ARD-Chef Ulrich Wilhelm spricht im Interview über die Notwendigkeit eines europäischen Youtube. Zudem erklärt er, warum die Deutschen angeblich 70 Rundfunksender brauchen.

Wilhelm (57) steht seit 2011 an der Spitze des Bayerischen Rundfunks und ist derzeit Vorsitzender der ARD. Der stets verbindlich auftretende Volljurist entstammt einer Politikerfamilie, sein Vater saß 33 Jahre lang für die CSU im Bayerischen Landtag. Wilhelm, ebenfalls CSU-Mitglied, besuchte die Deutsche Journalistenschule, heuerte dann aber bei der Staatsregierung an, wo er zuletzt Pressesprecher von Edmund Stoiber war. 2005 holte ihn Angela Merkel als ihren Chefkommunikator nach Berlin.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk

Kein Deutscher kann sich seinem Zugriff entziehen. Unabhängig davon, ob jemand ein Empfangsgerät besitzt – die Gebühr, 17,50 Euro monatlich, muss für jeden Haushalt entrichtet werden. Knapp acht Milliarden Euro kommen da jährlich zusammen. Fast 70 Rundfunk- und 20 Fernsehprogramme werden täglich produziert, dazu ein umfangreiches Internetangebot. Klarer Fall von Überversorgung.

Herr Wilhelm, schauen Sie sich jeden Tag die Einschaltquoten des ARD-Programms vom Vortag an?

Wilhelm: Ich nicht, aber meine Programmverantwortlichen tun das.

Warum? Sorgt die Quotenorientierung nicht dafür, dass letztlich das Geschmacksniveau der privaten Anbieter auf das ARD-Programm durchschlägt?

Wilhelm: Ich teile Ihr Argument bedingt. In meinem Verantwortungsbereich versuche ich zu vermitteln, dass die Quote nur eine Hilfsgröße ist. Sie soll dazu beitragen, dass wir nicht am Publikum vorbeisenden. Die Quote darf keinesfalls zum Selbstzweck werden.

Was sie aber in weiten Teilen des öffentlich-rechtlichen Programms ist.

Wilhelm: Nein. Wir machen anspruchsvolle Programme, jenseits aller Quotenzwänge, auch für Minderheiten. Die sollen gerade nicht nur den Massengeschmack bedienen. Sondern versuchen, das ganze Bild zu treffen und alle Themen und Anliegen unserer Gesellschaft abzubilden. Wir bieten vieles jenseits dessen, was die Privaten senden.

Warum ballern Sie dann Ihre Fernsehprogramme mit Krimis, Horror oder Thrillern voll?

Wilhelm: Zunächst: Im Vergleich zum ZDF sind im Ersten deutlich weniger Krimis zu sehen. Allein ein Blick in die Buchhandlungen zeigt aber: Die Deutschen lieben Krimis. Ich mache allerdings keinen Hehl daraus, dass ich mir persönlich durchaus mehr Vielfalt bei den Genres wünsche, zum Beispiel mehr Literaturverfilmungen, Wissenschaftssendungen, Thementage, Dokumentationen, Expertengespräche und dergleichen.

Ein gewichtiger Quotenlieferant sind Sportsendungen, die einen nicht geringen Umfang im Programm einnehmen. Sport, vor allem Fußball, kostet Geld. Haben Sie eine Obergrenze für die Sportausgaben?

Wilhelm: Der Sportrechte-Etat ist gedeckelt, er wurde in den vergangenen Jahren sogar abgesenkt. Wenn die Preise immer mehr davonlaufen, wenn Mondpreise verlangt werden – dann gehen wir schon längst nicht mehr mit. Daher haben wir etwa auf die Qualifikationsspiele für die Fußball-Europameisterschaft und die Weltmeisterschaft verzichtet. Das ZDF überträgt die Champions League nicht mehr, die ist jetzt komplett im Pay-TV.

Beschweren sich da die Zuschauer nicht? Mit dem Tenor: Wir zahlen jeden Monat 17,50 Euro Gebühren und können die Champions League nicht sehen?

Wilhelm: Die Beschwerden können wir direkt durchleiten an die Uefa. Die Champions League ist in ganz Europa nur noch im Pay-TV zu sehen. Der Fußball wird immer mehr kommerzialisiert.

Und koppelt sich auf diese Weise von einem Teil der Bevölkerung ab.

Wilhelm: Ich sehe die Entwicklung kritisch und glaube, dass sich die Vereine damit langfristig keinen Gefallen tun. Der Fußball ist über die Jahrzehnte zu einem Familienereignis geworden, zu einem verbindenden Element für die ganze Gesellschaft. Wenn die Kommerzialisierung weiter so voranschreitet, dann droht dieser wunderbare Sport wieder aus der Mitte der Gesellschaft zu verschwinden.

Ob es der Sport ist oder die Unterhaltung – die Öffentlich-Rechtlichen müssen wie alle Medienunternehmen den Herausforderungen der Digitalwirtschaft begegnen. Passen die öffentlich-rechtlichen Mediengiganten überhaupt noch in diese Zeit?

