Das Landgericht Chemnitz steht vor einem schwierigen Prozess: Für den Tod von Daniel H. sind möglicherweise zwei Männer verantwortlich. Einer von beiden ist flüchtig. Und das ist nicht das Einzige, was den Fall kompliziert macht.

Wenn am 18. März aus Sicherheitsgründen in den Räumen des Oberlandesgerichts Dresden der Prozess gegen den 23 Jahre alten, aus Syrien stammenden Asylbewerber Alaa S. beginnt, wird die Kammer des Landgerichts Chemnitz mit der Vorsitzenden Richterin Simone Herberger mit einer Schwierigkeit zu kämpfen haben: Alaa S. ist nicht der Einzige, der am 26. August vorigen Jahres nachts während des Stadtfestes in Chemnitz auf den damals 35 Jahre alten Deutschen Daniel H. eingestochen haben soll. H. starb später infolge eines hämorrhagisch-traumatischen Schocks.

Der tödliche Vorfall in Chemnitz löste eine Reihe von Protesten in der Stadt aus, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Zudem führte die politische Bewertung der Proteste zu einer Krise in der Bundesregierung und zum Karriereende von Hans-Georg Maaßen.

Es gibt noch einen weiteren mutmaßlichen Täter, einen Iraker namens Farhad A., der ebenfalls auf das Opfer eingestochen haben soll. Doch dieser Tatverdächtige setzte sich vier Tage später zusammen mit seinem Bruder ab und floh vermutlich ins Ausland. Nach ihm wird international gefahndet. Gefasst hat man ihn bisher nicht.

Etliche Unklarheiten in der Anklageschrift

Die Beweislage, wie sie in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Chemnitz beschrieben wird, weist etliche Unklarheiten auf, die sich durch das Fehlen von Farhad A. womöglich nicht ohne Weiteres beseitigen lassen werden. Feststehen dürfte aber Folgendes: Farhad A. fiel in jener Nacht in mehreren Lokalen, etwa einer Shisha-Bar sowie einem Döner-Imbiss, bereits durch aggressive Äußerungen auf. So soll er ohne konkreten Anlass deutsche Gäste als „Nazis“ beschimpft haben, die er alle „ficken“ beziehungsweise töten wolle.

Gegen 2.50 Uhr verließen der möglicherweise unter Rauschgifteinfluss stehende A. mit einem Begleiter den Imbiss in der Chemnitzer Innenstadt. Beide sollen eine Bierflasche in der Hand gehabt haben und sodann zufällig auf das spätere Opfer Daniel H. gestoßen sein. H., der mit Verwandten das Stadtfest besucht hatte, traf auf dem Heimweg Bekannte, mit denen er sich eine Weile auf der Straße unterhielt.

Aus der Anklageschrift geht hervor, dass Farhad A. auf diese Gruppe zuging und gefragt haben soll, ob sie eine „Karte“ für ihn hätten. Dabei soll er sich mit einem Finger an die Nase gefasst und hörbar hochgezogen haben. Mit Daniel H. soll der Iraker sodann etwas zur Seite getreten sein. Ob die beiden Männer sich kannten, ist bislang noch ungeklärt.

Alaa S. kam erst später dazu

Daniel H. soll zu dem Iraker gesagt haben, er solle sich „verpissen“, worauf der dem späteren Opfer H. eine Ohrfeige versetzte. Es gab dann einen lauten Wortwechsel, und Daniel H. begann, den Iraker wegzustoßen, der dabei zu Boden ging.

Zu dieser Zeit befand sich Alaa S. in einem anderen nahen Döner-Imbiss. Durch das Geschrei aufmerksam geworden, eilte er mit zwei weiteren Personen aus dem Lokal und auf den späteren Tatort, sprach kurz mit dem noch am Boden liegenden Farhad A. und näherte sich in Angriffshaltung der Gruppe um Daniel H.

Farhad A., der inzwischen wieder auf den Beinen war, soll sich ihm angeschlossen haben. Daniel H. soll nun Alaa S. einen Faustschlag verpasst haben. Das ließ sich S. offenbar nicht gefallen, packte H. mit der linken Hand am Nacken, zog ihn zu sich heran und stach laut Anklageschrift mit einem Messer mehrfach auf den Oberkörper H.s ein. Zusätzlich soll er das Opfer mit dem Knie attackiert haben.

