Vor 25 Jahren begann in Ruanda einer der größten Völkermorde seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Furcht vor einem neuen Genozid ist auch Jahrzehnte später nicht gewichen.

Es war ungefähr 20.30 Uhr, als am 6. April 1994 über Kigali ein Flugzeug vom Typ Falcon 50 abgeschossen wurde. An Bord des Geschäftsflugzeugs befanden sich die Staatschefs von zwei afrikanischen Staaten: Burundis Herrscher Cyprien Ntaryamira und Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana, der sich in Begleitung seines Armeechefs Déogratias Nsabimana befand. Die Gruppe, alle Angehörige des Stamms der Hutu, war auf dem Rückflug von einer Konferenz in Daressalam gewesen, als das Flugzeug im Landeanflug auf die ruandische Hauptstadt von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde. Überlebende gab es keine. Die Täter wurden nie dingfest gemacht.

Eine halbe Stunde nach dem Anschlag begann eines der größten Gemetzel seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es dauerte etwa drei Monate und kostete rund eine Million Menschen das Leben. Die ersten Opfer waren sogenannte moderate Hutu. Dann wurde Jagd gemacht auf die Angehörigen des Niloten-Stamms der Tutsi, deren Vorfahren vor Jahrhunderten aus dem Norden in die Gegend eingewandert waren. Sie wurden zu Tode gehackt, lebendig verbrannt, von Bulldozern zermalmt. Oft waren Milizionäre im Dienst der herrschenden Partei die Täter, aber oft griffen auch einfache Nachbarn – aufgehetzt vom Hutu-Sender „Libre des Mille Collines“ – zu Messern und Macheten. Später wurden viele Hutu Opfer der vorrückenden Tutsi-Armee, die schließlich die Macht im Land der tausend Hügel übernahm und sie bis heute nicht abgegeben hat. Zehntausende von Hutu-Flüchtlingen wurden zudem in kongolesischen Lagern von Seuchen dahingerafft.

Konflikt zwischen Ackerbauern und Viehhirten, Sesshaften und Nomaden

Der Genozid, der vor 25 Jahren in dem kleinen Staat am Kivusee begann, steht auch für das Versagen der Weltgemeinschaft. Bereits am 11. Januar, rund drei Monate vor dem Abschuss der Präsidentenmaschine, hatte der kanadische Generalmajor Romeo Dallaire, zuständig für eine Truppe von 2500 Blauhelmen im Land, ein Telefax in die Zentrale der Vereinten Nationen nach New York geschickt, in dem er eindringlich vor einem Blutbad warnte und um Unterstützung „innerhalb von 36 Stunden“ bat. Dallaire hatte zuvor von Waffendepots erfahren, von Todeslisten und auch von Plänen, Blauhelmsoldaten anzugreifen, um sie so aus dem Land zu jagen.

Schwer zählbar: Gebeine von Genozidopfern liegen in der Gruft hinter der Kirche von Nyamata, Ruanda. Zwischen April und Juli 1994 starben in Ruanda zwischen 500.000 und 1.000.000 Menschen.

Bei den Vereinten Nationen stieß Dallaire allerdings auf taube Ohren. 1994 blickte die Welt auf das belagerte Sarajevo und nach Südafrika, wo befürchtet wurde, das Ende der Apartheid könne in einen Bürgerkrieg münden. Zudem war das Scheitern der Mission in Somalia noch in unguter Erinnerung. Dort war unter dem Kommando der Amerikaner vergeblich versucht worden, Krieg und Hungersnot zu beenden. Der für UN-Friedenseinsätze zuständige Untergeneralsekretär Kofi Annan winkte also ab. Fassungslos notierte Dallaire später: „Annan tadelte mich, dass ich auch nur daran dächte, die Waffenlager zu konfiszieren, und befahl mir, die Operation sofort zu stoppen.“ Als das Morden begonnen hatte und zehn belgische Blauhelmsoldaten umgebracht worden waren, zogen die Vereinten Nationen ihr Kontingent sogar ganz ab. Amerikaner brachten noch die im Land befindlichen Ausländer in Sicherheit und gaben damit, so Dallaire, „den Völkermördern das Signal zur Apokalypse“.

Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi ist uralt. Es ist der Konflikt zwischen Ackerbauern und Viehhirten, Sesshaften und Nomaden. Es geht um Land und Wasser in einem dichtbesiedelten Land, und es geht um Macht. Die kriegerischen Tutsi hatten im Laufe der Jahrhunderte die ansässige Bevölkerung unterworfen und das Land durch einen Mwami genannten König regiert. Als die Deutschen 1884 anrückten, um Ruanda ihrer Kolonie Deutsch-Ostafrika einzuverleiben, hatte „eine Minderheit von etwa fünf Prozent der Tutsi, die Inhaber hoher Ämter und zugleich die Besitzer großer Herden waren, Staat und Gesellschaft“ kontrolliert, so der österreichische Afrikanist Walter Schicho, während die Mehrheit der Hutu Bauern oder Tagelöhner waren, „deren soziale Position kaum besser war als die der Twa, der Pygmäen“. Um ihre Macht abzusichern, griffen die Deutschen auf die bestehende Hierarchie zurück – und auch die Belgier, die das Land nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen, bedienten sich der Kriegerkaste.

Der neue Mwami

Das Blatt wendete sich, als Ruanda 1962 unabhängig geworden war. Da rächten sich die vormals Unterdrückten an ihren einstigen Herren; allein in den ersten Jahren der Hutu-Herrschaft sollen rund 20.000 Tutsi getötet worden sein. Bis zum Beginn jenes Bürgerkriegs, der schließlich zum Genozid führte, flüchteten rund 600.000 ins Ausland.

Vom Rebellenführer zum Diktator: Paul Kagame bei einem Treffen mit einem unbekannten UN-Offizier aus Kanada im Mai 1994. Paul Kagame ist bis heute an der Macht.

1990 hatte Paul Kagame, einer jener Tutsi, die im Exil von einer Heimkehr nach Ruanda geträumt hatten, in Uganda eine Rebellenarmee aufgebaut. Mit seiner Familie war der damals fünf Jahre alte Kagame 1962 nach Uganda geflohen und hatte sich dort später dem Kampf des Rebellenführers Yoweri Museveni angeschlossen. Als dieser 1986 Präsident wurde, dankte er den Tutsi, indem er ihnen den Aufbau der Rwandan Patriotic Front (RPF) gestattete. Im Oktober 1990 schließlich griff die RPF von Uganda aus zum ersten Mal an. Zwar wurde im August 1993 ein Friedensvertrag geschlossen, und es wurde die Abhaltung von freien Wahlen verabredet. Allerdings waren es Kagames Männer, die die Waffenstillstandsvereinbarungen immer wieder brachen. Als Angehöriger einer Minderheit, die zum damaligen Zeitpunkt etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung der rund sieben Millionen Ruander stellte, wusste Kagame, dass er bei demokratischen Wahlen keine Chance haben würde, die Kontrolle über das Land, aus dem er als Kind fliehen musste, jemals zu bekommen.

Es spricht vieles dafür, dass es Angehörige der RPF waren, die das Flugzeug mit den Präsidenten abschossen. Sicher ist das allerdings nicht. Am Ende gewann die RPF den Kampf um Ruanda. Bis heute herrscht Kagame über das Land. Ihm kann zugutegehalten werden, dass er die Unterscheidung zwischen Tutsi und Hutu in den Ausweisdokumenten seiner Untertanen abgeschafft hat. Eine Tutsi-Diktatur hat er dennoch errichtet. Wahlen gewinnt Kagame regelmäßig mit weit über 90 Prozent der abgegebenen Stimmen, Regimegegner lässt der neue Mwami nicht selten für viele Jahre ins Gefängnis werfen – in Ruanda geht bis heute die Angst um, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.