120 Einwohner, 1400 Lkw pro Tag. Das Dorf Klein Oßnig leidet unter dem Verkehr. Anwohner klagten auf Lärmschutz und gewannen klar. Passiert ist seitdem: wenig. Wie Menschen ihr Vertrauen in die Politik verlieren.

Gerhard Düring wollte eigentlich nur eine Hecke pflanzen. Cupressus leylandii, immergrün, schnell wachsend, gut geeignet für nährstoffarme Böden. Nun, 30 Jahre später, ist aus der Begrünung eine Mauer geworden, ein Schutzwall. Er zieht sich über die ganze Straßenseite seines Grundstücks. 46 Meter lang, 1,50 Meter breit, 3,60 Meter hoch. Eine Art Sperre zwischen ihm und dem ständigen Rauschen, Rattern, Rütteln. Jeden Tag fahren 12.000 Pkw durch sein Heimatdorf. Klein Oßnig liegt an der B169, Südbrandenburgs meistbefahrener Straße. Darunter sind bis zu 1400 Lkw, tagsüber alle sechs Sekunden einer. „Ja, hier ist ordentlich was los“, sagt Gerhard Düring lakonisch.

Deshalb ist er in die Höhe gegangen mit der Hecke, auf genau 3,60 Meter. Die 40-Tonner, die sich vor seinem Wohnzimmerfenster eine Steigung hochquälen, messen „nur“ 3,50 Meter. Bringen würde das nichts, sagt er. Nur Masse hält Schall ab, nicht Blätter oder Äste. Sein Wall ist also ein Sichtschutz, ein Symbol. Aber der 67-Jährige, einst Verkaufsstellenleiter bei WMF in Cottbus, hat mehr getan, als nur seine Hecke wachsen zu lassen.

Gehard Düring vor seiner Hecke, die er als Sichtschutz gegen die Lkw nutzt

Er hat die Interessengemeinschaft (IG) B169 gegründet. Sie hat dem Transitverkehr den Kampf angesagt. Düring und seine Mitstreiter zogen auch vor Gericht. Sie gewannen dort sogar, schon vor Monaten. Geändert aber hat sich: nichts. Die Lastwagen fahren weiter, und das, obwohl die Autobahnen A13 und die A15 nahe liegen. Die Anwohner sind wütend. Auf die Politik, auf die Behörden.

Seit Mai steht das Urteil: Aus für Lkw über 2,8 Tonnen

Gerhard Düring steigt in sein Auto. Wir wollen ganz nach Westen, nach Allmosen, 118 Einwohner, Landkreis Oberspreewald-Lausitz (OSL). Für Allmosen erkämpfte die IG im November 2017 vor dem Verwaltungsgericht Cottbus ein Durchfahrtsverbot für den Schwerlastverkehr. Im Mai 2018 wurde das Urteil vom Oberverwaltungsgericht Berlin bestätigt. Das Ergebnis: Lastkraftwagen über 2,8 Tonnen dürften nicht mehr durchfahren, die Gesundheitsgefährdung der Anwohner sei zu groß. Eine Umleitung sei mach- und zumutbar, hieß es weiter.

Der Landrat von OSL wollte daraufhin ab Allmosen den Verkehr für Lkw sperren. Betroffen vom Schwerkraftverkehr sind 23 Kilometer der Bundesstraße und rund 2800 Menschen. Sie leben in Allmosen, Lindchen, Neupetershain-Nord, Klein Oßnig und Klein Gaglow. Im anliegenden Cottbus und in der Landeshauptstadt Potsdam brach Panik aus. Die Versorgung würde gefährdet, Ausweichverkehr sei die Folge, hieß es. Und rechtlich möglich sei ein „Autobahnzwang“ für Lkw ja auch nicht.

Schon bald drohte die IG mit einer Untätigkeitsklage. Gerhard Düring schrieb zudem einen Offenen Brief an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Von Politik auf Kosten der Bürger ist darin die Rede, vom Wertverlust der Immobilien, den Gesundheitsgefahren. Und von einem Landtagsbeschluss von vor 27 Jahren, in dem bereits stand, dass die B169 ortsdurchfahrtsfrei zu gestalten sei. Nichts sei daraus geworden. Und er erwähnt die Wahlergebnisse der AfD in den betroffenen Orten bei der letzten Landratswahl. Sie lagen bei 40, 56 und einmal sogar 61 Prozent.

