Für gesunde Luft braucht man keine Fahrverbote, sagt Nino Künzli, Experte für Luftschadstoffe. Er erklärt, wieso deutscher Lobbyismus zur Dieselkrise geführt hat – und warum die Werte eigentlich noch viel niedriger sein müssten.

In Hamburg und Stuttgart gelten sie bereits, in weiteren deutschen Städten sollen demnächst Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge zumindest in besonders stark befahrenen Straßen in Kraft treten. Als beratender Experte begleitet Nino Künzli die europäische Luftreinhaltepolitik bereits seit vielen Jahren – der Epidemiologe und Mediziner ist unter anderem Mitglied des Steering Committees, das für die WHO die wissenschaftlichen Empfehlungen zur Luftreinhaltung entwickelt. Künzli ist Direktor der Swiss School of Public Health und Vize-Direktor des Schweizerischen Tropen-und Public Health Instituts in Basel. Im Gespräch verteidigt er die WHO-Richtwerte gegen unwissenschaftliche Kritik.

TPN: Herr Professor Künzli, Sie sind ein international anerkannter Experte für die Auswirkung von Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit. In Deutschland gab es in den vergangenen Monaten eine heftige Debatte, ausgelöst vor allem durch den Lungenarzt Dieter Köhler, der die EU-Grenzwerte für die Belastung durch Feinstaub und Stickstoffoxid vehement in Frage stellt. Der Bundesverkehrsminister sah sich veranlasst, die EU zu einer Überprüfung der Werte aufzufordern. Wie betrachten Sie diese Entwicklungen?

Nino Künzli: Wie die meisten Experten bin ich völlig perplex. Das ist eine Groteske. Man fragt sich, wie so etwas zu Stande kommt. Es kann doch nicht sein, dass angeblich seriöse Medien wochenlang zwei Polemikern eine Bühne bieten und echte Experten kaum zu Wort kommen lassen.

TPN: Mit Polemikern meinen Sie die Lungenärzte Dieter Köhler und Martin Hetzel?

Künzli: Ja. Es kostet einen Journalisten zehn Minuten, um in der Datenbank „Web of Science“ herauszufinden, dass die beiden zu dem Thema nichts zu sagen haben. Da sind in den letzten Jahren rund 30000 Studien von 70000 Wissenschaftlern, die in dem Feld forschen, erschienen. Aber keiner von denen heißt Köhler oder Hetzel. Der Medienhype um diese Leute ist vollkommen irrational. Das war ja auch der Grund für unsere Stellungnahme.

TPN: Haben Sie eine Erklärung dafür, wieso diese Debatte in Deutschland so geführt wird?

Künzli: Vielleicht ist der Grund, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade dabei ist, ihre Luftverschmutzungs-Richtlinie (Air Quality Guideline) – und damit die empfohlenen Richtwerte für die Luftverschmutzung zu überarbeiten. Das ist natürlich kein schlechter Moment, um Druck auszuüben, damit die WHO nicht auf die Idee kommt, die Richtwerte noch zu verschärfen. Denn jeder, der etwas von der Sache versteht, sieht ja, dass die wissenschaftliche Evidenz zur Gesundheitslast durch die Luftverschmutzung hervorragend ist und sicher keine Lockerung der Grenzwerte angebracht ist.

TPN: Wie erklären Sie sich, dass jemand, den Sie und ihre Kollegen für einen Scharlatan halten, eine solche Wirkung entfaltet. Hat Ihre Wissenschaft ein Problem, ihre Erkenntnisse zu vermitteln?

Künzli: Wir werden oft eine halbe Stunde interviewt und dann werden 20 Sekunden gesendet. Ich finde das unsäglich, dass es überhaupt keine Rolle mehr spielt, was man sagt. Hauptsache schräg und laut. Um Köhler ist es ja etwas leiser geworden, seit die „Taz“ wunderbar gezeigt hat, dass er zu allem Überfluss auch noch falsch rechnet. Aber als Wissenschaftler finde ich es beunruhigend, denn der Fall ist ein Beispiel dafür, wir stark heutzutage versucht wird, Wissenschaft als Wissenschaft und als Wert der Gesellschaft in Frage zu stellen.

