Die neue Migrantenroute führt über Spanien, aber die meisten Ankömmlinge wollen weiter in den Norden, nach Paris, Brüssel – oder gleich nach Deutschland. An der Grenze zu Frankreich findet ein Katz- und Maus-Spiel statt.

Im Atlantik vor Hendaye, dem letzten französischen Ort vor der Grenze zu Spanien, reiten an einem lauen Wintertag Surfer auf den Wellen. Auf der anderen Seite, im spanischen Irun, dreht Ian Aranguren seine frühe Runde auf der Suche nach Migranten.

Die Gipfel der Pyrenäen strecken sich in einen rosa leuchtenden Himmel. Aranguren hat einen Espresso getrunken, einen ersten Zigarillo geraucht und die Krücken, an denen er seit einem Unfall läuft, auf die Rückbank seines VW-Busses gelegt.

Die Fahrt geht entlang des Bidasoa, einem kleinen Fluss, der auf zehn Kilometer Länge Spanien von Frankreich trennt, bis er in der Bucht von Txingudi ins Meer mündet. Seinen ersten Halt macht Aranguren am Verkehrskreisel vor der Grenze, neben dem „Hotel Europa“, das schon bessere Zeiten gesehen hat.

„Die spanische Polizei macht die Augen zu“, sagt der kräftige Mann, die Haare grau, die Augen stahlblau, „sie wollen, dass die Flüchtlinge ungehindert weiterziehen. Und die Franzosen fahren sie dann einfach wieder zurück über die Grenze.“

Seit Italiens Innenminister Matteo Salvini die Grenzen dichtgemacht hat und kein Rettungsschiff an der italienischen Küste mehr anlegen darf, führt der neue Weg der Flucht über Marokko nach Spanien. Erste Schlepperbanden gab es schon vorher im Baskenland, vor dem Kurswechsel der Italiener.

Aber in diesem Jahr sind 50.000 Menschen über die Meerenge von Gibraltar oder die Exklaven Ceuta und Melilla nach Spanien gelangt, anderthalb Mal so viele wie im vergangenen Jahr, als sich die Zahlen im Vergleich zu 2016 bereits verdoppelt hatten.

„Die meisten haben keine Ahnung, wo sie sind“

Aranguren ist Rentner – und hauptberuflich, wenn man so will, Menschenrechtsaktivist. Er weiß, dass er den Migranten nicht wirklich helfen kann, aber er will auch nicht die Augen vor ihrem Elend verschließen. „Die meisten von ihnen haben keine Ahnung, wo sie sind, ob das hier noch Spanien oder schon Frankreich ist.“

Aranguren bringt die Gestrandeten zurück ins Zentrum der baskischen Grenzstadt Irun. Vor dem Rathaus, auf der Plaza San Juan Arria, verteilen Helfer Tee und selbstgebackenen Kuchen. Drei junge Männer aus Mali spielen Fußball. Azken, eine baskische Schäferhündin, sucht nach Krümeln zwischen ihren Beinen, die Helfer nennen sie eine „Seelsorgerin auf vier Beinen“.

Die drei aus Mali erzählen, dass ein „Bruder“, so nennen sie die Schlepper verschämt, versprochen hatte, sie über die Grenze zu bringen. Aber er hat nur kassiert und sie im Stich gelassen. Sie fragen, wie sie am besten unbemerkt zu Fuß nach Frankreich kommen. „Ihr seid schwarz, daran erkennt man, dass ihr Flüchtlinge seid“, sagt Aranguren auf seine Krücken gestützt, „also geht allein, höchstens zu zweit. Seid nicht ängstlich, benehmt euch einfach wie Touristen.“

Die Migranten mögen nicht wissen, wo sie sind, aber die französische Grenzpolizei weiß sehr genau, wo Spanien aufhört und Frankreich beginnt. Zwei Brücken führen über den Bidasoa. Eine dritte, uralte, ist gesperrt. Auf der anderen Seite vom Ponto Santiago wartet die Police aux Frontières, kurz PAF genannt.

Sie steht auch am Regionalbahnhof von Hendaye und kontrolliert die Schnellzüge nach Paris. Sie steht, verstärkt von Sondermannschaften, an den Mautstellen der Autobahn. Die Grenzpolizisten tun so, als nähmen sie ihre Aufgabe sehr ernst. In Wahrheit wissen sie, dass sie nur einzelne Löcher eines großen Siebs zuhalten.

„Diejenigen, die wir zurückschicken, sind in zwei, drei Stunden wieder da“, gibt Frédéric Ivanier im Gespräch mit einer baskischen Wochenzeitung zu. Der hochrangige Offizier der Grenzpolizei hat damit kein Geheimnis ausgeplaudert. Jeder im Baskenland weiß, dass sich die Flüchtlingsroute verschoben hat. Und jeder weiß auch, dass die französische Polizei an der Grenze ein absurdes Katz- und Maus-Spiel betreibt.

