Trumps Ankündigung eines Rückzugs aus Syrien lässt Erdogan frohlocken, während für Israel ein Alptraum wahr werden könnte. Was bedeutet ein möglicher Abzug der Amerikaner? Erstarkt der IS wieder? Welche Pläne haben Putin, Erdogan und Assad?

Kurz vor Weihnachten kündigte US-Präsident Trump überraschend den Rückzug der 2000 US-Soldaten aus dem Kurdengebiet in Nordsyrien an. Das freute den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, mit dem Trump kurz zuvor telefoniert hatte. Und das entsetzte die syrisch-kurdische YPG, die im Norden des Landes seit Jahren gemeinsam mit den USA die Terrormiliz IS bekämpft und die Erdogan von dort vertreiben will.

Ankara kündigte auch sogleich eine Großoffensive gegen die YPG an. Doch auch Trumps Verbündete von Europa bis Israel waren durch den Rückzugsplan alarmiert. Denn ohne die Präsenz der USA steht nicht nur das Wohl der Kurden auf dem Spiel, sondern auch der Sieg gegen den IS. Und ein Erstarken des Iran wäre sicher.

All das dürfte mit ein Grund sein, dass Beamte der Trump-Administration die Ankündigung des Präsidenten nachträglich mit Bedingungen versahen, die praktisch einen Rückzug vom Rückzug bedeuten: Die USA könnten nur abmarschieren, wenn erstens die Sicherheit der YPG gewährleistet und zweitens der IS vollständig eliminiert sei, erklärte Trumps Sicherheitsberater John Bolton am Montag bei einem Besuch in Jerusalem. Bis beide Bedingungen erfüllt sind, könnte es mitunter noch Jahre dauern.

Nun ist es Erdogan, der erbost reagiert. Die Bedingungen seien „inakzeptabel“, erklärte der türkische Präsident am Dienstag in Ankara, während Bolton in der Stadt war und ausdrücklich keinen Termin beim Präsidenten bekommen hatte. Nun rätselt die Welt: Was will Trump wirklich? Was wird Erdogan tun? Und wie könnten die anderen Akteure in und um Syrien reagieren?

USA

Was Trump in Syrien wirklich will, weiß vielleicht nicht einmal er selbst. Denn letztlich will der US-Präsident das Land so weit wie möglich hinter sich lassen. Der einzige vernünftige Grund für die Präsenz in Syrien sei der Kampf gegen den IS, hatte Trump in seiner Rückzugsankündigung am 19. Dezember gesagt, und die Terrormiliz sei ja nun besiegt.

Das ist Wunschdenken. Denn in Wahrheit startet der IS auch dieser Tage an verschiedenen Orten in Syrien und dem Irak immer wieder Angriffe und erstarkt auch rund um seine alte Hauptstadt Rakka erneut. Trumps Hauptinteresse gilt nicht wirklich dem Kampf gegen die Miliz, sondern seinen Wählern. Und denen gelten Auslandseinsätze als teures Hobby reicher Internationalisten, das nur den kleinen Mann Geld kostet. Darum sagt Trumps Instinkt: nichts wie raus.

Erdogan schickte seinen Sprecher Ibrahim Kalin zum Treffen mit dem US-Sicherheitsberater John Bolton in Ankara

Doch seine Berater und womöglich auch seine Vernunft sagen ihm, dass er damit noch mehr Probleme schaffen könnte. Weil ein Comeback des IS bei den Wählern auch nicht gut ankommt und weil Israel fürchtet, dass sich ohne US-Präsenz der Iran endgültig im Nachbarland Syrien festsetzt. Eine solch existenzielle Gefahr für den jüdischen Staat kommt bei konservativen Wählern in den USA erst recht nicht gut an. Also laviert Trump und versucht eine Lösung zu finden, über die niemand völlig entsetzt ist.

Womöglich wird er versuchen, die Frage zu verschleppen, bis sie ihre Brisanz verloren hat, so wie die sich hinziehenden Atomverhandlungen mit Nordkorea, eine Lösung im Israel-Palästinenser-Konflikt oder diverse Handelskonflikte.

Türkei

Recep Tayyip Erdogan hat sich wieder einmal so weit vorgewagt, dass er erst einmal einen Rückweg suchen muss. Seine jüngste Ankündigung einer Offensive gegen die YPG war nur eine von vielen in den letzten Monaten.

In der Armee kriselt es. Am Silvestertag entfernte Erdogan per Dekret den Kommandanten der Operationen in Syrien, Ismail Metin Temel, von seinem Posten. Temel hatte angeblich vor einer Winteroffensive gegen die YPG gewarnt und auch davor, sich auf Zusicherungen der Amerikaner zu verlassen. Der Präsident reagierte dünnhäutig. Nun scheint es, als gebe die Entwicklung dem geschassten General recht. Dabei braucht Erdogan einen Erfolg gegen die Kurden. Der würde ihm helfen, von der prekären Wirtschaftslage seines Landes abzulenken und Spannungen mit den Kurden sind für Erdogan auch immer wieder ein willkommener Anlass für weitere Repressionen gegen die Opposition im Land.

