Zweimal wurde Ferdinand Piëch, der langjährige Herr über die Volkswagen AG, von Staatsanwälten vernommen. Seine Aussagen offenbaren, warum die VW-Kultur Skandale und Betrügereien fast zwangsläufig hervorbringt.

Es waren die Wolfsburger Chaos-Tage, Dramen spielten sich ab: Nachdem Ferdinand Piëch (81) am 10. April des Jahres mit dem Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ versucht hatte, die Amtsenthebung des damaligen VW-Vorstandschefs Martin Winterkorn (71) in die Wege zu leiten, geriet der zu jenem Zeitpunkt 78 Jahre alte Firmenpatriarch in der Konzernführung selbst in immer größere Isolation. Wenige Tage später drängten ihn die anderen fünf Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums zum Rücktritt.

Um seiner Abwahl zuvorzukommen, legte Piëch am 25. April mit sofortiger Wirkung alle Ämter nieder, also auch in den Tochtergesellschaften, wie Audi oder MAN, seine Frau Ursula (62) tat das ihrige und trat ebenfalls zurück.

Die Familie beschloss nun, mit Louise Kiesling (60) und Julia Kuhn-Piëch (37) zwei Nichten Ferdinand Piëchs in den Aufsichtsrat nachrücken zu lassen.

Doch damit war der alte Herr durchaus nicht einverstanden: Es fehle den beiden an Erfahrung in der Autoindustrie, es fehle an Kenntnis und Wissen.

In seinem Brief nun, der mit der merkwürdigen Anrede „Sehr geehrter Wolfgang“ anhebt, geht es um den Gegenvorschlag Piëchs, anstelle der grünen Nichten den früheren Linde- und BMW-Spitzenmanager Wolfgang Reitzle (69) und Brigitte Ederer (62), lange Zeit Vorstandsmitglied bei Siemens, in den Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns zu holen.

„Sehr geehrter Wolfgang“

So beginnt ein Schreiben, das Ferdinand Piëch am 29. April 2015 an seinen Cousin Wolfgang Porsche (75) sendet.

„Sehr geehrter Wolfgang“ also – man kann sich vorstellen, wie der große Ferdinand P. seine Zähne bleckt und sein Haifisch-Lächeln aufsetzt, wenn er so formuliert. Petitessen dieser Art verraten viel über den Umgang, den man im Porsche-Piëch-Klan mit- und gegeneinander pflegt.

Mehr als viereinhalb Jahrzehnte im Konzern: Der frühere VW-Steuermann Ferdinand Piëch

Ferdinand und Wolfgang und viele andere in der verzweigten Großfamilie sind sich in herzlichem Widerwillen verbunden – unterschiedliche Pole wie elektrische Ladungen, die sich anziehen und abstoßen und deren Kräfte hineinwirken in das Herz des mit Abstand größten deutschen Unternehmens, des Volkswagen-Konzerns mit fast 650.000 Mitarbeitern und mehr als 230 Milliarden Euro Umsatz: Über ihre Porsche-Holding kontrolliert die Familienbande 52 Prozent der stimmberechtigten Aktien. Ohne Zustimmung der Porsches und Piëchs geht nichts in Wolfsburg. Dass der Klan es mit fragwürdigen, möglicherweise illegalen Methoden überhaupt geschafft hat, sich den Konzern unter den Nagel zu reißen, beschäftigt die Justiz seit Jahren.

Heute herrschen Wolfgang „Wopo“ Porsche und Hans Michel Piëch (76), Ferdinands Bruder, und all die anderen Enkel und Urenkel des sagenumwobenen Unternehmensgründers Ferdinand Porsche (1875 – 1951) über Familien- und Gesellschafterausschüsse und besetzen die Aufsichtsräte der Konzerngesellschaften.

Es hat sich auf diese Weise eine Unternehmenskultur entwickelt, die für Außenstehende so dämmergrau und undurchsichtig ist wie alle Milieus, in denen eine Familie übermächtigen Einfluss ausübt, sei es in einer Monarchie, sei es bei der Mafia.

Überall dort, wo man es buchstäblich „unter sich“ ausmacht, wird ein Lebens- und Arbeitsstil gefördert, der das Ungute als solches begünstigt und Höflinge und orthodoxe Gläubige hervorbringt.