Vor einem Grundstück in Allmosen ist der Bürgersteig besonders schmal

Ankunft in Allmosen. Gleich hinter dem Ortsschild liegt der Vierseitenhof von Brigitte Poppe. Wer in ihrer Einfahrt steht, fürchtet sich. Die Lastwagen donnern heran, groß und laut. Der Boden vibriert, Fahrtwind ist zu spüren. Im Haus warten Andrea Jankowiak, 58, Hotelangestellte. Und Frau Poppe, 77, Rentnerin. Und dann ist da noch die Frau, die die drei „die Klägerin“ nennen, weil sie anonym bleiben möchte. Gekommen ist sie nicht, das ginge nicht. Sie pflegt ihren Mann, der im Rollstuhl sitzt, 82 Jahre alt, so wie sie selbst.

Über 70 Dezibel und das jeden Tag

Ich erkläre noch mal, worum es geht, sagt Gerhard Düring. 70 Dezibel am Tag sind höchstens erlaubt, 60 in der Nacht. In Allmosen, bei der 82 Jahre alten Klägerin, liegt der Lärm bei 73, nachts bei 65 Dezibel. Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf. Ab 80 Dezibel kann die Gesundheit dauerhaft leiden. Die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, dann hält man sich die Ohren zu.

Über 70 Dezibel also. Und das jeden Tag? Alle nicken. Ja, um fünf Uhr früh gehe es los mit dem Krach, die „heiße Phase“ dauere bis zehn Uhr. Dann gegen Mittag eine neue Spitze. Wieder viel los ist zwischen 15 und 22 Uhr. Und wenn sonntags das Lkw-Fahrverbot endet, dann merken sie es von Allmosen bis nach Klein Oßnig. Gerhard Düring sagt, er schaue dann immer „Anne Will“. Nicht weil er die TV-Sendung mag, sondern weil es vorher zu laut zum Schlafen ist.

Frau Jankowiak steht an der Allmosener Hauptstraße – der B169. Der Verkehr donnert vorbei.

Sie sprechen von den dunklen Schatten, die am Fenster vorbeisausen und sie aufschrecken. Dem Dreck im Hof, am Fensterbrett, in Vorhängen. Von den Erschütterungen, den klirrenden Gläsern im Schrank. Dem Gestank nach Diesel. Vom Sog der vorbeifahrenden Laster. Er macht es ihnen unmöglich, auf dem Bürgersteig Unkraut zu jäten. Zu gefährlich. Schwer ist es auch, mit dem Auto aus der Grundstücksausfahrt hinaus- und hineinzukommen. Überhaupt, die Grundstücke. Niemand will sie kaufen, die Häuser hier an der Straße. Und das, obwohl Gutachter automatisch 30 bis 40 Prozent vom Wert abziehen, wegen der schlechten Lage.

Frau Poppe in ihrem Wohnzimmer im Dorf Allmosen. Hinter ihr donnern die Lkw entlang.

Dabei wollen Frau Poppe und Frau Jankowiak gar nicht wegziehen. Auch Brigitte Poppes Sohn ist nicht von hier weggegangen. Er arbeitet als Logistiker und weiß, wie es heutzutage läuft im Transportgewerbe. Dank ihm kennen die Leute von der IG wichtige Zahlen.

Die Speditionen können Maut sparen, 15 Euro, immerhin

Die Lkw sparen Maut, wenn sie die 30,7 Kilometer Autobahn meiden und stattdessen ausweichen auf die B169: 15 Euro hin, 15 Euro zurück. Es ist, als ob ein Brennglas auf der B169 und ihren Anwohnern liegt. Wer hindurchsieht, der erkennt, wie die EU-Osterweiterung, der Schengen-Raum, die Produktion „on demand“ und der wachsende Internethandel immer mehr Lieferverkehr produzieren. Und wer genau schaut, der sieht nicht nur die handgemalten Schilder wie „Raus mit dem Schwerverkehr“ oder „Jede Kröte hat mehr Rechte als wir“. Der sieht auch, was das mit denen macht, die das auszubaden haben.

Klein Oßnig, Südbrandenburg. Durch den Ort führt die B169, und der stete Strom der Lkw führt zu Konflikten.