TPN: In Deutschland drohen nun in mehreren Städten Fahrverbote, weil die Grenzwerte der EU überschritten werden. Die Schweiz hat sogar schärfere Grenzwerte, sie folgt den strengeren Richtwerten der WHO. Trotzdem müssen keine Fahrverbote erlassen werden. Warum ist die Luft in der Schweiz besser?

Künzli: Die Eidgenössische Kommission für Lufthygiene, die den Bundesrat berät, hat die Dieselförderung immer abgelehnt.

TPN: Während man in Deutschland den Diesel gefördert hat?

Künzli: Ja. Man wollte in Deutschland lange keine Filterpflicht, aber trotzdem filterlose Diesel fördern wie verrückt. Der Preis sind die hohen Feinstaub- und Stickstoffwerte. Erschwerend hinzu kommen die legalen und kriminellen Manipulationen der Automobilindustrie. Das zusammen ist die Ursache, für das, was man heute in Deutschland auf der Straße hat.

TPN: Aber mittlerweile ist ja die Zahl der Dieselfahrzeuge in der Schweiz auch angestiegen.

Künzli: Ja, aber das ist eine neuere Entwicklung. Um das Jahr 2000 lag die Zahl der Diesel in der Schweiz bei etwa 5 Prozent, in Deutschland waren es da schon weit über vierzig. Seit die Partikelfilter auf dem Markt sind, ist der Diesel ja auch eine interessante Option, die neusten sind sehr saubere Fahrzeuge. Aber die Vorgeschichte ist natürlich eine andere. Deshalb schockiert mich die politische Debatte in Deutschland ja auch etwas. Nun muss plötzlich mit Hilfe der Gerichte alles sofort anders werden als das, was man 30 Jahre lang genau so wollte. Da bilden sich unheilige Allianzen und plötzlich soll sich alles von heute auf morgen ändern. Dabei verbessert sich die Qualität der Luft ja auch in Deutschland kontinuierlich. Mit jeder neuen, schärferen Norm. Allerdings ist diese Verbesserung weniger schnell von Statten gegangen als es möglich gewesen wäre.

TPN: In der Schweiz ging es schneller?

Künzli: Ja, wir haben weniger Feinstaubemissionen. An sämtlichen Messstationen, auch an den Hotspots, hält die Schweiz seit einigen Jahren den Grenzwert von 20 Mikrogramm PM-10- Feinstaub pro Kubikmeter Luft ein. Beim Stickstoff sind wir noch nicht ganz so weit, da haben auch wir Nachholbedarf. Das liegt aber auch daran, dass die erwartete Abnahme einfach nicht stattgefunden hat – wegen der Manipulationen.

TPN: Wenn die Fahrzeuge also nicht schmutziger gewesen wären als die Hersteller behauptet haben, läge man heute innerhalb der Grenzwerte?

Künzli: Ja, wenn die Konsumenten nicht betrogen worden wären. Und das gilt in Deutschland logischerweise noch stärker wegen des höheren Anteils von Dieselfahrzeugen. Die andere deutsche Geschichte ist die: Es war Deutschland, das sich in den letzten Jahrzehnten vehement dafür eingesetzt hat, dass die EU auf keinen Fall die von der WHO empfohlenen Richtwerte für den Feinstaub in die EU-Direktive überträgt, sondern einen zweieinhalb Mal höheren Wert als Grenzwert ansetzt: 25 statt 10 Mikrogramm PM 2,5-Feinstaub pro Kubikmeter. Dieser Grenzwert war schon vor 15 Jahren lächerlich.

TPN: Wieso konnte sich Deutschland damit durchsetzen?

Künzli: Das Argument, das ich in Sitzungen von Vertretern dieser Wissenschaftsnation mehrfach mit Entsetzen anhören musste, war damals: „Man will doch keine Grenzwerte, die man nicht einhalten kann.“

TPN: Das heißt, Deutschland hat verhindert, dass die Richtwerte der WHO in der EU als Grenzwerte gelten?

