

Kiefer hat seine These in einem elementaren Bereich überprüft: der Alphabetisierung. Der Hirnforscher wollte nachweisen, dass die Art und Weise des Schreibenlernens bei Kindern Einfluss darauf hat, wie gut die Kinder die Schriftsprache beherrschen. Dazu führte der Hirnforscher mit Kollegen aus Ulm und Heidelberg eine Studie durch. Sie entwickelten ein spielerisches Training, mit dem Kindergartenkinder acht Buchstaben erlernen sollte, die Hälfte von ihnen mit Stift und Papier, die anderen per Computertastatur.

Nach 16 Übungseinheiten verglich das Team die Fortschritte der Vier- bis Sechsjährigen. Das Ergebnis: „Die Kinder, die die Buchstaben über den Handschrifterwerb lernten, hatten einen deutlichen Vorteil.“ Sie konnten die Schriftzeichen nicht nur besser erkennen und schreiben, sondern waren auch eher dazu in der Lage, ganze Wörter zu lesen und zu schreiben. Kiefer erklärt sich diesen Effekt über die sinnlich-haptische Erfahrung des Schreibens von Hand: „Dadurch, dass die Kinder die Form der Buchstaben motorisch nachvollziehen, wird eine zusätzliche Gedächtnisspur im Gehirn angelegt.“

Für die Bedeutung des manuellen Schreibens interessieren sich Wissenschaftler weltweit

Man kann sich diesen Vorgang wie Fußspuren im Schnee vorstellen. Wenn viele Menschen die gleiche Strecke laufen, wird ein Weg sichtbar. Läuft nur ein einzelner Mensch durch den Schnee, bleibt die Wegstrecke schlecht erkennbar – so wie einzelne Erfahrungen nur schwache Spuren im Gehirn hinterlassen. „Wenn wir auf die Handschrift verzichten, würden wir diese Gedächtnisspuren verlieren“, sagt Kiefer.

Nicht nur bei Kindergartenkindern gräbt sich Handgeschriebenes tiefer ins Gedächtnis ein. Die Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer haben ähnliche Effekte bei jungen Erwachsenen nachgewiesen. Sie schickten Studenten teils mit Schreibblöcken, teils mit Laptops in denselben Hörsaal und stellten ihren Probanden eine halbe Stunde nach der Vorlesung inhaltliche Fragen. Dabei testeten sie sowohl Faktenwissen als auch das Verständnis für komplexe Zusammenhänge. Bei den Fakten waren beide Gruppen ungefähr gleich stark, bei den Verständnisfragen schnitten die Laptopnutzer deutlich schlechter ab.

Als Mueller und Oppenheimer sich die Notizen ansahen, fanden sie eine Erklärung: Die Studenten, die von Hand mitgeschrieben hatten, fassten die Inhalte in ihren eigenen Worten zusammen und stellten dabei schon Sinnbezüge her. Ihre tippenden Kommilitonen hatten das Gehörte wortwörtlich transkribiert. Dadurch fehlte ihnen die inhaltliche Orientierung. „Das führt zu einer flacheren Verarbeitung und entsprechend zu einer schlechteren Gedächtnisleistung, als wenn ich beim Handschreiben, das notgedrungen langsamer ist als das Tippen, versuche, die Essenz herauszuarbeiten“, sagt Kiefer.

Die Art des Schreibens beeinflusst, was Menschen lernen, woran sie sich erinnern und wie tief sie Themen durchdringen. „Natürlich hat das Tippen auch Vorteile, gerade im Arbeitskontext. Man kann zum Beispiel Sitzungsprotokolle schneller verfassen und weiterverarbeiten“, sagt Kiefer. Er kenne aber keine solide Studie, in der das digitale Schreiben der Handschrift überlegen sei.

Tatsächlich ermöglicht das Schreiben nicht nur einen anderen Zugang zur Welt, sondern auch zum eigenen Innenleben. Der Psychologe James W. Pennebaker von der University of Texas in Austin hat vor 30 Jahren eine therapeutische Technik entwickelt, die er „expressives Schreiben“ nennt. An drei bis fünf Tagen in Folge notiert man dabei je eine Viertelstunde lang, was einen emotional belastet: eine Trennung, ein Streit, ein Todesfall. „Das Schreiben zwingt die Leute dazu, innezuhalten und ihre Lebensumstände zu prüfen“, erklärt er. Studien zeigen, dass diese Aufarbeitung nicht nur bei der Bewältigung von traumatischen Gefühlen hilft, sondern auch den Schlaf fördert und das Immunsystem stärkt.

In Pennebakers Anleitung zum expressiven Schreiben steht, es sei egal, ob man von Hand oder mit der Tastatur schreibe. Silke Heimes sieht das anders. Die Ärztin, Autorin und Professorin für Journalistik hat vor acht Jahren das Institut für kreatives und therapeutisches Schreiben in Darmstadt gegründet. Stift und Papier findet sie deshalb so wichtig, weil das Schreiben von Hand den Prozess verlangsamt: „Das hilft mir, aus dem Strom meiner Emotionen rauszukommen und mich nicht von meinen Gefühlen mitreißen zu lassen.“

Im Gegensatz zum Hirnforscher Kiefer konzentriert sich Heimes in ihrer Arbeit vor allem auf die emotionalen Vorteile der Handschrift. Auch die, sagt sie, seien deutlich: „Das Schreiben am Computer ist viel steriler.“ Eine Handschrift bilde dagegen sofort ab, wie ihr Schreiber gestimmt sei: Sind seine Worte klar und gut leserlich oder wackelig und verrutscht? Zudem habe das Schreiben mit der Hand auch einen meditativen Aspekt – und das Ergebnis werde greifbarer: „Zu sehen, was ich geschaffen habe, hat was Beruhigendes.“

Den krassesten Unterschied zwischen analogem und digitalem Schreiben erlebte Heimes, als eine Frau in ihrem Seminar darauf bestand, am Laptop zu tippen: „Meine Bitte, den Stift zu nehmen, hat sie völlig abgeblockt.“ Weil das Geklapper der Tastatur die anderen Teilnehmer störte, bat Heimes die Frau in einem anderen Raum zu tippen. Als sie einige Zeit später dort nach ihr schaute, schrieb die Klientin ein Blatt Papier voll – mit tränenüberströmtem Gesicht.

