Der Streit um die Homöopathie ist heftig wie nie. Die Kritik an den Globuli beherrscht die Debatte, Homöopathen raunen von einer Verschwörung. Nur die Patienten bleiben unbeeindruckt – und kaufen wieder mehr Kügelchen. Woran liegt’s?

Christian Becker erzählt gern davon, wie er schon morgens um fünf von seinem Schreibtisch aus für die Homöopathie kämpft, und am 6. Oktober muss er sich etwa um diese Zeit gedacht haben: Heute darf es auch mal ein Hitler sein, wenigstens ein kleiner. Neben das Foto eines mit Bart und Scheitel bemalten Fingers setzte Becker das Wort „Anti-Homöopathie“, hob das A und das H hervor und tippte in das Twitter-Feld: „An wen erinnert mich Anti-#Homöopathie-Skeptiker-Bewegung in ihren Methoden?“

Wenn jemand einen Hitler-Vergleich auspackt, dann ist das fast immer Beweis dafür, dass mit der Debatte etwas nicht stimmt. Tatsächlich ist der Streit um die Homöopathie heftig wie lange nicht, und das liegt nicht nur an Becker, einem Globuli-affinen PR-Berater, über den noch zu sprechen sein wird. Es liegt auch daran, dass sich zuletzt etwas getan hat im festgefahrenen Wirkt-nicht/Wirkt-doch-Gerangel – allerdings ganz ohne dass es die Globuli-Patienten zu interessieren scheint.

Die Globukalypse begann im Mai

Homöopathie wurde Ende des 18. Jahrhunderts von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann entwickelt. Er ging davon aus, dass Krankheiten genau mit jenen Stoffen geheilt werden können, die bei Gesunden die Symptome der jeweiligen Leiden auslösen. Homöopathische Mittel werden unterschiedlich stark verdünnt, oft ist chemisch kein Wirkstoff mehr nachweisbar.

Schon zu Lebzeiten Hahnemanns kritisierten Mediziner die Nicht-Nachweisbarkeit der Idee, seither ist diese hoch umstritten. Ärzte verordnen die Streukügelchen aber weiter – manche aus Überzeugung, manche, weil ihre Patienten das wünschen.

Aber in diesem Jahr hat sich etwas geändert. Fast schien das Ende der Homöopathie nah, die Globukalypse, wie ein beliebter Hashtag auf Twitter heißt. Es begann mit einem Funktionärsakt: Auf dem Ärztetag im Mai wurde versucht, die sogenannte Zusatzbezeichnung für homöopathische Ärzte abzuschaffen. Aber die Homöopathen setzten sich zunächst durch, die Bezeichnung blieb.

Danach forderten einflussreiche Gesundheitspolitiker wie Karl Lauterbach von der SPD, die gesetzlichen Krankenkassen sollten homöopathische Behandlungen nicht mehr bezahlen. Die gleiche Forderung kam von Josef Hecken, der öffentlich wenig bekannt ist, aber im Kampf um Homöopathie sehr relevant. Denn er leitet den Gemeinsamen Bundesausschuss, jenes Gremium, das entscheidet, welche Therapien die Kassen bezahlen. Im August schließlich der mediale Paukenschlag: Eine Apothekerin verbannte Globuli komplett aus ihren Regalen. Die Meldung ging durch die Presse – so etwas hatte es in Deutschland noch nicht gegeben.

Deutsche kaufen 2018 wieder deutlich mehr Globuli

Es gibt aber eine Gruppe von Menschen, die von all dem unbeeindruckt scheint, und es ist die entscheidende: die Patienten. Die haben zwar 2017 zwei Millionen Packungen homöopathischer Arzneimittel weniger aus den Apotheken geholt als im Vorjahr – ein Rückgang um rund 3,6 Prozent, und das nach Jahren des Booms. Aber das war, so sieht es aus, nur ein kurzzeitig lahmendes Interesse.