Künzli: Das ist das Ergebnis von purem Lobbying. Deutschland ist da sehr einflussreich. Und die Osteuropäer haben applaudiert. Diese Grenzwerte sind willkürlich politisch gesetzt. Die Richtwerte der WHO „Air Quality Guideline“ sind wissenschaftsbasiert. Die Idee dieser Richtwerte ist, dem Gesundheitsschutz Priorität zu geben. Die Regierungen können sie dann übernehmen, indem sie sagen, ‚Jawohl, zum Schutz der Bevölkerung machen wir daraus unsere Grenzwerte.“ Die Schweiz hat seit Mitte der Achtziger Jahre stets die WHO Werte in die Luftreinhalteverordnung übertragen. Deshalb entsprechen unsere Grenzwerte den WHO-Richtwerten. Bei NO2 wurde der Jahresgrenzwert noch 10 Mikrogramm tiefer angesetzt (30 statt 40), weil das Schweizer Umweltgesetz auch den Schutz der Ökosysteme verlangt.

TPN: Deutsche Gerichte verhängen jetzt also Fahrverbote aufgrund von NO2-Grenzwerten obwohl aus gesundheitlicher Sicht der Feinstaub noch relevanter ist?

Künzli: Ja, dies sind die fatalen Folgen der EU-Direktive. Die WHO hat für PM-2,5-Feinstaub ganz klar 10 Mikrogramm vorgegeben. Die EU hat aber 25 Mikrogramm festgelegt. Das ist ein politisch entschiedener Wert. Trotz starker Fürsprache durch die Gesundheitswisssenschaften hat sich die EU geweigert. Für NO2 wurde hingegen der wissenschaftsbasierte Richtwert in die Direktive übernommen. Da nun die Gerichte nur überprüfen, ob der gesetzliche Grenzwert eingehalten wird, dreht sich nun alles um NO2 anstatt auch um den Feinstaub. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht macht dies keinen Sinn. Wo sind die Gerichte, welche darauf hinweisen, dass der Feinstaub-Grenzwert der EU im Widerspruch steht zu dem Grundsatz, dass die Umweltverschmutzung den Menschen nicht schädigen soll? Die Luft muss so sein, dass sie Menschen nicht schädigt, auch nicht die besonders empfindlichen, Alte, Schwangere und kleine Kinder.

TPN: Sind die jetzt verfügten Fahrverbote für Sie die richtige Antwort?

Künzli: Nein. Es gab in Deutschland 30 Jahre eine zögerliche Luftreinhaltungspolitik. Und die Folgen dieser Politik sollen jetzt von heute auf morgen, diejenigen berappen, deren Autos neun Jahre oder älter sind? Das trifft vor allem diejenigen, die sich neuere Fahrzeuge nicht leisten können. Aus gesundheitlicher Sicht stellt sich schon die Frage nach dem gesundheitlichen Nutzen. Mit der Euro 6 Norm kommen nun viel sauberere Fahrzeuge. Logischerweise wird es dann besser, als es jetzt ist.

TPN: Man könnte also einfach abwarten?

Künzli: Man könnte zumindest mal modellieren, was mit und ohne diese Zusatzmaßnahmen passiert. Da wird es eine Differenz geben. Der gesundheitliche Nutzen dieses Unterschieds könnte abgeschätzt werden.

TPN: Es ist eine offene Frage, ob Fahrverbote eine spürbare Verbesserung der öffentlichen Gesundheit bewirken?

Künzli: Ja, denn da spielen ja andere Dimensionen der Gesundheit mit hinein. Nehmen Sie all die Leute, die nun total gestresst sind, weil Ihr Auto plötzlich nur noch die Hälfte wert ist…

TPN: Diese Leute sterben jetzt möglicherweise durch diesen Stress früher?

Künzli: Im Ernst, sozio-ökonomische Faktoren sind auch in Deutschland die wichtigsten Determinanten für vorzeitige Krankheiten und Tod. Das sehen sie in vielen Studien. Der Unterscheid in der Lebenserwartung zwischen den weniger und den gut Bemittelten sind viele Jahre.

TPN: Es wäre also eine interessante Rechenaufgabe zu ermitteln, ob sich das Mortalitätsrisiko für jene Betroffenen stärker erhöht, weil sie jetzt Stress und Existenzangst haben, weil sie sich ein neues Auto kaufen müssen – als der Nutzen der etwas beschleunigten Luftreinhaltung?

