Im Interview erklärt der Wissenschaftler Ralph Ghadban, wie der Staat die kriminelle Strukturen wirkungsvoller bekämpfen kann. Für seine Haltung gegenüber den familienähnlichen Banden wird er bedroht.

Herr Ghadban, Sie forschen und publizieren schon seit langem über arabische Großfamilien und kriminelle Clans. Warum überzieht die Szene Sie gerade jetzt so massiv mit Hass-Nachrichten im Internet?

In diesen Kreisen interessiert man sich sonst nicht dafür, was in Deutschland über sie gedacht und veröffentlicht wird. Bücher nehmen diese Leute schon gar nicht zur Hand. Sie sind fokussiert auf alles, womit sie rasch unermessliche Reichtümer anhäufen, womit sie protzen können. Je krasser, desto besser. In ihrer Welt geht es um Geld, Luxusautos, Waffen, Rauschgift, Menschenhandel. Aufmerksam sind die Clan-Bosse erst geworden, als ich im April im libanesischen Fernsehen ein Interview gegeben habe. In der Sendung, in der es um die Macht der libanesischen Mafia in Europa ging, wurde ich über die kriminellen Machenschaften der Clans in Deutschland befragt. Im Libanon leben auch viele Mhallamiye. Dass da einer auf Arabisch berichtet, was ihre kriminellen Mitglieder alles treiben, war für die Clans eine Riesen-Ehrverletzung. Ihre Hass-Reaktion ist ein typisches Stammesverhalten, das die Gruppe seit Jahrhunderten prägt, egal wo sich ihre Mitglieder gerade aufhalten. Jetzt haben sie die Rudelbildung – eines ihrer effektivsten Einschüchterungsinstrumente – erstmals in der digitalen Welt angewandt. Ich erlebe gerade am eigenen Beispiel, wie moderne Netzwerke archaische Strukturen stärken.

Woher stammen die Clans ursprünglich?

Ihre Identität ist unklar, was die Minderwertigkeitskomplexe der Clan-Mitglieder noch verstärkt. Bekannt ist nur die geographische Herkunft. Die Gruppe lebte einst im Süden der Türkei in rund 40 Dörfern in der Provinz Mardin, weshalb sich manche von ihnen als Mardelli bezeichnen. Ihren arabischen Dialekt nennen die Philologen Mhallamiye, auch so wird die Gruppe häufig genannt. Als ich in den 1990er Jahren zur Herkunftsfrage forschte, haben mir die Mhallamiye phantastische Geschichten erzählt. Für keine einzige konnte ich irgendwelche Belege finden. Dann stieß ich in einem älteren Werk eines Orientalisten auf eine Erklärung, die mir einigermaßen plausibel erscheint. Demnach waren die Mhallamiye vor ihrer Konversion zum Islam im 17. Jahrhundert christliche Aramäer. Manche Mhallamiye wollen sich mit den Kurden in Verbindung bringen. Auch das ist Unsinn. Bis heute versuchen die Mhallamiye verzweifelt, ihre Geschichte irgendwie zu veredeln. Aber mangels Abstammungsnachweisen ist die Gruppenidentität äußerst instabil. Die Brutalität, die Rücksichtslosigkeit, das Machtstreben und die Gier nach schnellem Reichtum vieler Clan-Mitglieder kann man als Kompensationsversuch deuten.

Also handelt es sich bei den Clans weder um Kurden noch um Libanesen. Woher kommt dann die Bezeichnung „kurdisch-libanesische Clans“?

Auch das hat ein Teil der Gruppe selbst erfunden. In den Libanon wanderten in den 1920er und 1940er Jahren zahlreiche Clans aus. Sie waren Wirtschaftsflüchtlinge, hofften auf ein besseres Leben. Aber sie wurden gesellschaftlich weitgehend ausgegrenzt, lebten verarmt in Gettos. Dabei verfestigten sich ihre archaischen Stammesstrukturen noch. In der Türkei hatte sich ihre Weltsicht immerhin auf ein paar Dutzend Dörfer bezogen, nun fixierten sie sich noch weiter auf ihren Clan. Als die ersten Mhallamiye nach Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon im April 1975 nach Deutschland kamen, waren diese Verhältnisse schon über mehrere Jahrzehnte gefestigt worden. Das Clan-Prinzip lautet: Alles außerhalb ist Feindesland, nur auf die eigene Familie ist Verlass.