Denn 2018 haben die Deutschen wieder deutlich mehr Globuli gekauft. Das zeigen aktuelle Zahlen des Marktforschungsunternehmens IQVIA, die dieser Zeitung vorliegen. Demnach wurden von Januar bis August im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wieder fast drei Prozent mehr Packungen homöopathischer Mittel verkauft. Der Umsatz der Hersteller stieg um rund sechs Prozent. Eine Zwischenbilanz für das Jahr, natürlich, aber eine doch so deutliche, dass klar ist: So schnell stirbt die Homöopathie nicht.

Homöopathische Mittel in Amerika mit Warnhinweis versehen

Warum ist das so, immer noch? Diese Frage wird sich zuallererst Edzard Ernst stellen. Denn er ist Veteran im Kampf wider die Homöopathie. Ernst, 70 Jahre alt, inzwischen emeritiert, war bis 2011 Professor für Alternativmedizin in Großbritannien – und hat von dort aus als einer der Ersten auch in Deutschland auf die fehlenden Beweise für die Wirkung homöopathischer Arzneien hingewiesen.

Arnika ist eine der bekanntesten Globuli-Pflanzen

Inzwischen ist seine Haltung in weiten Teilen der Wissenschaft Konsens: Weder wirken homöopathische Arzneien besser als Placebo, noch hat jemand eine wissenschaftlich belegbare Idee davon, wie die unterschiedlich stark verdünnten Mittel überhaupt theoretisch wirken sollen. Ernst sagt, dass das Ende der Homöopathie in Deutschland zwar wahrscheinlicher geworden sei, aber: „Dieser Prozess ist ja erst eben ins Rollen gekommen. Da wird man noch viel Zeit und Energie investieren müssen.“

Das ist nicht überall so: In Großbritannien, wo Ernst lebt, sollen homöopathische Mittel künftig nicht mehr von den Krankenkassen finanziert werden, in den Vereinigten Staaten dürfen sie nur mit einem Warnhinweis verkauft werden, wenn ihre Wirkung nicht nachgewiesen ist.

Unterstützung durch Bots?

Bei der Erforschung der Homöopathie-Liebe der Deutschen landet man schnell bei der Deutschen Homöopathie Union, einem Hersteller für homöopathische Mittel und einer als Marktführer naturgemäß sehr regen Organisation. Sie hat 2018 eine Image- und Werbekampagne gestartet, bei der Patienten unter #MachAuchDuMit von ihren positiven Erfahrungen berichten sollten. Die Initiative, so der Globuli-Hersteller, „schafft Transparenz und stellt die Homöopathie hinsichtlich Fakten und Erfolge realistisch dar“. So weit, so sehr normales Marketing.

Wenig transparent ist dagegen dies: Zweimal schon sprach der Presserat in diesem Jahr Rügen aus für journalistische Texte, die auffallend unkritisch mit Homöopathie umgingen und in denen deren Präparate empfohlen worden sind. Und auf Twitter, dazu haben Journalisten von „Buzzfeed“ recherchiert, tauchten um den Jahreswechsel herum mehrere Accounts auf, die sich positiv zur Homöopathie äußerten – sich dabei allerdings völlig untypisch verhielten für echte Menschen.

Sie schwiegen wochenlang, retweeteten dann aber innerhalb weniger Stunden plötzlich Dutzende Homöopathie-Tweets, darunter auch solche von Organisationen wie dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte, einem Berufsverband. Der Verband hat das nach eigener Aussage geprüft – und geht demnach davon aus, dass hinter den verdächtigen Twitter-Accounts kein Bot-Netzwerk steht, sondern echte, eben der Homöopathie gewogene Menschen.