Ein türkischer Panzer fährt Patrouille hinter einem US-amerikanischen in der nordsyrischen Stadt Manbij

Aber Erdogan hat auch materielle Interessen in Syrien: Je größer das Territorium, das er dort beherrscht, desto größer ist sein Gewicht bei Friedensverhandlungen – und damit sein Einfluss auf die Zukunft des Nachbarlandes und die Verteilung von Ressourcen dort. Außerdem: Würde Erdogan mehr syrisches Territorium an der Grenze zur Türkei kontrollieren, dann könnte er dorthin auch einige der fast drei Millionen syrischen Flüchtlinge im eigenen Land abschieben.

Russland

Von Moskau hängt alles ab. Denn die russischen Streitkräfte beherrschen den Luftraum über Syrien und garantieren das militärische Überleben des syrischen Regimes von Baschar al-Assad. All das bedeutet: Russland entscheidet, wer was tun darf in Syrien.

Lange machte Präsident Wladimir Putin von dieser Schlüsselrolle klugen Gebrauch, indem er fast alle Parteien mit kleinen Zugeständnissen an sich band – vom syrischen Diktator über die Israelis, Iraner, Saudis und Türken. Nur mit Zustimmung des Kreml durfte Erdogan im Januar 2018 das syrische Kurdengebiet Afrin erobern.

Doch diesmal scheint Putin weniger großzügig: Am Dienstag entsandte er russische Militärpolizisten vor Manbidsch, die kurdische Stadt, die die Türken als Erstes erobern müssten, wenn sie von Afrin aus in die Kurdengebiete weiter östlich einmarschieren wollten. Die offenkundige Botschaft an Erdogan: Egal, ob die Amis gehen – wir sind auch hier und wir werden die Kontrolle nicht abgeben. Dieses Stoppschild kann Erdogan nicht ignorieren.

Ein türkischer Angriff auf Manbidsch würde den Russen nur Probleme bereiten. Er würden den IS weiter erstarken lassen, weil kurdische Kräfte gebunden wären. Die Kurden haben schon bei Russlands Protegé Assad um Schutz nachgesucht. Und wenn Assad wirklich Truppen entsendet, fehlen die andernorts – nicht nur im Kampf gegen den IS, sondern auch rund um Idlib, die letzte Rebellenenklave im Nordwesten Syriens. Dort sind zuletzt die Al-Qaida-nahen Gruppen erstarkt. Sie will Russland nicht ermutigen.

Israel

Es dürfte alles andere als Zufall sein, dass US-Sicherheitsberater Bolton den impliziten Rückzug vom Rückzug ausgerechnet bei seinem Besuch in Jerusalem erklärte, kurz vor einem Abendessen mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Denn für Israel wäre der Abzug ein Albtraum. Nicht nur wegen der unmittelbaren Gefahr iranischer Aktionen gegen Israel von Syrien aus. Wenn die Amerikaner nicht mehr militärisch im Land präsent sind, sinkt auch ihr Einfluss auf die Neuordnung Syriens und damit das langfristige strategische Gegengewicht gegen den Iran.

Teheran will sich auf Dauer mit festen militärischen Einrichtungen im Land festsetzen – und damit direkt an der Grenze Israels. Russland hält nicht viel von dem Plan. Aber das syrische Assad-Regime macht den Iranern gerne Zugeständnisse, weil es nicht ganz von den Russen abhängig sein will. Wenn die USA sich politisch aus Syrien verabschieden, fällt eine gewichtige Stimme gegen Irans Einfluss weg.

Assad-Regime

Dass die Kurden Syriens Diktator Baschar al-Assad um Hilfe gegen Erdogan anflehen, muss dem Präsidenten geschmeichelt haben. Nachdem seine Streitkräfte Hunderttausende syrische Bürger umgebracht haben, kann sich der Präsident wieder einmal als Einiger der Nation darstellen und als Schutzherr der Minderheiten im Land. Das ist ein wichtiges Argument, wenn es demnächst bei Friedensverhandlungen darum geht, ob eine politische Lösung auf Dauer mit Assad möglich ist.

Natürlich will Assad keine kurdische Autonomie. Aber für Schutz müssen die Kurden auch einen Preis zahlen. Den kann Assad fordern.

An einem weiteren Erstarken der Türken in Syrien hat Assad hingegen weniger Interesse. Zwar sind ihm türkische Investoren beim Wiederaufbau herzlich willkommen. Aber Erdogan wird sich am Verhandlungstisch vor allem für die Sunniten in Syrien stark machen, die Mehrheit der Bevölkerung und ursprünglich eine wichtige Basis für die Rebellion gegen das Assad-Regime. Für das Syrien der Zukunft hätte der Alawit Assad aber gerne so wenig sunnitische Untertanen wie möglich. Dafür müssten möglichst viele geflohene Sunniten einfach dort bleiben, wo sie sind. Gerne auch in der Türkei.