Schüler leiden nicht erst in Prüfungsphasen unter Stress. Für viele gehört er zum Alltag – bereits in der Grundschule. Daran sind ihre Eltern oft nicht unschuldig. Ein Schulpsychologe erklärt, womit Mütter und Väter unbedingt aufhören sollten.

Immer wieder schaut Sarah Depold mit ihrem Sohn dasselbe YouTube-Video. Darin zu sehen ist kein angesagter Rapper oder eine beliebte Kinderserie. Sie sitzen vor dem Laptop und lassen sich erklären, wo beim Flötespielen die Finger hingehören. „Das Instrument ist leider Pflicht im Musikunterricht und nicht verhandelbar“, sagt die Mutter aus Berlin. Doch egal, wie viel ihr Sohn auf der Flöte übt, am Ende des Schuljahres droht dem Drittklässler eine schlechte Note.

„Für mich ist es hart, weil ich ja höre, wie er im Zimmer spielt, die Töne aber nicht so wollen, wie er will“, sagt Depold. Neben der Technik sei auch Rhythmus wichtig und ein bisschen Talent. Wie Noten da fair vergeben werden können, versteht die 32-Jährige nicht. Inzwischen leidet die ganze Familie darunter. „Über unseren Köpfen schwebt immer: Du darfst keine Sechs bekommen, dann passt du nicht ins System.“ Doch Sarah Depold weiß, dass auch sie etwas zum Stress ihres Sohnes beiträgt. „Von uns Eltern hört er häufig den Satz: Du musst in der Schule gut sein, um Ziele erreichen zu können.“

Sarah Depolds Sohn leidet unter Stress. Und der ist bei Schülern keine Seltenheit mehr. 43 Prozent der Befragten einer Studie der Krankenkasse DAK gaben an, daran zu leiden. Der Anteil liegt bei den Mädchen mit 49 Prozent höher als bei den Jungen mit 37 Prozent.

Doch wer verursacht den Schulstress? Zum einen die Schüler. Sie setzen sich selbst unter Leistungsdruck. Bei älteren Schülern kommen die Anforderungen der Berufswelt hinzu. Sie müssen einen guten Numerus clausus erreichen oder mindestens zwei Fremdsprachen sprechen können. Für die Ausbildung zum Bankkaufmann reichte früher ein Realschulabschluss. Heute muss es Abitur sein. Wer sich für den Beruf des Kfz-Mechanikers interessiert, braucht inzwischen mindestens einen Realschulabschluss.

Zudem ermöglichen Gesamtschulen immer mehr Schülern, Abitur zu machen. Zwischen 2006 und 2016 stieg laut dem Report „Bildung für Deutschland 2018“ der Anteil der Jugendlichen mit Abitur von 30 auf 41 Prozent. In einigen Bundesländern verkürzt sich der Weg zum Abitur auf zwölf Jahre. Das belastet viele Jugendliche.

Und dann wären da noch die Eltern als Stressfaktor. Eigentlich wollen sie nur das Beste für ihren Nachwuchs. Manchmal jedoch fordern sie sehr viel von ihm und takten auch die Freizeit ihrer Kinder durch.

Daran erkennen Sie, ob Ihr Kind gestresst ist

In einer Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2015 heißt es: 39 Prozent der 12- bis 16-Jährigen haben an drei oder mehr Tagen in der Woche mindestens einen festen Termin neben der Schule. Dazu zählen Musik- und Schwimmunterricht oder Fußballtraining.

85,6 Prozent der Kinder mit hohem Stress können dabei nicht selbst entscheiden, was sie nach der Schule machen wollen. Mit Freunden treffen, lesen oder einfach nur ein paar Bälle auf dem Bolzplatz um die Ecke schießen: Das bestimmen in ihrem Fall die Eltern.

Doch woran erkennt man ein gestresstes Kind? Sie haben Bauch- und Kopfschmerzen, leiden an Appetitlosigkeit und sind erschöpft. Der Auslöser ist dabei gar nicht wichtig.

Bei dem Wort „Stress“ wird Klaus Seifried hellhörig. Er vertritt den Berufsverband Deutscher Psychologen und findet, dass der Begriff zu inflationär verwendet wird. „Wenn sich ein Kind mal anstrengen soll, heißt es schnell, dass es gestresst sei.“ Dabei kann sich Stress positiv auf die Leistung auswirken. Leute, die einen Marathon laufen, erleben Stress als Glücksmoment. Bis zu einem bestimmten Punkt steigert er die Leistungsfähigkeit also. Problematisch wird es allerdings, wenn Kinder diesen Punkt überschreiten.

Seifried definiert drei Bereiche: Zum einen geht es um das „Wollen“, womit die eigenen Ansprüche gemeint sind. Daneben sei das „Sollen“ wichtig, das, was andere von einem verlangen, und das „Können“ – sprich: eigene Kompetenzen und Ressourcen. Sind diese Dinge in der Balance, geht es einem Kind gut, so Seifried. Wird auf einen der Bereiche Druck ausgeübt, gerät das ganze Konstrukt aus dem Gleichgewicht. Die Folge: Stress.

