Gretas Mutter hat ein Buch geschrieben: „Szenen aus dem Herzen“. Wer genau liest, erkennt darin vor allem die Geschichte von der Unterwerfung zweier Erwachsener durch einen Teenager.

Plötzlich war sie da, in London, in Rom, in Davos, in Berlin, bei der Goldenen Kamera und beim Weltwirtschaftsforum: eine 16-Jährige namens Greta Thunberg, die mit ihren großen Augen und ihren Zöpfen sehr viel jünger aussah, vor dem Weltuntergang warnte und Zehntausende Schüler zum freitäglichen Schuleschwänzen anstiftete. Ihr Erscheinen war wie die Ankunft einer Prophetin. Sofort setzten aufgeregte Debatten ein, über die ihrerseits aufgeregt metadebattiert wurde: Was hatte Christian Lindner sich dabei gedacht, als er durchgab, der Klimawandel sei eine Sache für „Profis“, was den Berliner Erzbischof Heiner Koch geritten, als er Greta mit Jesus verglich, wieso fühlten sich so viele von diesem Mädchen belästigt, warum rannten ihm so viele hinterher?

Nun kann man die Vorgeschichte dieser Geschichte studieren, in einem Buch namens „Szenen aus dem Herzen“, verfasst von Gretas Mutter, der ehemaligen Opernsängerin Malena Ernman. Lange führte sie jenes bedenkenlose Leben einer privilegierten Künstlerin im Zeitalter der Globalisierung. Sie flog für ihre Auftritte durch die Welt, fand in Svante einen Mann, der ihren Ruhm und ihre Lebensweise verkraftete und sie in allem unterstützte, dann kamen im Abstand von drei Jahren Greta und Beata, das Leben ging dennoch weiter, Svante wurde Hausmann, zusammen reisten sie dorthin, wo Malena engagiert war, zwei Monate hier, drei Monate da, ein Familienvolvo mit reichlich Platz für Kuscheltiere und Dreiräder.

Doch dann stürzen die beiden Töchter sie in unermessliche Dunkelheit. Als Greta in die fünfte Klasse kommt, geht es ihr nicht mehr gut. „Unsere Tochter verschwindet in eine Art Dunkelheit und hört quasi auf zu funktionieren. Sie hört auf Klavier zu spielen. Sie hört auf zu lachen. Sie hört auf zu reden.“ Und sie hört auf zu essen. Für eine Drittelbanane zum Frühstück braucht sie 53 Minuten, für fünf Gnocchi zum Mittagessen zwei Stunden und zehn Minuten, falls ihr Vater danebensitzt und sie bewacht. Nach zwei Monaten hat sie fast zehn Kilo abgenommen, „sie ist zu schwach, um Treppen zu steigen, und in den Depressionstests, die man mit ihr macht, erreicht sie astronomische Punktzahlen“.

Die Ärzte sind ratlos, nur in einem nicht: Wenn sie so weitermacht, wird sie sterben. Eines Tages teilen sie der Familie mit: Falls sich übers Wochenende nichts ändert, bleibt ihnen keine andere Wahl, als sie einzuweisen und zwangszuernähren. Noch im Treppenhaus auf dem Weg zum Ausgang teilt Greta mit, sie werde wieder zu essen beginnen – und tut es dann auch. Nach zwei Monaten besteht keine Lebensgefahr mehr, zu der überschaubaren Liste der Gerichte, die sie verträgt, sind Lachs und Kartoffelkroketten gekommen.

Die Mutter erzählt die Geschichte bloß, kommentiert sie nicht. Wie alle Eltern überzeugt davon, ihr Kind sei eine reine Seele, kommt sie keine Sekunde auf die Idee, es könne sich um die Eröffnung eines Machtspiels handeln. Nichts sichert einem mehr Zuwendung und Bedeutung als der radikale Entschluss, sich selbst aufs Spiel zu setzen – Liebe duldet vieles, sofort kringeln sich alle um einen. Doch sobald Greta nicht mehr damit rechnen kann, sondern ihr eine Intervention angedroht wird, beschließt sie, wieder in die Spur zu gehen, um mit einem anderen Spielzug nachzulegen.

Ihre Stunde kommt, als sie während einer Schulstunde einen Film über die Verschmutzung der Weltmeere sieht, eine Insel aus Plastikmüll im südlichen Pazifik, Greta bricht in Tränen aus. Am Ende der Stunde erzählt die Lehrerin, dass am Montag eine Vertretungskraft für sie einspringe, sie fliege nach Amerika, weil sie auf eine Hochzeit eingeladen sei. All die Schüler, eben noch betroffen von der Zerstörung des Planeten, „schwärmen davon, wie viele coole Läden es in New York gäbe, und in Barcelona könne man ganz toll shoppen, und in Thailand sei alles superbillig, und irgendwer fliegt mit seiner Mutter in den Osterferien nach Vietnam“.

