Paul Collier gehörte in der Flüchtlingskrise zu den schärfsten Kritikern der Bundesregierung. Jetzt formuliert der Oxford-Ökonom sein intellektuelles Erbe – und wettert gegen die Exzesse von Wohlfahrtsstaat und Liberalisierungspolitik.

Ein Schwarz-Weiß-Foto, das zwei Kinder zeigt, ist der Anfang. Ein kleiner Junge in Latzhose mit Fliege, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Daneben ein gleichaltriges Mädchen. Es trägt eine Haarschleife zum Kleidchen und nur Strümpfe, obwohl im Hintergrund Schnee zu sehen ist. „Für Sue. Leben, die auseinanderstreben – Ängste, die sich einander annähern“, steht darunter.

Es ist mehr als eine Widmung. Das Foto ist für Paul Collier Anfang und Ende, es ist die Triebfeder für das neue Buch des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, der auch als Migrationsforscher weltbekannt ist. Für Collier selbst ist es sein wichtigstes Buch, eine Art Erbe. So erklärt er es im Interview:

„Ich bin eine sehr öffentlichkeitsscheue Person. Ich bin nicht auf Facebook oder Twitter. Ich schreibe keine Blogs. Ich hänge sehr an meiner Familie. Als öffentliche Person aufzutreten, das war schmerzhaft für mich. Aber ich tue es, weil ich mir Sorgen mache. Es gibt zu wenige Akademiker, die sich mit der Öffentlichkeit auseinandersetzen wollen – abgesehen von denen, die irgendwelche Ideologien vertreiben.

Ich bin ein Pragmatiker, ich glaube nicht, dass es eine ideologische Bibel gibt mit einer Vision für Utopia, die uns irgendetwas nutzt. Aber ich glaube fest daran, dass der Kapitalismus das einzige einigermaßen funktionierende System ist – das aber nicht auf Autopilot läuft. Periodisch wird der Kapitalismus neue Probleme generieren, neue Ängste, und die müssen wir so gut wir können zu lösen versuchen.“

An diesem Februarabend diskutiert Collier an der Universität Nottingham mit Professoren und Studenten auch darüber, wieso er ein paar Stunden zuvor in seinem Büro in Oxford sitzen und ein Interview geben konnte, in der Blavatnik School of Government, untergebracht in einem glamourösen, viele Millionen teuren Bau der Architekten Herzog & de Meuron.

Collier fragt sich, warum er, der kleine Junge aus Sheffield, heute mit den Genies dieser Welt auf Podien debattiert und die deutsche Bundeskanzlerin zum Abendessen trifft. Warum zugleich seine Cousine Sue, geboren am gleichen Apriltag 1949 in der gleichen nordenglischen Industriestadt, nicht weiß, wie sie den leeren Kühlschrank füllen soll. Für Collier ist es vor allem eine ethische Frage, die ihn zum Ende seiner langen Karriere umtreibt. In „Sozialer Kapitalismus“, dem Buch, das am Montag in Deutschland erscheint, verknüpft er ökonomische Theorie mit seiner persönlichen Lebensgeschichte:

„Vor zehn Jahren standen meine Frau und ich vor einer schwierigen Entscheidung. In einer weiteren Wendung der Spirale auseinanderstrebender Lebensgeschicke wurden die minderjährigen Enkelkinder meiner Cousine von dem paternalistischen Staat in ,Obhut’ genommen.“

Um die damals ein und zwei Jahre alten Kinder vor einem Leben im Waisenhaus zu bewahren, adoptieren Collier und seine Frau die beiden. Schon früher hatte er das acht Monate dauernde Verfahren als einen quälenden, beschämenden Prozess beschrieben – der zu sehr unterschiedlichen Reaktionen führte:

„Als unsere beiden Kleinkinder zu uns zogen, reagierten unsere afrikanischen Freunde mit einem achselzuckenden ,Willkommen im Klub’. Unsere britischen Freunde sagten uns, ,ihr werdet es noch bereuen’. Zehn Jahre später sind wir weit davon entfernt, irgendetwas zu bereuen, aber wir besitzen jetzt größere Klarheit in Bezug auf familiäre Verpflichtungen.“

Säulen unseres Miteinanders: Familie, Wirtschaft, Staat

Verpflichtung ist ein Kernbegriff in „Sozialer Kapitalismus“. Sie ist Teil der kommunitären Ethik, die wirtschaftlichen Erfolg und langjährige politische Stabilität der Nachkriegszeit in vielen Teilen Europas Colliers Meinung nach überhaupt möglich machte. Verpflichtung dem anderen gegenüber, aus der das kostbare Gut Zusammenhalt entstehe. Eine ethische Pflicht, Zement der drei Säulen unseres Miteinanders: Familie, Wirtschaft, Staat. In vielen Gegenden von Colliers Heimat seien diese Säulen mittlerweile so fragmentiert, dass es Hunderttausende tragische Opfer gebe.

