Er stand dem Rapper Bushido und dem Clanchef Abou-Chaker bei. Strafverteidiger wie Stefan Conen stoßen oftmals auf Unverständnis. Sie pochen auf einen Rechtsstaat, den ihre Mandanten verachten. Was treibt sie an?

Er hat den Rapper Bushido verteidigt, als ihn noch kaum jemand kannte. Auch später, als Bushido ein Star war und sich wegen vermeintlicher Beleidigungen bekannter Politiker in seinen Songs verantworten musste, war er sein Anwalt. Arafat Abou-Chaker, den Berliner Clan-Chef, hat er mehrfach vor Gericht vertreten. Der Intensivtäter Nidal R., der im vergangenen Jahr in Berlin-Neukölln am helllichten Tag erschossen wurde, war einst ein Mandant von ihm. Stefan Conen ist Strafverteidiger in Berlin.

Strafverteidiger sind die Schmuddelkinder unter den Juristen. Sie stehen Menschen bei, denen sonst Abscheu entgegenschlägt. Sie müssen dahin gehen, wo es unbequem ist: ins Gefängnis, wo ihre Mandanten sitzen, in den Gerichtssaal, wo sie den Angehörigen der Opfer ins Auge sehen müssen. Strafverteidiger haben nicht das Einkommen eines Wirtschaftsanwalt und nicht die Sicherheiten eines Richters. Aber was die meisten haben, ist eine hohe Wertschätzung für ihren Beruf: die „Rock’n’Roller des Rechts“, so hört man zuweilen. Die, die auf der richtigen Seite stehen. Gemeint ist damit die Seite des Rechtsstaats.

Das Bild, das die Bundesregierung von den Verteidigern hat, ist weniger positiv. Sie wirft ihnen vor, ihre Rechte zu missbrauchen und Prozesse systematisch zu verschleppen. Konfliktverteidigung lautet das Schlagwort. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, die Strafprozesse zu beschleunigen. Das Justizministerium arbeitet an einem Gesetzentwurf. Der Deutsche Richterbund unterstützt das Vorhaben ausdrücklich, die Anwaltschaft ist empört.

Wenn Conen über seinen Beruf spricht, schwingt ein „wir gegen die“ mit – die, das sind die Polizisten, die Staatsanwälte, die Richter. Eigentlich sollte das nicht so sein, nach dem Gesetz ist das Strafverfahren in Deutschland kein Parteienprozess. Die Staatsanwaltschaft muss belastende genauso wie entlastende Umstände ermitteln als die „objektivste Behörde der Welt“. Richter haben qua Amt sowieso neutral zu sein. Doch das Recht auf einen Verteidiger ist ein Menschenrecht. Verteidiger sind selbst Organe der Rechtspflege und haben nach der Strafprozessordnung eine elementare Funktion: Sie wachen darüber, dass die Rechte der Angeklagten gewahrt werden. In vielen Fällen muss sogar der Staat einem Angeklagten einen Verteidiger zur Seite stellen, dann trägt er auch die Kosten.

„Clan-Anwalt“ will er nicht genannt werden

Rechtsanwalt Conen verteidigt häufig in einem Milieu, in dem die Kluft zwischen den Ermittlungsbehörden und den Rechtsanwälten besonders tief ist: Unter seinen Mandaten sind viele Mitglieder arabischer Großfamilien. Polizisten und Staatsanwälte, die Dutzende Male mit kriminellen Familienangehörigen zu tun hatten, stecken den nächsten Cousin, den sie erwischen, in dieselbe Schublade. Für Conen ist das eine Form der Vorverurteilung.

Er hat Erfahrung mit den sogenannten Clans. Schon als junger Anwalt hatte er mit der Familie R. zu tun, die mittlerweile wegen zahlreicher spektakulärer Straftaten republikweit bekannt ist. Die R.s waren mit Conens Verteidigung so zufrieden, dass einige aus dem Clan immer wieder seine Dienste in Anspruch nahmen. Derzeit vertritt der Anwalt wieder einen jungen Mann aus der Familie: Wissam R. Er steht in Moabit vor Gericht, weil er zusammen mit zwei seiner Cousins angeklagt ist, die hundert Kilo schwere Goldmünze „Maple Leaf“ im Wert von 3,75 Millionen Euro aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen zu haben.

„Clan-Anwalt“ will Conen allerdings nicht genannt werden. Schließlich ist er nicht der Hausanwalt einer Großfamilie, sondern nimmt nur Einzelmandate wahr. Conen hat mit dem Begriff aber auch ein grundsätzliches Problem: Die Rede von „Clan-Kriminialität“ nehme die Verwandten seiner Mandanten faktisch in Sippenhaft.