Heißt das, es gab nie eine Chance, die Mhallamiye zu integrieren?

Doch, diese Chance hätte es in Deutschland gegeben. Die Mhallamiye hätten sie nur ergreifen müssen. Wie andere Migrantengruppen, die damals aus der Türkei oder sonst woher nach Deutschland kamen, hätten auch die Mhallamiye ihren Weg gehen können. Aber nur die Mhallamiye sind in sehr großen Zahlen kriminell geworden. Trotzdem ist es falsch, sie als hoffnungslosen Fall zu beschreiben. Ausgerechnet ein Beispiel aus dem Libanon beweist das. Während in Beirut die in der Politik tonangebenden Christen die Eingliederung der Mhallamiye lange verhinderten, gelang es sunnitischen Anführern in Tripoli, sie bald einzubürgern. In Tripoli hat sich die Clanstruktur komplett in der sunnitischen Gemeinschaft aufgelöst. In einer wissenschaftlichen Studie aus dem Libanon wird der Fall als gelungene Integration beschrieben. Das ist sehr ermutigend. Ich bin fest überzeugt, man kann jeden Menschen integrieren, dafür muss man aber die Clanstrukturen sprengen.

Sind die Mhallamiye in Deutschland nicht doch auch Opfer geworden, Opfer einer missratenen Migrationspolitik?

Sie spielen auf die Restriktionen wie die Kürzung der Sozialhilfe, die Unterbringung in Sammelunterkünften oder die Arbeitsverbote an, auf die Deutschland Anfang der 1980er Jahre setzte, um unliebsame Wirtschaftsflüchtlinge zur Ausreise zu bewegen. Auch die Schulpflicht fiel weg. Was haben die Politiker sich damals dabei eigentlich gedacht? Eine ganze Generation von Analphabeten wuchs heran! Dabei war klar, dass die Mhallamiye allein schon deshalb bleiben würden, weil sie keine Papiere hatten und als staatenlos galten. Die Leute hingen nun also auch in Deutschland in der Luft, bekamen Kettenduldungen – und besannen sich umso mehr auf ihre eingeübten Muster. Teile der Clans transformierten nun ihre Strukturen in ein kriminelles Wirtschaftssystem. Im Rahmen der sogenannten Altfallregelung bekamen viele Mhallamiye dann zwar die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch anders als andere Migrantengruppen, die ebenfalls eingebürgert wurden, nutzten viele Mhallamiye auch diese Chance nicht. Aus dem gerade vorgelegten Lagebericht für Nordrhein-Westfalen geht hervor, dass 36 Prozent der Clan-Tatverdächtigen deutsche Staatsbürger sind.

Wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass sich da etwas Unheilvolles zusammenbraut?

Vergleichsweise früh. Ich komme ja selbst ursprünglich aus dem Libanon. Dort hatte ich aber keinen Kontakt zu Mhallamiye. Als ich 1972 mit einem Promotionsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Deutschland kam und wenig später in meiner Heimat der Krieg ausbrach, war es für mich selbstverständlich, sogleich in der Libanon-Hilfe aktiv zu werden. 1976 meldete sich das Bezirksamt Kreuzberg und bat um Hilfe für „neue Libanesen“. So traf ich in einem Obdachlosenheim auf etwa 300 Leute, die gar keine Libanesen waren, sondern sich Mhallamiye nannten. Aus dem Ehrenamt wurde dann mein Beruf. Von 1977 bis 1992 war ich als Sozialarbeiter an Schulen und Kindergärten tätig, dann war ich zehn Jahre lang Leiter der Beratungsstelle für Araber beim Diakonischen Werk. Ich habe die Entstehung der kriminellen Strukturen aus unmittelbarer Nähe beobachten können, kenne viele der Familien. Es begann in den 1980er Jahren mit Raubzügen durch Supermärkte. In den 1990ern gab es dann zwischen einigen Clans schon einen regelrechten Wettbewerb darum, wer die meisten Razzien hat, wer am meisten zusammenraffen konnte. Aus Clanperspektive lag in der offenen deutschen Gesellschaft alles herum, man brauchte es einfach zu nehmen. Durch den deutschen Rechtsstaat, der auf Belehrung, Ermahnung, Bewährung und Besserung setzt, fühlten sie sich sogar noch bestätigt. Sie begannen, den scheinbar schwachen Staat zu verachten. Und der Staat tat nichts. Schon in den 1980er Jahren waren die Namen aller Familien, die heute für die kriminellsten Clans stehen, bei allen Jugendämtern bekannt, weil immer dieselben Jungs mit Straftaten auffielen. Hätte man sich systematisch einen Überblick verschafft, vielleicht auch ein Lagebild gemacht, hätte man ganz gezielt mit Sozialarbeit gegensteuern können. Nach mehr als drei Jahrzehnten ist das Problem auch in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen riesengroß. In Berlin geht die Verblendung bei manchen immer noch so weit, dass sie sogar schon den Begriff Clan als angeblich diskriminierend ablehnen. Darüber können sich die Clans nur schlapp lachen. Es ist kein Zufall, dass sie gerade in Berlin keine Grenzen mehr kennen: Der Raubüberfall auf ein Pokerturnier, der Diebstahl einer zwei Zentner schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum, der Mord an einem Clan-Intensivtäter inmitten von Spaziergängern mit acht Schüssen im vergangenen Herbst, seine Beerdigung, die zur Machtdemonstration wurde. Es kamen 2000 Leute aus ganz Deutschland, die Polizei identifizierte mehr als hundert kriminelle Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien.