So wie Colliers Cousine, die kleine Sue auf dem Foto, deren Tochter ebenfalls noch im Teenageralter Mutter wurde, wie so oft in England. Es folgte eine traumatische Erfahrung für alle, vor allem aber für die junge Mutter selbst. Denn das Sozialamt kündigte noch vor Entbindung an, dass ihr das Kind weggenommen werden würde. Was Stress für die schwangere Mutter und damit Schaden für die Entwicklung des Fötus bedeutet, davon ist Collier überzeugt.

Sozialer Paternalismus behandelt Menschen wie Marionetten

In seinem Buch beschreibt er knapp seine ganz persönliche Konfrontation mit dem seiner Ansicht nach versagenden Staat. Zugleich drückt er seine Überzeugung aus, dass sich der Kapitalismus und damit die Gesellschaft ändern muss. Oder vielmehr die Politik dringend neue Ansätze versuchen muss, will sie nicht den Zusammenbruch von beiden riskieren. Er nennt es im Gespräch eine „inklusive Politik“:

„Mein Lebensweg ist geprägt von Spaltungen, die unsere Gesellschaft heimsuchen. Die soziale Spaltung, die Spaltung zwischen Gebildeten und wenig Gebildeten. Ich habe Leben gesehen, die aus der Bahn geworfen wurden und nicht mehr zurückfanden. Weil es vollkommen an dem fehlte, was ich sozialen Maternalismus nenne. Die Fürsorge, durch die Menschen wieder ins Leben zurückfinden. Stattdessen hatten wir eine riesige Überdosis sozialen Paternalismus, in dem Menschen wie Marionetten behandelt werden. Und nicht als moralisch autonome Wesen.“

Seine Analyse eines korrumpierenden Sozialstaats wendet Collier weltweit an, auf Detroit und Gelsenkirchen genauso wie auf seine Heimatstadt Sheffield. Besonders akut schildert er sie für sein eigenes Land. Die Politik, beginnend mit den radikalen Reformen von Margaret Thatcher, habe aus Arbeitnehmern reine Konsumenten gemacht, die aus ihrem Beruf Geld, aber keine Identität, kein nicht-materielles Ziel und damit kein Selbstwertgefühl schöpfen.

Zeichnete man eine Landkarte über die Einschläge der in Colliers Augen herablassenden Politik, die am stärksten betroffenen Regionen würden zum allergrößten Teil mit denen übereinstimmen, in denen 2016 eine Mehrheit für den Brexit stimmte. Der zurückgelassene Norden habe unter der Labour-Regierung bis 2010 am permanenten Sozialstaats-Tropf gehangen – nur um seit der Machtübernahme der Konservativen durch den Sparwolf gedreht zu werden.

Kommunen hätten vielfach bis zu zwei Drittel ihres Haushalts eingebüßt. Weil aber weder Sozialdemokraten noch Konservative Strukturreformen in leistungsschwachen Gegenden umsetzten, seien die Aussichten auf ein besseres Leben dort auf lange Sicht düster.

„London ist das neue Öl“

Wie sollte sich das ändern, wenn das Fundament so schwach ist? Collier will nicht nur Kritiker sein, sondern Pragmatiker mit konkreten Vorschlägen, auch wenn die vielen Leuten nicht gefallen. Er sagt:

„London ist das neue Öl. Das ist mein Slogan, und der funktioniert – vor allem außerhalb von London! Was hat der Duke of Westminster dazu beigetragen, dass er allein durch seine Immobilien in London zum Milliardär wurde? Den Wert von Grundstücken zu besteuern ist kein Marxismus, das ist Gemeinsinn. Und es ist eine effiziente Besteuerung, weil sie kein Wirtschaftsverhalten untergräbt.