Den VW-Konzern verwickelte diese Firmenkultur in eine (Diesel-)Betrugsaffäre, deren Straf- und Sonderkosten sich inzwischen auf fast 30 Milliarden Euro aufgetürmt haben.

Seinem Brief („Sehr geehrter Wolfgang“) lässt Ferdinand Piëch am selben Tag ein weiteres Schreiben folgen: Für alle Aufsichtsratspersonalien sei ein Beschluss des „Gesellschafterausschusses gemäß der Familienvereinbarung“ notwendig.

Kurz, in diesem börsennotierten Dax-30-Konzern, an dem das Land Niedersachsen mit 20 Prozent beteiligt ist, entscheiden nicht etwa Vorstand und Aufsichtsrat, wie vom Aktiengesetz vorgesehen, sondern die Familie, ganz, als sei es ihr Königreich.

Ferdinand Piëch, der später auch all seine VW-Aktien abgibt, beobachtet die laufende Prozess-Serie wegen des Abgasbetrugs nur noch aus der Ferne.

Seine Aussagen vor der Staatsanwaltschaft in diesem (und in einem früheren) Verfahren mögen juristisch weitgehend unbedeutend sein für die Frage, wer wofür genau verantwortlich war beim Dieselbetrug und wer was zu welchem Zeitpunkt wusste. Seine Ausführungen sind indes aufschlussreich für die Frage, welche Unkultur herrschte und bis heute herrscht in der Volkswagen AG.

Und weil es um das größte deutsche Unternehmen geht und um viele Hunderttausend Arbeitsplätze, besteht ein öffentliches Interesse an dieser Frage.

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„Solche Vorgänge wurden bei uns nicht schriftlich fixiert.“

Wir schreiben das Jahr 2006, und Ferdinand Piëch sagt in Braunschweig vor dem Landeskriminalamt Niedersachsen – Dezernat 36 – in einer anderen Großaffäre aus: Es geht um Prostituierte, die sich der damalige VW-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert (76) aus der Firmenkasse hatte bezahlen lassen, es geht um die Scheinbeschäftigung seiner brasilianischen Freundin, um Untreue und Betrug und um den damaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz (77), der alles in Szene setzen ließ, um sich die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gefügig zu machen.

Am Schluss kommt Klaus Volkert ins Gefängnis, die angeklagten Manager werden zu Bewährungsstrafen verurteilt, auch Peter Hartz.

Es gibt keine unmittelbare Verbindung zwischen dem Verfahren vor mehr als zehn Jahren und den anstehenden Prozessen wegen Abgasbetrugs.

Und doch besteht ein mittelbarer Zusammenhang, ähneln sich einige Punkte in den Aussagen Ferdinand Piëchs verblüffend. In seinem damaligen Verhör erinnert der Mann beispielsweise schon an das Grundprinzip bei VW, den Vorstand aus allem herauszuhalten. Was der starke Mann des Konzerns damals sagte, könnte man heute auch umformulieren für die Entstehung des Abgasbetrugs:

„Ich habe niemals Geld verteilt.“ In „diesen unangenehmen Fällen“ habe er sich „dadurch aus der Schlinge gezogen, dass ich es an jemand anderen delegiert habe“.

VW – das war und ist in großen Teilen bis heute die Geschichte eines Konzerns, bei dem alles geht, wenn es nur einer der Bosse mündlich anordnet. Und weil das so ist, kann auch niemand den offiziellen internen Protokollen und Aktenvermerken trauen. In einer solchen Misstrauenskultur verhält sich jeder in der Spitze der Hierarchie politisch.

„Um an wirkliche Dinge ranzukommen“, war es offenbar Piëchs Art, Sachbearbeiter anzusprechen, um so herauszufinden, worum es sich wirklich handelte, beispielsweise bei einem Teil, das kaputtging. Für Piëch sei die Information bei dem Sachbearbeiter noch ungefärbt abrufbar gewesen. Denn der Sachbearbeiter habe noch keine „politischen Ambitionen“ gehabt.

