US-Präsident Donald Trump hat die Kurden im Stich gelassen. Jetzt fürchten sie, dass ein Angriff aus der Türkei kurz bevorsteht. Sie trainieren in Camps für den Ernstfall – und hoffen auf die Hilfe linksradikaler Utopisten aus Europa.

So sieht also die Hoffnung der Kurden in Nordsyrien aus. In einem Hof, der von einer Mauer umgeben ist, spielen ein Franzose und drei Dänen mit kleinen Hunden. „Eine der wenigen Abwechslungen“, sagt ein junger Mann, er kommt aus Paris. In Frankreich war er in anarchistischen Zirkeln aktiv. Auch die jungen Leute aus Dänemark sind Anarchisten. Ihre Mitstreiter aus der Türkei sind wiederum Marxisten.

Ihre Namen geben sie nicht preis. Fotografieren lassen sie sich nur vermummt, sie befürchten rechtliche Konsequenzen in ihren Heimatländern. Die Internationale Brigade ist ein Sammelbecken von Linksidealisten, die alle auf ihre Weise von einem sozialistischen Paradies träumen. Und das liegt für sie im Norden Syriens.

Doch dieses Paradies ist bedroht. Wer das Ausmaß verstehen will, der steigt am besten in das Auto von Cin Abdullah. „Sehen Sie, dort liegt eine türkische Militärbasis“, ruft er und zeigt durch das Wagenfenster auf einen Hügel in der Ferne. Außer zwei Wassertürmen, einigen Bäumen und wenigen Häusern ist jedoch nichts zu erkennen.

Was dagegen sofort ins Auge fällt, ist die türkische Grenzmauer. Ihre vier Meter hohen Betonblöcke heben sich vom Grün der Felder ab und ziehen sich wie ein schier endloser, hellgrauer Faden durch die Landschaft. „Hier im offenen Gelände kann die Türkei jederzeit ihre Invasion nach Nordsyrien starten“, sagt Cin Abdullah. „Aber sie soll nur kommen, wir sind vorbereitet.“ Er grinst dabei und streicht sich über seinen leicht grau melierten, ansonsten schwarzen Vollbart. „Die Türken werden sich wundern.“

Der Mann Ende 30 weiß, wovon er spricht. Er stammt ursprünglich aus dem Iran und schloss sich vor sechs Jahren der kurdischen YPG-Miliz in Nordsyrien an. Heute hat er eine besondere Aufgabe. Er organisiert die zivilen Selbstverteidigungseinheiten der Dorfbevölkerung entlang der türkischen Grenze. „In jedem Haus auf dem Land gibt es doch schon immer eine Waffe“, sagt Cin Abdullah, als seien diese Einheiten die Fortsetzung einer dörflichen Tradition. Tatsächlich geht es um mehr als Bauern, die Haus und Hof schützen. Es geht für die Menschen um die Frage, wer sie vor den Soldaten aus dem mächtigen Nachbarland beschützt.

Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan droht seit Monaten mit einer Invasion. Erdogan will einen kurdischen Staat an seiner Südostgrenze um jeden Preis verhindern – und mittelfristig die Region mit Erdogan-treuen Siedlern kolonisieren, fürchten die Kurden. Für sie geht es um ihre Existenz.

Bewohner wollen sich selbst verteidigen

Zumal sie jetzt ohne ihren mächtigsten Verbündeten dastehen, die USA: Schließlich hat Donald Trump im November den Abzug seiner Truppen aus Syrien angekündigt – zum Missfallen der meisten Beobachter. In Kürze werden nur noch 400 amerikanische Militärs in Nordsyrien präsent sein. Die werden nicht ausreichen, um Ankara von einer Invasion abzuhalten. Darauf, dass Russland, die ansonsten mächtigste Kraft im Nahen Osten, Erdogan Einhalt gebietet, wollen sie nicht vertrauen.

„Die Türkei ist völlig unberechenbar“, sagt Cin Abdullah, der eine traditionelle kurdische Pluderhose trägt. Er ist umringt von bewaffneten Frauen und Männern der Selbstverteidigungseinheit eines Dorfes, dessen Name aus Angst vor türkischen Vergeltungsschlägen nicht genannt werden soll. Es liegt irgendwo auf dem Land in der Nähe der Stadt Derek. Die Grenzmauer zur Türkei ist in Sichtweite.

40 Familien wohnen in diesem Dorf in bescheidenen Verhältnissen in lehmverputzten Häusern und leben vom Ertrag der Felder, von Hühnern, Schafen und Kühen. Rund 100 Bewohner sind in der Selbstverteidigungseinheit aktiv.

Dorfbewohnerinnen haben sich in der Selbstverteidigungseinheit „Schutz der Frauen“ zusammengeschlossen

„Wir besitzen Waffen, haben Tunnel und Bunker gebaut“, sagt Mohammed Schaffer, ein Lehrer an der Grundschule des Orts und Vater von vier Kindern. „Fast alle Dörfer der Umgebung sind wie wir organisiert.“ Für den 40-Jährigen und alle anderen sei das Engagement eine Pflicht, wie er versichert. „Einige Bauern können ihr Land in Grenznähe nicht bestellen“, erzählt er, „weil die Türken immer wieder auf sie schießen.“

Nach und nach treffen die Mitglieder der Verteidigungseinheit auf dem Dorfplatz ein – Männer und Frauen zwischen 18 und 80 Jahren. An ihren sonnengegerbten Gesichtern und kräftigen Händen erkennt man die harte Arbeit auf den Feldern und im Stall. Die Stimmung ist ausgelassen. Besonders die Frauen scherzen untereinander und lachen viel. Die Einheit scheint eine willkommene Abwechslung zum Alltagsleben zu sein.

