Ob Falten oder Glatzenbildung – gegen alles gibt es Tabletten, Pulver, Kapseln. Die sogenannten Nahrungsergänzungsmittel finden immer mehr Abnehmer, es ist ein Milliardenmarkt. Doch viele wirken gar nicht – und manche richten sogar Schaden an.

Gedächtnisschwäche? Gewichtsprobleme? Haarausfall? Falten? Gegen die meisten Wehwehchen, Gebrechen und Unpässlichkeiten des Alltags müsste eigentlich gefeit sein, wer ein paar Euro für Pillen, Pülverchen oder Kapseln übrig hat. Ein Mittel mit Zitronenmelisse, Buttersäure, Grüner-Tee-Extrakt und anderen Inhaltsstoffen verfügt angeblich über eine „natürliche Gehirn-Power-Formel mit Anti-Stress-Wirkung“. 60 Kapseln für 21,95 Euro plus Versandkosten reichen für einen Monat – das macht etwa 250 Euro Jahresumsatz für den Anbieter.

Ein anderes Beispiel: Ein Fettverbrenner wird für 25,59 Euro die Packung verkauft. Aber weil es während der Einnahme zu einem Mangel an fettlöslichen Vitaminen kommen könne, sollten zusätzlich Präparate für die Vitamine D und E sowie Betakarotin genommen werden, lautet der „Apotheker-Tipp“ auf der Website des Verkäufers. So kommt eins zum anderen.

Nahrungsergänzungsmittel sind ein auskömmliches Geschäft. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentralen greift jeder Dritte zumindest gelegentlich zu solchen Produkten. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nach einer Analyse der Marktbeobachtungsfirma Insight Health 225 Millionen Verpackungen verkauft. Das sind zwölf Millionen mehr als im Jahr zuvor. Der Branchenumsatz 2018 wird auf 1,44 Milliarden Euro taxiert, ein Plus von knapp zehn Prozent.

Vitamin C ist am beliebtesten

Was den Markt antreibt, ist das verbreitete Gefühl, durch das tägliche Essen allein nicht ausreichend mit lebenswichtigen Stoffen versorgt zu werden, so die Erkenntnis der Marktforschung. Die Hälfte der Deutschen geht davon aus, dass sich die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Das beliebteste Produkt ist laut Insight Health Vitamin C, von dem im vergangenen Jahr allein 29 Millionen Packungen verkauft wurden. Auch Multivitaminpräparate und Vitamin B12 waren stark gefragt. Unter den Mineralstoffen liegt Magnesium mit fast 37 Millionen Packungen vorn, gefolgt von Calcium sowie Produkten mit weiteren Mineralstoffen und Mitteln, die den Säure-Basen-Haushalt im Körper in Ordnung bringen sollen. Seit Kurzem boomt eine Kreuzung aus Schönheitselixier und Nahrungsergänzung. Trink-Kollagen soll „für ein strafferes Hautbild“ sorgen, Hyaluronsäure ebenfalls.

Kaum ein großes Unternehmen lässt sich den lukrativen Markt der Nahrungsergänzung entgehen. Das Spektrum ist bunt und groß. Nestlé macht mit der Sparte Health Science Milliardenumsätze. Unilever hat vor anderthalb Jahren mit der Übernahme der britischen Marke Pukka Herbs seine Palette erweitert, die sich auf Bio-Tees und ayurvedisch inspirierte Nahrungsergänzung spezialisiert hat. Insgesamt ist das Feld der Hersteller von Nahrungsergänzung stark fragmentiert. Die 20 größten schöpfen zusammen gut die Hälfte des Umsatzes und etwas mehr als ein Drittel des Absatzes ab.

Doch so lukrativ das Geschäft mit den Mitteln ist, so zweifelhaft ist ihr Nutzen. Die Konsumenten haben von der Einnahme selten mehr als das gute Gefühl, etwas für den eigenen Körper getan zu haben, sagen Ernährungswissenschaftler und Verbraucherschützer.

Die Produkte gelten als Lebensmittel – nicht als Medizin

„Der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist heute mit Nährstoffen ausreichend versorgt“, stellt der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) in einer Analyse mit dem Titel „Klartext bei Nahrungsergänzung“ fest. Von wohlklingenden Werbeversprechungen verunsichert, wonach Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren oder exotische Pflanzenextrakte ein besseres und gesünderes Leben ermöglichten, würden viele Verbraucher die Mittel kaufen. Ob sie wirklich die versprochene gesundheitliche Wirkung entfalten, bleibe in aller Regel offen.