Wie erklären Sie sich die vielen Versäumnisse der vergangenen Jahre?

Zum einen ideologisch. Die Ideologie des Multikulturalismus wird in Deutschland von vielen mit Multikulturalität verwechselt. Die nicht verhandelbaren Kernwerte des demokratischen Pluralismus stehen im Grundgesetz: Meinungs- und Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Mulitkulturalität, das heißt die kulturelle Vielfalt, unterliegt diesen Werten. Nach der Lehre des Multikulturalimus, der sowohl in Politik, Verwaltung und Justiz tiefe Spuren hinterlassen hat, müssen dagegen alle Kulturen und Haltungen per se gleich behandelt werden, selbst dann, wenn sie komplett intolerant sind. Geht es nach Multikulturalisten, muss man also auch die Polygamie oder die häusliche Gewalt gegen Frauen und viele andere nach unseren Gesetzen als Straftaten eingestufte Verhaltensweisen akzeptieren. Aus Furcht, Gruppen zu stigmatisieren, fördert man kollektive kulturelle Identitäten und vermindert damit zugleich die Integrationschancen, weil Integration nie gruppenweise, sondern immer individuell passiert. Auf fatale Weise befördert die Ideologie des Multikulturalismus also auch noch den Ehrbegriff der Clans. Denn sobald man etwas Kritisches sagt, wird man wahlweise von den Clans oder von den Multikulturalisten als Rassist verunglimpft. Meine zweite Erklärung für die Versäumnisse ist banaler: In vielen Amtsstuben gibt es Ignoranz und Faulheit.

Was meinen Sie damit?

Es ist eben anstrengend, gegen Clans vorzugehen. Ein ganz aktuelles Beispiel: In einem bisher ruhigen Wohnhaus in Berlin-Spandau ist ein Clan-Mann und Sozialhilfeempfänger mit seiner Frau und seinen Kindern eingezogen. Die Familie terrorisiert die gesamte Nachbarschaft. Die Wohnung gehört einer Verwandten, die noch sieben weitere Wohnungen besitzt, die alle mit Geld gekauft wurden, das wahrscheinlich aus Straftaten stammt und das zum Waschen zunächst in den Libanon transferiert worden war. Der Clan-Mieter, ein wiederholt wegen Beleidigung und Körperverletzung Verurteilter, hat nun die Aufgabe, die anderen Eigentümer zu vergraulen, damit sich der Clan noch weitere Wohnungen möglichst günstig unter den Nagel reißen kann. Seit er und seine Familie da sind, werden die anderen Bewohner angebrüllt, geschlagen, ihre Türen werden mit Kot beschmiert, an ihren Autos werden Reifen zerstochen. Die Leute waren dem Treiben bisher ohnmächtig ausgeliefert, weil die Behörden das als Nachbarschaftsstreit zwischen deutschen Spießern und Ausländern bagatellisiert haben. Wie unter einem Brennglas kann man an diesem Fall sehen, wie alles beginnt, wie die Methoden der Aneignung der Clans funktionieren. Gerade an solchen scheinbar niederschwelligen Beispielen zeigt sich, ob der Staat seine Bürger schützt. Wenn die Bürger im Stich gelassen werden, scheitert der Rechtsstaat. Der Rechtsstaat muss die Regeln, die dem Schutz der offenen Gesellschaft dienen, konsequent durchsetzen. Auf die Clans bezogen, heißt das: Aus ihrer Geschichte heraus kann man erklären, wieso die Mhallamiye ihre Familienstrukturen festigten, der Clan war ein Schutzsystem in einer archaischen Umwelt. In Deutschland aber gibt es keinerlei Berechtigung für den Fortbestand des Clans, es sei denn, es geht um ein hocheffizientes kriminelles System. Deshalb muss der Staat damit beginnen, die Strukturen Schritt für Schritt zu zerschlagen. Das wird Jahre dauern, und der Staat wird auf erheblichen Widerstand stoßen, denn jede Schwächung der Familiensolidarität gefährdet die kriminellen Geschäfte der Clans.