Der erste große VW-Skandal beginnt im Juni 2005 mit der Entlassung von Skoda-Personalchef Helmuth Schuster (64). Er hatte sich viele Jahre zuvor mit Ferdinand Piëch angelegt, als der Österreicher noch Vorstandschef bei Audi gewesen war. Doch bei VW vergisst man nichts.

Mit „Herrn Schuster“ habe er noch „eine Rechnung offen“ gehabt.

So ist es bis heute in Wolfsburg bei VW: Viele haben mit vielen eine Rechnung offen.

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Am 16. Dezember 2016 sagt Ferdinand Piëch vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig über den Dieselbetrug aus – begleitet von seiner Ehefrau Ursula und seinem Hamburger Anwalt Gerhard Strate. Der Vorgang läuft unter der Geschäftsnummer NZS 411 Js 49032/15. Anders als von den Ermittlern erhofft, liefert Piëch wenig Nachprüfbares zur Sache. Und einiges, was er vorträgt, leugnen danach mehrere Zeugen. Aber erneut wirft Piëchs Aussage ein Schlaglicht auf die Kultur im Konzern.

Was hat sich verändert bei VW seit dem ersten großen Skandal vor fast zehn Jahren? Nichts. Noch immer fehlt es an Transparenz. Selbst den offiziellen Zahlenwerken des Konzerns sollte man nicht unbedingt trauen:

So sei laut Piëch Audi eine von mehreren Marken gewesen, die VW immer dazu benutzt habe, „um den Negativerfolg der Mutter zu kompensieren“.

Was den Dieselbetrug angeht, wiederholt sich die Dramaturgie von 2006: Wieder versucht die VW-Spitze zunächst, alle Verantwortung für die kriminellen Machenschaften auf „einige wenige“ nachrangige Mitarbeiter zu schieben. Aber Piëch glaubt nicht daran, und der Alte sollte später durch die weiteren Ermittlungen gegen den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn, Audi-Chef Rupert Stadler und andere Vorstände bestätigt werden:

Undenkbar für Piëch, dass ein Betrug nicht „bis in die oberste Spitze“ gehe. Sein Eindruck sei, dass man versuche, das „auf (die) untere Ebene abzuschieben“. Er sei davon überzeugt, „das ging in die erste Garnitur“.

Und während bei VW sowohl der Aufsichtsrat als auch der Vorstand von einer „Dieselthematik“ schwadronieren, meint Ferdinand Piëch längst zu wissen, worum es wirklich geht:

„Beschiss.“

Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn kann Deutschland aktuell nicht verlassen – ihm droht die Auslieferung in die USA

Diesen „Beschiss“ haben die Mächtigen wie gewohnt gut organisiert:

Er wisse, dass bei VW peinliche Dinge nie schriftlich festgelegt würden. Und VW habe auch immer eine große Rechtsabteilung gehabt.

Einige Konzerngranden wollen von der Sache erst erfahren haben, als die US-Umweltbehörden den Betrug im September 2015 öffentlich machten. Da ist etwa der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Bernd Osterloh (62), der auch im Präsidium des Aufsichtsrats sitzt. Osterloh gibt sich gern als Ko-Manager des Konzerns und spreizt sich in der Öffentlichkeit mit Vorschlägen, wie man die Autos besser und billiger produzieren könne. Aber von der sogenannten „Akustikfunktion“ (der illegalen Abschalt-Software für die Reinigung der Dieselschadstoffe) will er bis zum damaligen Zeitpunkt nichts gehört haben:

Osterloh habe ihm kurz vor seinem Ausscheiden einen Ordner mit 400 Punkten überreicht, die bei VW nicht in Ordnung seien. „Darin gibt es keinen Punkt Abgas.“ Er könne sich nicht vorstellen, so Piëch, dass jemand, der bis zu den Radschrauben an einem Auto alles wisse, von diesem „elfmillionenfachen Beschiss nichts mitgekriegt hat“.

Als die Vorstände von VW noch hoffen, dass ihnen die Operation „Große Verschweige“ gelingen könne, gehört Piëch zu den wenigen Wirklichkeitsmenschen: Die Beschuldigten aus der zweiten und dritten Reihe würden mit der Sprache herausrücken, wenn es ihnen selbst juristisch an den Kragen ginge.