Ein Pro-Homöopathie-Aktivist wirbelt die Branche auf

Und dann ist da noch Christian Becker, der PR-Berater, der für die Homöopathie kämpft. Das Besondere an dem Mann sind zwei Dinge. Er ist erst im Sommer dieses Jahres, von einem Tag auf den anderen, zu einem Fürsprecher der Homöopathie im Internet geworden. Am 12. August setzte Becker seinen ersten Tweet zu Globuli ab. Seither, und das ist die zweite Besonderheit, twittert er bis zu 80-mal am Tag von zwei Accounts zur Homöopathie, rund vier Artikel erscheinen pro Woche auf seinem Blog – eine Menge Arbeit, die für Wirbel sorgt in der Branche.

Becker, der in Hamburg lebt, sagt, er erledige das morgens vor seinem eigentlichen Job – und zwar, weil er sich als Patient um den zu Unrecht schlechten Ruf der Homöopathie sorge, die ihm und seiner Familie seit Jahren erfolgreich helfe. „Ich halte die Anti-Homöopathen für Extremisten“, sagt Becker. „Sie fahren eine große Kampagne gegen die kleine Homöopathie, und dem will ich etwas entgegensetzen.“

Deshalb habe er es sich zum Hobby gemacht, die Strukturen hinter der von ihm vermuteten Kampagne aufzudecken. Vielen seiner Ankündigungen, etwa der, er habe das erste Großunternehmen recherchiert, das die Anti-Homöopathie-Kampagne finanziere, folgte bislang allerdings nichts.

Patienten wollen Globuli behalten

Es gibt also, einerseits, eine sehr rege Industrie und darüber hinaus sehr rege Aktivisten wie Christian Becker, die für das Ansehen der Homöopathie kämpfen. Hinzu tritt aber noch ein weiterer Grund, warum die Homöopathie trotz aller Kritik so erfolgreich ist: ihre Beliebtheit bei den Patienten. Die wurde schon in vielen Umfragen bewiesen, zuletzt in einer vom Meinungsforschungsinstitut Kantar, welche die Deutsche Homöopathie Union in Auftrag gegeben hatte. 56 Prozent der Befragten haben demnach schon einmal homöopathische Mittel verwendet; außerdem befürworten drei Viertel der Teilnehmer ein Nebeneinander von Schul- und Naturmedizin.

Es gibt weitere Umfragen dieser Art, und bei vielen davon profitiert die Homöopathie immer auch ein bisschen davon, dass die sogenannte sanfte Medizin insgesamt sehr beliebt ist. Oft verwenden Umfragen die Begriffe „Naturmedizin“, „Alternativmedizin“ und „Homöopathie“ nämlich ähnlich unscharf wie zum Teil auch die Kantar-Studie. Dort werden schließlich Schulmedizin und Naturmedizin pauschal gegenübergestellt. Dabei ist etwa die Wirkung mancher pflanzlicher Stoffe oft sehr gut durch Studien belegt.

Schweiz nimmt Homöopathie in Grundversorgung auf

Am Ende sind solche Feinheiten oft einerlei: In der Schweiz hat die allgemeine Beliebtheit der Komplementärmedizin über eine Volksabstimmung letztlich sogar dazu geführt, dass Homöopathie in die Grundversorgung des Landes aufgenommen worden ist.

Für Jens Behnke ist in der Schweiz nur das passiert, was in Deutschland auch passieren sollte: Der Wunsch des Patienten wurde erhört. Behnke ist Philosoph und beschäftigt sich für die Carstens-Stiftung, die sich der alternativen Medizin verschrieben hat, mit der Homöopathie. Er findet: Sie ist so beliebt, weil sie wirkt. Man wisse nur nicht genau, wie.

Behnke interpretiert die Überblicksstudien, die es zur Homöopathie gibt, exakt entgegengesetzt zu den Globuli-Kritikern: „Es müsste eigentlich das Ziel sein, eine wissenschaftliche Erklärung für die bewiesene Wirkung der Homöopathie zu finden“, sagt Behnke. Dass danach nicht gesucht werde, dass stattdessen viele Wissenschaftler wegen der schon vorhandenen Ergebnisse meinten, es gebe keinen Anlass für weitere Forschung, liege auch an einer „professionell gesteuerten Kampagne“, die in Deutschland um 2015 herum angefangen habe. „Dabei äußern sich immer wieder dieselben Menschen unter dem Deckmantel verschiedener unabhängig wirkender Organisationen kritisch, so dass man nur den Eindruck bekommt, es handele sich um eine weit verbreitete Ansicht“, behauptet der Philosoph.