Was muss der Staat konkret tun?

Konsequent der Spur des Geldes folgen, um das System auszutrocknen, dann zerfallen die Clans – erst dann kann die Integration nachhaltig beginnen. Das vor zwei Jahren verabschiedete Gesetz zur Vermögensabschöpfung war ein wichtiger Schritt. Er reicht nicht aus. Nötig wäre die komplette Beweislastumkehr, wie sie Italien für den Kampf gegen die Mafia eingeführt hat. Das deutsche Gesetz ist inkonsequent und bleibt weit hinter den Möglichkeiten zurück, die die entsprechende EU-Richtlinie zur Harmonisierung der Vermögensabschöpfung bietet. Deshalb fürchte ich, dass vieles von dem, was in den vergangenen Monaten von den Clans eingezogen wurde, wieder zurückgegeben werden muss.

Die Beschlagnahmung von 77 Immobilien eines Clans aus Berlin galt doch als großer Erfolg?

Der Staat war aber auch im Rahmen der schon bestehenden Normen weniger konsequent als eigentlich möglich. Denn zunächst flossen die Mieteinnahmen der beschlagnahmten Objekte weiter an den Clan! Erst Ende April, Monate nach der Beschlagnahme der Häuser, hat die Justiz endlich auch die Mieteinnahmen sichergestellt. Erst jetzt setzte sich die Ansicht durch, dass auch diese Einnahmen in direkter Verbindung zur Geldwäsche stehen. Schließlich sollen die Häuser ja mit den zehn Millionen Euro aus dem Sparkassenraub gekauft worden sein, den Mitglieder desselben Clans 2014 verübten. Stellen Sie sich vor, der Staat müsste die Häuser, die Mieteinnahmen eines Tages wieder zurückgeben. Das wäre ein furchtbarer Triumph für den Clan.

Spielt Sozialarbeit im Kampf gegen die Clans eine Rolle?

Doch, eine große sogar. Es muss gelingen, irgendwie bei den Frauen anzusetzen. Um die Familie abgeschottet zu halten, sie zu reproduzieren und sie für den Konkurrenzkampf mit anderen Clans zu vergrößern, werden Mädchen früh vorzugsweise mit Cousins zwangsverheiratet. Für die Erhaltung der Clanstrukturen werden also immer neue Generationen von Frauen unterdrückt. Gerade Mädchen und Frauen sind überhaupt nicht glücklich in den Clans. Sie wollen viel lieber ein ganz normales Leben führen. Sie haben ja die Chancen vor Augen, die ihnen die offene Gesellschaft bietet.

Eine Frage noch: Wie kamen Sie zu dem im Libanon vermutlich ungewöhnlichen Vornamen?

Als ich vor siebzig Jahren geboren wurde, war mein Vater sehr angetan von einem Diplomaten der Vereinten Nationen namens Ralph Bunche, der damals als Vermittler im Palästina-Krieg tätig war. Er war der erste farbige Diplomat Amerikas, als erster Schwarzer bekam er 1950 den Friedensnobelpreis. Später hat Bunche in den Vereinigten Staaten an der Seite von Martin Luther King für die Emanzipation der Schwarzen gekämpft. Es gibt einen anderen erstaunlichen Zusammenhang: Mein Bruder hat einen arabischen Vornamen, er hat eine Libanesin geheiratet und ist im Libanon geblieben, meine Schwester trägt einen französischen Vornamen und lebt mit einem Franzosen in Frankreich, ich heiße Ralph und habe eine deutsche Frau.