„Diese Leute sagen, mit wem sie in erster Ebene kommuniziert haben.“

Ferdinand Piëch verfolgt 2015, noch bevor der Dieselskandal öffentlich losbricht und erst recht danach, einen anderen Plan: Nicht nur Martin Winterkorn, sondern alle belasteten Führungskräfte sollen verschwinden. Alles auf den Tisch – ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Familienmitglieder, die Piëch für weitgehend inkompetent hält, mögen sich aus den Aufsichtsräten des VW-Konzerns und seiner Tochterfirmen zurückziehen. Stattdessen soll sein Wunschkandidat Wolfgang Reitzle (Piëch: „Der Mann ist brillant“) den Vorsitz des Aufsichtsrats im Konzern übernehmen.

Doch das Präsidium des Gremiums – neben Piëch sein Cousin Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der ehemalige IG-Metall-Chef Bertold Huber und der Oberbetriebsrat Osterloh – verweigern sich einer Radikalkur. Die vier drängen Ferdinand Piëch im April 2015 aus dem Aufsichtsratsvorsitz und bügeln danach alle seine Vorschläge als Großaktionär ab:

Da er 78 war, habe er den Aufsichtsrat verlassen, sich aber vorgenommen: „Das zahle ich den vieren heim.“ Denn „einen Betrug“ – elf Millionen Autos – wolle er sich nicht „in die Schuhe schieben“ lassen.

Die neuen starken Männer verfolgten die Strategie, immer nur so viel zuzugeben, wie sich nicht länger verheimlichen ließ. Und alles zu tun, damit die obersten Mitwisser des Dieselbetrugs nicht irgendwann auspacken – und damit womöglich auch Wolfgang Porsche und andere in die Schusslinie geraten:

Das habe dann, gibt Ferdinand Piëch zu Protokoll, zur fristlosen Kündigung von Martin Winterkorn geführt, dem man noch mal 30 Millionen Euro Abfindung „hinterhergeschmissen“ habe. So was gehe durchs Präsidium (des Aufsichtsrats) nur durch, wenn das Präsidium „Butter am Kopf hat“.

Ferdinand Piëch war schon Monate vor dem Bekanntwerden des Dieselbetrugs auf „Distanz zu Winterkorn“ gegangen. Er traute seinem Nachfolger nicht mehr über den Weg:

Winterkorn habe ihm als Aufsichtsratsvorsitzenden „nur noch Erfolgsmeldungen durchgegeben“.

Der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn – ein Mann von unangenehmem, jähzornigem Naturell, der Mitarbeiter mit seinem Gebrüll und seinen brutalen Methoden einschüchtert – gehörte von Anfang zu den Schlüsselfiguren der Betrugsaffäre. Die US-Justiz sucht ihn per Haftbefehl, Winterkorn kann Deutschland nicht mehr verlassen, ohne Gefahr zu laufen, ausgeliefert zu werden.

Irgendwann in seiner großen Karriere, ausgestattet mit absoluter Macht und dem höchsten Gehalt der ganzen Branche, ging bei Winterkorn die letzte Bodenhaftung verloren:

„Er hat für 50.000 Euro japanische Koi-Karpfen in seinen Teich holen lassen.“ Ferdinand Piëchs Auffassung war: „VW braucht keine Karpfen.“ Den entsprechenden Betrag habe ihm Piëch von seinen Finanzbezügen abgerechnet in der Erwartung, dass er „dagegen nicht protestieren“ werde.

Was in vielen Konzernen zum sofortigen Rausschmiss eines Managers führen würde, hält man bei VW lieber unter Verschluss. Das war unter Ferdinand Piëch so, und das soll nach dem Willen der Familie so bleiben. Bloß keine Öffentlichkeit, bloß keine Presse.

„Ich habe solche Dinge nicht übers Gericht geregelt“, weil, so Piëch, immer ein schlechtes Licht auf die Firma gefallen wäre. Ihm, Piëch, sei es darum gegangen, „ein bisschen Ordnung zu bringen“.

Wo die Fassade das Wichtigste ist, darf man auch nach innen nicht offen reden. Denn sonst könnte ja etwas nach außen dringen. Ein wirklichkeitsnahes Bild der Gemengelage im Konzern erhält nur derjenige, der sich auf ein großes Netz von vertraulichen Kontakten stützen kann.