Wilhelm: Mit Sicherheit. Im Netz und in den Sozialen Medien läuft es ja wie folgt: Ein Algorithmus von Google oder Facebook wählt aus, welche Informationen den jeweiligen Nutzer erreichen. Je aufputschender und emotionaler eine Nachricht, je mehr sie das eigene Weltbild bestätigt, desto verlässlicher findet sie den Weg zum Nutzer. Und das verändert unsere Gesellschaften. Wenn Meinungsbildung sich stärker ins Netz verlagert, müssen auch wir dorthin.

Und worin liegt der genaue Vorteil des öffentlich-rechtlichen Angebots?

Wilhelm: Wenn eine Gesellschaft ein Gegengewicht mit überprüften, sorgfältig ausgewählten und zurechenbaren Inhalten haben will, dann werden die Qualitätsmedien weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Sowohl die privaten, wie Verlage oder Sender, aber eben auch die öffentlich-rechtlichen.

Vor welchen spezifischen Herausforderungen stehen Sie?

Wilhelm: Wir müssen unsere Mediatheken erweitern, müssen Plattformen aufbauen, müssen Apps anbieten, wie die Tagesschau-App. Kurzum, wir brauchen laufend neue technische Lösungen, um das Publikum auch dort zu erreichen, wo es unterwegs ist – mobil und im Netz.

Junge Leute gucken Netflix, Amazon, Maxdome, obwohl sie dafür extra zahlen müssen. ARD und ZDF sind für die von gestern.

Wilhelm: Diese Einschätzung teile ich nicht. Insgesamt finden die ARD-Angebote generationsübergreifend hohen Zuspruch – auch bei jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren. Laut GfK-Studie nutzen unter den Jungen fast 90 Prozent wöchentlich die Programme der ARD-Familie. Würden wir den Kampf aufgeben, dann gäbe es hierzulande fast nur noch US-amerikanische Inhalte und sehr viel weniger Filme mit deutschen Schauspielern, mit unserer Literatur, unseren Stoffen und unseren Künstlern.

Sie fordern die US-Konkurrenz heraus, nicht nur bei den Inhalten. Sie wollen auch eine eigene europäische digitale Infrastruktur, eine europäische Plattform.

Wilhelm: Wir müssen den US-amerikanischen Geschäftsmodellen in Europa etwas entgegensetzen. Wir hängen heute vorwiegend von US-Plattformen ab, wo sich unterschiedslos Fakten, gefälschte Inhalte und Propaganda auf einer Ebene bewegen und es für den Nutzer gar nicht mehr möglich ist, zu unterscheiden, was von wem kommt. Ich sehe die Gefahr, dass wir vor allem bei den politisch relevanten Nachrichten immer mehr in Teilöffentlichkeiten zerfallen, wo jeder in seiner Welt lebt und unsere Gesellschaften immer mehr polarisiert werden. Europa sollte daher eine eigene digitale Plattform aufbauen, mit einem guten Standard des Datenschutzes und einer viel größeren Bandbreite an Geschäftsmodellen.

Wie sähen die konkret aus?

Wilhelm: Es wäre eine Art europäisches Gegenstück zu Youtube – eine digitale Infrastruktur für Qualitätsinhalte von Medien, Verlagen, Museen, Bildungseinrichtungen, Universitäten mit Elementen Sozialer Netzwerke wie Facebook und einer Suchfunktion. Und nicht zuletzt mit der Verlässlichkeit, dass die Inhalte nicht manipuliert sind, dass die Daten der User nicht missbraucht werden. Seriös und verantwortungsvoll.

Wie realistisch ist dieses Vorhaben? Branchenkenner meinen, das Projekt käme dem „Turmbau zu Babel“ gleich.

Wilhelm: Ich bin überzeugt, dass das zu organisieren wäre. Wichtig ist, dass ein politischer Gestaltungswille dahintersteht. Die Politik müsste wirklich darauf setzen, dass Europa seine digitale Souveränität verteidigen soll gegen die amerikanischen Monopolanbieter. Der Aufbau einer europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie war meines Erachtens schwieriger.

Wer hätte die Federführung?

Wilhelm: Die Bundesregierung müsste die Initiative ergreifen. Gemeinsam mit Frankreich, das wäre ideal.

Von der digitalen Zukunft zurück in die Gegenwart des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Der ist einmal von Politikern geschaffen worden und wird von Politikern beaufsichtigt. Wie stark sind die Öffentlich-Rechtlichen noch immer von Parteipolitik durchdrungen?

Wilhelm: Ihrer Frage liegt ein weitverbreitetes Missverständnis zugrunde, wonach die Gremien sich angeblich in erster Linie aus Vertretern der jeweils dominierenden politischen Parteien zusammensetzen. Das ist so nicht richtig. Das Verfassungsgericht begrenzt vielmehr den Anteil der von den Parteien in die Aufsichtsgremien Entsandten auf maximal ein Drittel. Zwei Drittel kommen aus der Breite der Gesellschaft, von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften über Komponisten- und Schriftstellerorganisationen bis zu den Jugendverbänden. Versuche, von außen Einfluss zu nehmen – diese latente Gefahr besteht freilich immer. Doch dem stellen wir uns mit aller Kraft entgegen: im Sinne der verfassungsrechtlich verbrieften Rundfunkfreiheit und dem Grundprinzip redaktioneller Unabhängigkeit.