„Die Gesellschaft hat den Rechtsstaat nicht verinnerlicht“

Man suggeriere ein Täterstrafrecht, sagt er, das die Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit bestraft; die Tat, die sie begangen haben, ist dann lediglich Anlass, nicht aber der Grund für die Strafe. Das sei dem deutschen Recht fremd. Mitglieder sogenannter Clans wären so allein wegen ihres Verwandtschaftsverhältnisses verdächtig. Conen sieht seine Aufgabe darin, gegen die Voreingenommenheit anzukämpfen. „Ich wäre allenfalls bereit, den Begriff der Clan-Kriminalität für Taten zu akzeptieren, die von einem Familienverbund hierarchisch geplant werden, für den gemeinsam gewirtschaftet wird“, sagt er. Das müsse aber auch bewiesen sein.

Strafverteidiger erleben regelmäßig, dass Freunde oder Bekannte sie fragen, wie sie denn diesen oder jenen Verbrecher verteidigen könnten. „Die Gesellschaft hat den Rechtsstaat nicht verinnerlicht“, lautet der Schluss, den Rechtsanwältin Ria Halbritter aus diesen Fragen zieht. Ein Lungenarzt behandele schließlich auch nicht nur Patienten, die nie geraucht haben, sagt sie. Der Rechtsstaat muss auch für diejenigen da sein, die seine Regeln verachten. Gerade hier, wo es weh tut, soll er sich beweisen, so jedenfalls lautet die Theorie.

In der Praxis ist das manchmal schwer auszuhalten. Manche Anwälte behaupten scherzhaft, sie verteidigten nur Unschuldige. Es ist eine Herausforderung, einer breiten Öffentlichkeit zu erklären, dass Beweise nicht verwertet werden dürfen, obwohl alle wissen, was der Angeklagte gemacht hat. Tatsächlich bekommen aber nur drei Prozent aller Abgeurteilten einen Freispruch.

Auch Opfer zeigen Verständnis für den Rechtsstaat

Doch es gibt freilich auch Fälle, in denen selbst die Verteidiger den Eindruck haben, dass ein Mandant die Segnungen des Rechtsstaats nicht gerade verdient hat. „Natürlich ist es manchmal richtig, wenn ein Angeklagter verurteilt wird, auch wenn ich auf Freispruch plädiert habe“, sagt Stefan König, ein Strafverteidiger, der seit mehr als zwanzig Jahren seine Kanzlei in Kreuzberg zusammen mit Johannes Eisenberg, einem bekannten Anwalt für Straf- und Medienrecht, betreibt. Der Strafprozess sei eben ein arbeitsteiliges Verfahren, da habe jeder seine Rolle. „Meine ist es, an der Seite des Angeklagten zu stehen.“ Auch viele Opfer hätten übrigens Verständnis dafür, „dass es so etwas gibt wie den Rechtsstaat“.

Müssten aber Täter aus dem Clan-Milieu eine größere Härte von Seiten der Justiz erfahren, damit sie den Staat überhaupt ernst nehmen? „Der Strafvollzug und die Strafverfolgung in den Herkunftsländern der Leute, die heute als sogenannte Clan-Kriminelle vor Gericht stehen, sind sicher rigider als in Deutschland“, gibt Conen zu. Doch er warnt davor, sich daran ein Beispiel zu nehmen. „Da in der staatlichen Reaktion nachziehen zu wollen, hieße den Rechtsstaat zu opfern statt zu verteidigen.“

Der Verteidiger als der letzte Halt der Angeklagten

Um einen Mandanten gut zu verteidigen, müsse man weder Verständnis noch Zuneigung für ihn haben, sagt Conen. Möglicherweise sei das sogar hinderlich. So wenig wie Ärzte ihre eigenen Kinder operieren sollten, sollten Rechtsanwälte ihre Freunde verteidigen – da fehlt schnell der professionelle Blick. Wichtig ist Conen aber, dass es keine Abneigung gibt. „Es reicht, wenn ich neutral bin und emotionsfrei.“

Aber wie hält man die richtige Distanz? Für viele Mandanten, vor allem für die, die in Untersuchungshaft sitzen, sind die Verteidiger der letzte Halt, der einzige Mensch, der sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Wer nicht ganz abgebrüht ist oder den Bezug zur Realität verloren hat, ist durch ein Strafverfahren tief verunsichert. Rechtsanwalt König meint zwar, dass Verteidiger in gewisser Weise auch Sozialarbeiter seien. Er hat sich aber selbst Regeln auferlegt, damit Mandanten gar nicht erst auf die Idee kommen, dass hier eine Freundschaft entstehen könnte. „Ich duze mich nicht mit Mandanten, ich treffe mich zum Gespräch möglichst in meiner Kanzlei“, sagt König, der seit 1985 als Strafverteidiger in Berlin tätig ist.