Zu dieser Zeit stand Farhad A. offenbar hinter dem Opfer und soll ebenfalls mit einem Messer auf H. eingestochen haben. Daniel H. ging daraufhin zu Boden. Einem weiteren Mann aus der Gruppe versetzte einer der beiden mutmaßlichen Täter einen Stich in den Rücken. Farhad A. soll im Zuge der Auseinandersetzung einem dritten Mann mit einer Bierflasche einen Schlag auf den Kopf versetzt haben.

Unmittelbar nach der Messerstecherei sollen Alaa S. und Farhad A. weggelaufen sein, begleitet von zwei weiteren Männern, denen die mutmaßlichen Täter zuriefen, sie hätten „ein Problem gemacht und müssten weggehen“. An der Haupttribüne des Stadtfestes soll einer der beiden ein Tatmesser hinter einen Absperrzaun geworfen haben. S. rannte mit einem der Begleiter weiter – direkt in die Arme einer Polizeistreife, die bereits über den Vorfall informiert worden war. Farhad A. hingegen blieb unauffindbar.

Hauptzeuge des Geschehens ist ein Koch aus einem der Döner-Lokale, der Alaa S. und Farhad A. auf Fotos als die Personen wiedererkannte, die auf das Opfer mit Stichbewegungen eingewirkt hätten. Ein Messer habe er zwar nicht gesehen. Doch die Flüchtenden hätten blutverschmierte Hände gehabt. Und er wisse, dass Farhad A. ein Messer mit sich führe. In der Anklage heißt es weiter, die von dem Koch beschriebenen Schlag/Stichbewegungen stimmten mit dem rechtsmedizinisch festgestellten Verletzungsmuster bei Daniel H. überein.

Polizei fand Klappmesser in der Nähe des Tatorts

Fraglich ist nun, ob der Koch in der polizeilichen Vernehmung tatsächlich von Stichbewegungen sprach oder nur von Faustschlägen. Doch die Dolmetscher, die mittlerweile als Zeugen vernommen wurden, bestätigen übereinstimmend, der Koch habe eindeutig von „Stichbewegungen“ und „stechen“ gesprochen. Verständigungsprobleme habe es nicht gegeben. Weitere Zeugen, die ebenfalls kein Messer gesehen haben, wollen aber beobachtet haben, wie Farhad A. oder Alaa S. einen Gegenstand weggeworfen hätten.

Mit Hilfe eines Fährtenhundes wurde an der besagten Stelle nahe der Tribüne ein etwa 20 Zentimeter langes Klappmesser gefunden, an dem sich Blut von Daniel H. sowie seinem Bekannten befand. Spuren von Alaa S. hingegen wurden nicht festgestellt. Eine (unvollständige) DNA-Spur könnte zu Farhad A. passen. Allerdings findet sich in der allgemeinen DNA-Datenbank nur das DNA-Profil von dessen Bruder. Vor diesem Hintergrund, heißt es in der Anklageschrift, könne diese Spur auch durchaus Farhad A. zugeordnet werden.

Bleiben die Zeugen bei ihren Aussagen?

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz beschuldigt Alaa S., „gemeinschaftlich handelnd“, des Totschlags mit gemeinschaftlichem versuchten Totschlag und gefährlicher Körperverletzung. S. hingegen bestreitet, überhaupt in unmittelbarer Nähe des Tatortes gewesen zu sein; er besitze auch kein Messer, das er außerhalb seiner Unterkunft bei sich trage. Es bleibt abzuwarten, ob die Belastungszeugen, vor allem der Koch, in der Hauptverhandlung bei ihren bisherigen Aussagen bleiben werden. Gerüchte besagen, der Koch habe sie bereits revidiert.

Bekannte von Alaa. S. übten Druck auf ihn aus, heißt es, seine Aussage bei der Polizei zurückzunehmen. Auch sei er schon mit einem Stuhl geschlagen worden. Falls der Geflüchtete Farhad A. in der Zwischenzeit doch noch aufgespürt werden sollte, könnte sich die Beweislage noch einmal verändern. Oder wenn das zweite Tatmesser durch Zufall doch noch gefunden werden sollte.

Die Beweislage gegen Alaa S. ist jedenfalls nicht so stabil, wie eine Staatsanwaltschaft sich es normalerweise wünscht. Ein dritter, zunächst ebenfalls Tatverdächtiger musste bereits wieder auf freien Fuß gesetzt werden, weil sich der Tatverdacht gegen ihn nicht bestätigte. Ein überraschendes Prozessergebnis wird in diesem Fall also nicht auszuschließen sein.