Sind Sie selbst nicht auch ein Beispiel für die Personalpolitik der Parteien im Öffentlich-Rechtlichen? Wurden Sie nicht auch dank Ihrer CSU-Mitgliedschaft hier Intendant?

Wilhelm: Nein, das spielte keine Rolle. Unser Rundfunkrat ist wie gesagt höchst plural besetzt, und ich wurde mit über 90-prozentiger Mehrheit gewählt. Entscheidend war meine solide Ausbildung als Journalist und Redakteur. Ich war in keiner Minute meines Lebens Politiker.

Die Rundfunkanstalten sind über die Jahrzehnte zu einem gewaltigen Medienkomplex gewachsen. 20 Fernsehsender, fast 70 Rundfunkprogramme, mehr als 22.000 Festangestellte. In seiner Dimension als öffentlich-rechtliche Einrichtung sind diese Sender einmalig auf der Welt. Geht es nicht ein bisschen kleiner?

Wilhelm: Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, über die Ausgestaltung unseres Auftrags zu bestimmen. Als zum Beispiel Arte, 3sat, Kika, Phoenix oder vor rund 25 Jahren die Info-Radios ins Leben gerufen wurden, war dies immer eine gesetzgeberische Entscheidung und Abwägung.

Ist das wirklich so? Die Impulse für die Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Angebots gingen doch von den Sendeanstalten aus. Die Politik hat das dann abgesegnet.

Wilhelm: Es geht bei dieser Frage immer um einen fairen Interessenausgleich in der Gesellschaft: Welche Gruppe bekommt ihr Anliegen mit einem öffentlich-rechtlichen Programm abgebildet und welche nicht, soll es etwa einen Sportkanal, einen Nachrichtenkanal oder einen Klassikkanal geben? Das hat jeweils der Gesetzgeber entschieden, und das entspricht dem demokratischen Prinzip. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Gesellschaft zunehmend ausdifferenziert. Wir haben viele neue Lebenswelten und Milieus. Würden wir beispielsweise nur ein Radioprogramm machen, würden wir den Geschmack vieler Leute nicht treffen und sie enttäuschen.

Aber müssen es dann gleich 70 sein?

Wilhelm: Das ist die Folge unserer regionalen Vielfalt, mit neun Landesrundfunkanstalten in der ARD. Deutschland ist ein föderales Land, und Rundfunk ist Länderkompetenz.

Okay. Nehmen wir mal die Dritten Fernsehprogramme. Die sind als Regionalprogramme gestartet. Heute betreiben die ARD-Anstalten sie alle als Vollprogramme, neun an der Zahl.

Wilhelm: Die Dritten, wie unser BR-Fernsehen, sind regionale Vollprogramme.

Die regionalen Teile könnte man bei einem einzigen Vollprogramm ja erhalten, indem man regionale Fenster schafft.

Wilhelm: Die Dritten Programme transportieren die Identität der Länder. In Bayern etwa ist kein Medium so stark in allen Landesteilen verwurzelt wie der Bayerische Rundfunk. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist zwar auch hier angesiedelt, sie ist aber ein Weltblatt, und die regionalen Zeitungen berichten aus ihrem jeweiligen Umfeld.

Als entscheidende Frage bleibt, ob sich die Öffentlich-Rechtlichen so breit machen müssen.

Wilhelm: Man kann immer alles ausdünnen, das hätte aber seinen Preis. Die föderale und gesellschaftliche Vielfalt in unserem Land würde dann verwässert. Die BBC ist gegenwärtig dabei, mit hohem Aufwand selbst innerhalb Englands zu regionalisieren. Weil die Befindlichkeit in Manchester oder Birmingham eben ganz anders ist als in London.

Der Rundfunk-Föderalismus kostet dummerweise viel Geld. Die Gebühreneinnahmen der Öffentlich-Rechtlichen nähern sich inzwischen dem an, was die Kirchen an Kirchensteuern einnehmen. Fast acht Milliarden jährlich für Rundfunk und Fernsehen, gut neun Milliarden für die Kirchen. Nur dass man aus der Kirche austreten kann, aus dem Rundfunksystem aber nicht.

Wilhelm: Das ist letztlich eine politische Frage, wie beim öffentlichen Schulsystem oder dem Nahverkehr …

… das ist Ihr Trick, am Ende verstecken Sie sich hinter den Politikern.

Wilhelm: Das ist kein Trick. Unser Grundgesetz regelt die Zuständigkeiten. Die Rundfunkkompetenz liegt bei den Ländern, und die müssen immer wieder im politischen Ringen entscheiden, was ihnen dieser öffentliche Rundfunk auch mit Blick auf die Gesellschaft wert ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses System ein Segen ist, weil es zur Stabilität in unserem Land beiträgt und den demokratischen Zusammenhalt stärkt. Ich kenne niemanden, der politische Informationen nur über Facebook erhalten möchte.

Herr Wilhelm, ich danke Ihnen für das Gespräch.