Das Unterhaus soll erst Ende Februar über den Ausstiegsvertrag abstimmen. Eine neue Studie warnt vor den Brexit-Folgen für die deutsche Wirtschaft.

Das britische Unterhaus wird diese Woche nicht wie geplant über den EU-Ausstiegsvertrag entscheiden. Der Minister für Kommunen, James Brokenshire, erklärte am Sonntag in der BBC, dass die Abgeordneten spätestens am 27. Februar darüber abstimmen sollten.

Die Verschiebung war erwartet worden. Die britische Premierministerin Theresa May hatte vergangenen Donnerstag mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker neue Brexit-Gespräche vereinbart, um eine Lösung für die umstrittene Rückfallversicherung zur irischen Grenze zu finden.

Das Unterhaus hatte den Ausstiegsvertrag im Januar mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Wenn die Abgeordneten den Vertrag nicht vor dem 29. März verabschieden, scheidet Großbritannien ohne Übergangsperiode aus der EU aus.

Der Brexit-Sprecher der Labour-Opposition, Keir Starmer, warf der Premierministerin vor, auf Zeit zu spielen, um das Parlament Ende März vor die Wahl zu stellen: ihr Deal oder kein Deal. Labour will erreichen, dass das Parlament schon vorher einen ungeordneten Brexit ausschließt.

Ein ungeordneter Brexit hätte auch für Deutschland erhebliche Folgen. Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die zuerst die „Welt am Sonntag“ berichtet hat, drohen hierzulande allein aufgrund der Einführung von Zöllen 100.000 Arbeitsplätze verloren zu gehen. Die Forscher gehen davon aus, dass die Exporte nach Großbritannien in diesem Fall um 25 Prozent einbrechen würden.

Vor allem die Autoindustrie wäre betroffen. Die Studie hat erstmals die Folgen für einzelne Landkreise geschätzt. Am VW-Standort Wolfsburg und am BMW-Standort Dingolfing-Landau wären demnach je 0,4 Prozent der Arbeitsplätze in Gefahr, in absoluten Zahlen wären dies 500 und 265. Es folgt Böblingen mit 0,3 Prozent oder 726 Beschäftigten. Hier sitzen die Konzerne Daimler, Siemens und IBM.

Ein Gesamtbild der Brexit-Folgen liefert die Studie jedoch nicht. Denn zugleich entstehen auch neue Arbeitsplätze in anderen Branchen. So siedeln sich allein in Frankfurt 30 neue Banken und Brokerhäuser an, und viele Institute bauen ihre Büros aus.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, warnte in Dubai, der Brexit werde den Handel mit Großbritannien auf den Kopf stellen. Selbst bei einem geordneten Austritt werde die wirtschaftliche Beziehung zwischen der EU und Großbritannien „nie wieder so gut sein wie jetzt“.

Die britische Finanzstaatssekretärin Liz Truss gab sich zuversichtlich, dass May in den kommenden Wochen noch Zugeständnisse der EU erreichen kann. Eine Einigung in der Irland-Frage sei möglich, sagte sie dem Sender Sky News. „Ich glaube, dass Theresa May diesen Deal bekommen kann.“

Zugleich wies Truss die Idee einer Zollunion Großbritanniens mit der EU zurück. Der Vorschlag wird von der oppositionellen Labour-Partei unterstützt, auch die EU zeigt daran Interesse. Aber May ist entschieden dagegen.