Diese Episode aus Heimes’ Seminarraum enthüllt sogar noch mehr: Die Art, wie Menschen etwas aufschreiben, hat auch Einfluss darauf, wie sie das soziale Miteinander wahrnehmen. Handschriftliche Notizen sind unauffälliger und in der Regel gesellschaftlich akzeptiert – im Gegensatz zu Notizen, die per Tablet oder Computer verfasst werden. Das fanden auch die US-Psychologen Mueller und Oppenheimer heraus, als sie die Unterschiede zwischen analogem und digitalem Schreiben am Gericht und im Krankenhaus untersuchten.

Am Arbeitsplatz, so legten die Forscher dar, werden Notizen vor allem angefertigt, um Gespräche festzuhalten: Sie dienen nicht zum Lernen, sondern als Gedächtnisstützen. Für diesen Zweck sollten Laptops oder Tablets eigentlich besser geeignet sein. Vor Ort aber zeigte sich, dass die digitalen Geräte neue Probleme mit sich brachten: Vor Gericht etwa unterlag ihre Nutzung strengen Auflagen, weil nicht nachvollziehbar war, ob ein Protokollant tatsächlich nur den Prozess transkribierte.

Noch größer waren die Irritationen im Krankenhaus: Bei der Visite erschwerten die digitalen Notizgeräte den Austausch zwischen Arzt und Patient erheblich, weil der ständige Blick auf den Bildschirm das nonverbale Gesprächsverhalten, also den Augenkontakt oder die Gestik, zum Erliegen brachte. „Ich glaube, wir sind alle ein bisschen komisch berührt, wenn der Arzt die ganze Zeit nur auf sein Laptop starrt und den Befund eintippt“, sagt der Hirnforscher Markus Kiefer. „Das kann massiv störend wirken.“

Doch selbst wenn es irgendwann diskretere Endgeräte gibt, lässt sich die Handschrift damit noch nicht ersetzen – weil sie ein Teil der Körpersprache ist, glaubt Susanne Dorendorff. „Die Handschrift ist der einzige menschliche Ausdruck, der sich spontan materialisieren lässt“, sagt sie. „Deswegen möchten so viele Menschen gerne schön schreiben können – weil man sich darin spiegelt.“ Dorendorff ist Dozentin für Schrift und Schreibkultur und Handschrift-Coach. Mit Schönschreiben oder Trends wie Hand-Lettering – so heißt das kunstvolle Zeichnen und Ausmalen von Buchstaben – haben ihre Kurse jedoch nichts zu tun.

Dorendorff geht es darum, aus schlechten Handschriften gute zu machen – bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen. Denn wer in der Schule nicht gelernt hat, klar und unverkrampft zu schreiben, nimmt sein Gekrakel meist ins Berufsleben mit. Dorendorff sagt, der Großteil ihrer Klientel sei männlich; oft fänden sich darunter Manager und Führungskräfte. „Wenn diese Männer mit ihren teuren Füllern in Konferenzen gehen und wie Fünftklässler kritzeln, ist ihnen das sehr peinlich“, sagt sie. „Die meisten haben Scham und Angst vorm Schreiben.“

Im Coaching lernen diese Klienten, ihre Schrift „neu zu programmieren“, wie Dorendorff es nennt: Sie entwickeln eine schnelle und fließende Handschrift, die dabei aber authentisch bleibt. „Eine stimmige Handschrift muss weder groß noch ausladend sein“, sagt sie. Vielmehr müsse sie zu der Person passen, die sie schreibt. Und diese Authentizität mache das Schreiben von Hand so besonders – gerade im Computerzeitalter. „Es geht dabei um Poesie, um das, was der Mensch sich nicht nehmen lässt: Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit.“

Die Expertin schaut als erstes: Hat sich der Verfasser Mühe gegeben?

Die wichtigste Funktion, die das manuelle Schreiben hat, wird das Digitale ohnehin wohl nicht ersetzen können: Handschrift ist immer ein Zeichen der Wertschätzung. Sie signalisiert ihrem Leser, dass Zeit und Mühe für ihn aufgewendet wurde. Das gilt bei Urlaubsgrüßen genauso wie bei Kondolenzschreiben oder Liebesbriefen. Schreibtherapeutin Silke Heimes sagt: „Wenn Paare in eine Krise geraten und ein Partner dann anfängt, dem anderen morgens Zettel aufs Kopfkissen zu legen – dann macht das was mit der Beziehung. Und eine abgerissene Kommunikation kann wiederbelebt werden.“

Der Hirnforscher Markus Kiefer achtet mittlerweile jedenfalls darauf, im Alltag häufiger analoge Notizen zu verfassen. Und wenn seine Kollegen wieder einmal das baldige Ableben der Handschrift prophezeien, denkt er daran, mit welcher Freude seine Tochter kleine Briefe schreibt. Für die Grundschülerin sei es faszinierend, dass sie ihre Ideen und Sehnsüchte mit dem Stift auf Papier bannen und anderen so mitteilen könne. Denn, sagt Kiefer: „Wunschzettel auf dem Computer zu tippen funktioniert einfach nicht.“ Da fehle die Magie.