Auf dem Weg nach Norden

Die meisten Migranten, die jetzt kommen, sind junge Männer aus dem französischsprachigen Westen Afrikas, aus Mali, von der Elfenbeinküste und aus Guinea durch Irun. Sie sind auf dem Weg nach Norden. Wie viele es sind, weiß niemand genau zu sagen.

Etwa 50 schickt die französische Polizei Nacht für Nacht zurück über die Grenze, an den Wochenenden bis zu doppelt so viele. Die Spanier nennen dieses Vorgehen der Franzosen „devoluciones caliente“, sofortige Zurückweisungen.

Xabi hat damit täglich zu tun. Der spanische Polizist sitzt wenige Meter vom Rathaus von Irun entfernt in einem Konditoreicafé. Er heißt nicht wirklich Xabi, wir nennen ihn so, weil er nicht mit Namen zitiert werden möchte. Das Café wird von älteren Frauen besucht, die aussehen, als spielten sie alle in einem Film von Almódovar mit.

Der Polizist ist einer von zwei Dutzend in der Kleinstadt, angeblich wissen nicht einmal seine eigenen Kinder, dass er beim Staat arbeitet. Er redet nicht darüber, weil viele hier einen Diener des spanischen Staates noch immer für einen Verräter an der baskischen Sache halten.

Xabi, das Gesicht rund, die Haare kurz, gehört zu denen, die auf spanischer Seite ein Auge zudrücken, wenn Flüchtlinge aufkreuzen. „Ich gehorche den Befehlen meiner Vorgesetzten nicht mehr, dafür schlafe ich besser. Oder soll ich eine Frau ins Gefängnis schicken, die ein Kleinkind dabei hat? Einen Mann, der nichts verbrochen hat?“

Wenn er Migranten fragt, wohin die Reise geht, sagen viele: „Germany, Germany, Germany!“ Der Polizist schneidet mit seiner Hand durch die Luft, und seine Geste suggeriert, wie sich jemand ohne Umweg zum Ziel begibt.

„Wie soll ich mit zwei Kollegen 30, 40 Männer abholen und kontrollieren?“, fragt er. Es ist unmöglich. Er lässt die Leute laufen und ruft „Gute Reise“ auf Baskisch hinterher. „Unsere Vorgesetzten auf beiden Seiten der Grenze haben doch nur eins im Kopf: Sie wollen Statistiken liefern, Zahlen.“

Anfangs beriefen sich die Franzosen bei der sofortigen Zurückweisung auf die Terrorgefahr und auf ein Abkommen mit Spanien, das 2002 in Malaga geschlossen wurde. Längst machen sie sich nicht einmal mehr die Mühe, die Migranten der spanischen Polizei zu übergeben, wie das die Absprachen vorsehen. Sie karren die Flüchtlinge im Kleintransporter über die Grenze und lassen sie dort laufen.

Das ging so, bis Xabi kürzlich ein lokales Fernsehteam dazugerufen hat, das alles gefilmt hat. Seit dem Skandal um diese Fernsehbilder ist man vorsichtiger geworden. Die Migranten werden jetzt auf der Hälfte der Brücke abgesetzt. Den Rest müssen sie laufen. Zurück auf Los.

Die 430 Kilometer lange Grenze durch die Pyrenäen wird von Frankreich de facto als Außengrenze behandelt. Schengen ist nur noch ein Wort. Dennoch gelingt es nicht, die Einreise wirklich zu kontrollierten.

Die unorthodoxe Auslegung des Abkommens mit Italien hatte schon an der französisch-italienischen Grenze bei Ventimiglia zu vergleichbaren Szenen geführt. Auch im Baskenland kritisieren Menschenrechtsorganisationen das Vorgehen der Franzosen.

Frankreichs neuer Innenminister Christophe Castaner spricht von „Einzelfällen“. Kaum war er im Amt, führte ihn Mitte November seine erste Amtsreise in den Pyrenäenort Perthus, dann gleich weiter nach Madrid, wo er sich mit seinem spanischen Amtskollegen Fernando Grande-Marlaska traf. Man gab gemeinsame Absichtserklärungen, kündigte einen „Kooperationsbeauftragen“ an und tat ansonsten so, als wäre nichts. Einzelfälle eben.

„Wir wollen kein zweites Calais“

Die Migranten, die es beim zweiten oder dritten Versuch doch ins Land hinein schaffen, machen Halt in Bayonne, der ersten großen Stadt auf französischer Seite. Maité, eine Jurastudentin, hat im September die ersten Afrikaner beobachtet, die auf der Straße schliefen. „Als es kalt wurde, haben wir unsere Pullis verschenkt und ihnen Sandwichs gekauft“, erzählt die junge Frau.