Aber nicht nur die Immobilienbesitzer schöpfen unverhältnismäßig die sogenannten Agglomerationsgewinne ab. Noch mehr tun das die Hochqualifizierten, die ein großes Gehalt haben, aber Single sind und daher vergleichsweise geringe Lebenshaltungskosten haben. Sie schöpfen unserer Berechnung nach sogar die Hälfte der Agglomerationsgewinne ab.

Dazu aber haben sie kein ethisches Recht. Denn Agglomerationsgewinne werden kollektiv produziert, sie beruhen auf vergangenen Investitionen, gute Vernetzung, aber auch auf Dingen wie Rechtstaatlichkeit. Zu der alle beitragen, nicht nur die Hochqualifizierten.“

Mehr Steuern also für Reiche und Gebildete. Und zudem sollen diejenigen mehr bezahlen, die einen in Colliers Augen egoistischen Lebenswandel wählen, weil ihr Wohlstand auf einer kollektiven Leistung basiert, sie von diesem aber viel zu wenig abgeben müssen.

Collier denkt dabei auch an das Wohl der vermeintlich Privilegierten. Die Frau im gebärfähigen Alter, die als Rechtsanwältin kräftig verdient und im teuren City-Appartment wohnt, füge sich „möglicherweise nicht gutzumachenden Schaden zu, weil sie den Kinderwunsch verschiebt, um ihren Lebensstandard zu wahren“. Notwendig sei deshalb eine „ethische und effiziente Besteuerung“.

Aber ist es nicht allein Entscheidung der erfolgreichen Single-Frau, wie sie ihr Leben lebt? Und klingen derlei Vorschläge nicht sehr nach Jeremy Corbyn, dem linken Labour-Chef? Nein, beteuert Collier:

„Die Idee, dass Corbyn die nächste Wahl gewinnen könnte, ist für mich ein Grauen. Er ist ein Leninist. Und sein enger Vertrauter John McDonnell will gleich den Kapitalismus abschaffen. Beide Parteien in unserem Land, auch die Konservativen, sind von den extremen Flügeln beherrscht. Das muss aufgebrochen werden. Wem auch immer das gelingen mag, ob es rechts oder links der Mitte ist, der wird in den nächsten 20 Jahren die Macht haben. Es muss eine neue Partei der Mitte geben.“

Deren Herausforderung sei es nicht nur, den Mut zu einer radikal neuen Steuerpolitik zu finden. Noch herausfordernder wäre die Aufgabe, dem Arbeitnehmer und damit der ganzen Gesellschaft eine von allen geteilten Identität und ein gemeinsames Ziel zu geben. Dem Homo oeconomicus wieder ethisches Verantwortungsgefühl einzuhauchen.

Weil aber unsere Gesellschaft unvermeidlich immer bunter werde, müsse der Ort, an dem wir gemeinsam leben, die Grundlage der Verbundenheit sein, zusammen mit der gegenseitigen Verpflichtung, diesen Ort für alle besser zu machen. Das wiederum sei nur mit einer maßvollen und nachhaltigen Einwanderung möglich sein wird, warnt Collier:

„Wenn das Thema Migration in Europa mittlerweile das ist, was die Menschen am meisten besorgt – dann ist etwas furchtbar schiefgegangen. Es sollte eigentlich irgendwo auf Platz 23 stehen. Wenn die politische Elite mit Slogans à la ,Ich liebe Einwanderung’ herumläuft, dann ist das faule Ethik, pseudomoralisches Fensterreden. Einwanderung braucht demokratische Unterstützung.

Dazu muss ein Land seine ethischen Pflichten erfüllen, aber nicht indem es die Menschen nach Europa holt, weil dort angeblich alles Heil liegt. Dieses Narrativ tut auch Afrika schrecklichen Schaden an. Obendrein werden Länder wie Jordanien mit Millionen Flüchtlingen allein gelassen. Deshalb arbeite ich derzeit an zwei Strategien für Afrika mit, auch am Kompakt für Afrika der deutschen Regierung. Das ist die richtige Richtung.

Vier Jahre lang saß Angela Merkel auf ihren Händen und entschied dann in zwei Minuten, oh je, Flüchtlinge an den Grenzen, das gibt kein gutes Bild ab. Das war keine Strategie für die Zukunft.“