„Wir machen jede Woche Schusstraining und wissen uns zu verteidigen“, sagt Adiba, die selbstbewusste Kommandantin der Dorffrauen. Die 40-Jährige hat Kajal umrandete Augen und trägt zur allgemeinen Belustigung noch ihre plüschigen Hauspantoffeln. Adiba gibt dann Anweisung, auf einem Hausdach Position zu beziehen.

Als es die Treppe hinaufgeht, kriecht eine alte Frau, weil es kein Geländer gibt, auf allen vieren die Stufen hoch. An ihrer Kampfbereitschaft möchte sie allerdings keinen Zweifel lassen. „Ich will dabei sein“, sagt sie auf dem Dach hinter einem Mauervorsprung mit dem Gewehr in der Hand. „Ich bin alt, kann aber noch schießen und werde unser Dorf verteidigen.“

Der Kommandant der Männer ist auch schon über 50 Jahre alt. „Ich war früher in der syrischen Armee und kenne das Kriegshandwerk“, erzählt Omar Abinad, um seine militärischen Fähigkeiten zu unterstreichen. „Sollte die Offensive losgehen“, sagt er, „haben wir eine Gruppe, die zum Gegenangriff ansetzt, und eine zweite, die defensive Positionen einnimmt.“ Abinad fügt hinzu, dass er keine Angst vor den Türken hat, auch nicht vor dem Tod. „Wir kämpfen für unser Land, unseren Grund und Boden“, sagt der Dorfkommandant und nimmt dabei seine Kalaschnikow fester in die Hand.

Der Enthusiasmus der Bewohner ist groß. Aber können sie eine Offensive der türkischen Armee aufhalten? Sicher nicht. Das dürfte auch nicht geplant sein. Die zivilen Selbstverteidigungseinheiten können den gegnerischen Angriff höchstens verzögern. Damit schaffen sie ein Zeitfenster, in dem reguläre Truppen Nordsyriens anrücken. Sie stehen in Grenznähe in Bereitschaft und sind in der Regel Soldaten der Kurdenmiliz YPG.

„Es unsere Pflicht, in den Krieg zu ziehen“

Zu ihr gehören auch die Internationalen Brigaden, in denen Freiwillige aus dem Ausland kämpfen. Ein Stützpunkt der Gruppe ist ein abgelegenes Wohnhaus in der Nähe der syrischen Grenzstadt Ras al-Ain. Bisher sind hier nur Männer unterbracht, für Frauen aus Europa ist noch kein Platz. Die Brigade ist aber auf der Suche nach einem neuen Haus, in dem auch weibliche Kämpfer ihr Quartier aufschlagen können.

Sie sind alle hier, um für die Freiheit zu kämpfen. Und aus Bewunderung für das politische Projekt der Kurden – das noch Unterstützung gebrauchen kann. „Wir wissen, dass es keine rein sozialistische Gesellschaft ist“, erklärt ein Franzose. „Aber immerhin das einzige Beispiel für eine Demokratie im Nahen Osten.“ Und für die lohne es sich zu kämpfen. Außerdem sei der IS eine faschistische Organisation. „Und ist es unsere Pflicht, in den Krieg zu ziehen. Da müssen wir eingreifen.“

„Den Kult um Öcalan mögen wir nicht so“, sagt ein anderer und meint damit den zu lebenslänglicher Haft verurteilten Mitgründer der PKK. „Aber er ist nun einmal der Führer der Kurden.“ Das müsse man respektieren, 40 Jahre im Widerstand seien schließlich eine bewundernswerte Sache.

Eine bewaffnete Dorfbewohnerin

In die Heimat hat er nur noch wenig Kontakt. Seine Eltern hätten die Gründe für seine Reise in den Krieg nicht nachvollziehen können. Einem Dänen ging es anfangs ähnlich. Auch seine Familie habe nicht verstehen können, warum er im Nahen Osten nun für eine Miliz Waffen trage. Doch mit der Zeit habe sich die Einstellung seines Vaters geändert. „Er hat verstanden, dass ich etwas Gutes für die Demokratie in dieser Welt tue.“ Den Einsatz seines Sohnes heißt er nun gut.

„Wir erwarten hier einen Vorstoß der Türkei“, erklärt Haval Omud. Der kurdische Kommandant ist für die jungen Männer aus Europa verantwortlich. Sie erholen sich gerade vom anstrengenden Tunnelbau. „Ja, Graben ist derzeit eine unserer Hauptbeschäftigungen“, sagt Omud und schmunzelt. „Wir haben unsere Lektionen aus Afrin gelernt.“

Afrin ist die Kurdenregion im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkei hat sie letztes Jahr binnen nur drei Monaten erobert. „Der Hauptgrund dafür war die Lufthoheit der Türken, die Bomben der Kampfjets und die Hubschrauberangriffe“, sagt Omud. „Einen wichtigen Anteil hatten auch Drohnen. Sie observierten ständig aus der Luft, gaben Informationen an die türkischen Bodentruppen weiter und schossen ihnen sogar den Weg frei.“

Dieses Szenario soll sich in Nordsyrien, östlich des Euphrats nicht wiederholen. „Wir müssen vieles unterirdisch anlegen und auch andere Tarnungen einsetzen“, sagt Omud bewusst vage. Er will keine Details verraten. Aber die europäischen Freiwilligen machen einen guten Job.