Künzli: Absolut. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da wahrscheinlich Überraschungen bei herauskommen. Es wäre nicht trivial, so etwas zu berechnen. Aber was würden diese Leute tun? Sie haben nur eine begrenzte Menge Geld, brauchen aber ein Auto – und verzichten vielleicht auf gesunde Ernährung und kündigen das Fitness Abo. Es ist jedenfalls klar, dass dieser Stress nicht gesund ist. Und genau auf diese Bevölkerung die Folgen einer bislang „nicht ehrgeizigen“ Luftreinhalte-Politik und betrügerischer Manipulationen abzuwälzen, finde ich schockierend.

TPN: Wir kommt man denn aus der Nummer raus?

Künzli: Es bräuchte Leadership der Regierung. Man müsste sich entschuldigen und erklären: der Stand der Lufthygiene ist die Konsequenz aus 30 Jahren Regierungsentscheidungen. Und dann müsste man vernünftig erklären, dass sich die Dinge nicht von einem auf den anderen Tag ändern. Und wenn das zu wenig ist, müsste man Nachrüstungsprogramme durchsetzen.

TPN: Dagegen wehrt sich die Industrie.

Künzli: Die verursachende Industrie sollte keine Beratungsfunktion in der Luftreinhaltepolitik haben. Dass die Automobil- und Kohleindustrie in dieser EU-Politik 30 Jahre lange Einfluss hatte, lässt sich am heutigen Stand der Luftqualität erkennen. Diese ist besser, aber nicht so gut wie sie sein könnte. Dass diese Industrien in der Schweiz nicht heimisch sind, war hier wohl von Vorteil. Jedenfalls zeigt sich rückblickend, dass sich eine wissenschaftsbasierte Luftreinhaltepolitik relativ ungestört umsetzen ließ. Entsprechend sind die Schweizer Behörden heute auch nicht mit den Widersprüchen konfrontiert, die in Deutschland die Debatten anfeuern.

TPN: Ein anderer Aspekt der Debatte ist die Komplexität epidemiologischer Studien. Das scheint schwer vermittelbar. Können Sie mal erklären, wie die Epidemiologie vorgeht, um die Schädlichkeit von Feinstaub zu ermitteln?

Künzli: Das ist ein wichtiger Punkt. Es wird ja von Laien immer wieder behauptet, dass wir einfach die Sterblichkeit zwischen Stadt und Land vergleichen. Und weil auf dem Land die Luftverschmutzung niedriger sei, sähe man dann die Unterschiede in der Sterblichkeitsrate. Das ist natürlich reiner Unsinn. Solche Studien sind ohne Aussagekraft und würden von der WHO niemals berücksichtigt. Mit moderner Epidemiologie hat das nichts zu tun.

TPN: Wie geht moderne Epidemiologie denn vor?

Künzli: Studien zu den Langzeitwirkungen auf die Sterblichkeit sind grundsätzlich Langzeit-Kohortenstudien. Diese Kohorten bestehen aus einer – oft zufällig ausgewählten – sehr großen Stichprobe der Bevölkerung. Diese Leute beobachtet man über viele Jahre, befragt sie nach ihren Lebensgewohnheiten und misst eine große Zahl von biologischen Faktoren. Eigentlich beobachtet man, wer wann warum stirbt. Als Forscher interessieren uns in erster Linie die Krankheiten – der vorzeitige Tod ist ja nur die letzte Folge davon. Die Evidenz für Mortalität beruht auf weltweit etwa 40 großen Kohorten. In Europa wurden 30 Kohorten verschiedener wissenschaftlicher Gruppen gemeinsam ausgewertet – darunter auch die Schweizer Sapaldia-Kohorte oder in Deutschland die Heinz-Nixdorf-Studie sowie Kohorten im Ruhrgebiet und in Augsburg. Alle haben über viele Jahre den Gesundheitszustand dieser mehr als 300.000 Leute gemessen und sie nach körperlicher Aktivität, Raucherstatus, Ernährung und so weiter gefragt. Man versucht, alle Faktoren zu erfassen, die von Bedeutung sind. Und wenn man das hat, kommt der nächste Schritt – und davon hat der Köhler eben auch keine Ahnung. Das hat sich total revolutioniert in den letzten 20 Jahren.

Der Luftschadstoff-Experte Nino Künzli in seinem Büro

TPN: Wie sieht der nächste Schritt aus?