Zurück in Klein Oßnig. Dass sein Thema längst nicht alle hier mobilisiert, hat Gerhard Düring schmerzlich feststellen müssen. „Lärm hat keine Lobby, Lärm solidarisiert nicht“, sagt er. Es gibt Anfeindungen derer, die kein Fahrverbot wollten. Von denen, die in der zweiten oder dritten Reihe wohnen und finden, dass die da vorne sich doch nicht so anstellen sollen. Oder sich beschweren: „Wie sollen wir denn dann zur Arbeit kommen, wenn hier alles dicht ist?“ Düring schnaubt. Von „alles dicht machen“ sei ja nicht die Rede.

Die Linie der Zwietracht verläuft durch das Dorf. Auch hier hängen nämlich Transparente, groß und gedruckt. „Anwohner und Gewerbe der B169 fordern: die B169 muss hier bleiben. B169 = eine Pulsader der Lausitz“. Hier sprechen der örtliche Caravan-Verleih, die Gaststätte und der Autoverkäufer. Persönlich äußern will sich niemand. Anrufe und eine schriftliche Anfrage zum Thema „IG Bundesstraße B169“ bleiben ohne Antwort.

Ein Protestplakat in Klein Oßnig. In dem Dorf treffen Gegner und Unterstützer eines Lärmverbots aufeinander.

Derweil bemüht sich die Politik, die Lage zu entschärfen. Der Landrat von Spree-Neiße bot den Anwohnern Lärmschutzfenster an. Gerhard Düring fand das empörend. Ebenso wie die Tatsache, dass sie etwas dazubezahlen sollten, 30 Prozent. „Da ist mir der Kragen geplatzt“, sagt er. Was hermüsse, sei ein Lkw-Führungskonzept über die Grenzen der Landkreise hinweg, für Spree-Neiße, OSL, Cottbus. Und nicht solche Petitessen wie jüngst die Sache mit dem Blitzer.

Der Blitzer sorgte für neuen Lärm

Der wurde in Klein Oßnig installiert, um das Tempolimit von 30 km/h zu kontrollieren. Auch so sollte die Lärmbelastung sinken, von 71 auf 70 Dezibel. Lächerlich ist das, sagt Düring. Noch lächerlicher war, dass man das Gerät auf einem Gebiet aufstellte, das einer weiteren Klägerin gehörte. Die protestierte. Nun steht der Blitzer einige Meter weiter. Und die Frau hat noch mehr Lärm. Wegen der Autos, die erst abbremsen und dann beschleunigen.

Solche Aktionen schaffen Verdrossenheit. Viele Lausitzer haben zerrissene Biografien, mussten nach der Wende umlernen. Nun erinnere sie die Lage wieder an früher, finden die Leute von der IG. Eine Elite sagt, was gut für alle ist, und macht dann einfach. „Und wer Kritik übt, ist ein unzufriedener Ostler“, sagt Gerhard Düring. Er müsse deshalb sagen: „Für uns sind nur die Grünen da. Und die AfD.“ Deren Kandidat hatte damals vor der Landratswahl angekündigt, nach seiner Wahl „das Recht eins zu eins und sofort“ umzusetzen.

Die Hecke von Gerhard Düring in Klein Oßnig überragt die 40-Tonner um genau zehn Zentimeter – als Sichtschutz

Seit Mitte November ist wieder Bewegung in der Sache. Das Infrastrukturministerium kündigte an, dass ab März 2019 ein Fahrverbot gelten wird. Dann sollen nur noch solche Lkw durch die Dörfer fahren dürfen, die aus der Region stammen oder die dortigen Firmen beliefern wollen. Erreichen will man das mit Schildern und Kontrollen. Der Interessengemeinschaft reicht das nicht. Sie pocht auf den Gerichtsentscheid und dessen vollständige Durchsetzung, sprich: Dass aller Schwerkraftverkehr ab 2,8 Tonnen zu unterbinden sei.

Denn die Aussichten für die Zukunft, sie sind düster. Ab Januar 2019 wird die Maut erhöht und auf noch mehr Straßen ausgeweitet. Die B169-Anwohner fürchten, dass der Verkehr erneut zunehmen wird. Dann, wenn noch mehr als 15 Euro zu sparen sind. Gerhard Düring wird weiter in seinem Arbeitszimmer sitzen, Briefe, Eingaben und Aufrufe schreiben. Vom Fenster aus schaut er genau auf seinen Schutzwall. Cupressus leylandii kann 40 Meter hoch werden, sagt er. Aber er will die Sache anders in den Griff bekommen.