Nahrungsergänzung gilt rechtlich nicht als Medizinprodukt, sondern als Lebensmittel. Gesetzlich sind die Mittel definiert als aufkonzentrierte Nährstoffe. Ob sie wirksam und sicher sind, ob die Werbesprüche stimmen – für diese Aspekte sind nicht Behörden oder Zertifizierungsstellen verantwortlich, sondern allein die Hersteller. Einen Nachweis müssen sie – im Gegensatz zu denen zugelassener Arzneimittel – ebenso wenig erbringen wie die Anbieter von Salat, grünen Bohnen oder Apfelkraut.

Das ist durchaus verwirrend, weil die Nahrungsergänzung in arzneiähnlicher Form – etwa Dragees, Pulver oder Tinkturen – daherkommt. Auch die Vertriebswege könnten die irrige Vermutung nahelegen, dass Nahrungsergänzung eine Art „Medikament light“ darstellt: 41 Prozent der Packungen werden über Drogeriemärkte verkauft, 27 Prozent über stationäre oder Online-Apotheken, nur der Rest über Supermärkte. In der Forsa-Umfrage ging fast jeder zweite Proband denn auch fälschlicherweise davon aus, dass die Mittel staatlicherseits auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft würden. Doch dem Gesetzgeber reicht es, wenn sie keinen Schaden anrichten. „Dass Nahrungsergänzungsmittel generell sicher sind und die Gesundheit fördern, ist also ein Märchen“, lautete das Verdikt der Verbraucherschützer.

Detailinformationen über Produkte, Praxis und gesetzliche Regelungen können Konsumenten über das „Klartext“-Portal der Verbraucherzentralen erhalten, das seit gut zwei Jahren online ist und seither von mehr als 2,3 Millionen Ratsuchenden genutzt wurde.

B12: Viele Produkte fallen durch

In bestimmten Fällen, so Fachleute, kann Nahrungsergänzung allerdings sinnvoll sein. Das gilt zum Beispiel für Folsäure in der frühen Schwangerschaft. Auch Vegetarier und Veganer entwickeln gelegentlich besonderen Bedarf. „Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, keine Milch – landen kaum tierische Produkte auf dem Teller, können Nährstoffe fehlen“, stellte die Stiftung Warentest kürzlich fest.

Zwar müssten nicht alle, die sich fleischlos ernähren, gleich Vitaminpillen schlucken. Doch zumindest für Veganer „ist Nahrungsergänzung Pflicht“, wie die Experten schreiben. So sei Vitamin B12 an der Zellteilung und Blutbildung beteiligt, es komme aber fast nur in tierischen Lebensmitteln vor.

Bei der Auswahl des richtigen Ergänzungsmittels sei aber eine Vorabinformation vor dem Kauf unerlässlich. So fiel von 15 getesteten Vitamin-B12- und Kombi-Präparaten ein Drittel allein deshalb schon durch, weil die Nährstoffangaben auf der Packung nicht stimmten oder gleich gar keine deutschsprachige Kennzeichnung vorhanden war.

Generell raten Ernährungswissenschaftler zur Vorsicht bei Nahrungsergänzung, schon weil die Gefahr der Überdosierung besteht. Ein Markt-Check der Verbraucherzentralen für die beliebten Magnesiumpräparate ergab, dass 64 Prozent der untersuchten Produkte überdosiert waren. Dadurch könne es zu Erbrechen und Durchfall kommen, warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Bundesregierung und die Länder berät.

Ergänzungsmittel müssen immerhin Angaben über die empfohlene tägliche Verzehrmenge tragen, dazu den Warnhinweis, dass diese Menge nicht überschritten werden darf. Doch mehr als eine Hilfe sind die wenigen Angaben für Konsumenten kaum, zumal sie nicht zuverlässig eingehalten werden.

Das BfR verweist beispielsweise auf in der Vergangenheit online verkaufte Muskelaufbaupräparate, die als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnet wurden und Anabolika enthielten. In der Liste der Inhaltsstoffe tauchte der wegen seiner Nebenwirkungen berüchtigte Stoff nicht auf. Der gesetzlichen Vorgabe, dass kein Schaden angerichtet werden darf, entsprach der Hersteller in diesem Fall nicht – und profitierte eine Weile von der Überwachungslücke.