Künzli: Es gibt heute fast keine Studie mehr, die die Daten einer einzelnen Messstation nähme und daraus die Schadstoffbelastung ableitet. Was wir heute haben, sind räumliche Modelle, wo wir jeder Person aufgrund ihrer Wohnadresse eine Belastung zuordnen können. Für die große europäische Studie von 30 Kohorten haben wir gemeinsam nach einheitlichen Methoden die Messungen und Modellierungen auf die Beine gestellt.

TPN: Die Kritik an den Messungen ging ja ungefähr so: „Kein Wunder, dass Leute die in der Nähe der Hotspots wie etwa am Neckartor wohnen, früher sterben“. Denn wer da wohne, sei eh arm, ernähre sich schlecht, raucht usw…

Künzli: Das ist eine naive Vorstellung von Forschung.

TPN: Aber das war das Argument. Solche Faktoren rechnen ihre Modelle aber heraus?

Künzli: Selbstverständlich. Sie könnten heute keine Studie zu Luftverschmutzung, Gesundheit und Mortalität veröffentlichen, die solche Faktoren nicht kontrolliert. Sie würde keinen Peer Review-Prozess überstehen, weil es logischerweise sehr wichtig ist, solche Faktoren zu berücksichtigen. Natürlich haben einkommensschwache Menschen, die an solchen Straßen wohnen, oft eine schlechtere Ernährung und Übergewicht. Das kann korrelieren mit Schadstoffbelastungen, ist aber übrigens nicht in allen Städten Europas so. Deshalb muss man individuelle personenbezogene Daten haben und sie dann in multivariaten Analysen auswerten. Eine solche Analyse einem Laienpublikum zu vermitteln, ist allerdings nicht ganz trivial.

TPN: Versuchen Sie es mal.

Künzli: Man beschreibt eigentlich den statistischen Zusammenhang zwischen (zum Beispiel) Lungenfunktion und der Schadstoffbelastung draußen vor der Haustür unter Berücksichtigung aller anderen für die Lungenfunktion ebenfalls wichtigen Faktoren. Man simuliert gewissermaßen ein Experiment, in welchem alle Teilnehmer bezüglich all dieser anderen Faktoren identisch wären, um den spezifischen und unanhängigen Beitrag der Schadstoffbelastung zu erkennen.

TPN: Nun sagt aber der Lungenarzt Köhler, er habe in seiner Praxis noch nie einen Feinstaubtoten gesehen.

Künzli: Ich habe ja auch mal als Arzt gearbeitet. Die Aussage lässt tief blicken. Jeder halbwegs selbstkritische und wissenschaftlich geschulte Arzt weiß, dass er fast immer nur Krankheiten und nicht deren Ursachen diagnostiziert. Ja, die Ursache sieht man einem Toten in der Tat nicht an – außer bei Unfällen.

TPN: Nicht mal bei der Raucherlunge?

Künzli: Rauchen ist von der Belastung her dasselbe wie Luftverschmutzung – nur viel stärker. Wenn ein Arzt einen Raucher vor sich, und der hat einen Herzinfarkt oder Lungenkrebs, dann folgert er natürlich – das kommt vom Rauchen. Statistisch gesehen macht die Annahme zwar Sinn, aber im Einzelfall kann man das fast nie schlüssig belegen.

TPN: Aber umgekehrt gilt das doch dann auch für den Feinstaub. Nachweisen, dass jemand am Feinstaub gestorben ist, kann man nicht, oder?

Künzli: Nein, aber das hat ja auch nie jemand behauptet.

TPN: Feinstaubtote sind also nur eine statistische Größe?

Künzli: Man kann Todesursachen immer nur über die Forschung klären. Und bei Langzeitwirkungen geht es nur über die Epidemiologie. Alles, was wir über die Folgen des Rauchens wissen, kommt aus der epidemiologischen Forschung. Alles, was wir hochrechnen über Todesfälle, die man dem Rauchen zuordnen kann, ist pure Epidemiologie. brigens mit teilweise exakt denselben Kohorten, mit denen wir publizieren, was die Auswirkungen des Feinstaubs sind.