Die Türen in seiner Kanzlei in Kreuzberg stehen aber für alle Beschuldigten offen. „Es gibt keinen Straftatbestand, bei dem ich eine Verteidigung prinzipiell ablehne“, sagt König. Er hat unter anderen Angeklagte im berühmten Berliner Bankenprozess verteidigt, den Brandenburger Immobilienhändler und einstigen ranghohen Stasi-Mann Axel Hilpert und vor vielen Jahren sogar Erich Mielke, den berüchtigten Chef der Staatssicherheit. König, Jahrgang 1955, entscheidet im Einzelfall, ob er ein Mandat annimmt, hört sich erst einmal die Leute an, die zu ihm kommen. Rechtsextremisten verteidigt er eigentlich nicht, in einem Fall aber hat er es doch getan. Der Mandant wollte raus aus der Szene, es ging um illegalen Waffenbesitz. König fand den Mann glaubhaft.

Conens Ansatz ist ganz ähnlich. Er hat schon alle möglichen Leute verteidigt, einen kroatischen Fußball-Wettbetrüger und einen katholisch-fundamentalistischen Wunderheiler, den früheren Bundesverkehrsminister Günther Krause von der CDU und auch Mitglieder der Rockervereinigung Hells Angels. „Ich wehre mich dagegen zu sagen: Bestimmte Leute vertritt man nicht“, sagt der Anwalt. Allerdings gibt er zu, dass es Fälle gibt, in denen er eine Verteidigung aus persönlichen Gründen, etwa bei Rechtsextremisten, nicht übernehmen würde.

Nicht nur Rock’n’Roll

Doch Strafverteidiger sind nicht nur die „Rock’n’Roller des Rechts“. Ihr Feld ist auch eine der letzten Männerdomainen der Juristerei. Ria Halbritter ist eine von wenigen Frauen unter den Berliner Strafverteidigern. Sie hat schon erlebt, dass ein Richter sie fragte, ob sie Akten abholen wolle – er hielt sie offenbar für eine Mitarbeiterin im Geschäftszimmer eines Richters. „Wenn man als Verteidigerin bestehen will, darf man nicht sensibel sein“, sagt Halbritter. Das gilt auch für den Umgang mit den Mandanten. Zuweilen gerät sie in Situationen, die ihre männlichen Kollegen so nicht erleben. Es komme zum Beispiel vor, dass ein muslimischer Mandant ihr nicht die Hand gibt, erzählt sie. Ihr Umgang damit ist überaus pragmatisch: Das sei ihr egal, „es stört mich ja auch nicht, wenn ein anderer am Feiertag nur Fisch ist“. Aber es gibt auch das: Ein Abou-Chaker hat Halbritters Sohn mal während einer Hauptverhandlung gegen einen anderen Abou-Chaker im Kinderwagen durch die Gegend gefahren, damit die Anwältin ihre Arbeit machen konnte.

In deutschen Gefängnissen sitzen etwa 50.000 Männer und 3000 Frauen. Männer wollen oft lieber von Männern vertreten werden. „Es gibt Angeklagte, die glauben, dass ein Zwei-Meter-Mann mit sonorer Stimme den Richter beeindrucken kann“, sagt Halbritter. Ihre Erfahrung ist allerdings nicht, dass es darauf ankommt. Halbritter hat viel zu tun, sie ist Fachfrau für den Strafvollzug, damit kennen sich nicht viele Anwälte aus.

Manchmal gehen berühmte Mandanten einem Anwalt verloren, obwohl sie nicht zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. So vertritt Conen Bushido und Arafat Abou-Chaker heute nicht mehr. Die beiden waren einst enge Vertraute, mittlerweile sind sie verfeindet, es geht um viel Geld, um viel Ehre, es gibt Drohungen und angebliche Rachepläne und Polizeischutz für den Rapper. Conen muss sich aus diesem Streit raushalten, denn egal auf welcher Seite er nun stünde – er wüsste einfach zu viel über die Gegenseite.