„Die Wissenschaft ist zu Recht streng“

Wird uns allen also nur grober Sand ins Auge gestreut, wenn sich so langsam der Satz „Homöopathika sind nicht besser als Placebo“ als unbestrittene Tatsache durchsetzt?

Wenn dem so ist, dann streut Natalie Grams kräftig mit. Sie ist Leiterin des Informationsnetzwerks Homöopathie, und sie ist Kummer gewohnt. 2015 hat sie sich, damals noch als homöopathische Ärztin, in einem Buch kritisch mit der Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln auseinandergesetzt.

Grams wollte eigentlich das Gegenteil tun, nämlich die Globuli verteidigen – sie fand aber heraus, dass ihre Wirkung wissenschaftlich nicht bewiesen ist. Das zu erkennen, habe sie, sagt Grams, sehr geschmerzt. „Aber die Wissenschaft ist zu Recht streng mit der Homöopathie, weil die Anhänger etwas Krasses behaupten: Krankheiten könnten mit nichts geheilt werden. Wer etwas Krasses behauptet, der muss auch krasse Beweise vorlegen“, sagt sie.

Inzwischen arbeitet Grams nicht mehr als Ärztin, sondern informiert über Homöopathie. Vielen Homöopathen gilt sie aber nur als Marionette einer von wem auch immer bezahlten und gelenkten Kampagne gegen Homöopathie. „Natürlich haben wir ein Ziel – klarzumachen, dass Homöopathie nichts als eine Scheintherapie ist“, sagt Grams. Wehren möchte sie sich aber gegen den Vorwurf, es gebe eine „geheime Verschwörung“.

Oft verschwinden Leiden ganz ohne Medikamente

Tatsächlich gibt das Informationsnetzwerk seine Förderer und deren Interessen öffentlich bekannt: Finanziell unterstützt wird es demnach neben Spenden von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Deren Ablehnung aller wissenschaftlich nicht belegbaren Theorien ist kein Geheimnis, sondern Gründungszweck. Außerdem hilft dem Netzwerk der Konsumentenbund, der ganz offiziell in das Lobby-Register der EU eingetragen ist. Diese Strukturen raunend „aufzudecken“, von „Strohmanngesellschaften“ zu sprechen, wie es viele Homöopathen tun, ist da eigentlich überflüssig.

Es gibt einen Aspekt, der in der Debatte um Homöopathie gerade fehlt. Besonders in der hausärztlichen Praxis legen Beobachtungsstudien nahe, dass Patienten und Ärzte gleichermaßen zufrieden sind mit der homöopathischen Behandlung, dass sich auch das Allgemeinbefinden der Kranken bessert. Klar, diese Art von Studien hat ihre Schwächen – keiner weiß genau, was zu dem positiven Ergebnis geführt hat. War es das in der Homöopathie übliche ausführliche Arztgespräch? Lag es vielleicht daran, dass das Leiden, auch ohne jegliche Wirkung von Medikamenten, ganz von alleine weggegangen ist mit der Zeit? War es doch das Globuli?

„Was ich aus der Homöopathie gelernt habe“, sagt Grams, „ist, wie oft es gar keiner Medikamente bedarf.“ Was genau die Schulmedizin also von der Homöopathie lernen könnte, was sich retten lässt, wenn schon ziemlich sicher nicht die Medikamente – diese Debatte wollte Grams 2015 mit ihrem Buch anstoßen, sagt sie. Eigentlich könnte die Diskussion jetzt, drei Jahre später, mal losgehen.