TPN: Wie kommen dann die sehr stark schwankenden Angaben über die vorzeitigen Todesfälle zu Stande. Der International Council on Clean Transportation geht in seiner jüngsten Studie von 13.000 Toten durch Ozon und Feinstaub aus. Weltweit seien es 385.000. Die europäische Umweltagentur geht von 400.000 in der EU aus. Welche dieser Zahlen ist plausibel?

Künzli: Das ist eine gute Frage und wirklich schwer zu vermitteln. Der Grund, warum diese Studien voneinander abweichen, ist einerseits die sogenannte Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Schadstoff und Sterblichkeit. Da hat man verschiedene Optionen. Manche entscheiden sich für Resultate lokaler Studien. Die meisten Studien benutzen eine Metaanalyse aus verschiedenen Studien. Andererseits gibt es vielfältige Szenarien und Bezugspunkte für die Hochrechnungen. Dies muss man genau erklären. Und die Medien, die darüber berichten, müssten klar sagen, worauf sich die Zahlen genau beziehen.

TPN: Ein anderer Aspekt der Debatte ist die Frage nach der Verlässlichkeit der Messstationen. Stehen die in Deutschland näher an dicht befahrenen Kreuzungen als anderswo?

Künzli: Das ist eine total schräge Diskussion, die plötzlich Messstationen in den Fokus rückt. Warum betreibt man denn den ganzen Aufwand? Weil man die Gesundheit der Menschen schützen will. Und es leben ja nun mal Menschen auch an solchen Straßen. Es gibt ja klare Konzepte, wie gemessen werden soll. Messstationen stehen an verschiedenen Standort-Typologien – auch an Hotspots. Viel wichtiger sind heute die räumlichen Modelle der Wissenschaftler. Sie zeigen die Belastungen überall auf – auch an Standorten ohne Messstationen. Ich verstehe die Aufregung nicht. Ziel der Luftreinhaltungspolitik ist, dass die Grenzwerte einzuhalten sind, wo immer Menschen leben.

TPN: Aber das populäre Gegenargument lautet: Klar, dass der Grenzwert an der Kreuzung übertroffen wird, aber zwei Straßen weiter ist die Luft besser – also sind unsere Grenzwerte zu streng.

Künzli: Das ist absoluter Nonsens. Grenzwerte für die Gesundheit heißt, dass die Belastung nirgends höher sein soll. Und nirgends heißt nirgends.

TPN: Ein weiterer Vorwurf von Köhler und seinen Kollegen: Die epidemiologische Forschung sei interessegelenkt…

Künzli: Das ist ja letztlich die Behauptung, wir würden Wissenschaftsbetrug begehen. Diese Arroganz eines Nichtwissenschaftlers kommt in Wissenschaftskreisen sehr schlecht an. Erstens ist es eine völlig unabhängige Forschung, zweitens wird diese Forschung anonym begutachtet, sonst können sie gar nichts publizieren. Drittens gibt es unter Forschern Konkurrenz. Und viertens ist in der Biologie die Replikation wesentlich. Wir berufen uns nie auf eine einzelne Studie.

TPN: Der Vorwurf richtet sich vielleicht eher auf die Struktur des Wissenschaftsbetriebes – dass die Vergabe von Forschungsgeldern so funktioniert, dass man stets auch eine Erwartungshaltung bedienen muss.

Künzli: Da Köhler noch nie zu dieser Forschung beigetragen hat, kennt er diesen Wissenschaftsbetrieb gar nicht. Logischerweise hängt die Mittelvergabe vom Erfolg ab und von Publikationen, aber doch nicht von der Art der Ergebnisse. Wer sich in dieser Forschung auskennt weiß, dass es auch viele „negative“ Studien gibt – Studien also, die keine gesicherten Zusammenhänge beobachten konnten. In den Gesamtbewertungen gehen dies alle ebenfalls ein.

TPN: Sind Pneumologen aus ihrer Sicht grundsätzlich qualifiziert, um die Folgen von Feinstaubbelastung zu beurteilen? Es scheint eine Kluft zwischen der Wissenschaft und der ärztlichen Praxis zu existieren.