Die Bürger von Bayonne haben sich zusammengeschlossen. „Diakité“ heißt der Verein, benannt nach einem der ersten Jugendlichen, dem sie halfen. Inzwischen stellt ihnen der Bürgermeister ein leer stehendes Sozialzentrum zur Verfügung.

Rund 150 Migranten und Flüchtlinge halten sich dort auf, nicht länger als drei Tage. In dieser Zeit bekommen sie Essen, sie können duschen und Bustickets ausdrucken für die Reise nach Paris, Brüssel oder an die deutsche Grenze.

Der Bürgermeister von Bayonne weiß, dass dies zweischneidig ist: Die Stadt hilft den Migranten, aber vor allem hilft sie dabei, dass ihre Reise zügig weitergeht. „Wir wollen, dass unser Aufnahmezentrum ein Transitort bleibt“, sagt David Tollis, zuständig für Soziales im Rathaus von Bayonne. „Es war eine bewusste Entscheidung, keine Betten aufzustellen, sondern nur Matratzen bereitzustellen. Wir wollen kein zweites Calais hier.“

Und damit der „Transit“ weiter funktioniert, hat der Bürgermeister gerade Anzeige gegen die deutsche Firma Flixbus erstattet: Die Fahrer wollten Pässe sehen und haben sich geweigert, Migranten mitzunehmen. Das ist illegal. Nur für den Grenzübertritt sind Ausweise nötig.

Mohamed Camara trägt eine graue Wollmütze auf dem Kopf, obwohl er im Warmen ist. Er steht im Bayonner Sozialzentrum am Quai de Lesseps und wartet darauf, sein Busticket ausdrucken zu dürfen. Frau und Tochter sind bereits in Brüssel. Gemeinsam sind sie vor genau sechs Tagen in Conakry, der Hauptstadt Guineas, aufgebrochen.

Mohamed Camara in Bayonne, auf dem Weg nach Brüssel

Mit dem Flugzeug ging es nach Tunis, dann weiter nach Casablanca. Dann über das Meer. Im Schlauchboot waren 60 Männer, 16 Frauen und zwei Kinder, erzählt Camara, ein Mann mit freundlichem Lächeln. 150 Euro hat die Überfahrt pro Person gekostet. Seine Schwägerin, die in Brüssel lebt und arbeitet, hat die Reise bezahlt.

Während der Flucht vergewaltigt

„In Spanien haben sie uns gefragt, ob wir bleiben oder weiter wollen. Sie haben mich nicht registriert. Wer weiter will, kann gehen.“ Das Dubliner Abkommen ist eines, an das sich niemand mehr hält. Camara ist sich sicher, dass er in Belgien Asyl bekommen wird. Seine Tochter ist nicht beschnitten. Deswegen ist er geflohen. Wer die Beschneidung verweigert, wird gesellschaftlich geächtet, erzählt der Mann, der glatt zehn Jahre älter wirkt als seine 27 Jahre und als Lehrer gearbeitet hat.

„Sie glauben, dass die Verweigerung der Beschneidung ein Sesam ist, der alle Türen öffnet“, sagt die Bayonner Anwältin Laurence Hardouin. Allerdings weiß sie, dass der Kampf ums Asyl „schon im Vorhinein so gut wie verloren ist“. Hardouin kümmert sich vor allem um die Frauen. „Die Not zieht Menschen an, die helfen wollen, aber auch solche, die sie ausnutzen“, sagt die Anwältin.

Geneveva sitzt im Frauenzimmer des Sozialzentrums auf einem Matratzenlager. Sie hat ihren Milchreis aus einer Pappschachtel gegessen. 2015 ist sie von der Elfenbeinküste aufgebrochen. Was sie drei Jahre gemacht habe? „Marokko“, sagt die junge Frau, sonst nichts. Sie senkt ihren Blick. Die wenigsten Frauen, so Hardouin, sprächen über die Vergewaltigungen, die sie auf ihrer Flucht erlitten haben.

Draußen auf dem Quai de Lesseps steht der Bus mit der Nummer 5564: Um 19.55 Uhr wird er, wie jeden Abend, über Bordeaux und Tours bis nach Paris fahren. „Stellt Euch in der Reihe an, dass hier ist kein Schlauchboot“, ruft der Fahrer auf Spanisch. Eine Helferin verabschiedet sich von zwei Jugendlichen und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. „Schickt eine Nachricht, wenn ihr angekommen seid!“, sagt sie. Aber Ankommen ist ein großes Wort in diesen Zeiten.