Deshalb haben Außenseiter wie der aktuelle Konzernchef Herbert Diess (60) kaum eine Chance. Nur altgediente Eingeweihte wie Piëch haben einen wirklichen Durchblick:

Über seine noch guten Kontakte habe er erfahren, „dass die Marke VW tiefrot ist“ und das nur kompensiert werde durch die elf anderen Marken.

Herbert Diess ist der neue Vorstandsvorsitzende von VW

Der normale Informationsfluss, das professionelle Berichtswesen eines Konzerns, stößt bei VW auf große Hindernisse. Vor allem die Kontrolle funktioniert nicht, wie es die Grundsätze einer guten Unternehmensführung verlangen. Das Präsidium soll eigentlich nur die Sitzungen des Aufsichtsrats vorbereiten. Paragraph 111 des Aktiengesetzes legt fest: „Der Aufsichtsrat“ (und nicht seine einzelnen Ausschüsse oder sein Präsidium) „hat die Geschäftsführung zu überwachen.“

Doch bei VW segnet der Aufsichtsrat häufig nur ab, was das Präsidium schon unter der Hand vereinbart hat. Und das Präsidium bekommt die Richtung letztlich vom Gesellschafterausschuss des Klans vorgegeben.

Familienoberhaupt Wolfgang Porsche tut sich in großen Runden schwer – und weicht der Konfrontation gern aus. Da bietet sich das kleine Präsidium als idealer Ort an, das Land Niedersachsen als privilegierten Ankeraktionär und die mächtigen IG-Metall-Herzöge wie Osterloh einzubinden.

Die Zahl der Mitwisser hält sich so stets in Grenzen – und im Zweifel steht Aussage gegen Aussage. So ist es auch, als Piëch erste Hinweise auf die Abgasmanipulationen erhält:

Im Aufsichtsrat sei dieses Thema nicht gewesen. „Es ist nur im Präsidium behandelt worden.“

Welche Rolle in der Affäre hat der SPD-Politiker Stephan Weil gespielt? Der niedersächsische Ministerpräsident will vom Abgasbetrug erst erfahren haben, als der Sturm in der Öffentlichkeit losbrach.

Regierungschefs des Bundeslandes haben die Wolfsburger Unternehmensführung stets nur auf sehr nonchalante Art kontrolliert. Der 20-Prozent-Aktionär hätte seine Sonderrechte nutzen können, um einen Kulturwandel zu erzwingen. Doch die Vertreter des Landes interessieren sich nur für die Steuerabführungen des Unternehmens oder die Arbeitsplätze in den niedersächsischen Fabriken. Wie nennt das doch Ferdinand Piëch? So:

„Niedersachsen lebt ja in der Leicht-Beeinflussbarkeit.“

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Ganz gegen Ende der Vernehmung am 16.12.2016, die von 10.00 bis 11.22 Uhr dauert, kommt es zu einem denkwürdigen Dialog zwischen den Staatsanwälten und dem Zeugen Piëch – mit einer kleinen Schenkelhilfe seines Anwalts:

Die Ermittler wollten etwas über die Compliance-Strukturen bei VW erfahren. Ob Herr Piëch dazu „bitte“ berichten könne?

Als Techniker, lautete Piëchs Antwort, sei er in dem Thema nicht drin.

Ob er denn mit externen Beratern oder Anwälten über das Thema „Gute Unternehmensführung/Besetzung von Kontrollinstanzen“ oder derartige Dinge gesprochen habe, fragten die Ermittler nach.

„Nein, mit wem denn?“, fragte Piëch zurück. Compliance sei Sache der Rechtsabteilung von VW.

Also habe er damit nichts zu tun gehabt, wollte sein Zeugenbeistand Gerhard Strate wissen. Piëchs Antwort: „Nein.“

Was für Ferdinand Piëch galt, das galt lange Zeit auch für Wolfgang Porsche, Martin Winterkorn und alle anderen obersten Entscheider im Konzern: gute Unternehmensführung? Die Aufsicht über die Einhaltung von Gesetzen? Ein Randthema, das man wegdelegieren und untergeordneten Juristen übergeben konnte. Genau das war das eigentliche Problem bei VW. Vielleicht ist es das noch immer.