Künzli: Ich habe selbst Medizin studiert und unterrichte Mediziner. Ich kann deshalb bestätigen, dass das Medizinstudium oder die klinische fachärztliche Weiterbildung keine Grundausbildung in epidemiologischer Forschung bieten. Das ist auch okay so. Nicht okay ist, wenn man ohne epidemiologische Kenntnisse öffentlich behauptet: „Ich bin einer der wenigen Experten in diesem Fachgebiet“. In der Luftverschmutzungsforschung ist die Epidemiologie sehr zentral. Diese Forschung ist heute extrem interdisziplinär. Sie finden Mediziner – auch Pneumologen – , Biologinnen, Physiker, Geografinnen, Umweltwissenschaftler, Gesundheitswissenschaftler und Pharmakologinnen und vieles mehr. Die Leute kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und haben sich mehrere Jahre in der Epidemiologie weitergebildet. Viele der wichtigsten Publikationen in diesem Fachbereich erscheinen in den bekanntesten und weltbesten Zeitschriften der Pneumologie.

TPN: Haben Sie eine Vermutung, warum er über 100 Ärzte gefunden hat, die seinen Aufruf unterschrieben haben?

Künzli: Zahlenmäßig ist das ja nicht viel. Man findet auf der Liste fast nur Männer, und Wissenschaftler dieses Fachgebietes sucht man vergeblich. Ich denke es handelt sich um Altersgenossen und „alte Seilschaften“.

TPN: Aber dieses Phänomen – der selbsternannte Experte als radikaler Kritiker der Wissenschaft – muss Sie und ihre Fachkollegen doch beunruhigen, wenn so jemand einen so durchschlagenden medialen Erfolg hat und eine politische Wirkung. Der zuständige Verkehrsminister Scheuer lässt jetzt die Werte überprüfen.

Künzli: Das beunruhigt uns auch. Wir machen ja unsere Forschungen, damit sie für die Menschen zu Verbesserungen führt. Und so etwas gefährdet die Umsetzung unserer Forschung. Wir sehen so etwas mit großer Sorge. In den USA etwa gibt es die Casac. Das ist die Kommission, die für die Umweltbehörde die Grenzwerte für die Luftreinhaltung empfiehlt. Sie war jahrelang mit akribischen Wissenschaftlern besetzt. Nun gibt es unter der Trump-Regierung fünf neue Mitglieder und der Vorsitzende ist Anthony Cox. Die Epidemiologie ist im CASAC nicht mehr vertreten. Cox ist Bio-Statistiker und Risiko-Analyst. Der hat die Fähigkeit, solche Studien zu lesen, ist aber auch bekannt dafür, dass er seit Jahren „Big Oil“ und andere Industrieunternehmen berät, die in Verbindung stehen mit dem Versuch, den Klimawandel zu leugnen. Cox will nun die Bewertungskriterien für die Folgen von Luftverschmutzung einschneidend verändern. Für uns ist so etwas neu. Bislang waren es die Tabak- und die Klimawissenschaft, die in dieser Form in Frage gestellt wurde. Aber jetzt ist die Luftverschmutzungsforschung dran. Wir sind die nächsten.

TPN: Verkehrsminister Scheuer will die Frage der Grenzwerte nun von einem Gremium der Leopoldina klären lassen. Vertrauen Sie den Kollegen, dass sie zu wissenschaftlich haltbaren Ergebnissen kommen?

Künzli: Ich bin da guter Hoffnung. Es ist offenbar die einzige Lösung in dieser schrecklich verfahrenen Situation. Eigentlich ist es natürlich ein Unding, dass jetzt ein kleines Gremium in kurzer Zeit die ganze Wissenschaft beurteilen soll. Die Literatur umfasst ja viele Tausend Seiten. In den U.S.A. haben viele Dutzend Top-WissenschaftlerInnen über mehrere Jahre hinweg die neusten Gesamtbewertungen zu Handen der CASAC und U.S. Umweltbehörde geschrieben.

TPN: Befürchten Sie, dass der Versuch die Grenzwerte zu kippen, Erfolg haben könnte?

Künzli: Ich finde, das zu fordern ist absolut unethisch. Das Grundprinzip der Medizin ist, dass wir dem Menschen nicht schaden wollen. Ein Aufruf, die Grenzwerte anzuheben geht ganz klar gegen die Gesundheit der Bevölkerung. Da gibt es keine Entschuldigung.