Die Flucht der saudischen Studentin Rahaf Mohammed vor der Frauenunterdrückung an ihrer Universität erregt weltweit Aufsehen. Aber bewegt es ihre Universität zum Umdenken?

Die achtzehn Jahre alte saudische Studentin Rahaf Mohammed al Kunun ist in den vergangenen zwei Wochen zu einer Ikone des Kampfes muslimischer Frauen um Selbstbestimmung geworden. Ihre spektakuläre Flucht aus Saudi-Arabien wird besonders von Islamkritikern im Westen als Sieg über die Frauenunterdrückung im Islam gefeiert. Weltweites Aufsehen erregte Rahaf Mohammed, die einen Familienurlaub in Kuweit nutzte, um sich nach Thailand abzusetzen, dadurch, dass sie ihre Flucht auf Twitter dokumentierte.

Über den Nachrichtendienst, auf dem ihr binnen kürzester Zeit mehr als hunderttausend Nutzer folgten, konnte sie Hilfe mobilisieren und so nicht nur der Abschiebung in ihr Heimatland durch die thailändische Einwanderungsbehörde entgehen. Mit Unterstützung kanadischer Sympathisanten gelang es der jungen Saudi-Araberin auch, von der kanadischen Regierung den Flüchtlingsstatus zugesprochen zu bekommen. In Kanada wurde sie am Flughafen von Außenministerin Chrystia Freeland empfangen, die im vergangenen August mit einem Tweet über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien eine diplomatische Krise mit Riad ausgelöst hatte. Rahaf Mohammed erhob schwere Vorwürfe gegen ihre Familie: Sie sei misshandelt und wie eine Sklavin gehalten worden. In einer schriftlichen Erklärung stellte sie ihre Erfahrung als repräsentativ für alle jungen saudischen Frauen dar – ausgenommen diejenigen, die „das Glück hätten, verständnisvolle Eltern zu haben“.

Im Westen sind Zweifel an dieser Verallgemeinerung ebenso wenig aufgekommen wie die Frage, ob Rahaf Mohammeds Aufbegehren nicht auch dem Umstand geschuldet sein könnte, dass sie an der Universität Hail in der gleichnamigen nordsaudischen Stadt studierte. Gerade diese verbindet man in Saudi-Arabien mit neuen Freiheiten, die sich die Studentinnen in den letzten Jahren in dem vom Wahhabismus geprägten Land erkämpft haben. Die Initialzündung für den Wandel gab ein tragischer Verkehrsunfall in Hail 2011, bei dem dreizehn Studentinnen, die in einem Minibus auf dem Weg zum Campus waren, ums Leben kamen.

Sogar lautes Lachen ist verboten

Der damalige Minister für höhere Bildung Khaled al Anqari ordnete daraufhin an, Wohnheime für Studentinnen einzurichten, damit diese nicht täglich pendeln müssten. Die Universität Hail gehörte zu den ersten, die ein solches Wohnquartier bekamen. Doch kam es dort anscheinend schon bald nach dem Einzug der ersten Studentinnen zum Aufruhr. Öffentlich wurde der Protest der Bewohnerinnen erst im April 2016 auf Twitter. Die jungen Frauen richteten einen eigenen Twitter-Account ein, auf dem sie sich über die in dem Wohnheim durch universitätseigene Betreuerinnen ausgeübte strenge Kontrolle beschwerten: rigide Vorschriften zu Nachthemden und Pyjamas, das Verbot, sich im Zimmer von Kommilitoninnen aufzuhalten oder diese im Krankheitsfall zu besuchen, ja sogar auch nur im Flur vor der Zimmertür zu stehen. „Lautes Lachen ist verboten“, twitterte eine Betroffene wütend, „ebenso wie Schreien, selbst wenn man von einem Insekt attackiert wird, von denen es hier Millionen gibt“.

Die Klagen nahmen noch zu, als erzkonservative Saudis meinten, ebenfalls via Twitter, noch strengere Vorschriften für die rebellischen Studentinnen fordern zu müssen. Einer schlug gar vor, ihnen das Lesen von Unterhaltungsliteratur zu verbieten, da es sie nur auf dumme Ideen bringe und vom Studium ablenke. Nun meldeten sich auch Frauen aus anderen saudischen Städten zu Wort und bekundeten ihre Solidarität mit den unterdrückten Geschlechtsgenossinnen in der „politischen Haftanstalt Hail“. Ein Hashtag „Gefängnis Studentinnen-Wohnheim Hail“ wurde gestartet. Als auch immer mehr Sympathiebekundungen von im Westen studierenden Araberinnen und Arabern laut wurden, sah die Universitätsleitung Handlungsbedarf, zumal inzwischen auch in den einheimischen Medien über die Aufbegehrenden in Hail berichtet wurde. Man versprach, ihren Beschwerden nachzugehen. Wenige Tage später war die Protestaktion zu Ende, der betreffende Twitter-Account verstummt.

Zeichen der Liberalisierung

Die Studentinnen aus Hail hatten sich auch darüber empört, dass sie ihre Mobiltelefone im Wohnheim nicht frei verwenden dürften. Über diese Einschränkung entzündete sich bald landesweit eine Debatte, die den damals amtierenden saudischen Bildungsminister Ahmad al Eisa im Oktober 2017 veranlasste, auch Frauen die Nutzung von Smartphones auf dem Campus zu gestatten. Und nur einige Monate später wurde die Regelung abgeschafft, dass Studentinnen ihre Eltern um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie das Universitätsgelände verlassen wollen.

Kurz zuvor konnten die Studentinnen in Hail bereits einen anderen Erfolg verbuchen: Auf ihre Initiative wurden mehrere Straßen in der Nähe ihres Campus nach berühmten Frauen wie der Architektin Zaha Hadid und der saudischen Medizinerin Hayat Sindi benannt – ein Novum im Land, auf das Ende vergangenen Novembers ein weiteres aus Hail folgte: Die erste gemeinsame Diskussionsveranstaltung von Universitätsdozentinnen und -dozenten in einem Saal, getrennt nur durch einen teilweise geöffneten provisorischen Raumteiler.