Greta, der man mittlerweile ein „Asperger-Syndrom mit perfektionistischem Anspruch“ diagnostiziert hat, ist schockiert. Sehen sie nicht, wie ihr Lebensstil die Erde kaputtmacht? Dass Menschen häufig anders handeln als reden, akzeptiert man normalerweise irgendwann – und kann es durchaus schätzen, weil Moral nur durch die Existenz von Doppelmoral erträglich wird. Sie aber, nach den Worten ihrer Mutter eine jener wenigen Auserwählten, „die unsere Kohlendioxide mit bloßem Auge erkennen können“, hat jetzt eine Mission. Sie wird gegen die Zerstörung der Erde kämpfen, darauf bestehen, dass die CO2-Emissionen auf null heruntergefahren werden und die Alten nicht länger den Jungen den Lebensraum ruinieren

Sie ist dabei wie viele Propheten – genussfern, pingelig, keine Ausnahmen duldend. Ihre jüngere Schwester Beata hat mittlerweile ihre eigene Symptomatik entwickelt: Wutanfälle, Beschimpfungen („Du bist die schlechteste Mutter auf der ganzen Welt, du verdammte Bitch!“), eine Geräuschüberempfindlichkeit, die dazu führt, dass die Mutter im Keller proben muss, damit Beata nicht austickt. Als der Vater mit ihr für ein paar Tage nach Italien fliegt, vielleicht kommt sie ja dort ein wenig zur Ruhe, werden die beiden bei ihrer Heimkehr von Greta mit dem Satz begrüßt: „Ihr habt gerade einen CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht. Das entspricht der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.“

Die Erwachsenen sind Geiseln

Sie meint das ganz ernst, zu etwas anderem als Ernst ist sie außerstande. Und natürlich ist der Vater nach den Jahren der Aufopferung nicht mehr in der Lage, ihr zu sagen, sie solle verdammt noch mal nicht immer so anstrengend sein. Stattdessen sagt er: „Ich verstehe, was du meinst. Von jetzt an werde ich versuchen, auf dem Boden zu bleiben.“

Das ist die wahre Geschichte, die in „Szenen aus dem Herzen“ erzählt wird – die Geschichte einer Unterwerfung. Zwei Erwachsenen, überfordert von der Wucht ihrer Kinder, fällt nichts anderes ein, als ihnen ständig hinterherzukötern, mit der Jüngeren im Elektroauto von Stockholm für ein Popkonzert nach London zu fahren, die Ältere mit Gnocchi vor dem Hungertod zu retten, das Internet auf der Suche nach Erklärungen leerzulesen, ihr eigenes Leben zu opfern.

Sie sind Geiseln einer Situation, die mächtiger ist als sie, und wie oft in solchen Konstellationen setzt irgendwann das Stockholm-Syndrom ein – die Identifikation mit jenen, die einen gefangen halten. Die Mutter sagt tatsächlich, Gretas Asperger und Beatas ADHS seien eine „Superkraft“, ein „Über-den-Tellerrand-Hinausblicken, von dem so viele Künstler sprechen. Künstler wie ich, zum Beispiel“, und malt sich eine Art Massenbewegung „ausgebrannter Menschen auf einem ausgebrannten Planeten“ aus, getrieben von den „unterschiedlichen Symptomen für genau dieselbe Krankheit, eine planetare Krise, die entstanden ist, weil wir uns voneinander entfernt haben. Weil wir uns von der Natur entfernt haben“.

Besser als Jesus

Es ist zwar eine recht monothematische Botschaft, für die diese Heilige Familie einsteht, aber dennoch besser als bei Jesus, weil der Prophet ein Mädchen ist und bloß halb so alt, „ein kleines Mädchen mit einem Instagram-Profil und einem Eisbärenbild“, das „unsere kollektive Sicherheit genauso effektiv verteidigen kann wie alle Armeen dieser Welt“. Man muss ihr nur folgen, sagt Gretas Mutter am Ende ihres Buches, „denn jetzt sind wir gefragt. Wir gegen die Dunkelheit. Von Mensch zu Mensch, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land.“

Könnte sein, dass man eine Rettung, die in solchen Zungen redet, noch weniger erleben will als den Untergang. Aber natürlich bedeutet das nicht, dass man auf die Erde nicht achtgeben sollte. Glücklicherweise kann man es auch ohne die Thunbergs tun.