Schwimmunterricht als Stressursache

Sandy Gentsch aus Leipzig hat beobachtet, wie der Schwimmunterricht ihres Sohnes in Stress ausartete. Am Anfang lief alles – so lange, bis die Kinder Tauchen lernen sollten. Bei ihrem achtjährigen Sohn sei es immer zum gleichen Problem gekommen.

„Er öffnet automatisch den Mund, schluckt Wasser und bekommt dann Panik. Leider brachte auch das Üben zu Hause keinerlei Besserung.“ Irgendwann habe er abends völlig aufgelöst im Bett gelegen und geweint. Die Mutter suchte immer wieder das Gespräch mit ihm, doch es dauerte, bis sich ihr Sohn öffnete. „Irgendwann hat er uns erzählt, dass die Lehrerin viel schreit und grob sei und die Kinder tauchen müssten.“

Sandy Gentsch sprach zuerst mit der Klassenlehrerin über die Vorwürfe. Diese war jedoch bei dem Schwimmunterricht nicht dabei und konnte nicht helfen. Als die Mutter schließlich die Schwimmlehrerin zur Rede stellte, habe diese alles abgestritten.

Die Angstzustände ihres Sohnes wurden inzwischen immer schlimmer. So wollte sie ihn nicht zum Unterricht schicken. Sandy Gentsch ging zum Hausarzt. Dieser befreite ihren Sohn vorerst für vier Wochen vom Schwimmunterricht. Eine Besserung trat nicht ein. Eine Amtsärztin verlängerte die Befreiung anschließend für das gesamte Schuljahr. „Seitdem geht mein Sohn auch wieder ohne Angst zur Schule“, sagt die Mutter erleichtert. Schwimmen lernt der Junge jetzt privat.

Ein Kind krankschreiben zu lassen, sei eigentlich keine Option, sagt Psychologe Seifried. Obwohl sie ihr Kind damit schützen wollen, passiere in manchen Fällen, in denen Eltern sich einmischen, das Gegenteil. „Arbeiten Eltern gegen die Noten oder Ansagen der Lehrkräfte an, bekommt das Kind Probleme in der Schule.“

Was in diesen Fällen helfen kann, ist richtige Kommunikation. Lehrer und Eltern müssen eine kooperative Ebene finden, auch wenn sie nicht immer derselben Meinung sind. Für das Kind sei es am besten, wenn beide Parteien zusammenarbeiten. So wie sich ein Elternpaar im Alltag untereinander absprechen muss, müssen auch Eltern und Lehrer einen Kompromiss finden.

Doch nicht immer gelingt eine Einigung. In diesem Fall kann es helfen, eine dritte Instanz mit an den Tisch zu holen. Das kann der Vertrauenslehrer der Schule, ein Elternsprecher oder der Direktor sein. Seifried betont, dass gerade Eltern Grenzen einhalten müssten. „Die Lehrer entscheiden über die Noten, nicht sie.“

Vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrer und Schüler

Auch die Lehrkräfte wollten in der Regel das Beste aus den Kindern rausholen. Gerade in der Pubertät könnten diese sehr bequem sein und müssten gefordert werden – auch mal mit Druck. Ähnlich wie im Beruf später. „Bewältigen sie schwierige Aufgaben, fördert das die Leistungsbereitschaft. Daran wachsen Kinder.“ Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist dabei die Grundlage. Gleichzeitig ist Seifried bewusst, dass sich viele Lehrer mehr auf den Stoff fokussieren als auf das Wohl ihrer Schüler.

Vielleicht könne es Eltern helfen, ihre Ansprüche zu überdenken. Dem Psychologen fällt jedenfalls auf, dass besonders bildungsnahe Familien sehr viel von der Schule erwarten. Die Hausaufgaben und wie Stoff im Unterricht vermittelt wird sollen bestenfalls individuell an das eigene Kind angepasst sein.

„Oft kommt hinzu, dass sie die Fähigkeiten ihrer Kinder unterschätzen. Statt sie zu fordern, packen sie ihre Kinder in Watte.“ Dabei könnten Kinder schon in jungen Jahren lernen, ihr Spielzeug oder das Geschirr nach dem Essen wegzuräumen, erklärt Seifried.

Exzentrisch und individualistisch

Und ältere Schulkinder? Sie sollten alleine Arzttermine vereinbaren und Verantwortung übernehmen. Der Psychologe warnt vor einer Überfürsorge. „Ich beobachte, dass sie immer weniger machen müssen, weil die Eltern immer mehr für sie übernehmen.“ Ein Kind entwickle so zu hohe Ansprüche, sei exzentrisch und individualistisch. Dabei ist es wichtig, dass Kinder selbst ihre Grenzen kennenlernen.

Eine Sache aber gilt für beide Seiten: Eltern und Lehrer müssen die Stärken des Kindes erkennen und diese wertschätzen. Denn positives Feedback motiviert. Schwächen hingegen müssen nicht glatt gebügelt, sondern akzeptiert werden. So lernen Kinder früh, dass sie nicht alles perfekt können müssen.

Das versucht auch Sarah Depold bei ihrem neun Jahre alten Sohn. „Ich möchte, dass er sein Bestes gibt.“ Und wenn es dann „nur“ eine Drei wird, ist es für die Mutter mittlerweile auch völlig in Ordnung.